Gedenken

Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust

Aufstand und Rebellion zur Zeit des Holocaust: 70 Jahre Warschauer Ghettoaufstand

Das zentrale Thema des Holocaustgedenktags 2013

Prof. Dina Porat

„Es ist eine Notwendigkeit, […] ja sogar eine Pflicht gegenüber der historischen Wahrheit, gegenüber dem Erbe, das unsere Generation an die nachfolgenden weitergeben wird, nicht nur den Untergang zu erwähnen [...]sondern auch den heldenhaften Kampf des Volkes, des Kollektivs wie des einzelnen, zur Zeit der Vernichtung und an den Orten der Vernichtung, in seinem gesamten Umfang aufzudecken.“

So schrieb Jizchak (Antek) Zuckerman, einer der Urheber des Aufstands im Warschauer Ghetto, bereits Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seine Worte bleiben auch heute, 70 Jahre nach dem Aufstand, ein leitendes Prinzip.

„Aufstand“ und „Rebellion“ sind Grundbegriffe der Diskussion über den Holocaust, und nicht ohne Grund: in den Ghettos, in den Lagern und an jedem Ort, an dem es eine jüdische Bevölkerung gab und wo sich zu dieser Zeit jüdisches Leben abspielte, kam Rebellion zum Ausdruck – staatsbürgerliche, persönliche, familiäre und kollektive– die alle möglichen Formen des Widerstands annahm und sich sämtlicher denkbaren Mittel bediente, den grausamen Plan zu vereiteln, das gesamte jüdische Kollektiv zu vernichten. Die Flucht ins Versteck, Organisation im Innern, gegenseitige Hilfe, der Versuch, die schwindenden Ressourcen zu teilen, Unterstützung von Freunden und Verwandten auch auf Kosten der eigenen Kraft und des eigenen Lebensunterhalts, Lernen und schöpferische Tätigkeit, das Einhalten von Geboten, Ritualen und Feiertagen, wenn auch oft nur in minimalem Umfang, unter jedweden Umständen – all dies stellte einen beständigen Versuch dar, die Verordnungen und Befehle zu unterlaufen, die immer wieder über die Juden verhängt wurden, im größtmöglichen Maße die deutschen Kriegsanstrengungen zu sabotieren, und in manchen Fällen, aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, am Leben zu bleiben und das Glück zu haben, den Tag des Sieges zu erleben.

Auch die Rebellion nahm unterschiedliche, vielfältige Formen an und entbrannte an etwa 50 Orten. Der bedeutendste Fall bewaffneten Aufstands in den Ghettos brach in Warschau in der Seder-Nacht des Jahres 5703 (19. April 1943) aus. Der Aufstand begann als Reaktion auf das Eindringen der Deutschen ins Ghetto und stellte eine Fortsetzung des bewaffneten Widerstands dar, der im Januar zuvor im Ghetto ausgebrochen war. Im April war es klar, dass die Deutschen beabsichtigten, das Ghetto zu liquidieren und Adolf Hitler die endgültige Zerstörung des größten Ghettos im besetzten Europa als Geburtstagsgeschenk zu präsentieren. Es waren die jungen Juden, mittellos und ohne Hilfe von außen, deren Urteil die deutschen Besatzer bereits gefällt hatten, die sich in zwei Untergrundbewegungen organisierten (der Jüdischen Kampforganisation und dem Jüdischen Militärverband) und den Aufstand in Warschau ins Rollen brachten. Doch nicht nur die Mitglieder der Untergrundbewegungen wehrten sich: dies war ein Aufstand aller überlebenden Juden des Ghettos. Nach der großen Deportation von 265.000 Menschen ins Vernichtungslager Treblinka blieben im Ghetto etwa 50.000 Juden zurück. Diese lehnten sich mit sämtlichen armseligen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, gegen ihre Mörder auf, verschanzten sich in Bunkern und verteidigten sich etwa einen Monat lang tapfer und hartnäckig – bis sie überwältigt wurden.

Der Warschauer Ghettoaufstand wurde zum universellen Symbol  des Heldentums der wenigen gegenüber mörderischer Unterdrückung in einer hoffnungslosen Situation. Später inspirierte er breitgefächerte akadamische Forschung, literarisches und künstlerisches Schaffen und wurde zur Quelle des Stolzes der Überlebenden und des gesamten jüdischen Volkes. Der Warschauer Ghettoaufstand war die erste städtische Revolte großen Maßstabs. Er ging ähnlichen nicht-jüdischen Untergrundaktivitäten und Rebellionen voraus und stärkte und vereinte die jüdische Jugend an anderen Orten. Bereits vor Warschau kamen Akte bewaffneten jüdischen Widerstands vor, und es wurden Vorbereitungen getroffen, die erst später Früchte trugen.  Als es in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 klar wurde, dass den kleinen Ghettos Łachwa und Njaswisch (Weißrussland) und Tuczyn (Wolhynien) die Liquidierung bevorstand, gingen der Untergrund und die anderen im Ghetto Eingesperrten mit vereinten Kräften vor, steckten ihre Häuser in Brand und durchbrachen die Mauer, um in die Wälder zu gelangen. Auch in Wilna und Kowno (Litauen), in Białystok, Częstochowa und Będzin (Polen) entstanden Untergrundorganisationen und bereiteten sich, so gut sie es mit ihren armseligen Mitteln konnten, auf den Augenblick des Kampfes vor. In Kraków entsandte der Untergrund Kämpfer nach außerhalb des Ghettos, wo sie einen erfolgreichen Angriff auf Angehörige der Wehrmacht verübten. Im Osten, Westen und Süden Europas bahnten sich Zehntausende Juden einen Weg in die Wälder, in Sümpfe und Berge, um sich dem Kampf der Partisanen anzuschließen, und taten sich hervor in der Kriegführung gegen die feindliche Etappe. Viele von ihnen wurden für ihren Mut ausgezeichnet, doch nur wenige überlebten bis zum Ende des Krieges.

Außer den Aufständen in den Ghettos kam  es zur Auflehnung an den Stätten des Mordes, in Arbeits- und Konzentrationslagern und sogar in drei Vernichtungslagern: in Treblinka und Sobibor im Sommer 1943 und in Auschwitz-Birkenau im Herbst 1941. Die Tatsache, dass die Anzahl der Aufständischen, denen es gelang, aus den Lagern auszubrechen und zu überleben, extrem gering war, mindert nicht die Tat selbst, die an Orten vollbracht wurde, an denen die Grausamkeit ihre extremsten Dimensionen erreichte.

Aufstand und Rebellion sind Ausdruck eines Seelenzustands, dessen Kern eine Auflehnung gegen die Realität ist und ein Versuch, sie zu ändern. Sie machen das Phänomen aus, das Antek Zuckermann den „heldenhaften Kampf des Volkes, des Kollektivs wie des einzelnen“ nannte.