Bis zum allerletzten Juden - Achtzig Jahre seit Beginn der Massenvernichtung

Jahresthema des Gedenktags für die Märtyrer und Helden des Holocaust 2021

„Der 22. Juni 1941 war wie ein Erdbeben, wie ein riesiger Vulkanausbruch" 1, erinnerte sich Zakhar Trubakov in seinen Memoiren. Er war einer der wenigen Juden, die Zeugen des Massakers an den Juden von Kiew in Babi Jar waren, und beschrieb das Gefühl, das ihn und die Öffentlichkeit während des deutschen Einmarsches in die Sowjetunion erfasste.
Im Juni 1941 begann Nazideutschland (nach der Niederlage Jugoslawiens und Griechenlands) einen Überraschungsangriff auf die UdSSR. „Unternehmen Barbarossa" war der Deckname für den Einmarsch von rund vier Millionen Soldaten in sowjetisches Gebiet. Neben dem deutschen Militär kämpften die Armeen Rumäniens und Finnlands, ebenso wie Einheiten der deutschen Verbündeten - Italien, Slowakei, Ungarn und Kroatien. Ziel des Unternehmens war es, die Sowjetunion noch vor Wintereinbruch zu Fall zu bringen. Die einfallende Armee eroberte Tausende von Kilometern Territorium. Innerhalb kurzer Zeit belagerte Nazideutschland Leningrad im Norden, und gelangte im weiteren Kriegsverlauf bis an die Ufer der Wolga im Süden, nicht weit von der Hauptstadt Moskau entfernt.

Das Unternehmen Barbarossa war ein wichtiger Einschnitt im Zweiten Weltkrieg und ein Wendepunkt für das Schicksal der Juden. Der Einmarsch in die UdSSR und in den von der Sowjetunion annektierten Gebieten war ein ideologischer und rassistischer Krieg bis auf den Tod. Die ideologische Kampagne und die Identifikation des Kommunismus (der als „Bolschewismus“ bezeichnet wurde) mit Juden und Judentum schufen eine enge Verbindung zwischen dem Krieg und der antijüdischen Politik. Das nationalsozialistische Deutschland hatte bereits eine Politik der Vertreibung, Isolierung und Verfolgung der Juden in Deutschland, Polen und Westeuropa eingeführt - eine Politik, die Hunger, Leiden und Tod verursachte. Mit dem Einmarsch in die UdSSR führte es erstmals eine umfassende offizielle Politik des Massenmordes ein, die bald systematisch wurde.

Der Wehrmacht folgten die Einsatzgruppen in die UdSSR, vier mobile Tötungseinheiten der SS, die mit dem Krieg gegen die „ideologische Bedrohungen" beauftragt waren - Kommunisten, Partisanen und Juden. Auch Armeeeinheiten, Polizei und andere Streitkräfte waren neben ihnen an der Ermordung beteiligt. In den ersten Wochen nach der Invasion wurden hauptsächlich Männer erschossen. Ab Anfang August 1941 erweiterte sich der Mordradius jedoch auf alle Juden in den besetzten Gegenden - Männer, Frauen und Kinder - mit Ausnahme einer kleinen Anzahl von Personen, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

Die Ermordungen folgten immer einem bestimmten Muster: Durch Drohungen und Täuschungsmanöver wurden die Juden gezwungen sich an Sammelstellen einzufinden. Von dort wurden sie zu Fuß oder mit Lastwagen zu einem nahe gelegenen Ort gebracht - wie einer Schlucht, dem Wald oder einer Burg - und ermordet. Manchmal benutzten die Deutschen Panzerabwehrgräben oder zwangen einige der Opfer, die Tötungsgruben selbst zu graben. Den Juden wurde befohlen, ihre Wertsachen in einiger Entfernung von den Massengräbern abzugeben, und dann wurden sie zu der Grube gebracht und erschossen. Viele von ihnen, die nur verletzt waren, wurden lebendig begraben. Nach deutschen Berichten wurden am 29. und 30. September 1941 (am Jom-Kippur-Abend) 33.771 Juden aus Kiew in einer Schlucht in der Nähe der Stadt Babi Jar ermordet. In Ponar, einem Wald etwa zehn Kilometer von Vilnius in Litauen entfernt, wurden ab Juli 1941 über 70.000 Menschen ermordet, von denen die überwiegende Mehrheit Juden waren. Im gleichen Zeitraum wurden auch Juden durch ähnliche Aktionen in Jugoslawien oder Rumänien unter dem Antonescu-Regime ermordet. Dr. Ahron Peretz, der später die Abteilung für Gynäkologie im Rambam-Krankenhaus in Haifa gründete und als Direktor fungierte, sagte im Eichmann-Prozess über die Ermordung der Juden seiner Heimatstadt Kaunas in Litauen aus: „Nur wenige haben diesen Ort überlebt, und Sie erzählten uns später die schockierenden Ereignisse.“ 2

