Ein lebensrettender Krankenhausaufenthalt

Roger & Jeanette Voinot

Frankreich

Roger und Jeanette Voinot (2. u. 3. v. l.), Rochelle Kokotek (2. v. r.), Januar 1944Roger und Jeanette Voinot (2. u. 3. v. l.), Rochelle Kokotek (2. v. r.), Januar 1944
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Rochelle Sameroff ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Ihre Eltern Wolf und Bronia Kokotek und ihre vierjährige Schwester Fernande wurden bei der großen Judenrazzia von Paris im Juli 1942 (Rafle du Vél d'Hiv) festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Rochelle, oder wie man sie damals nannte, Rachel,  wurde vor der Festnahme bewahrt, weil sie im Krankenhaus war. Alles, was das elfjährige Mädchen damals wusste, war, dass seine Mutter eines Tages aufhörte, es im Krankenhaus zu besuchen.

Heute kennt sie das Datum der Deportation ihrer Familie: am 31. Juli 1942 wurde zunächst ihr Vater, eine Woche später, am 7. August, auch ihre Mutter nach Auschwitz deportiert. Ihre kleine Schwester Fernande verbrachte noch drei Wochen allein im Internierungslager und wurde am 28. August auf einen Zug in den Osten gesetzt. Man gewährte der zum Tode verurteilten Familie nicht einmal das Privileg, auf dem Transport in den Tod zusammen bleiben zu dürfen. Die deutschen Behörden in Paris warteten auf Genehmigung aus Berlin zur Deportation von Kindern. So geschah es, dass Eltern von ihren Kindern getrennt und deportiert wurden, während die Kinder in Internierungslagern verblieben, bis die Erlaubnis erteilt wude, sie auf die Züge nach Auschwitz zu setzen.

Als Rachel sich erholt hatte und bereit war, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, erschien eine Nachbarin und brachte sie in ihre Wohnung in dem selben Gebäude, in dem die Kokoteks gewohnt hatten. Die Nachbarin, Madame Registel, nahm das kleine Mädchen in ihre Obhut und übernahm die Verantwortung für ihr Überleben. Die Abteilung für die „Gerechten unter den Völkern“ ist zur Zeit darum bemüht, Einzelheiten über diese großzügige, gütige Frau in Erfahrung zu bringen.

Es war wohl aus Güte, dass Madame Registel  Rachel das Schicksal ihrer Familie verschwieg. Ohne über die Folgen nachzudenken erzählte sie ihr, ihre Eltern seien in die Schweiz geflohen. „Diese Lüge verfolgt mich bis heute, denn ich träume immernoch, meine Mutter hätte mich nicht genug geliebt und mich im Stich gelassen. In Wahrheit war Madame Registel die Person, die von meiner Mutter gebeten wurde, sich um mich zu kümmern, und die letzten Gedanken meiner Mutter an diesem schrecklichen Tag im Juli kreisten um mich“, sagte Rachel in ihrer Zeugenaussage gegenüber Yad Vashem.

Als fromme Katholikin schickte Madame Registel Rachel auf die Klosterschule St. Helene. Als es für das jüdische Mädchen zu gefährlich wurde, nahm sie sie aus der Schule und fand eine Familie, die bereit war, sie aufzunehmen. Rachel blieb bis zur Befreiung bei Roger und Jeanette Voinot, die in Avrolle im Département Yonne eine Bäckerei besaßen. Trotz der Gefahr – die Deutschen waren in Avrolles stationiert und manche waren in den Häusern der Dorfbewohner einquartiert –  und obwohl sie eine siebenjährige Tochter hatten, nahmen die Voinots Rachel bei sich auf und gingen liebevoll und gütig mit ihr um. Sie nannten sie Renée und erzählten den Nachbarn, sie sei eine Nichte, die man aus gesundheitlichen Gründen aufs Land geschickt habe.

Nach dem Krieg setzte Madame Registel jüdische Organisationen von Rachels Verbleib in Kenntnis. Obwohl sie sich nicht von ihren Rettern trennen wollte, wurde sie mit anderen verwaisten jüdischen Kindern in ein Kinderheim in der Normandie gebracht. Kurz vor Weihnachten 1945 erhielt Rachel Erlaubnis, Familie Voinot zu besuchen. Sie musste in Paris umsteigen und Bahnhöfe wechseln und entschloss sich, ihr früheres Viertel  aufzusuchen und zu versuchen, Bekannte zu finden. Ein jüdischer Ladeninhaber, der ihre Familie gekannt hatte, erzählte ihr, dass die Familie ihres Vaters in die Vereinigten Staaten ausgewandert sei. Im März 1947 wurde Rachel in Amerika mit ihren Großeltern väterlicherseits vereint. Fast fünf Jahre waren vergangen, seit sie zuletzt ihre Familie gesehen hatte.

Rochelle Sameroff lebt in den Vereinigten Staaten. Sie hat drei Kinder und fünf Enkelkinder. Anfang 2010 veranlasste ihre Familie sie, Yad Vashem ihre Geschichte zu erzählen und darum zu bitten, Jeanette Voinot, die gerade ihren 98. Geburtstag gefeiert hatte, und ihren verstorbenen Mann Roger als „Gerechte unter den Völkern“  anerkennen zu lassen. Im Juni desselben Jahres reiste sie mit ihrer gesamten Familie nach Israel, um die Hochzeit ihrer Enkelin zu feiern. Am Tag vor der Zeremonie besuchte die Familie Yad Vashem, wo man ihr mitteilte, das Komitee zur Ernennung der „Gerechten unter den Völkern“  habe entschieden, Roger und Jeanette Voinot den Titel „Gerechte unter den Völkern“  zu verleihen. Im Schatten der Bäume auf der Allee der Gerechten sitzend, erzählte Rochelle Sameroff der ganzen Familie ihre Geschichte, von Anfang bis Ende.

Am folgenden Tag, bei der Hochzeit von Rochelles Enkelin, wurde der Geschichte ein weiterer Nachtrag hinzugefügt, als sie erstmals einer Cousine ihrer Mutter begegnete. Beim Durchsuchen  von Yad Vashems Online-Datenbank der Namen der Opfer der Shoah hatte Rochelles Tochter eine Seite mit einer Zeugenaussage im Andenken an ihre Großmutter, Rochelles Mutter, gefunden, die 1957 von einer Cousine in Israel eingereicht worden war. Die neuentdeckte Verwandte wurde zu der Hochzeit eingeladen, und fast 70 Jahre nach der Ermordung ihrer Mutter konnte Rochelle endlich mehr über die mütterliche Seite ihrer Familie erfahren.