Geulens Liste

Andrée Geulen-Herscovici

Belgien

Andrée Geulen in Brüssel während der deutschen BesetzungAndrée Geulen in Brüssel während der deutschen Besetzung
Andrée Geulen mit Ida Sterno (rechts), ihrer jüdischen Partnerin im CDJ. Ida Sterno wurde 1944 gefangengenommen und getötetAndrée Geulen mit Ida Sterno (rechts), ihrer jüdischen Partnerin im CDJ. Ida Sterno wurde 1944 gefangengenommen und getötet
Andrée Geulen mit einem ihrer Überlebenden bei einem Besuch im Museum zur Geschichte des Holocaust, Yad VashemAndrée Geulen mit einem ihrer Überlebenden bei einem Besuch im Museum zur Geschichte des Holocaust, Yad Vashem
Andrée Geulen vor einem Schaukasten im Museum zur Geschichte des Holocaust, Yad Vashem, wo ihre Listen aus der Kriegszeit ausgestellt sindAndrée Geulen vor einem Schaukasten im Museum zur Geschichte des Holocaust, Yad Vashem, wo ihre Listen aus der Kriegszeit ausgestellt sind
Zwei Seiten aus Andrée Geulens Notizbüchern, wo die von ihr betreuten Kinder aufgelistet sindZwei Seiten aus Andrée Geulens Notizbüchern, wo die von ihr betreuten Kinder aufgelistet sind
Avner Shalev, der Vorsitzende des Direktoriums von Yad Vashem, verleiht Andrée Geulen die Ehrenbürgerschaft des Staates IsraelAvner Shalev, der Vorsitzende des Direktoriums von Yad Vashem, verleiht Andrée Geulen die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel

Zum ersten Mal  wurde Andrée Geulen, eine zwanzigjährige Lehrerin an einer Schule in Brüssel, mit der Verfolgung der Juden konfrontiert, als eines Tages einige ihrer Schüler mit dem obligatorischen gelben Stern an der Kleidung in der Schule erschienen. Wie viele anderen Belgier, hatte Andrée Geulen die antijüdischen Maßnahmen und die Verfolgung der Juden nicht beachtet. Aber in dem Augenblick, als sie der Diskriminierung ihrer Schüler gegenüberstand, entschloss sie sich, zu handeln. Sie befahl all ihren Schülern, in der Schule Schürzen zu tragen, um die demütigende Markierung, die den Juden aufgezwungen wurden, zu verdecken.

Andrée Geulen begann, sich an Rettungsaktionen zu beteiligen, nachdem sie Ida Sterno kennengelernt hatte, ein jüdisches Mitglied der Geheimorganisation Comité de Défence des Juifs – Jüdisches Verteidigungskomitee – die eine nichtjüdische Partnerin brauchte, die ihr helfen konnte, jüdische Kinder in ihre Verstecke zu begleiten. Andrée Geulen bekam einen Code-Namen – Claude Fournier – und wurde aufgefordert, ihr Elternhaus zu verlassen und in das Internat , in dem sie unterrichtete, zu ziehen. Die Gaty de Gamont-Schule war intensiv am Verstecken jüdischer Kinder beteiligt. Auf Initiative der Schulleiterin, Odile Ovart, wurde zwölf jüdischen Schülern in der Schule Unterschlupf gewährt.

Im Mai 1943 führten die Deutschen mitten in der Nacht eine Razzia in der Schule durch. Es besteht der Verdacht, dass die Razzia die Folge von Denunziation war. Die Schüler wurden brutal aufgeweckt und aus den Betten gezerrt, um ihre Identität festzustellen. Der Zeitpunkt war gezielt gewählt: es war Pfingsten, und alle nichtjüdischen Schüler verbrachten den Feiertag zu Hause bei ihren Familien, während die jüdischen Schüler kein Zuhause mehr hatten und in der Schule zurückblieben. Die jüdischen Schüler wurden festgenommen und die Lehrer verhört. Andrée Geulen zeigte keine Furcht, und als die Deutschen sie fragten, ob sie sich nicht schäme, Juden zu unterrichten, antwortete sie keck: „Schämen Sie sich nicht, gegen jüdische Kinder Krieg zu führen?“

Andrée Geulen gelang es, der Verhaftung zu entgehen, doch Odile Ovart und ihr Mann wurden festgenommen und in Konzentrationslager in Deutschland deportiert, wo beide ums Leben kamen. Beide wurden von Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern anerkannt.  Der Zwischenfall schreckte Andrée Geulen nicht davon ab, ihre illegale Arbeit fortzusetzen. Im Gegenteil  - als sie an diesem Abend die Schule verließ, suchte sie alle jüdischen Schüler auf, die sie kannte, um ihnen von der Razzia zu erzählen und sie davor zu warnen, in die Schule zurückzukehren. Ihr Engagement bei den Rettungsaktionen wurde noch intensiver, und sie führte ab jetzt eine geheime Existenz. Andrée Geulen mietete unter falschem Namen eine Wohnung und teilte sie mit Ida Sterno. Der Kontakt zu den Rettungsorganisationen wurde durch geheime Briefkästen aufrechterhalten. Einer davon befand sich in einem Antiquitätengeschäft.

Über zwei Jahre holte Andrée Kinder ab und brachte sie bei christlichen Familien und in Klöstern unter. Sie vergewisserte sich, dass die Familien in der Lage waren, die Kinder aufzunehmen, besuchte sie und kümmerte sich um ihre Bedürfnisse. „Ida und ich gingen die Kinder bei den Eltern, die uns um Hilfe baten, abholen. Wir baten die Eltern, einen Koffer vorzubereiten, und sagten, dass wir in ein bis zwei Tagen wiederkommen würden. ... Ich weine immer noch, wenn ich an die Zeiten denke, als ich den Eltern ihre Kinder wegnehmen musste, besonders Zwei- bis Dreijährige, ohne ihnen sagen zu können, wohin ich ihre Kinder bringe.“  Wenn sie einen Einsatz ausführte, lernte sie die Namen und Adressen auswendig, aber insgeheim führte sie Buch über die ursprünglichen Namen und die angenommene Identität von Hunderten von versteckten Kindern, von denen viele ihre Eltern nie wiedersahen.

Im Mai 1944 wurde Ida Sterno festgenommen und im Lager Malines inhaftiert. Andrée Geulen musste untertauchen. Dennoch besuchte sie Ida Sterno in Malines, wobei sie einen Decknamen gebrauchte, und sie setzte ihre Arbeit bis zum letzten Augenblick fort. Nach der Befreiung arbeitete Andrée  Geulen in umgekehrter Richtung weiter: nun holte sie die Kinder ab, um sie zu ihren Eltern oder Verwandten zurückzubringen. Über die Jahre hinweg blieb sie in Verbindung mit „ihren“ Kindern und überraschte sie immer wieder, indem sie sich an jedes Detail ihrer Kindheit im Versteck erinnerte.

1989 wurde Andrée Geulen als Gerechte unter den Völkern anerkannt. Achtzehn Jahre später besuchte sie Yad Vashem noch einmal, aus Anlass einer Tagung der versteckten belgischen Kinder. Bei einer besonderen Zeremonie in Yad Vashem wurde ihr die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel zugesprochen.