Muslimische Retter in Albanien

Veseli und Fatima Veseli und ihre Kinder Refik, Hamid und Xhemal

Albanien

Die Juden mit ihren Rettern vor dem Haus der VeselisDie Juden mit ihren Rettern vor dem Haus der Veselis
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1934 schrieb Herman Bernstein, der Botschafter der Vereinigten Staaten in Albanien:

„In Albanien gibt es keine Spur von Diskriminierung von Juden, denn Albanien ist heute eines der wenigen Länder in Europa, wo religiöse Vorurteile und religiös motivierter Hass nicht existieren, obwohl das albanische Volk selbst aus drei verschiedenen Religionsgemeinschaften besteht.“

Die Familie Mandil kam aus Jugoslawien, wo Moshe ein gut gehendes Fotogeschäft besaß. Als die Deutschen im April 1941 in Jugoslawien einmarschierten, floh die Familie in den von Italien kontrollierten Kosovo, wo die Juden relativ geschützt waren. Gegen Ende des Sommers 1942 drangen die Flüchtlinge tiefer in die italienische Besatzungszone, nach Albanien ein, wo die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch war. Die Familie – Moshe und Ela Mandil und ihre Kinder Gavra und Irena – ließen sich in Tirana nieder. Auf der Suche nach Fotogeschäften stieß Moshe auf einen Laden, der einem seiner früheren Lehrlinge, Neshad Prizerini, gehörte. Nicht genug damit, dass Prizerini Mandil Arbeit anbot, er lud außerdem die ganze Familie ein, bei ihm zu wohnen.

Im Geschäft lernte Mandil Prizerinis Lehrling, den siebzehnjährigen Refik Veseli, kennen, den seine Eltern aus dem Dorf Kruja geschickt hatten, damit er das Fotografenhandwerk erlernte. Nach dem deutschen Einmarsch in Albanien wurde die Situation gefährlich für Juden, und Veseli schlug vor, die Mandils sollen ins Dorf seiner Eltern in den Bergen ziehen. Veseli und die Mandils begaben sich auf eine lange Reise, auf Maultieren in schwierigem Terrain. Sie benutzten Nebenstraßen und bewegten sich nur nachts vorwärts, während sie sich tagsüber in Höhlen versteckt hielten, um der Entdeckung durch das deutsche Militär zu entgehen.

In Kruja wurden Moshe und Ela in einem kleinen Zimmer über der Scheune versteckt, während ihre Kinder und die Kinder der Veselis eng miteinander lebten. Einige Zeit nach ihrer Ankunft brachte Refiks Bruder Xhemal eine weitere jüdische Familie aus Tirana: Ruzhica und Yosef Ben Yosef und Yosefs Schwester Finica. Die beiden Familien blieben bis zur Befreiung im November 1944 bei den Veselis in ihrem Bergdorf. Gegen Ende des Krieges nahmen die militärischen Aktivitäten in der Gegend zu: die Deutschen hatten mit der Bekämpfung der Partisanen zu tun, das Dorf wurde bombardiert, und in der Gegend wurden Fahndungen durchgeführt.

Nach dem Krieg kehrten die Mandils nach Jugoslawien zurück und ließen sich in Novi Sad nieder, wo Moshe ein Fotogeschäft eröffnete. Sie luden Refik ein, bei ihnen zu wohnen und seine Ausbildung zum Fotografen fortzusetzen. Er blieb bei den Mandils, bis sie nach Israel auswanderten. Danach blieb trotz der Entfernung der Kontakt zwischen den Familien bestehen.

1987 schrieb Gavra Mandil an Yad Vashem und erzählte seine Geschichte. Er schrieb, er fühle sich verpflichtet, im Namen aller in Albanien Geretteten das albanische Volk, besonders aber seine Retter zu würdigen. Er fügte hinzu: „Mag sein, dass sie nicht mit dem Erbe Goethes und Schillers heranwuchsen, aber sie maßen dem menschlichen Leben auf die natürlichste und selbstverständlichste Weise die größte Bedeutung bei“. Die bemerkenswerte Unterstützung, die die Albaner den verfolgten Juden zukommen ließen, war auf „Besa“ begründet, einem Ehrenkodex. „Besa“ bedeutet wörtlich „Einhaltung des Versprechens“. Ein Mensch, der im Sinne des Besa handelt, ist einer, der sein Wort hält und dem man sein eigenes Leben und das seiner Familie anvertrauen kann. Anscheinend ging dieser Kodex aus dem muslimischen Glauben in seiner spezifisch albanischen Ausprägung hervor.

1987 entschloss sich Yad Vashem, Veseli  und Fatima Veseli sowie ihre Kinder Refik, Hamid und Xhemal als Gerechte unter den Völkern anzuerkennen. Sie waren die ersten Albaner, die von Yad Vashem geehrt wurden. Gavra Mandil schrieb einen Brief an den Präsidenten von Albanien, das damals ein isoliertes und praktisch unzugängliches stalinistisch-kommunistisches Land war, und bat ihn, es Refik und seiner Frau zu gestatten, nach Israel zu reisen, um der Zeremonie beizuwohnen. „Zu jener Zeit, als von allen Seiten Gefahr und Tod drohten, bewies das kleine albanische Volk seine Größe. Ohne viel Aufhebens und ohne eine Gegenleistung zu fordern, erfüllte das albanische Volk eine grundlegende menschliche Pflicht und rettete das Leben seiner jüdischen Flüchtlinge“, schrieb er. Gavra legte Fotos bei, die sein Vater am 28. November 1944 während der Siegesparade gemacht hatte, bei der auch Albaniens Präsident Hoxha zu sehen war.

Refik Veseli und seine Frau bekamen eine Reisegenehmigung und wohnten der Zeremonie zu ihren Ehren in Yad Vashem bei.