Berliner Arzt flüchtet aus dem „Narrenparadies" 1933

Gegenstände aus dem Nachlass von Professor Hermann Zondek

Der Schreibtisch von Hermann Zondek

„Erst nachdem ich Deutschland verlassen hatte, war mir klar, dass wir, die Juden Deutschlands, bis 1933 in einem Narrenparadies gelebt hatten.“

Die medizinische Karriere von Hermann Zondek ist ein Beispiel für die unglaublichen Leistungen der deutschen Juden und die tiefe Krise, die sie nach der Machtübernahme Hitlers traf.

Hermann Zondek wurde am 4. September 1887 in Wronke (Posen) geboren und studierte Medizin in Göttingen und Berlin. Er machte sein praktisches Jahr an der Charitè, habilitierte 1919 und wurde zum außerordentlichen Professor für Innere Medizin an die Berliner Universität berufen. 1925 wurde Professor Zondek Direktor des Urban-Krankenhauses in Berlin, das sich unter seiner Leitung zum wichtigsten klinisch-endokrinologischen Forschungszentrum in Deutschland entwickelte. Neben seinem hervorragenden Ruf als Wissenschaftler war er auch als Arzt hochgeschätzt. Zu seinen Patienten zählten neben dem damaligen Außenminister Gustav Stresemann weitere Prominente wie Reichskanzler Kurt von Schleicher.

Als Leibarzt von Stresemann begleitete er diesen im August 1928 zur Unterzeichnung des Briand-Kellogg-Pakts nach Paris. Stresemann hatte kurz vorher einen Schlaganfall erlitten und Hermann Zondek wurde aus seinem Familienurlaub nach Berlin beordert, um Stresemann zu behandeln. Daraufhin wählte der Außenminister Zondek aus, ihn nach Paris zu begleiten und zu betreuen. Als im Oktober 1929 Stresemann einen weiteren schweren Schlaganfall erlitt, rief seine Frau sofort nach Prof. Zondek. Dieser konnte ihm jedoch nicht mehr helfen, aber blieb an Stresemanns Sterbebett, zusammen mit seinem Kollegen Friedrich Kraus. Als Kraus sah, wie die Verfassung Stresemanns Zondek berührte, sagte er zu ihm:

„Ich weiß wie Sie sich fühlen, Sie verlieren einen guten Freund. Aber es tut mir noch mehr Leid für Deutschland, und ganz besonders für das deutsche Judentum - es stirbt heute Nacht.”

Diese dunkle Prophezeiung sollte sich mit dem Machtantritt der Nazis erfüllen. Im März 1933 drangen SA-Männer in das Urban-Krankenhaus ein und entließen Prof. Zondek sowie alle anderen jüdischen Ärzte mit sofortiger Wirkung. Noch in der selben Nacht verließ Hermann Zondek Deutschland und kehrte nie wieder zurück. In seinen Memoiren beschrieb er seine damaligen Gefühle:

„Ich kann gar nicht anfangen, die Gefühle zu beschreiben, die mich in den folgenden Tagen und Wochen erfassten. Die Vergangenheit lag hinter mir…klinische Tätigkeit in Krankenhäusern, wissenschaftliche Forschung, viele Freundschaften, ein breiter Patientenkreis aus allen Gesellschaftsschichten, aus der Spitze des politischen und kulturellen Lebens – all das löste sich in einem Moment in nichts auf… ohne Handlungsmöglichkeit, mit Angst um meine Familie…“

Im September 1933 erhielt Professor Zondek in Zürich einen Brief von Altkanzler Kurt von Schleicher:

„Mein lieber Herr Professor,
… Es hat mich zutiefst betrübt, dass Sie uns endgültig verlassen wollen. Ich hatte noch die Hoffnung gehabt, dass Ihr großes Wissen und Ihr medizinisches Genie für Deutschland erhalten bleiben könnten, aber mir ist jetzt klar, dass ich diese Hoffnung begraben muss. Bei diesem Abschied empfinde ich es als Verpflichtung und Wunsch, Ihnen von ganzem Herzen für die wunderbare Behandlung zu danken, die ich von Ihnen sowohl als Arzt als auch als Freund erfahren habe. …
In unveränderlicher Freundschaft und Dankbarkeit
Wie immer
Dein,
Kurt von Schleicher“

Über die Schweiz und Grossbritannien kommt Hermann Zondek schließlich nach Eretz Israel (Britisches Mandatspalästina).

Er übernahm die Leitung der Bikur Cholim Klinik in Jerusalem und eröffnete eine eigene Praxis. Sein hervorragender Ruf als Mediziner verbreitete sich schnell und Zondek behandelte bald Prominente wie David Ben-Gurion. „Ich war ein gesuchter Spezialist des Mittleren Ostens geworden“, schrieb Hermann Zondek nicht ohne Stolz in seine Memoiren.

Nach dem frühen Tod seiner Frau Elly heiratete er Gerda Wolfsohn, eine Ärztin, die tatkräftig an seinen medizinischen Forschungen mitwirkte.

1951 wurde er zum Professor für Endokrinologie an die Hebräische Universität in Jerusalem berufen. „Wir hatten den Vorzug, dass Sie und ihr begabter Bruder [Bernhard] zu den Großen der Wissenschaft gehören, sich in unserem Land niederließen und Israel zu einem wichtigen Zentrum der medizinischen Forschung und Heilkunst machten“, würdigte David Ben Gurion die Leistungen Hermann Zondeks. Zusätzlich war er Träger des „Henrietta Szold Preis“ sowie Ehrenbürger der Stadt Jerusalem.

Er starb 1979 im Alter von fast 92 Jahren in Jerusalem. Der Schreibtisch von Hermann Zondek, sowie medizinische Instrumente sind heute im Museum zur Geschichte des Holocaust in Yad Vashem ausgestellt. Sie dienen als Zeugnis der Errungenschaften und Erfahrungen deutscher Juden.

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