Würzburg, Unterfranken, Bayern (Deutschland)

Die jüdische Gemeinde in Würzburg

  • Würzburg, die Judengasse vor dem Krieg
  • Würzburg, das Innere der großen Synagoge in der Kettengasse 26 vor der Renovierung, vor dem Krieg
  • Familie Hanover
  • Würzburg, das Innere der Synagoge in der Lehrerbildungsanstalt, vor dem Krieg
  • Würzburg – Gemälde der Familie Mai, vor dem Krieg
  • Würzburg – Esther Golomb vor dem Krieg
  • Würzburg, Gebäude der Lehrerbildungsanstalt, vor dem Krieg
  • Würzburg 1919, das innere der kleinen Synagoge, Kettengasse 26, nach der Renovierung
  • Simon-Michael Sachs und Karolina Marx am Tag ihrer Verlobung, Würzburg 1909. Simon starb 1929 in Würzburg. Karolina wurde 1942 in den Osten deportiert und ermordet
  • Würzburg 1928. Ballettaufführung im Würzburger Stadttheater

Seit Ende des 11. Jahrhunderts werden Juden in Würzburg erwähnt. Anscheinend handelte es sich zunächst um Überlebende der Rheingemeinden aus der Zeit des ersten Kreuzzuges. Im 12. Jahrhundert besaß Würzburg eine blühende jüdische Gemeinde, doch bei den Pogromen des zweiten Kreuzzuges wurden 20 Juden von Kreuzfahrern ermordet, darunter die drei Rabbiner der Gemeinde. Während des dritten Kreuzzuges fanden die Würzburger Juden Zuflucht in der Festung der Stadt.

Den Würzburger Juden war es erlaubt, Häuser und Grundstücke im Stadtbereich sowie Weinberge in der Umgebung zu erwerben. Die meisten unter ihnen verdienten ihren Unterhalt im Bankwesen, doch wegen der Nähe des Judenviertels zum Stadtmarkt waren Juden auch auf dem Grundstücksmarkt und in der Weinherstellung tätig. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts florierte die Würzburger Gemeinde auch im spirituellen Bereich: eine Synagoge wird erstmals im Jahr 1170 erwähnt. Torahschüler aus Deutschland und dem Ausland strömten in die Jeschiwot und Lehrhäuser Würzburgs, und es wirkten zahlreiche Torahgelehrte in der Stadt. Bei den Pogromen von 1298 wurden in Würzburg 900 Juden ermordet, denen man Hostienschändung vorwarf. 1349 wurden die Juden Würzburgs beschuldigt, durch Brunnenvergiftung den „Schwarzen Tod“ herbeigeführt zu haben. Die Folge war ein Pogrom, in dem die gesamte jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde.

1377 wurde die Gemeinde neu gegründet. 1411 wurde den Würzburger Juden Freiheit bei Handels- und Geldgeschäften eingeräumt.  Dieses Privilieg zog viele Juden aus ganz Deutschland an.  1422 setzten die Herren der Stadt die Würzburger Juden gefangen, konfiszierten die Schuldscheine in deren Besitz, um sich ihrer Schulden gegenüber den Juden zu entledigen, und befahlen deren Vertreibung. Viele Juden bezahlten ein Lösegeld, während andere die Stadt verließen. Dank eines neuen Schutzbriefes, der der Gemeinde verliehen wurde,  wuchs die jüdische Bevölkerung ab 1445  wieder an. Erneut wurde die Würzburger Gemeinde zu einem wichtigen geistigen  Zentrum, doch ab Ende des 15. Jahrhunderts nahmen die judenfeindlichen Gesetze überhand, und die meisten Juden verließen die Stadt oder wurden aus ihr vertrieben.