Die Fähigkeit der SS-Männer und der Soldaten, Juden zu ermorden, beruhte in erster Linie auf ihrer tiefen Identifikation mit der nationalsozialistischen Ideologie. Diese beruhte auf einem extremen Antisemitismus, der Juden als die Wurzel allen Übels in der Welt betrachtete. Aus dieser Perspektive waren die Juden und das Judentum eine dämonische Kraft, die die Welt regieren wollte, soziale Revolutionen auslöste und den Kommunismus verbreitete; eine destruktive Rasse, die die Grundlagen der menschlichen Existenz vergiftete und untergrub. Das Verinnerlichen der nationalsozialistischen Ideologie, Propaganda und Politik war entscheidend für die Fähigkeit, jüdische Frauen und Männer, alte Menschen und Kinder von Angesicht zu Angesicht zu ermorden. Gleichzeitig ermöglichten eine Vielzahl von psychologischen und sozialen Gründen, dass „ganz normale" Männer jede moralische Zurückhaltung ablegten und sich an der Ermordung unbewaffneter, unschuldiger Zivilisten beteiligten.

Die deutsche Invasion in die UdSSR wurde auch von Pogromen begleitet, die von Einheimischen gegen ihre jüdischen Nachbarn begangen wurden. Zehntausende Juden wurden von ihren Landsleuten ermordet, lange bevor die Politik der deutschen Besatzer klar war. Darüber hinaus arbeiteten lokale Milizen und organisierte Einheiten in der Ukraine, Weißrussland, Litauen, Lettland und Ostpolen mit den Deutschen zusammen und beteiligten sich an der Verfolgung und Ermordung von Juden. Die deutschen Verbündeten in Rumänien und Kroatien verfolgten eine unabhängige Politik der Verfolgung, Enteignung und Ermordung der Juden. Viele Zivilisten nutzten die Notlage der Juden zu ihrem eigenen Vorteil, indem sie sie verrieten, erpressten oder beraubten. Es gab jedoch auch Menschen, die Juden versteckten und retteten: die wenigen Gerechten unter den Völkern, die ihr Leben riskierten, um ihren jüdischen Nachbarn zu helfen. Der traditionelle und moderne Antisemitismus, die von den Deutschen praktizierte Politik der Einschüchterung und die menschliche Tendenz zur Anpassung führten jedoch dazu, dass die Mehrheit der lokalen Bevölkerung gleichgültig auf den Mord an den Juden reagierte.

Fast eine Million Juden, die in den von Deutschland besetzten Sowjetgebieten lebten, schaffen es tiefer ins Land gen Osten zu fliehen. Obwohl diese Juden während des Krieges ebenfalls unter schwierigen Bedingungen lebten, unter Engpässen und Hunger litten und zum Teil Zwangsarbeit leisten mussten, hat die Evakuierung in Richtung Osten sie im Nachhinein gerettet.

Im dunklen Schatten des Massenmordes begannen die Juden den Kampf ums Überleben. Sie flohen in Dörfer und Wälder auf der Suche nach Verstecken. Tausende schlossen sich Partisaneneinheiten an und kämpften in den Wäldern. Trotz aller Schwierigkeiten versuchten im Untergrund agierende Gruppen in Dutzenden von Städten Widerstands- und Rettungsaktionen zu organisieren. In vielen Ghettos und Arbeitslagern kämpften die Juden für ihre Menschenwürde und ihren jüdischen Geist. Sie schafften es, Bildungs-, Kultur- und Religionsinstitutionen aufzubauen und sogar einige der Gräueltaten und Leiden für die Nachwelt zu dokumentieren.

Doch das jüdische Leben, das seit Jahrhunderten in Osteuropa existiert hatte, wurde praktisch ausgelöscht. Ungefähr eine Million Juden wurden innerhalb der Vorkriegsgrenzen der Sowjetunion ermordet, und ungefähr 1,5 Millionen Juden wurden in den von der UdSSR zwischen 1939 und 1940 annektierten Gebieten massakriert. In den letzten Monaten des Jahres 1941 kristallisierte sich dann die Idee heraus, in einem umfassenden Plan alle Juden Europas zu ermorden: Vernichtungslager wurden errichtet, verbesserte Technologien für Massenmord implementiert und mit Deportationen aus dem übrigen Europa „in den Osten” begonnen.

Die Ermordung der Juden der UdSSR und der annektierten Gebiete war der Beginn der „Endlösung“ - der systematischen Vernichtung der Juden durch Nazideutschland. Bis Kriegsende waren rund sechs Millionen Juden ermordet worden.


1 Zakhar Trubakov, Das Geheimnis von Babi Jar. "Krugozor," (Russisch), 1997.

2 Der Prozess gegen Adolf Eichmann: Gerichtsakten des Generalstaatsanwalts des Staates Israel gegen Adolf Eichmann, Band 1 (Hebräisch) (Jerusalem: Israelisches Justizministerium, 1962).


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