Berthold & Else Beitz

Deutschland

Berthold und Else Beitz mir ihrer TochterBerthold und Else Beitz mir ihrer Tochter
Berthold BeitzBerthold Beitz

Berthold Beitz, einer der führenden Unternehmer im Nachkriegsdeutschland, wurde am 26. September 1913 in Zemmin/Pommern geboren. Als er viele Jahre nach dem Krieg über seine Erlebnisse in Boryslaw während der deutschen Besetzung reflektierte, betonte Beitz, inzwischen Vorstandsvorsitzender des Krupp-Konzerns in Essen und Ehrenmitglied des deutschen NOK, dass seine Motive keineswegs einer prinzipiellen politischen Opposition zum Nationalsozialismus entsprangen: „Das war kein Antifaschismus, kein Widerstand. Wir haben von morgens bis abends hautnah miterlebt, was in Boryslaw mit den Juden geschah. Wenn Sie sehen, wie eine Frau mit einem Kind auf dem Arm erschossenwird, und Sie haben selbst ein Kind, dann haben Sie eine ganz andere Reaktion."

Tatsächlich war aber Beitz' Hilfe für die Juden von Boryslaw eine höhere Form des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Wie sein Vater hatte Beitz das Bankfach gewählt. Im April 1939 wurde der Fünfundzwanzigjährige von der renommierten Royal Dutch Shell-Öl AG in Hamburg eingestellt. Aufgrund seines in der strategisch bedeutenden Ölindustrie erworbenen Fachwissens konnte Beitz sich vom Militärdienst freistellen lassen und eine Kriegsverpflichtung als kaufmännischer Leiter der Beskiden-Öl AG - später in Karpaten-Öl AG umbenannt - in Boryslaw in Ostgalizien erhalten.

Sowohl Boryslaw als auch die nahe gelegene Kreisstadt Drohobycz waren wichtige Zentren der Ölindustrie mit relativ großen jüdischen Bevölkerungsgruppen. Juden bildeten einen großen Teil der lokalen Arbeitskräfte - Chemiker, Laborassistenten, Mechaniker, Buchprüfer, Geschäftsleute, aber auch ungelernte Arbeiter - und wurden nach der deutschen Besetzung der beiden Orte am 1. Juli 1941 von der Karpaten-Öl AG übernommen. Um das unverzichtbare jüdische Personal vor Razzien der SS und ihrer ukrainischen Helfershelfer zu schützen, brachten die Karpaten-Öl AG und andere deutsche Firmen in der Gegend die Arbeiter und ihre Familien in abgeschlossenen Arbeitslagern unter. Zu ihrem Schutz wurde ein besonderes Abzeichen mit dem Buchstaben „R" auf ihre Kleidung aufgenäht (wobei das „R" wahrscheinlich für „Rüstungsarbeiter" stand).

Als Beitz Anfang Juli 1941 im Gefolge der deutschen Truppen in Boryslaw eintraf, erlebte er unmittelbar die Untaten an der schutzlosen jüdischen Bevölkerung. Im Zuge der „Invaliden-Aktion"  am 7. August 1942 räumte die SS das jüdische Waisenhaus von Boryslaw mit unbeschreiblicher Brutalität. Beitz, der von der Schutzpolizei infomiert worden war, musste mit ansehen, wie Kleinkinder aus Fenstern geworfen wurden und die aus ihren Betten gerissenen Kinder mitten in der Nacht barfuß zum Bahnhof getrieben wurden.

