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„Der Schlag kam von innen" - Der Novemberpogrom

„Das deutsche Judentum war so tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt, dass der Schlag des Nationalsozialismus es von innen traf." (Prof. Walter Zwi Bacharach)

In der Nacht vom 9. zum 10. November gingen in ganz Deutschland mehr als 1400 Synagogen in Flammen auf. Tausende jüdische Geschäfte und Firmen wurden geplündert und zerstört. Während des Pogroms wurden, nach allgemeiner Meinung, 91 Juden ermordet. In den Tagen nach dem Pogrom wurden ungefähr 30,000 Juden von der deutschen Polizei verhaftet und in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald interniert. Hunderte von Insassen überlebten die Lager nicht. Diese Ausstellung erzählt die Geschichte ausgewählter jüdischer Gemeinden, die ein Teil der Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland waren über hunderte Jahre hinweg.

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Einleitung

„Das deutsche Judentum war so tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt, dass der Schlag des Nationalsozialismus es von innen traf."

Prof. Walter Zwi Bacharach

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen in Deutschland mehr als 1.400 Synagogen in Flammen auf. Tausende von jüdischen Geschäften und Betrieben wurden ausgeraubt und zerstört. Der gängigen Zählung zufolge wurden im Laufe des Pogroms 91 Juden ermordet. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer von der deutschen Polizei verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald gebracht. Hunderte von jüdischen Gefangenen kehrten nicht aus diesen Lagern zurück.

Der Pogrom, der von den nationalsozialistischen Machthabern als spontane Reaktion der aufgebrachten deutschen Bevölkerung auf den Tod Ernst vom Raths, des dritten Sekretärs der deutschen Botschaft in Paris, dargestellt wurde, der zwei Tage zuvor von dem jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan erschossen worden war, war in Wirklichkeit von verschiedenen Stellen der NSDAP mindestens seit Sommer 1938 geplant worden. Schon damals wurden systematisch Listen der Juden angelegt, die verhaftet werden sollten, und in den drei Konzentrationslagern wurden zusätzliche Baracken zu ihrer Unterbringung errichtet. Die Vorbereitungen zum Pogrom bildeten den Höhepunkt der Eskalation der anti-jüdischen Politik des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1938, eines Prozesses, der aus Sicht der Nationalsozialisten ein untrennbarer Bestandteil der Kriegsvorbereitungen war.

Das Feuer der Ausschreitungen wurde großteils von Joseph Goebbels entfacht, der hinter dem stand, was als „spontane Aktionen" von Partei-Organisationen an verschiedenen Orten deklariert wurde. Die Lenkung des Pogroms stellte für Goebbels, der mit „stillschweigender Zustimmung" Hitlers agierte, eine Gelegenheit dar, sich mit der Entscheidungsfindung in dieser Angelegenheit zu profilieren. Goebbels, der den Verlauf des Pogroms in seinen Tagebüchern beschrieb, bezog sich auf das, was er als die Notwendigkeit sah, den Zorn der Massen auf die Juden sich entladen zu lassen. Weitere Akteure der nationalsozialistischen Regierungsspitze – allen voran die SS sowie Hermann Göring, der als der Hauptverantwortliche für die Formulierung der antijüdischen Politik Deutschlands zu dieser Zeit gilt – waren sich dieser Vorgänge bewusst und nutzten sie zur Förderung ihrer Interessen aus. Wie Heydrich im Februar 1939 anmerkte, begründeten die Ereignisse des Novembers die Notwendigkeit, gegen die gesamte jüdische Bevölkerung vorzugehen. Tatsächlich führten sie dazu, dass die SS von diesem Zeitpunkt an unter der Schirmherrschaft Görings das Monopol auf die Behandlung der „Judenfrage" erhielt.

