Die Gerechten unter den Völkern

Über das Programm

„Zu jener Zeit herrschte überall Dunkelheit. Im Himmel und auf Erden schienen sich alle Tore der Barmherzigkeit verschlossen zu haben. Der Mörder mordete, die Juden starben und die Welt machte mit oder gab sich gleichgültig. Nur wenige hatten den Mut, sich einzumischen. Diese wenigen Männer und Frauen waren verletzlich, ängstlich, hilflos. Worin unterschieden sie sich von ihren Mitbürgern? ... Warum waren es so wenige? ... Wir wollen uns erinnern: was dem Opfer am meisten wehtut, ist nicht die Grausamkeit des Unterdrückers, sondern das Schweigen der ungerührten Zuschauer. ... Lassen Sie uns nicht vergessen, dass immer der Augenblick eintritt, wo eine moralische Entscheidung getroffen wird.... Und daher sollten wir diese guten Menschen kennenlernen, die während des Holocaust Juden geholfen haben. Wir sollten von ihnen lernen und ihrer in Dankbarkeit und Hoffnung gedenken.“

Elie Wiesel, zitiert in Carol Rittner, Sandra Myers, „Mut zur Einmischung – Die Rettung von Juden während des Holocaust“, New York University Press, 1986, S. 2.

Yad Vashem wurde gegründet, um das Andenken der sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust lebendig zu erhalten. Eine der ersten Pflichten von Yad Vashem ist es, Nichtjuden, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden zu retten, die Dankbarkeit  des Staates Israel und des jüdischen Volkes zu übermitteln. Diese Aufgabe wurde in dem Gesetz, das zur Gründung von Yad Vashem führte, definiert. Die Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum startete 1963 ein weltweites Projekt, die wenigen, die den Juden in den dunkelsten Stunden ihrer Geschichte zur Seite standen, mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“ zu ehren. Zu diesem Zweck richtete Yad Vashem eine öffentliche Kommission unter Leitung eines Richters des Obersten Gerichtshofs ein, das jeden Fall untersucht und verantwortlich ist für die Vergabe des Titels. Diejenigen, die anerkannt werden, bekommen eine Medaille und eine Ehrenurkunde, und ihre Namen sind auf dem Berg des Gedenkens in Jerusalem verewigt.

Dieses Projekt ist ein einzigartiger und beispielloser Versuch von Opfern, Menschen zu ehren, die ihnen während einer Zeit der Verfolgung und schrecklichen Leides zur Seite standen. Basierend auf dem Prinzip, dass jeder einzelne für seine Taten verantwortlich ist, zielt das Programm darauf ab, in den Ländern der Täter, Kollaborateure und Mitläufer Menschen zu finden, die gegen den Strom schwammen und den verfolgten Juden halfen. Bei der Einrichtung von Yad Vashem im Jahre 1953 wurde daher, gerade acht Jahre nach Ende des Holocaust, die Ehrung der Gerechten unter den Völkern in den Auftrag der Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum eingeschlossen. Während er noch mit dem Ausmaß des Verlustes und den Auswirkungen der totalen Preisgabe und des Verrats an den europäischen Juden zu kämpfen hatte, erinnerte sich der Staat Israel an die Retter. Das Programm stellt daher ein Zeugnis der Widerstandskraft der Opfer dar, die, obwohl sie der extremsten Erscheinung des Bösen Auge in Auge gegenübergestanden hatten, nicht in Bitterkeit und Rachegelüste verfielen, sondern menschliche Werte hochhielten. Da Gewalt meist mehr Gewalt nach sich zieht, ist dies ein einzigartiges, bemerkenswertes Phänomen. Wahrscheinlich rührt es von der Einsicht her, dass es in einer Welt, in der Auschwitz geschehen konnte, unbedingt notwendig ist zu betonen, dass der Mensch auch dazu imstande ist, menschliche Werte zu verteidigen und aufrechtzuerhalten.