Der Zeuge, der beschloss zu handeln

Hermann Friedrich Graebe

Deutschland

Graebe in Sdolbuniw, 1941Graebe in Sdolbuniw, 1941
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Hernann Friedrich Graebe wurde am 19. Juni 1900 in Gräfrath, einer kleinen, überwiegend katholischen Stadt nahe Solingen im Rheinland geboren. Er war der älteste Sohn eines armen evangelischen Ehepaares: Sein Vater war Weber und seine Mutter trug zum Familieneinkommen bei, indem sie als Hausgehilfin arbeitete. Nach seinem Schulabschluss absolvierte Hermann eine Ausbildung als Ingenieur und Iegte seine staatlichen Prüfungen kurz nach seiner Eheschließung 1924 ab.
1931 trat Graebe der NSDAP bei. 1934 verließ er die Partei wieder, nachdem er bei einer öffentlichen Versammlung mit dem lokalen Gauleiter mutig die Arisierungskampagne kritisiert hatte, die die Nationalsozialisten gegen jüdische Untemehmen durchführten. Nach diesem Zwischenfall wurde er von der Gestapo festgenommen und mehrere Monate lang in Essen inhaftiert. Schließlich wurde er ohne Verfahren wieder freigelassen.

Von 1938 bis 1941 arbeitetre Graebe für die Solinger Baufirma „Josef Jung" am Bau des „Westwalls" an der deutschen Westgrenze mit. Seine „kriegswichtige" Arbeit bewahrte ihn nach Kriegsausbruch vor einer Einberufung. Im Sommer 1941, kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurde Graebe vom Hauptquatier der Organisation Todt in Berlin angewiesen, sich in den Büros der Reichsbahnverwaltung in Lwów zu melden. Seine Aufgabe wurde es, Bautrupps zu organisieren, um Schienenstränge zu bauen und zu erneuern, die für die Aufrechterhaltung der Bahnverbindungen in der Ukraine unerlässlich waren. Im September 1941 kam Graebe in Zdolbunow an und errichtete dort sein  Zentralbüro, danach gründete er Zweigstellen überall in Wolhynien und der sowjetischen Ukraine. Die jüdischen Arbeitskräfte, die von der Firma „Josef Jung" beschäftigt wurden, umfassten etwa 5.000 Männer und Frauen.

Als großer Zivilunternehmer mit weitreichenden Verbindungen in der ganzen Ukraine musste Graebe Zeuge der Greueltaten werden, die die Deutschen und ihre ukrainischen Helfershelfer an der schutzlosen jüdischen Bevölkerung begingen. Am 5. Oktober 1942 war er bei der Massenerschießung auf dem Flugfeld nahe Dubno zugegen und sah, wie 5.000 jüdische Männer und Kinder nackt entlang vorher ausgehobener Gräben aufgereiht und von SS-Erschießungskommandos kaltblütig ermordet wurden. Nach dem Krieg wurde sein anschaulicher Bericht über die grauenhaften Szenen, die er in Dubno und an anderen Orten in der Ukraine beobachtet hatte, Teil des Beweismaterials bei den Nürnberger Prozessen, in denen er für die Anklage aussagte.

