Die Gerechten unter den Völkern

Über die Gerechten

„Ich glaube, es ist wirklich Lorenzo zu verdanken, dass ich heute am Leben bin – nicht in erster Linie wegen seiner materiellen Hilfe, sondern weil er mich durch seine Gegenwart ständig daran erinnerte… dass es außerhalb der unseren noch immer eine gerechte Welt gab, Dinge und Menschen, die noch immer rein und intakt waren.... für die es sich zu überleben lohnte.“

Aus Primo Levis Beschreibung seines Retters Lorenzo Perrone in „Ist das ein Mensch?“

Die Einstellung gegenüber den Juden während des Holocaust reichte von Gleichgültigkeit bis zu Feindseligkeit. Die breite Masse sah zu, wie ehemalige Nachbarn zusammengetrieben und getötet wurden; manche machten mit den Tätern gemeinsame Sache, viele profitierten von der Enteignung der Juden.

In einer Welt totalen moralischen Zusammenbruchs gab es eine kleine Minderheit, die außergewöhnlichen Mut an den Tag legte, um menschliche Werte hochzuhalten. Dies waren die Gerechten unter den Völkern. Sie stehen in krassem Gegensatz zu der Gleichgültigkeit und Feindseligkeit der während des Holocaust vorherrschenden Massen. Entgegen der allgemeinen Tendenz betrachteten diese Retter die Juden als Mitmenschen, für die sie sich grundsätzlich verantwortlich fühlten.

Die meisten Retter waren anfangs unbeteiligte Zuschauer. In vielen Fällen geschah dies, wenn sie sich mit der Deportation oder Ermordung von Juden konfrontiert sahen. Manche hatten in den frühen Stadien der Verfolgung untätig dabeigestanden, wenn die Rechte der Juden eingeschränkt wurden und man ihr Eigentum konfiszierte, aber es gab einen Punkt, an dem sie sich entschlossen, zu handeln, eine Grenze, die zu überschreiten sie nicht gewillt waren. Im Gegensatz zu anderen waren sie nicht bereit, die eskalierenden antijüdischen Maßnahmen einfach hinzunehmen.  

Oft wandten sich die Juden selbst an Nichtjuden um Hilfe. Nicht nur die Retter bewiesen Einfallsreichtum und Mut, sondern auch die Juden, die um ihr Überleben kämpften. Wolfgang Benz, der umfangreiche Studien zur Rettung von Juden während des Holocaust angestellt hat, behauptet, dass während in den Geschichten ihres Überlebens die Geretteten erscheinen mögen, als seien sie ausschließlich Objekte der Fürsorge und Zuwendung  gewesen, „der Versuch, in der Illegalität zu überleben, [...] vor allem Selbstbehauptung und jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ gewesen sei. „Und nur wenige waren erfolgreich in ihrem Widerstand.“

Konfrontiert mit Juden, die an ihre Tür klopften, sahen sich jene, die bis zu diesem Zeitpunkt nur unbeteiligte Zuschauer gewesen waren, gezwungen, sofort eine Entscheidung zu fällen. Dies war in der Regel eine spontane, instinktive menschliche Geste, der eine moralische Entscheidung erst folgte. Oft war es ein allmählicher Prozess, wobei die Retter sich immer intensiver engagierten, um den verfolgten Juden zu helfen. Die Bereitschaft, während einer Razzia oder einer Massenfestnahme jemanden zu verstecken und für einen oder zwei Tage bei sich aufzunehmen, bis etwas anderes gefunden werden konnte, entwickelte sich mitunter zu einer Rettungsaktion, die Monate und Jahre andauerte.

Der Preis, den die Retter für ihr Handeln zu bezahlen hatten, war von Land zu Land verschieden. In Osteuropa exekutierten die Deutschen nicht nur diejenigen selbst, die Juden schützten, sondern auch ihre gesamten Familien.

