Durch das Objektiv der Zeit
Kleine Ausstellungen aus den Yad Vashem Sammlungen

1939: Eine jüdische Familie am Rande des Krieges

Grüße aus Shanghai

Robert Beck in Uniform der Österreichisch-Ungarischen Armee, mit seiner Braut Gabriele Pick an ihrem Hochzeitstag, dem 5. September 1915   Mehr Fotos

Im Oktober 1939 schickte Robert Beck seinen Töchtern Margarete-Grete und Felicia-Lili in Kent (England) eine Postkarte aus Shanghai. Seine Frau Gabriele war in Wien zurückgeblieben. Etwa zweieinhalb Jahre später wurde sie nach Minsk in den Tod deportiert. Im Februar 1943 starb Robert in Shanghai an gebrochenem Herzen, nachdem er von der Deportation seiner Frau erfahren hatte. Die Töchter blieben am Leben.

Robert Beck und seine Frau Gabriele-Ella (geb. Pick) stammten beide aus gutsituierten österreichischen Familien und lebten in Wien. Gabrieles Mutter Josefine war als Christin vor ihrer Heirat mit Leopold Pick zum Judentum übergetreten. Während des Ersten Weltkriegs hatte Robert im Österreichisch-Ungarischen Heer gedient. Zwei seiner Brüder waren auf dem Schlachtfeld gefallen. Gemeinsam mit seinem Vater Adolf betrieb er eine Lederwarenhandlung. Gabriele und er hatten drei Kinder: Herbert (geb. 1917), Margarete (geb. 1918) und Felicia (geb. 1921). Die Becks waren patriotische Österreicher. Sie lebten in einem überwiegend von Christen bewohnten Teil Wiens, führten aber ein traditionelles jüdisches Leben.

Das Geschäft der Familie wurde von der Wirtschaftskrise der späten zwanziger Jahre hart getroffen. Dennoch sorgten Robert und Gabriele dafür, dass ihre Kinder eine gute Bildung erhielten und das Gymnasium abschlossen. Margarete nahm 1937 ein Universitätsstudium auf und schaffte es, drei Semester abzuschließen.

Nach der Annexion Österreichs, dem „Anschluss”, wurde Herbert von seiner Arbeit entlassen. Felicia musste vom Gymnasium abgehen und stattdessen einen jüdische, weit von zu Hause entfernte Schule besuchen, Margarete wurde aus der Universität geworfen und nahm eine Stelle als Gouvernante an.

Während des Novemberpogroms in Wien ging Robert ins Versteck. Sein Sohn Herbert wurde von der Straße weg verhaftet und in das Gefängnis Rossauer Lände in Wien gebracht. Im Gegenzug für die unterschriebene Garantie, dass er Wien innerhalb von zwei Wochen verlassen werde, gelang es seiner Mutter, seine Freilassung zu erwirken, und sie besorgte für Ehemann und Sohn Schiffskarten nach Shanghai. Auch ihrer älteren Tochter beschaffte Gabriele Beck ein Ausreisevisum, und im Februar 1939 brach Margarete nach England auf. In ihrer Zeugenaussage erzählt sie von dem schmerzvollen Abschied von ihrer Familie. Sie erinnert sich, ihre junge Cousine Gertrude Griss habe ihr ein Taschentuch überreicht und sie beschworen, sie niemals zu vergessen, und ihre Großmutter, die neben ihrer Mutter stand, habe zu ihr gesagt: „Genieße das Leben, denn es ist sehr kurz.”

Robert und Herbert Becks Schiff lief in Neapel aus. Über Port Said in Ägypten, Aden im Jemen und Colombo in Sri Lanka gelangten sie schließlich nach Shanghai. Im Mai 1939 schloss sich Felicia ihrer Schwester Margarete in England an. Gabriele blieb bei ihren kranken Eltern, ihrer Schwester und anderen Verwandten in Wien, ohne sich der nahenden Gewalt voll bewusst zu sein. Ehemann und Sohn hatte sie nach Shanghai geschickt, nachdem sie gesehen hatte, wie man jüdische Männer in Wien festnahm und öffentlich demütigte. Sich selbst hielt sie für sicher.

Am 15. Februar 1941 wurde Gabrieles Schwester Kamilla Griss mit ihrem Ehemann Jonas-Hans und ihrer 11-jährigen Tochter Gertrude mit dem ersten Deportationszug von Wien nach Lublin verschickt. Etwa einen Monat später wurde Roberts verwitwete Mutter Cäcilia Beck aus Wien nach Opatow in Polen deportiert. Einige Wochen nach dem Tod ihrer Mutter, am 2. Juni 1942, geriet Gabriele Beck auf einen Transport von Wien nach Minsk. Sie alle wurden ermordet.

Als die Vereinigten Staaten Ende 1941 in den Krieg eintraten, hatten Margarete und Felicia in England bereits Briefe von Vater und Bruder aus Shanghai erhalten.

Nach dem Krieg wanderte Herbert nach Australien aus und baute sich in Sidney ein neues Leben auf. Margarete heiratete in England, wanderte 1950 mit Ehemann und Tochter nach Israel ein und zog nach Haifa. Felicia kam 1957 dazu.

1956 reichte Margarete Beck Klein bei Yad Vashem Gedenkblätter für ihre Mutter Gabriele, ihre Großmutter Cäcilia, ihre Tante Kamilla und ihren Onkel Jonas Griss mit der Tochter Gertrude und für weitere Verwandte ein. 2013 schenkte Felicia Beck Yad Vashem Briefe, Dokumente und Familienfotos und auch das Taschentuch, das ihre Schwester vor der Abreise nach England von Gertrude Griss bekommen hatte.