Durch das Objektiv der Zeit
Kleine Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen

Im November 1938 änderte sich alles
Das Schicksal von Anna Nussbaum aus Wien

Poesiealbum, das Anna Nussbaum von Wien nach Irland mitnahm, mit der Widmung ihres Vaters   Mehr Fotos

Anna kam 1929 als zweites Kind von Oskar und Rebeka Nussbaum zur Welt. Ihre ältere Schwester hieß Klara.

Für die Juden Wiens war 1938 ein verheerendes Jahr, an das sich Anna noch Jahrzehnte später erinnerte:

„Eines Tages kam ein guter Freund meines Vaters und sagte: 'Herr Nussbaum, fliehen Sie aus Wien. Im Lokal sitzen Männer in schwarzen Stiefeln und Uniformen und erzählen, was sie uns antun werden. Es ist furchtbar. Fliehen Sie!' Mein Vater antwortete: 'Wie kann ich fliehen? Ich habe kein Geld.'"

So erlebte Familie Nussbaum den Novemberpogrom, in dessen Folge Oskar verhaftet wurde, in Wien.

„Meine Mutter machte sich Sorgen und lief ihm hinterher. Ich und meine Schwester standen am Fenster und weinten. Wir hatten Angst, dass auch Mutter nicht zurückkommen würde."

Doch Rebeka Nussbaum kehrte am nächsten Morgen von der Polizeistation zurück. Oskar wurde zwei Tage später freigelassen, allerdings mit der Auflage, Österreich zu verlassen. Daraufhin beschlossen die Eltern, ihre ältere Tochter Klara mit einem Kindertransport nach Irland zu schicken. Anna blieb mit den Eltern in Wien zurück. Die Familie erhielt den Befehl, ihre Wohnung zu räumen. Rebeka, Oskar und Anna fanden Unterschlupf bei Freunden, weit entfernt von Wien, in einem heruntergekommenen Schuppen. Dort verbrachten sie sechs Monate. Die schweren Lebensbedingungen vor Ort brachten die Eltern zu der Entscheidung, auch Anna auf einem Kindertransport nach Irland zu schicken. Unter den wenigen Dingen, die Anna mitnahm, befand sich auch ein Poesiealbum, das sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte. Vor ihrer Abfahrt schrieb er diese Widmung ins Album:

Die Blumen im Garten die blühen dahin. Die treue Liebe des Herzens bleibt ewig.
Grüsse zum Andenken von deinem Vater Nussbaum Oskar.
Wien am 9. Januar 193[9]

Der Abschied von ihren Eltern fiel Anna schwer:

„Vater brachte mich zum Zug. Mutter konnte keinen weiteren Abschied ertragen. Sie weinte die ganze Zeit, dass auch ich, ihre zweite Tochter, wegging. [...] Am Bahnhof begann ich zu weinen. Ich wollte nicht in den Zug einsteigen."

Ihr Vater ging zu einem der Stände am Bahnhof und kam mit einer Brosche zurück: ein Mädchen mit zwei kleinen Hunden. Mit diesem Abschiedsgeschenk zum Trost konnte Oskar seine kleine Tochter überreden, den Zug zu besteigen. Sie war 10 Jahre alt, als sie sich von ihren Eltern trennen musste, die sie nie wieder sehen sollte.

Ihre Schwester Klara fand sie später in Irland. In das Poesiealbum, das Anna von ihrem Vater erhalten hatte, schrieb auch Klara eine Widmung:

Merke dir, dass dein Volk das Jüdische, deine Sprache die Hebresche und deine Heimat „Erez Jisroel" ist.
Zur Erinnerung von deinen dichliebenden Schwesterl Klara

In Irland wurde Anna von einer irischen Familie adoptiert und erhielt dort vor Kriegsausbruch auch Briefe ihrer Eltern. Als ihre Adoptivmutter nach einem Jahr starb, zog Anna auf eine Farm des Hapoel Hamisrachi, wo sie bis zum Ende des Krieges blieb.

Oskar Nussbaum wurde am 20.10.1939 von Wien nach Nisko deportiert. Es gelang ihm, zu fliehen und sich bei seinem Schwager in Lwow zu verstecken. Dort wurde er jedoch später gefasst und erschossen.
Rebeka Nussbaum wurde am 5.3.1941 nach Modliborzyce deportiert. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

Im Alter von 21 Jahren immigrierte Anna nach Israel und ließ sich im Kibbuz Ein Haschofet nieder. Dort lernte Sie den Auschwitzüberlebenden Benjamin Gross kennen. Die beiden heirateten und brachten 5 Kinder zur Welt.

Die Brosche, die Anna von ihrem Vater zum Abschied bekommen hatte, zerbrach mit den Jahren, und nur ein Hund blieb heil. Im Rahmen des Projekts „Die Scherben aufsammeln" übergab Anna die Brosche zur Aufbewahrung an Yad Vashem, zusammen mit dem Poesiealbum, das sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte.

Chana Gross (Anna Nussbaum) reichte für ihre Eltern Oskar und Rebeka Gedenkblätter ein.