Durch das Objektiv der Zeit
Kleine Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen

Jüdische Jugendbewegungen unter Hitler – Solidarität in Blau-Weiß

Das letzte Fahnenstück, aufbewahrt in Yad Vashem   Mehr Fotos

„Bei dieser Gelegenheit versprachen wir einander, auf die Stücke achtzugeben, bis wir uns im Land Israel wiedersehen und sie wieder zu einer Fahne zusammensetzen würden. Ich trage dieses Stück bis heute bei mir. Während aller Durchsuchungen und Selektionen in Auschwitz war es bei mir. Ich trage es bei mir, weil ich es versprochen habe, und dieses Versprechen treibt mich an...“
Anneliese Borinski

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 erstarkten als Antwort auf eine zunehmend feindselige Umwelt jüdische Jugendbewegungen in Deutschland. Viele von ihnen waren zionistisch ausgerichtet – die Jugendlichen setzten sich mit ihrer Zukunft auseinander. Ein wichtiges Ziel war, die Alija (wörtlich „Aufstieg“), die Auswanderung von Juden nach Erez Israel, damals britisches Mandatsgebiet Palästina, zu fördern. Dort sollten die Jugendlichen in sogenannten „Kibbuzim", ländlichen Kollektivsiedlungen, leben und das Land aufbauen. Zur Vorbereitung auf das Leben nach der Auswanderung wurden in Deutschland in den zwanziger und dreißiger Jahren Dutzende Lehrhöfe eingerichtet. Einer dieser Höfe war das Landwerk Ahrensdorf bei Berlin, das der Bewegung „Makkabi Hazair" angeschlossen war. Der Jugendbund hatte seinen Ursprung in der Pfadfinderbewegung. Auf dem Hof lebten Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren mit ihren älteren Betreuern. Die Ausbildung konzentrierte sich auf Landwirtschaft und Zionismus und und förderte die Identifikation mit Erez Israel. Die Berlinerin Anneliese Borinski kam als 23-jährige Betreuerin ins Landwerk Ahrensdorf.

Mit Kriegsausbruch 1939 wurden die Lebensbedingungen in Ahrensdorf zunehmend schwieriger. Längst nicht allen Jugendlichen gelang es, nach Palästina zu entkommen, bevor die Deportationen in die Todeslager einsetzten – nur wenige konnten tatsächlich einwandern. Viele der Betreuer fühlten sich verpflichtet, bei ihren Schützlingen zu bleiben, und setzten damit ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Schließlich übernahm die Gestapo die Kontrolle über den Hof. Dennoch konnten die Jugendlichen weiterhin in einer beschützten Umgebung ihrem Alltag nachgehen.

1941 wurden sie von der Gestapo aus Ahrensdorf ins Arbeitslager Neuendorf gebracht, wo man sie zwei Jahre lang zu körperlicher Schwerstarbeit zwang. 1943, am Abend vor ihrer Deportation, hielten sie eine Zeremonie ab, auf der die Fahne der Bewegung in 12 gleich große Stücke zerschnitten wurde. Auf der Fahne prangte eine Lilie – das Symbol des Makkabi Hazair. Jeder Betreuer erhielt eines der 12 Stücke. Man gab einander das Versprechen, sich im Land Israel zu treffen und die einzelnen Teile wieder zusammenzusetzen.

Nach Ankunft in Auschwitz und Selektion zur Arbeit setzten die Jugendlichen, angeführt von ihren Betreuern, alles daran, zusammenzubleiben.

„...und wenn ich mir heute Rechenschaft geben will, oder es fragt mich jemand – und selbstverständlich fragte man – wie wir das Lager überstanden hätten, ein Konzentrationslager, ein Todeslager! ... wie wir herausgekommen sind ... Ich glaube, ich kann es folgendermaßen erklären: [...] am allerwichtigsten war der Halt, den wir uns gegenseitig gegeben haben, egal, wie man uns aufteilte, auf jeden Fall waren wir unter unseren Kameraden. Einer war immer für die anderen da, und wir spürten, dass die anderen für uns da waren. […] Mindestens drei oder vier oder fünf waren zusammen. Das half sehr, im Praktischen wie auch emotional. Es gab uns viel Kraft, und ich persönlich hatte auch ein Gefühl der Verantwortung, das Gefühl, dass ich alles daran setzen müsste, irgendwo hinzukommen, wo ich herausfinden könnte, wer von uns überlebt hatte und versuchen könnte, alle wieder zusammen zu bringen und wenn möglich, Erez Israel zu erreichen. Zweitens gab es die unzerstörbare Hoffnung und Erwartung, dass wir eines Tages tatsächlich nach Erez Israel kommen würden. Das zeigte sich bei jeder kleinen Feier, beim Oneg Schabbat, am Jom Kippur [...], bei Versprechen, die wir abgaben und in kleinen symbolischen Gegenständen, die wir sorgfältig aufbewahrten, zum Ausdruck brachten, auch in der Fahne, dem Stück von der Fahne, das ich immer bei mir trug. Drittens, und dies ist etwas komplexer, würde ich sagen: eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur gehörte dazu, die Fähigkeit, sich schnell anzupassen, und auch Glück! ..."

Nach zwei Jahren in der Hölle von Auschwitz wurde Anneliese kurz vor der Befreiung im Januar 1945 mit den anderen Jugendlichen auf einen Todesmarsch geschickt. Mit viel Glück gelang es ihnen in der Gegend von Leipzig, zu entkommen und in die schon befreiten Gebiete vorzudringen.

Noch im selben Jahr machte sich Anneliese auf den Weg ins Mandatsgebiet Palästina. Sie war die einzige unter den zwölf Betreuern, deren Fahnenstück tatsächlich nach Erez Israel gelangte. Die Teile der anderen waren verloren gegangen, auch wenn die Person selbst überlebt hatte. Als die überlebenden Mitglieder des Makkabi Hazair sich später wiedertrafen, fertigten sie eine Nachbildung der ursprünglichen Fahne an. Symbolisch stickten sie die Linien ein, die die ursprüngliche Fahne in zwölf Teile eingeteilt hatte.