Die öffentliche Zerstörung von Synagogen an sich war keine Erfindung des Novembers 1938. Bereits in den Monaten vor dem Pogrom kam es vor, dass die Synagogen kleinerer Gemeinden an „arische" Besitzer übergeben wurden, die sie in manchen Fällen zu Scheunen und Ställen machten, während andere in Brand gesteckt wurden. In München, Nürnberg und Dortmund wurden bereits im Juni, August und September 1938 Synagogen gesprengt und zerstört. In diesen drei Städten versammelten sich deutsche Einwohner rings um die Synagogen und feierten öffentlich deren Zerstörung. Was neu und charakteristisch für die Reichspogromnacht war, war die Systematik, mit der innerhalb einer einzigen Nacht die Synagogen im gesamten Reichsgebiet in Brand gesteckt wurden, was symbolisch das Ende der jüdischen Präsenz im deutschen öffentlichen Raum verkündete. Der Angriff auf die Juden ermöglichte es den Randalierern, ihren aufgestauten Hass auf beinahe jede beliebige Art zu entladen. An verschiedenen Orten, wie zum Beispiel in Regensburg, wurde das Pogrom von öffentlichen Erniedrigungen oder sogenannten „Schandmärschen" begleitet. In München, wo die Ausschreitungen nach einer Hetzrede von Goebbels ausgebrochen waren, brachen die Randalierer in ein jüdisches Haus ein und ermordeten einen Juden in seinem Bett. In Köln gingen organisierte Gruppen von einer jüdischen Wohnung zur nächsten und warfen verschiedene Gegenstände, wie Bettzeug, Grammophone, Schreibmaschinen und sogar ein Klavier aus den Fenstern. In Baden-Baden zwangen die Randalierer einen ortsansässigen jüdischen Lehrer vom Lesepult der Synagoge Ausschnitte aus „Mein Kampf" zu lesen. Danach setzten sie die Synagoge in Brand.

Die zentrale Stellung der Reichspogromnacht in der Geschichtsschreibung und im kollektiven jüdischen und deutschen Gedächtnis rührt daher, dass sie einen Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Deutschland sowie in der antisemitischen Politik des Regimes und in der Einstellung der deutschen Gesellschaft gegenüber den Ereignissen darstellt. Die Zerstörung der Synagogen in Städten wie Worms und Regensburg, in denen jüdisches religiöses Leben bereits im Mittelalter existiert hatte, signalisierte das Ende der jüdischen Präsenz im deutschen Raum. Diese Tendenz zeigte sich auch darin, dass die nationalsozialistischen Behörden in den Tagen nach dem Pogrom die Schließung zahlreicher jüdischer Organisationen und Publikationsorgane betrieben, die jahrzehntelang in Deutschland aktiv gewesen waren und auch in den ersten Jahren des Regimes ihre Tätigkeit aufrechterhalten hatten. Die Masseninhaftierung von 30,000 Juden in Konzentrationslagern kennzeichnete den Abschluss der Wende von der Politik der Isolation und Ausgrenzung der Juden, die die Nationalsozialisten seit 1933 betrieben hatten, hin zu einer brutaleren Politik der Vertreibung und erzwungenen Emigration. Im Januar 1939 nahm in Berlin die „Reichszentrale für jüdische Auswanderung" unter der Leitung von Adolf Eichmann ihre Tätigkeit auf und übertrug die Politik der erzwungenen Auswanderung, die seit dem Sommer 1938 in Wien ausgearbeitet worden war, auf die Gebiete des „Altreichs". Man muss einen weiteren Wendepunkt darin sehen, dass diese Aktionen sich in aller Öffentlichkeit, vor aller Augen abspielten: die deutsche Zivilbevölkerung wurde jetzt direkt mit der antijüdischen Politik des Naziregimes konfrontiert.

Löscharbeiten an der Synagoge in Worms am Tag nach der Reichspogromnacht

Die Synagoge wurde niedergebrannt, mehr als 11 jüdische Geschäfte wurden zerstört, 130 Privatwohnungen verwüstet und 46 jüdische Männer nach Buchenwald deportiert.

Die Gemeinde in Worms zählte 1933 etwas mehr als 1000 Mitglieder. Ein Teil von ihnen schaffte es noch vor Kriegsausbruch, in Nachbarländer zu fliehen, die jedoch später meist ebenfalls von den Deutschen besetzt wurden. 37 Juden wurden im Oktober 1938 nach Zbonszyn deportiert. Keiner von ihnen kehrte zurück. Deportationen in die Lager im Osten begannen im März 1942. Ingesamt wurden bis 1945 439 Wormser Juden ermordet. Als die Amerikaner im März 1945 in Worms einmarschierten, lebte kein einziger Jude mehr in der Stadt.

Yad Vashem Fotoarchiv 2663/2

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Ruinen der Wormser Synagoge

Die Synagoge wurde während der Novemberpogrome 1938 in Brand gesteckt. Die noch stehenden Mauern wurden 1942 abgebrochen.

Eine jüdische Gemeinde existierte in Worms seit dem 10 Jahrhundert. Der Grundstein für die erste Wormser Synagoge wurden im 11. Jahrhundert gelegt, und sie wurde zum Zentrum einer der größten und blühendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands im Mittelalter. So studierte beispielsweise der bekannteste aller jüdischen Bibelexegeten, Rabbi Schlomo ben Jizchak (Raschi), der später in Troyes eine der bedeutendsten Talmudschulen Europas gründete, in Worms. Während des ersten Kreuzzuges 1096 wurde die Gemeinde fast völlig ausgelöscht. Zwar wurde der kaiserliche Schutz danach offiziell erneuert, jedoch litten die Juden weiterhin unter Pogromen, ganz besonders während der Großen Pest im 14. Jahrhundert. Auch wenn sich im 16. Jahrhundert wieder eine recht starke jüdische Gemeinde in Worms bildete, so erreichte sie doch nie wieder ihre frühere Bedeutung.