1559 befahl Kaiser Ferdinand I. die Vertreibung der Juden des Landes. Viele Jahre lang war es Juden verboten, sich in der Stadt niederzulassen, und sie durften die Stadt nur tagsüber betreten, ausschließlich zu Handelszwecken. Sie mussten ein Abzeichen an ihrer Kleidung tragen – einen „gelben Kreis“ – und einen „Kopfzoll“ entrichten.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, nach der Annexion Würzburgs durch Bayern, wurde Moses Hirsch, dem Heereslieferanten, und seinen Söhnen das Niederlassungsrecht der Stadt verliehen. Weitere Juden folgten. Abraham Bing, der Landesrabbiner, verlegte das Rabbinat vom nahen Heidingsfeld nach Würzburg. Jakob Hirsch wurde zum Hofbankier des Herzogs Ferdinand ernannt, und es wurde ihm der Adelstitel „Baron“ verliehen.

1819 reagierten christliche Studenten in Würzburg mit anti-jüdischen Ausschreitungen auf die Einführung judenfreundlicher Gesetze und die Schriften eines Professors der Universität Würzburg, der sich für die Gleichberechtigung der Juden aussprach. Die Studenten und viele Bürger Würzburgs wüteten gegen die Juden, töteten einige von ihnen, zerstörten jüdische Geschäfte und ruinierten mit dem Ruf „Hep! Hep! Juda verreck‘!“ die Waren. Die Behörden und das Militär machten den Unruhen ein Ende, doch die Pogrome breiteten sich von Würzburg auf ganz Deutschland aus, und zahlreiche Juden wurden aus Würzburg vertrieben.

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts weihte die Würzburger Gemeinde eine neue Synagoge und eine Jeschiwa, einen Friedhof, ein Spital und ein Altenpflegeheim ein und gründete eine Hilfskasse für arme und kranke jüdische Durchreisende. In der Stadt wurden eine jüdische Volksschule und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt eingerichtet, in der mehr als 150 Lehrer ausgebildet wurden, die in ganz Deutschland tätig waren.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchs die Anzahl der Juden in Würzburg um das zweieinhalbfache auf 2567 Personen an, die etwa drei Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde in der Stadt ein Tagesheim für arme jüdische Kinder eröffnet und eine Stiftung für Kriegsversehrte sowie eine Hilfs- und Almosenkasse eingerichtet.

Trotz des zunehmenden Antisemitismus in Bayern nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1919 vier Juden in den Würzburger Stadtrat gewählt, darunter Felix Freudenberger, der daraufhin das Amt des Bürgermeisters bekleidete. Das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Juden florierte, und viele jüdische Studenten kamen aus ganz Deutschland, um an der Universität Würzburg zu studieren und trugen zum öffentlichen Leben des lokalen Judentums bei.

Nach dem Tod des Rabbiners Nathan Bamberger wurde 1920 Rabbiner Siegmund (Schimon) Hanover zum Bezirksrabbiner in Würzburg gewählt. Hannover initiierte die Gründung einer Gesellschaft zur Förderung der Landwirtschaft unter den Juden Bayerns („Siedlungsverein für Bayern“).  1926 wurden Wahlen zum Gemeinderat abgehalten, der 18 Mitglieder zählte. Die Orthodoxen und die Liberalen erhielten jeweils acht Mandate, und auch die Juden osteuropäischer Herkunft hatten einen Repräsentanten im Rat. Würzburger Juden waren auch in städtischen Institutionen aktiv. Aus der Lehrerbildungsanstalt gingen 500 Absolventen hervor. Auch die Lehre der hebräischen Sprache wurde dort eingeführt.

1930 veranstalteten zahlreiche Studenten und Nazis vor dem Stadttheater eine stürmische Demonstration, um die Aufführung des „Dybbuk“ durch das Habima-Theater zu verhindern. Die Vorstellung begann mit Verspätung, und als am Ende das Publikum das Theater verließ, fielen Horden von Randalierern mit Stöcken und Steinen über die Besucher her. Die Polizei griff nicht ein. 14 Juden wurden bei diesen Unruhen schwer verletzt. Elf Mitglieder der NSDAP wurden wegen ihres Anteils an dem Pogrom vor Gericht gestellt. Die meisten wurden zu leichten Strafen verurteilt, die übrigen freigesprochen.