Elisabeth Abegg

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Elisabeth AbeggElisabeth Abegg

Die am 3. Mai I882 geborene Elisabeth Abegg war eine Cousine des bekannten sozialdemokratischen Politikers Wilhelm Abegg. Sie wuchs in Straßburg auf, der Hauptstadt des Elsass und Heimatstadt von Albert Schweitzer, dem großen Theologen, Humanisten, Musiker und Arzt. Schweitzers christlich-universalistische Überzeugungen, die auf dem Grundprinzip der Gleichheit der Menschen und der Heiligkeit menschlichen Lebens beruhten, hatten einen lebenslangen Einfluss auf Abegg.

Als Geschichtslehrerin an der angesehenen Berliner Luisen-Mädchenschule bemühte sich Abegg, ihren Schülerinnen - darunter viele aus jüdischen Familien - ihre humanistischen Überzeugungen nahe zu bringen. Nach Hitlers Machtergreifung geriet sie bald in Konflikt mit der neuen, von den Nationalsozialisten ernannten Direktorin und musste an eine andere, weniger angesehene Schule wechseln. I940 war sie aufgrund einer Denunziation gezwungen, vorzeitig in Ruhestand zu gehen.

Von den Behörden als politisch unzuverlässig eingestuft, wurde Abegg auch von der Gestapo zur Befragung vorgeladen. Sie ließ sich jedoch nicht davon abschrecken, den Kontakt mit ihren früheren jüdischen Schülerinnen und Freundinnen aufrechtzuerhalten. Als Anna Hirschberg, mit der sie über vierzig Jahre befreundet war, deportiert wurde, begriff Abegg die wirkliche Tragweite der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Ihre Freundin konnte sie nicht mehr retten, aber sie war überzeugt, dass sie immer noch dazu beitragen konnte, andere Juden vor dem mörderischen Zugriff der Gestapo zu retten. Dazu verwandelte sie die Dreieinhalbzimmerwohnung, die sie mit ihrer 86-jährigen Mutter und ihrer behinderten Schwester Julie teilte, in eine provisorische Unterkunft und Versammlungsstätte für Juden, die in den Untergrund gegangen waren. In Zusammenarbeit mit Freunden aus der Quäkerbewegung half Abegg ihren vielen jüdischen Schützlingen, indem sie ihnen zeitweilig Unterkunft in ihrer eigenen Wohnung bot oder sie an andere Verstecke verwies. Sie sparte bei ihren eigenen Lebensmitteln und denen ihrer Schwester, urn ihnen Lebensmittelkarten zukommen zu lassen; sie lud sie auch jeden Freitag zu gemeinsamen Mahlzeiten zu sich nach Hause ein und beschaffte ihnen gefälschte Papiere. Die meisten, die bei ihr anklopften und urn Hilfe baten, waren völlig Fremde. All diese Aktivitäten fanden unter den Augen der Nachbarn statt, von denen einige aktive Nazis waren.

Abegg zögerte nicht, noch weitere Risiken einzugehen. Liselotte Pereles, die Direkrorin der Kindertagesstätte in Berlin, konnte sich nicht entschließen, mit ihrer neunjährigen Nichte Susi unterzutauchen. Abegg besuchte sie Ende Januar 1943 in dem „Judenhaus", in das sie hatten umziehen müssen. Drei der Wohnungen waren nach der Deportation der Bewohner „in den Osten"  bereits versiegelt worden. Abegg gelang es, Pereles zu überzeugen, dass es Zeit sei, unterzutauchen, und es war tatsächlich der allerletzte Moment, da die letzte große Razzia der Gestapo in Berlin kurz bevorstand. In einem anderen Fall verkaufte Abegg ihren eigenen Schmuck, urn die Flucht von Jizchak Schwersenz in die Schweiz zu organisieren.

Einige der Überlebenden, die nach dem Krieg mit ihr in Kontakt blieben, widmeten Abegg an ihrem 75 . Geburtstag im Jahr 1957 eine Sammlung von Memoiren mit dem Tirel Und ein Licht leuchtet in der Finstemis.

Am 23. Mai 1967 erkannte Yad Vashem Elisabeth Abegg als Gerechte unter den Völkern an.


Dieser Text wurde dem „Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher” (Hrsg.: Daniel Fraenkel und Jakob Borut) entnommen