Yad Vashem Fotoarchiv 4620/2622

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Torahrollen, die während der Novemberpogrome beschädigt und entweiht wurden, Worms 1938

Worms gehörte zu den sogenannten „SchUM-Gemeinden". Als „SchUM" werden die drei Rheinstädte Speyer, Worms und Mainz bezeichnet. „SchUM" ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben ihrer mittelalterlichen hebräischen Namen. Ab dem 12. Jahrhundert hielten die drei SchUM-Gemeinden Synoden ab, die eine gemeinsame Position bei der Auslegung der Religionsgesetze vertraten und zur führenden Autorität der aschkenasischen Juden wurden. Ausdruck findet dies in den Takkanot-SchUM (den gemeinsamen Rechtssatzungen der SchUM-Gemeinden), die sich mit religiösen, moralischen und sozialen Angelegenheiten sowie mit Erziehungs- und Steuerfragen der jüdischen Bevölkerung befassten.

Yad Vashem Fotoarchiv 4620/2631

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Die Synagoge in Regensburg nach der Novemberpogromnacht

Die Novemberpogrome und die Deportationen in den Osten bedeuteten das Ende der jüdischen Gemeinde in Regensburg, der ältesten in ganz Bayern. Die erste schriftliche Erwähnung von Juden in Regensburg geht ins 10. Jahrhundert zurück. Schnell entwickelte sich die Gemeinde zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und ist u.a. verbunden mit den Namen der Talmud-Kommentatoren Rabbi Jizchak ben Mordechai (Ribam) und Rabbi Ephraim ben Jizchak („Ephraim der Große“). Letzterer war auch für seine liturgischen Dichtungen („Pijjutim“) bekannt, die in ganz Deutschland als unübertrefflich galten. Ende des 12. Jahrhunderts gründete Rabbi Jehuda ben Schmuel ha-Chasid („Jehuda der Fromme“) in Regensburg eine berühmte Jeschiwa und veröffentlichte sein wohl bekanntestes Werk, das „Buch der Frommen". Jehuda der Fromme war einer der bedeutendsten Vertreter der „Chaside Aschkenas", einer mystisch-spirituellen Bewegung im Mittelalter.

Yad Vashem Fotoarchiv 195/D38

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Ruine der Synagoge in Regensburg

Im November 1938 lebten noch etwa 220 Juden in Regensburg. In der Pogromnacht wurde die Synagoge in der Schäffnerstraße niedergebrannt. Durchgeführt wurde die Aktion in erster Linie von Angehörigen der Motorsportschule des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK): 250 bis 300 Schüler marschierten am Abend des 9. November 1938 zur Synagoge, brachen die Tore auf, schändeten, plünderten und verwüsteten ihr Inneres und brannten sie schließlich nieder. Dasselbe geschah am 9. November 1938 mit den meisten der 200 jüdischen Bethäuser und Synagogen in Bayern. Die Feuerwehr bekam den Befehl, nur die benachbarten Gebäude, nicht aber die Synagoge selbst zu schützen.

Yad Vashem Fotoarchiv 195/D41

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Juden beim „Schandmarsch“ durch Regensburg, 10.November 1938

Während der Reichspogromnacht wurden zahlreiche Juden verhaftet und auf die Polizeistation gebracht, von wo aus viele von ihnen am frühen Morgen von Schülern des NSKK abgeholt wurden. Die Juden mussten – unabhängig von Alter und Gesundheitszustand – auf dem Gelände der Motorsportschule des NSKK erniedrigende Sportübungen absolvieren, denen besonders die Alten und Kranken nicht gewachsen waren. Von dort wurden sie auf einem „Schandmarsch“ durch die Maximilianstraße getrieben. Anschließend wurde eine Anzahl jüdischer Männer nach Dachau gebracht, wo sie bis zu sechs Wochen inhaftiert blieben.

Die Deportationen in den Osten begannen am 2. April 1942 mit dem Transport von 106 Juden nach Piaski bei Lublin. Weitere Transporte verließen die Stadt im Sommer und Herbst desselben Jahres in Richtung Theresienstadt. Im März 1944 wurde im Hotel „Colosseum" eine Abteilung des Arbeitslagers Flössenburg eingerichtet, in dem u.a. 150 Juden Zwangarbeit leisten mussten. Mit der Auflösung des Arbeitslagers im April 1944 wurden die Juden in das KZ Landshut deportiert.

