Heinrich und Maria List

Deutschland

Heinrich und Maria ListHeinrich und Maria List
Die Familie List, 1935Die Familie List, 1935

Heinrich (geb. 15. Februar 1882.) und Maria (geb. 25. Februar 1881) List, ein älteres Bauernehepaar, Iebten in dem überwiegend evangelischen Dorf Ernsbach in Hessen, in dem Maria geboren worden war. Eines Morgens etwa Mitte November 1941 erschien ein Jude, Ferdinand Strauß, auf dem Hof der Lists und bat um Unterschlupf. Heinrich List arbeitete auf dem Feld, aber seine katholische Frau Maria nahm den jungen Mann au f. Das Ehepaar hatte vor dem Krieg die Familie Strauß durch Geschäftsbeziehungen kennen gelernt. Sie  beherbergten Ferdinand Strauß bis zum 16. März 1942 in ihrem Haushalt und verheimlichten seine Anwesenheit vor der Polizei und den anderen Dorfbewohnern.

Die Lists wurden jedoch von ihrem polnischen Landarbeiter verraten, der nach einem Streit mit seinem Arbeitgeber einem benachbarten Bauern erzählte, dass sich auf dem Hof ein Fremder aufhalte. Nachdem sich der Bauer davon überzeugt hatte, dass die Geschichte stimmte, machte er dem Bürgermeister des Dorfes und der Gendarmerie in Ernsbach Meldung. Am 23. März 1942 wurde eine Untersuchung eingeleitet. Heinrich List stritt  zunächst die Anschuldigung ab, musste aber schließlich ein Geständnis ablegen, nachdem seine Frau bei der Gegenüberstellung mit dem polnischen Landarbeiter zusammengebrochen war. Nach seinen Gründen, Strauß zu verstecken, befragt, antwortete List (nach dem Bericht, den die Gendarmerie an die Gestapo in Darmstadt schickte): „Weil wir uns seit Kindheit gut kennen (...) packte mich das Mitleid.”

Heinrich List wurde verhaftet und in das KZ Dachau gebracht. Am 10. Oktober 1942 erhielt Maria List einen amtlichen Brief des Lagerkommandanten, in dem er ihr mitteilte, dass ihr Ehemann am 5. Oktober in der Krankenabteilung an einer Infektion des Unterschenkels gestorben sei; seine Leiche sei eingeäschert worden. Zu dieser Tragödie kam für die Witwe noch, dass ihr einziger Sohn Jacob im August 1944 an der russischen Front vermisst gemeldet wurde.

Ferdinand Strauß hatte rechtzeitig entkommen konnen und rettete sich über die Schweizer Grenze. Er starb 1983 in Jamaika.

Die Geschichte der Lists wurde durch die Nachforschungen von Schülern und Lehrern des Michelstädter Gymnasiums der Vergessenheit entrissen. Sie untersuchten die Vorgänge im Rahmen eines Schulprojekts, das sich mit der Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit beschäftigte.

Am 23. Dezember 1992 erkannte Yad Vashem Heinrich und Maria List als „Gerechte unter den Völkern“ an.


Dieser Text wurde dem „Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher” (Hrsg.: Daniel Fraenkel und Jakob Borut) entnommen