Überall wurden Anschläge ausgehängt, die die Bevölkerung davor warnten, den Juden zu helfen. Im allgemeinen fiel die Bestrafung in Westeuropa weniger schwer aus, doch auch dort konnten die Folgen schrecklich sein, und manche der Gerechten unter den Völkern  wurden in Lager eingesperrt und ermordet. Auch musste sich angesichts der brutalen Behandlung der Juden und der Entschlossenheit der Täter, jeden einzelnen von ihnen zur Strecke zu bringen, die Furcht verbreiten, man werde schwer zu leiden haben für den Versuch, den Verfolgten beizustehen. Daher lebten Retter und Gerettete in ständiger Angst, gefasst zu werden. Immer bestand die Gefahr, durch Nachbarn oder Kollaborateure denunziert zu werden. Dies steigerte das Risiko und machte es den einfachen Menschen schwerer, sich über Konventionen und Regeln hinwegzusetzen. Wer sich entschloss, Juden zu beschützen, musste sein normales Leben aufgeben und eine geheime Existenz aufbauen – oft entgegen den akzeptierten Normen der Gesellschaft, in der er lebte, in ständiger Angst vor Nachbarn und Freunden – und sich mit einem Leben abfinden, das von der Furcht vor Denunziation und Gefangennahme bestimmt war.

Die meisten Retter waren ganz gewöhnliche Menschen. Manche handelten aus politischer, ideologischer oder religiöser Überzeugung. Andere waren keine großartigen Idealisten, sondern Menschen, die sich einfach um ihre Mitmenschen sorgten. Viele hatten nie vorgehabt, zu Rettern zu werden, und waren vollkommen unvorbereitet auf den Augenblick, in dem sie eine so weitreichende Entscheidung fällen mussten. Sie waren einfache Menschen, und gerade ihre Menschlichkeit ist es, die uns berührt und uns als Vorbild dienen sollte. Bis jetzt hat Yad Vashem „Gerechte unter den Völkern“ aus 44 Ländern und Nationalitäten anerkannt: unter ihnen sind Christen aus allen Glaubensrichtungen und Kirchen, Muslime und Agnostiker, Männer und Frauen jeden Alters. Sie stammen aus allen Schichten der Gesellschaft: hochgebildete Menschen wie analphabetische Bauern, Personen des öffentlichen Lebens  sowie Menschen vom Rande der Gesellschaft, Stadtbewohner und Bauern aus den entlegendsten Gebieten Europas, Universitätsprofessoren, Lehrer, Ärzte, Geistliche, Nonnen, Diplomaten, einfache Arbeiter, Dienstboten, Widerstandskämpfer, Polizisten, Fischer, ein Zoodirektor, ein Zirkusbesitzer und viele andere.

Wissenschaftler haben versucht, die Charaktereigenschaften, die diesen Gerechten unter den Völkern gemein sind, nachzuzeichnen und herauszufinden, bei wem die Wahrscheinlichkeit am größten war, dass er Juden oder anderen Verfolgten helfen würde. Manche behaupten, die Gerechten unter den Völkern seien eine bunt gemischte Gruppe, und ihr einziger gemeinsamer Nenner hätte in der Humanität und dem Mut gelegen, für ihre moralischen Prinzipien einzustanden. Samuel P. Oliner und Pearl M. Oliner definierten die altruistische Persönlichkeit: indem sie Retter und gleichgültige Beobachter während des Holocaust verglichen und sie einander gegenüberstellten, wiesen sie darauf hin, dass sich diejenigen, die eingriffen, durch Charaktereigenschaften wie Empathie und ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen auszeichneten. Nehama Tec, die viele Geschichten von Gerechten unter den Völkern untersucht hat, fand ein Bündel gemeinsamer Charaktereigenschaften sowie persönliche Prägungen wie Zurückgezogenheit, Einzelgängertum oder Außenseitertum.  Die Unabhängigkeit der Retter machte es ihnen möglich, entgegen den akzeptierten Konventionen und Ansichten zu handeln.

Gleichgültige Zuschauer waren die Regel, Retter die Ausnahme. Die Tatsache, dass manche den Mut fanden, zu Rettern zu werden,ungeachtet wie schwierig und beängstigend es war,  zeigt, dass durchaus ein gewisses Maß an Entscheidungsfreiheit bestand und dass die Rettung von Juden nicht jenseits der Möglichkeiten gewöhnlicher Menschen im besetzten Europa lag. Die Gerechten unter den Völkern lehren uns, dass jeder Mensch einen Unterschied machen kann.