Als kaufmännischer Leiter der militärisch unverzichtbaren Ölgesellschaft besaß Beitz Beziehungen zu den wichtigeren Nazifunktionären der Gegend. Er wurde im voraus von bevorstehenden „Aktionen" informiert und hatte das Recht, die auf dem „Umschlagplatz" zusammengetriebenen Juden in Augenschein zu nehmen, um qualifizierte Arbeiter auszuwählen und sicherzustellen, dass keine seiner eigenen Arbeitskräfte den Transporten in die Vernichtungslager angehörten. Im August 1942 befreite er 250 jüdische Männer und Frauen aus einem Transportzug für das Vernichtungslager Belzec, indem er sie als „Facharbeiter"  einstufte. Zahlreiche Augenzeugenberichte lassen keinen Zweifel daran, dass der achtundzwanzigjährige Leiter der Karpaten-Öl AG sich keineswegs nur auf Arbeitskräfte beschränkte, die der Ölförderung für die deutsche Kriegsmaschinerie nützlich sein könnten. Unter den Juden, die er vor der Deportation bewahrte, befanden sich viele ungelernte Arbeitskräfte, oft in schlechter körperlicher Verfassung, die beim besten Willen nicht als „Facharbeiter" oder unverzichtbar für die Ölindustrie bezeichnet werden konnten. Beitz setzte sich auch beträchtlichen Gefahren aus, indem er jüdischen Vertrauten Geheiminformationen über bevorstehende Aktionen zukommen ließ. Sowohl er als auch seine Frau verbargen flüchtige Juden in ihrem eigenen Haus, womit sie Denunziationen riskierten.

Ironischerweise beruhte die einzige Untersuchung, die die Gestapo gegen ihn einleitete, auf einer „falschen Fährte". Anfang 1943 verhaftete die deutsche Polizei in einem Zug auf dem Weg nach Ungarn zwei jüdische Mädchen mit gefälschten „arischen" Papieren, die von Beitz unterzeichnet waren. Anscheinend gehörten die beiden Mädchen einer jüdischen Untergrundgruppe an, die von Zwi Heilig geleitet wurde. Die Organisation hatte Blankoformulare für Reisegenehmigungen für „arische" Arbeiter aus Beitz' Büro gestohlen, um ihre Mitglieder über die ungarische Grenze zu schmuggeln. Heilig, der den Krieg überlebte, bezeugte später die Betroffenheit der jüdischen Arbeiter in der Karpaten-Öl AG, die Gerüchte über eine lautstarke Auseinandersetzung gehört hatten, die ihr Beschützer mit Gestapo-Angehörigen gehabt hatte. Beitz überstand den Zwischenfall jedoch unbeschadet und blieb in Boryslaw bis zum März 1944, als er zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Beitz' Nominierung als „Gerechter unter den Völkern", die von der großen Mehrheit der Überlebenden aus Boryslaw und Umgebung (von denen viele nach dem Krieg in Kontakt mit ihrem Retter geblieben waren) sehr unterstützt wurde, traf auf heftigen Widerstand einer kleinen Gruppe. Die Gegner argumentierten, das Hauptmotiv des früheren Direktors der Karpaten-Öl AG in Boryslaw sei die Steigerung der Produktionskapazitäten der deutschen Rüstungsindustrie gewesen. Er hätte sich in erster Linie die eigenen Taschen mit Geld voll stopfen wollen und habe sich selbst keinem nennenswerten Risiko ausgesetzt, indem er jüdische Arbeitskräfte für die deutsche Ölindustrie rettete.

Doch keine dieser Anschuldigungen scheint vor den Tatsachen zu bestehen. Mehr Substanz scheinen Vorwürfe bezüglich der Aussagen zu haben, die Beitz 1952 und 1966 zugunsten von Fritz Hildebrand, dem berüchtigten SS-Kommandanten, machte. In seiner Zeugenaussage in Bremen 1966 behauptete Beitz, Hildebrand hätte „beide Augen zugedrückt" angesichts der verbotenen Beschäftigung von Juden in den Büros des Unternehmens und an anderen Stellen. So umstritten Beitz' Nachkriegsaussagen auch sein mögen, sie machen jedoch nicht ungeschehen, was er während des Holocaust tat.

Am 3. Oktober 1973 erkannte Yad Vashem Berthold Beitz als „Gerechten unter den Völkern" an.
Am 5. Februar 2006 wurde auch seine Frau, Else Beitz, als „Gerechte unter den Völkern" anerkannt.


Dieser Text wurde dem „Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher” (Hrsg.: Daniel Fraenkel und Jakob Borut) entnommen