16. Juni 1942

Druja, Polen (heute Weißrussland)

„Meine Lieben! Ich schreibe diesen Brief vor meinem Tod, aber ich weiß nicht den genauen Tag, an dem ich und meine Verwandten getötet werden, nur weil wir Juden sind.“

Fanjas letzter Brief

Dies schrieb Fanja Barbakow in einer Grube in Druja an ihre Schwester Chaja und ihren Bruder Manos.

Fanja Barbakow wurde 1923 in Druja, Polen (heute Weißrussland) geboren. Ihre Eltern Se’ew-Welwel und Sissale hatten zwei Söhne und fünf Töchter: Chaim, Manos, Sonja, Bluma, Chaja, Fanja und Sima. Se’ew besaß eine Mühle und hatte ein reichliches Einkommen.

Fanja besuchte die polnischen Schulen am Ort. Im Schuljahr 1940/41, zur Zeit der sowjetischen Herrschaft, sollte sie ihre Schulbildung im russischen Gymnasium abschließen.

Familie Barbakow wurde mit allen Juden des Städtchens im Ghetto Druja eingesperrt. Fanjas Schwester Chaja Kagan (Barbakow) erinnert sich:

„Im Ghetto ging Fanja erhobenen Hauptes umher, aus einem Gefühl innerer Sicherheit. Sie ermutigte ihre Familie und ihre gleichaltrigen Freunde, gegenüber den Deutschen eine stolze jüdische Haltung zu demonstrieren. Oft sang Fanja ein russisches Lied, das ein Ausdruck des Widerstands gegen Deutschland war.

Im Garten der Barbakows war ein Keller, der dazu benutzt wurde, im Sommer Eis aufzubewahren. Dort wurde die Grube gegraben, in dem sich die Familie versteckte. Das Versteck wurde während der Liquidation des Ghettos im Sommer 1942 entdeckt und alle, die sich dort versteckt gehalten hatten, ermordet.

Den hier ausgestellten Brief schrieb Fanja über einen Zeitraum von mehreren Tagen auf einem Stück Papier in der Grube. Auf der Rückseite fügte sie ein paar Worte in Jiddisch hinzu – wahrscheinlich kurz bevor das Versteck entdeckt wurde. Miron Wassiliaw, ein christlicher Freund der Familie, fand den Brief und gab ihn nach dem Krieg Fanjas Neffen, Susja Berkman. Susja überlebte zunächst versteckt bei einem christlichen Bauern, später mit seinem Vater im Wald unter Partisanen. Fanjas Schwester Chaja, die in Wilna studiert hatte, floh in die Sowjetunion, als die Deutschen Wilna besetzten, und überlebte. Ihr Bruder Manos wurde gemeinsam mit seiner Frau von den Sowjets nach Sibirien evakuiert, überlebte und lebte bis zu seinem Tod in den siebziger Jahren in der Sowjetunion. Ihrem Bruder Chaim gelang es, Druja vor dem Krieg zu verlassen und nach Argentinien auszuwandern.

1979 reichte Susja Berkman Gedenkblätter für seine Angehörigen ein, die im Holocaust ermordet wurden: seine Mutter Sonja Berkman (Barbakow), seine Schwestern Rasia und Seldale, seinen Großvater Se’ew, seine Großmutter Sissale und seine Tanten Bluma Kruman  (Barbakow), Fanja und Sima. Nach Chajas Tod fanden ihre Kinder ein in Stoff eingewickeltes Bündel Briefe, darunter Fanjas letzten Brief, in ihrem Kleiderschrank. 2007 übergaben Chajas Kinder, Etta Feldman und Se’ew Kagan, Fanjas Briefe an Yad Vashem, damit sie für künftige Generationen erhalten bleiben.

Ein Abschiedsgruß an alle vor dem Tod, von Fanja und allen Familienangehörigen

Meine Lieben!! Ich schreibe diesen Brief vor meinem Tod, aber ich weiß nicht den genauen Tag, an dem ich und meine Verwandten getötet werden, nur weil wir Juden sind. All unsere jüdischen Brüder und Schwestern sind ermordet worden und durch Mörderhand eines schändlichen Todes gestorben ... Ich weiß nicht, wer von unserer Familie am Leben bleiben wird und wer die Ehre haben wird, meinen Brief und meinen stolzen Gruß vor dem Tod an alle, die ich liebe und die mir teuer sind, die durch die Hand der Mörder gepeinigt werden, zu lesen.

Liebes Chajale! Lieber Monuska!! Es ist möglich, dass Ihr am Leben bleibt. Lebt glücklich und gut. Wir alle marschieren stolz dem Tod entgegen, denn das ist unser Schicksal.

Soweit wir wissen, sind Bluma und ihre Familie bereits tot. Ich kann nicht weiterschreiben. Alle Verwandten weinen und beklagen ihr Schicksal. Ich lasse den Brief bei unserem besten Freund, der so bis jetzt so viel für uns getan hat.

Eure Fanja
und die ganze Familie

Wir liegen alle in einer Grube. Ich bin ganz sicher, dass Ihr alle den Ort unseres Begräbnisses erfahren werdet. Mutter und Vater halten es kaum aus. Meine Hand zittert, und es ist schwer, zu Ende zu schreiben. Ich bin stolz, Jüdin zu sein.

Ich sterbe um meines Volkes willen. Ich habe niemandem erzählt, dass ich vor unserem Tod einen Brief schreibe. Aber! ... Wie gern ich leben und etwas Gutes erreichen würde! Aber es ist schon alles verloren ... Lebt wohl. Eure Verwandte Fanja im Namen aller: Vater, Mutter, Sima, Sonja, Susja, Rasia, Chutza (Jecheskel).

Und im Namen der kleinen Seldaleh, die noch gar nichts versteht.

Druja

Im Konzentrationslager, bevor wir alle erschossen werden, im Versteck

Dienstag, 16:00 Uhr
16. Juni 1942

Euch allen Lebewohl,
Eure Fanja

Gott ist gerecht und sein Urteil ist gerecht. Wir haben gesündigt. Unser armseliger Besitz ist im Haus versteckt. Aber das Leben haben wir verloren. Alles ist vorbei. Brüder aus allen Ländern, rächt uns. Man führt uns wie Schafe zur Schlachtbank.

Fanja

Ein Abschiedsgruß an alle vor dem Tod, von Fanja und allen Familienangehörigen
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