Graebe konnte sich jedoch nicht damit abfinden, stummer Beobachter unbeschreiblicher Verbrechen zu sein. Angetrieben von einer maßlosen moralischen Empörung begann er, gegen den vom deutschen Besatzungsregime entfesselten Völkermord an den Juden Wolhyniens anzugehen. Dabei zögerte er nicht, seine Position und seinen Besitz einzusetzen und schließlich sogar sein eigenes Leben zu riskieren.
Bei seinen Bemühungen, Juden aus der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zu retten, konnte Graebe seine offizielle Stellung als Vertreter der Firma „Josef Jung" ausnutzen. Indem er darauf hinwies, dass er „kriegswichtige" Arbeiten durchführe, gewann er Einfluss auf Georg Marschall, den deutschen Gebietskommissar für Zdolbunow und Rowne, und seine Untergebenen. Um eine möglichst große Zahl von Juden beschäftigen zu können, beantragte und übernahm Graebe bewusst mehr Aufgaben und Verträge, als seine Firma bewältigen konnte. Er scheute dann keine Mühe, um seine jüdischen Arbeitskräfte und ihre Familien zu beschützen. Im Juli 1942 erfuhr er durch seine Wehrmachtsverbindungen von einer bevorstehenden Vernichtungsaktion gegen die Juden von Rowne, wo 112 Juden aus den Ghettos von Ostrog, Mizocz und Zdolbunow für ihn arbeiteten. Er ließ sich vom stellvertretenden Gebietskommissar einen „Schutzbrief" ausstellen und eilte nach Rowne, wo er mit der  Waffe in der Hand die Freilassung von 150 Juden durchsetzte. Es war der letzte Moment: Die ukrainischen Polizisten waren schon dabei, die Ghettoinsassen zum Deportationszug zu treiben. Graebe brachte die Gerettetten zu Fuß nach Zdolbunow in Sicherheit.

Als die Deutschen einige Monate später die Juden von Zdolbunow in einem Ghetto internierten und begannen, sie zu deportieren, versorgte Graebe die Arbeiter mit gefälschten „arischen" Ausweisen. Dann brachte er sie nach und nach in seinem eigenen Wagen zu der weit entfernten „Firmenniederlassung" in Poltawa, hunderte von Kilometern östlich. Die Niederlassung Poltawa war eine reine Erfindung: Graebe hatte sie eingerichtet und unterhielt sie auf seine eigenen Kosten zu dem einzigen Zweck, eine Zuflucht für seine jüdischen Arbeiter zu haben. Bei dem Vormarsch der Roten Armee konnte die Gruppe auf die russische Seite der Front entkommen. Unter den auf diese Art Geretteten waren unter anderem Tadeus Glass mit seiner Frau und seinem Sohn; Albina Wolf und ihre Tochter Lucia; Barbara Faust und Kitty Grodetski. Wenn der Wagen an einem der zahlreichen Posten auf der Straße nach Poltawa kontrolliert worden wäre, hätte das das Ende für den Helfer und für die Flüchtlinge bedeutet.

Im Laufe der Zeit erweckten Graebes unprofitable Arbeitsweise und seine ungewöhnlichen Praktiken das Misstrauen seiner Vorgesetzten in Solingen. Sie wollten ihn zurückrufen lassen und wegen Veruntreuung vor Gericht stellen. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Front im östlichen Polen wandte sich Graebe mit seiner jüdischen Bürobelegschaft zunächst nach Warschau und von dort ins Rheinland. Im September 1944 flüchtete er mit ungefähr zwanzig seiner Schützlinge zu den Amerikanern, denen er noch wertvolle strategische Hinweise bezüglich des Westwalls geben konnte.

Von Februar 1945 bis zum Herbst 1946 arbeitete Graebe eng mit der amerikanischen Armeeabteilung zur Verfolgung von Kriegsverbrechen zusammen und half bei der Vorbereitung der Nürnberger Anklageschriften wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von Deutschen in Wolhynien begangen worden waren. Er war der einzige Deutsche, der bei den Nürnberger Prozessen für die Anklage aussagte. Nachdem er mehrere Morddrohungen erhalten hatte, beschloss Graebe 1948, in die USA auszuwandern. Bald nachdem er sich mit seiner Familie in San Francisco niedergelassen hatte, nahm er jedoch seine Bemühungen wieder auf, deutsche Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik Deutschland ihrer Strafe zuzuführen. Graebes unermüdliche Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit war ein Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft und machte ihn beim Establishment der Bundesrepublik zu einem unerwünschten Störenfried.

Am 23. März 1965 erkannte Yad Vashem Hermann Friedrich Graebe als „Gerechten unter den Völkern" an.


Dieser Text wurde dem „Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher” (Hrsg.: Daniel Fraenkel und Jakob Borut) entnommen