Es gab verschiedene Grade der Hilfeleistung: manche gaben Juden zu essen, indem sie ihnen einen Apfel zusteckten oder für sie an Plätzen Nahrungsmittel hinterließen, die sie auf dem Weg zur Arbeit passieren mussten.  Andere leiteten Juden an Menschen weiter, die ihnen helfen konnten. Manche beherbergten Juden für eine Nacht, forderten sie aber auf, am Morgen weiterzuziehen. Nur wenige nahmen die gesamte Verantwortung für das Überleben der Juden auf sich. Es ist in erster Linie die letztgenannte Gruppe, die für den Titel „Gerechte unter den Völkern“ qualifiziert ist.

Die wichtigsten Arten der Hilfe, die von den Gerechten unter den Völkern geleistet wurden:
Das Verstecken von Juden im Haus oder auf dem Anwesen des Retters
In den ländlichen Gegenden Osteuropas grub man Verstecke oder Bunker, wie man sie nannte, unter Häusern, Kuhställen und Scheunen, wo die Juden allen Blicken entzogen waren.  Abgesehen von der Todesgefahr, in der die Juden schwebten, waren die physischen Bedingungen in solchen dunklen, kalten, luftarmen und beengten Orten über längere Zeit schwer erträglich. Die Retter, die ebenfalls in Angst und Schrecken lebten, übernahmen es, Nahrung zu beschaffen - für arme Familien zu Kriegszeiten kein leichtes Unterfangen - entfernten die Exkremente und kümmerten sich um alle Bedürfnisse ihrer Schützlinge. Auch auf Dachböden, Unterschlupfen im Wald und an jedem anderen Ort, der Schutz und Geborgenheit versprach, wie Friedhöfen, Abwasserkanälen, Käfigen im Zoo und viele weitere wurden Juden versteckt. Manchmal wurden die versteckten Juden als Nichtjuden, Verwandte oder Adoptivkinder ausgegeben. Auch in Stadtwohnungen versteckte man Juden, und Kinder brachte man in Klöstern unter, wo Nonnen deren wahre Identität geheimhielten. In Westeuropa wurden Juden überwiegend in Häusern, Bauernhöfen und Klöstern versteckt.

Beschaffung falscher Papiere und falscher Identitäten
Um die Identität eines Nichtjuden anzunehmen, brauchten die Juden gefälschte Papiere  und Hilfe beim Aufbau einer Existenz unter fremdem Namen. In diesem Fall waren die Retter Fälscher oder Beamte, die gefälschte Dokumente beschafften, Geistliche, die Taufscheine fälschten, und ausländische Diplomaten, die entgegen den Anweisungen und Richtlinien ihrer Länder Visa und Pässe ausstellten. Ende 1944 stellten Diplomaten in Budapest Schutzpapiere aus und drapierten ganze Gebäude mit ihrer Landesfahne, um Juden der diplomatischen Immunität ihres Landes zu unterstellen. Manche deutschen Retter - wie Oskar Schindler - gebrauchten falsche Vorwände, um ihre Arbeiter vor der Deportation zu bewahren und behaupteten, die Juden würden für die Kriegsanstrengungen der Wehrmacht  benötigt.

Das Schmuggeln von Juden und Fluchthilfe
Manche Retter halfen Juden eine Zone extremer Gefahr zu verlassen und an einen weniger gefährlichen Standort zu fliehen. Das Hinausschmuggeln von Juden aus Ghettos und Gefängnissen, Hilfe beim Überqueren der Grenze in nicht besetzte Länder oder in Gegenden, wo die Verfolgung weniger intensiv war, zum Beispiel in die neutrale Schweiz, in die von Italien kontrollierten Gebiete, wo es keine Deportationen gab, oder in das Ungarn vor der deutschen Besetzung im März  1944.

Die Rettung von Kindern
Eltern standen vor einem qualvollen Dilemma, wenn sie sich von ihren Kindern trennen und sie weggeben mussten in der Hoffnung, ihre Überlebenschancen zu erhöhen. In manchen Fällen wurden Kinder, die nach der Ermordung ihrer Eltern allein zurückgeblieben waren, von Familien oder Klöstern aufgenommen. Oft waren es Einzelpersonen, die sich entschlossen, ein Kind aufzunehmen, während es in manchen Ländern, besonders in Polen, Belgien, Holland und Frankreich, Untergrundorganisationen gab, die ein Zuhause für die Kinder fanden, die nötigen Geldmittel , Nahrung und Medikamente besorgten und darauf achteten, dass die Kinder gut versorgt wurden.