Die Wiesbadener Juden unter dem Naziregime

Pessach 1938 im Hause von Helene und Rudolf Schwarz, Wiesbaden Pessach 1938 im Hause von Helene und Rudolf Schwarz, Wiesbaden
Wiesbaden, Novemberpogrom 1938. Die Synagoge auf dem Michelsberg geht in Flammen auf Wiesbaden, Novemberpogrom 1938. Die Synagoge auf dem Michelsberg geht in Flammen auf
Abriss der Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden, nach dem Novemberpogrom 1938 Abriss der Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden, nach dem Novemberpogrom 1938

1933 lebten in Wiesbaden 2173 Juden. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurden Schritte unternommen, um die Juden aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben der Stadt zu verdrängen. Über jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäftsleute wurde ein Boykott verhängt. Am Tag des Boykotts, dem 1. April 1933, wurden jüdische Geschäfte markiert und Warnschilder an jüdischen Rechtsanwalt- und Arztpraxen angebracht. Zwei Juden wurden ermordet. Jüdische Kaufhäuser und Betriebe wurden in „arische“ Hände überführt und ihre Angestellten entlassen.

Im März 1933 machten die jüdischen Ärzte etwa 30 Prozent der Ärzte der Stadt und des Bezirks aus, und einige von ihnen waren im Vorstand des Ärzteverbandes. 1934 strich die Reichsärztekammer der Nationalsozialisten, die an die Stelle des früheren Ärzteverbandes getreten war, die Namen der jüdischen und kommunistischen Ärzte aus dem örtlichen Urlaubsführer. Bis 1937 wanderte die Hälfte der Dutzende von jüdischen Ärzten der Stadt in die Vereinigten Staaten, nach Eretz Israel und in andere Länder aus, mindesten zwei begingen Selbstmord. 1939 wurde weiteren 20 Ärzten Berufsverbot erteilt.

Im Verlauf des Novemberpogroms, am Morgen des 10. November 1938, steckten SS-Leute die große Synagoge auf dem Michelsberg in Wiesbaden in Brand. Die Feuerwehr beeilte sich, das Feuer zu löschen, und ließ eine Wache am Ort zurück. Einige Stunden später kehrten die SS-Leute zurück, vertrieben die Wache der Feuerwehrleute und brachen die Türen auf. Sie zerstörten das Mobiliar und die Innenausrüstung der Synagoge mit Äxten, warfen die Trümmer auf einen Haufen und zündeten sie an. Als die Feuerwehrleute kamen, war das Gebäude bereits in Flammen gehüllt, und sie beschränkten sich darauf, benachbarte Gebäude zu schützen. Die Synagoge verbrannte vollkommen. Die orthodoxe Synagoge auf der Friedrichstraße wurde teilweise zerstört, und auch der Betsaal der „Ahawat Zion“ (der „ostjüdischen“ Gemeinde) wurde beschädigt. Nach der Zerstörung der Synagogen wandten sich die Randalierer den Häusern und Geschäften der Juden zu und zerstörten Hunderte von ihnen. Juden wurden grausam geschlagen. Im Verlauf des Pogroms starben 23 Juden – die eine Hälfte wurde ermordet, die andere beging Selbstmord. Hunderte von Juden, darunter sechs Ärzte, wurden festgenommen und nach Buchenwald geschickt. Unter den Festgenommenen war auch Gemeinderabbiner Paul Lazarus.

Nach der „Kristallnacht“ wurden in der unversehrt gebliebenen jüdischen Schule vorläufig weiterhin Gottesdienste abgehalten, später in der orthodoxen Synagoge. Im Januar 1939 wanderte Rabbiner Lazarus nach Eretz Israel aus, und an seiner Stelle amtierte Rabbiner Dr. Finkelscherer, gefolgt von Dr. Hanff. Im Mai 1939 verblieben in Wiesbaden 1225 Juden – knapp die Hälfte der Juden, die 1933 in der Stadt gelebt hatten – und noch einige Hundert konfessionslose Juden, Konvertiten sowie „Halb-“ oder „Vierteljuden“. Die Mehrheit der Konvertiten und der „Teiljuden“ wurden in der Folge in gleichem Maße geschädigt wie die anderen Juden der Stadt. Die Juden wurden aus ihren Häusern evakuiert, und im Sommer 1940 drängten sich sämtliche Juden der Stadt auf engstem Raum in etwa 80 Wohnungen. Im März 1941 verblieben in Wiesbaden weniger als 1000 Juden, die meisten von ihnen Alte und Frauen. Der Unterricht an der jüdischen Schule wurde bis Mitte 1942 fortgesetzt.