Durch das Objektiv der Zeit
Kleine Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen

Die letzte Postkarte von Berta Joschkowitz

„Was machst Du, mein Liebes, hoffentlich bist Du gesund.”

Diese Worte schrieb Berta Joschkowitz am 28.7.1943 aus dem Ghetto Będzin in Westpolen an ihre Tochter Rosi, die sich im Arbeitslager Oberaltstadt befand. Berta wurde mit ihrem Mann Schlomo und dem gemeinsamen Sohn Elieser nach Auschwitz in den Tod geschickt. Rosi und ihre Schwester Ruth überlebten.

Schlomo Joschkowitz und Berta Fingerhut, beide aus Polen gebürtig, wanderten unabhängig voneinander nach Deutschland ein. 1918 lernten sie einander kennen, heirateten und zogen nach Nordhausen. Sie handelten mit Altwaren, und die Familie lebte gut. Die Kinder Ruth (geb. 1920), Elieser (geb. 1924) und Rosi (geb. 1925) besuchten eine deutsche Schule und gehörten einer zionistischen Jugendbewegung an.

Nach der Machtübergabe an die Nazis nahm das Geschäft der Eltern Schaden. Ruth zog zur Vorbereitung ihrer Einwanderung nach Erez Israel (Mandatspalästina) ins Kinderheim „Ahawa” nach Berlin. Sechs Monate später kehrte sie zurück nach Nordhausen. Sie beabsichtigte, sich einer zionistischen Hachschara (landwirtschaftliche Ausbildung zur Vorbereitung auf die Einwanderung nach Erez Israel) anzuschließen, doch es kam nicht dazu. Im Oktober 1938 wurden sämtliche Mitglieder der Familie Joschkowitz, von denen niemand die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, nach Zbąszyń in Polen deportiert, von wo aus sie zu Verwandten in Mysłowice flohen. Dann teilte sich die Familie auf: Schlomo, Rosi und Elieser zogen nach Modrzejów, Berta und Ruth blieben in Mysłowice. Nach der Besetzung Polens durch die Deutschen kam die Familie in Modrzejów wieder zusammen.

1941 wurde Ruth in das Lager Gogolin geschickt, in dem auch ihr Cousin Mordechai-Motek Joschkowitz arbeitete. Dort war sie im Büro tätig, bis sie in andere Arbeitslager geschickt wurde.

1942 wurde Rosi ins Arbeitslager Oberaltstadt im Sudetenland beordert. Schlomo, Berta und Elieser blieben in Modrzejów und wurden später ins Ghetto Będzin überführt.

Während dieser gesamten Zeit schrieben die Familienmitglieder einander. Die Eltern schickten ihren Töchtern Briefe in die verschiedenen Lager, und die Schwestern schrieben einander. Die Eltern leiteten Briefe von Rosi an Ruth weiter und umgekehrt, und auch mit anderen Angehörigen wurde korrespondiert. In ihrem Augenzeugenbericht für Yad Vashem sprach Rosi über die Briefe, die sie von ihrer Mutter bekam - alle zwei Wochen. Jeder Brief begann und endete gleich: mit dem Ausdruck der Sorge um die Gesundheit der Tochter und der mütterlichen Bitte, auf sich achtzugeben.

Im August 1943 wurde das Ghetto Będzin liquidiert, Schlomo, Berta und Elieser nach Auschwitz in den Tod geschickt. Ruth und Rosi überlebten. Nach der Befreiung fanden sie einander wieder und kehrten zurück nach Nordhausen, denn sie hatten abgesprochen, sich nach dem Krieg dort mit ihren Eltern zu treffen. Da niemand sonst zurückkam, suchten die beiden Mädchen ein DP-Lager auf und wanderten später nach Israel ein.


Unter den Gegenständen, die Ruth mit sich nach Israel nahm, befand sich auch ein Akkordeon. Schlomo, der Familienvater, hatte dieses 1935 auf der Leipziger Messe gekauft und seinen Kindern mitgebracht. Alle Mitglieder der Familie spielten darauf, aber Ruth beherrschte es am besten.

Als Ruth ins Arbeitslager Gogolin in Polen gebracht wurde, nahm sie das Akkordeon mit und spielte für sich selbst und für ihre Mitgefangenen, wurde aber auch gezwungen, vor SS-Leuten zu spielen.

Ruth durchlief mehrere Lager und erlebte die Befreiung im Lager Ludwigsburg. Rosi wurde nach dem Krieg aus dem Lager Oberaltstadt befreit. Als sie erfuhr, dass Ruth überlebt hatte, machte sie sich auf die Suche nach ihr und spürte sie auf. In Polen, nach der Befreiung, nahmen ihnen Ukrainer, die ebenfalls Zwangsarbeit geleistet hatten und am Ende des Krieges befreit worden waren, das Akkordeon mit Gewalt ab. Ruth und Rosi wandten sich an die polnische Polizei, mit deren Hilfe sie das Akkordeon zurück bekamen. Sie nahmen es mit nach Israel wo Ruth weiter darauf spielte.

1956 reichte Ruth Kopacz-Joschkowitz bei Yad Vashem Gedenkblätter für ihre Eltern Schlomo und Berta und für ihren Bruder Elieser ein.

Nach ihrem Tod überreichte Ariella Barzilai, Ruths Tochter, das Akkordeon zum Gedenken an ihre Mutter Yad Vashem.

2015, im Rahmen des fortlaufenden Yad Vashem-Projekts „Die Scherben aufsammeln”, übergab Rosi Weiss-Joschkowitz Dutzende von Originalbriefen und -postkarten aus der Kriegszeit zur ewigen Aufbewahrung an Yad Vashem, darunter diese letzte Postkarte von ihrer Mutter Berta:

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Bendsb., d. 28.7.43
Meine liebe Rosi!

Deine Postkarte vom 11.7. haben wir erhalten, und uns wie immer sehr damit gefreut. Was anbelangt Rojza Magier, so werde ich mich natürlich damit interessieren, und Euch im nächsten Schreiben Antwort geben. Bei uns ist alles beim Alten. Zur Arbeit geht ausser mir niemand. Es ist vollkommen unnötig. Hier in Bendsburg sind wir die einzigen Modrower, da alle anderen Modrower in Schrodel [Środula, Ghetto von Sosnowiec/Sosnowitz] wohnen. Mama & Papa gehen oft zu Weintraub, zu Rozkas Onkel. Das wäre von hier alles. Wie geht es nun Dir? Wie ist es bei der Arbeit? Wie sieht sonst das Lagerleben aus? Ich glaube es ist Euch dort schon besser wie uns hier!

Ich will jetzt schliessen. Sei tausendmal gegrüsst und geküsst von Deinem Lion

Viele Grüsse an alle Modrower und an Frau Steinitz.

Meine liebe Rosi ich freue mich daß Du Grüsse erhalten hast von uns. Die Frau Ginzberg ist nach Klettendorf gefahren. Was machst Du mein Liebes, hoffentlich bist Du gesund, wie geht es Riwka und Frimka Hamburger? Nun mein Liebling verbleib gesund. Vielmal geküsst von Deiner Mutter

Grüsse Frimka und Riwka