Yad Vashem Fotoarchiv 195/D17

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Die „Ohel Jakob"-Synagoge in München nach dem Novemberpogrom 1938

Die angeblich spontanen Ausschreitungen wurden von Propagandaminister Goebbels mit einer antisemitischen Rede vor Gauleitern im Alten Rathaus von München angestachelt. Im Anschluss zog die aufgehetzte Menge los, zerstörte die Fenster jüdischer Geschäfte und steckte sie zum Teil in Brand, verwüstete jüdische Wohnhäuser und ermordete einen Juden polnischer Staatsangehörigkeit in seinem Bett. Die „Ohel Jakob"-Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße wurde niedergebrannt, und die Kosten für den Abriss der Ruine wurden der Kultusgemeinde auferlegt.

Nach dem Novemberpogrom fiel die Anzahl jüdischer Bürger fast um die Hälfte. Lebten 1937 noch 8713 Juden in München, so waren es 1939 nur noch 4535. Die meisten von ihnen wanderten in andere Länder Europas aus, aber auch nach Israel und Amerika.

Yad Vashem Fotoarchiv 4613/621

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Die „Ohel Jakob"-Synagoge in München nach dem Novemberpogrom

Am 9./10. November wurden ungefähr 1000 Juden verhaftet und nach Dachau geschickt. Im Herbst 1941 wurden 1500 jüdische Wohnungen konfisziert und ihre Bewohner in die „Judensiedlung" in Milbertshofen und in das „Judenlager" Berg am Laim umgesiedelt. Die Siedlung in Milbertshofen fungierte als
Sammel-, Durchgangs- und Arbeitslager für Juden. Von hier aus wurden im November 1941 etwa 1000 Menschen nach Kaunas in Litauen deportiert. 1942 begannen die Deportationen nach Theresienstadt, und im März 1943 fand ein Transport nach Auschwitz statt.

Die Wurzeln der jüdischen Gemeinde in München reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Im 15. Jahrhundert wurden die Juden aus München vertrieben. Erst im 18. Jahrhundert durften sich wieder Juden ansiedeln. Ihre höchste Mitgliederzahl, etwa 11.000, erreichte die jüdische Gemeinde Anfang des 20. Jahrhunderts. Von den 9005 Juden, die 1933 in München lebten, wurden 2991 deportiert.

Yad Vashem Fotoarchiv 4613/679

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Die Synagoge in Baden-Baden nach der Pogromnacht 1938

Von einer eigentlichen jüdischen Gemeinde kann im Grunde erst ab dem 19. Jahrhundert die Rede sein. Das Judenedikt von 1808 und die Emanzipation öffneten die Tore Badens, und langsam siedelten sich Juden an. Die erste Synagoge in Baden-Baden wurde 1899 eingeweiht.

1933, im Jahr der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler lebten in Baden-Baden 260 Juden, von denen allerdings bis 1938 65 die Stadt verließen. Die Synagoge wurde während der Reichspogromnacht niedergebrannt.

Yad Vashem Fotoarchiv 136CO9

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Juden aus Baden-Baden werden von der SS in die Synagoge gebracht

Am Morgen des 10. November 1938 drangen Mitglieder der SS in jüdische Wohnungen ein, verhafteten ca. 80 jüdische Männer und zwangen sie, durch die Stadt zur Synagoge zu marschieren. Vom Straßenrand aus wurden sie von Bewohnern der Stadt und Mitgliedern der Hitlerjugend mit antisemitischen Sprüchen beschimpft. In der Synagoge mussten sie die Kopfbedeckung abnehmen und das Horst Wessel Lied singen. Ein ehemaliger Lehrer des örtlichen Gymnasiums wurde gezwungen, von der Bima (dem Vorlesepult) aus „Mein Kampf" vorzulesen. Danach wurde die Synagoge niedergebrannt und etwa 40 Juden nach Dachau verschleppt. Im Herbst 1940 wurde die Mehrheit der verbliebenen Baden-Badener Juden nach Gurs in Frankreich deportiert.

Yad Vashem Fotoarchiv 138FO8

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Deportation von Juden nach Dachau, Baden-Baden 1938

Im Zuge des Novemberpogroms wurden jüdische Männer aus Baden-Baden nach Dachau gebracht. Die Synagoge der Stadt wurde niedergebrannt. In der damaligen Republik Baden (heute Teil von Baden-Württemberg) wurden insgesamt 55 Synagogen zerstört und weitere 40 beschädigt. 5617 Badener Juden wurden im Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Weitere Deportationszüge verließen Baden ab März 1942 in Richtung Theresienstadt und Auschwitz.

Yad Vashem Fotoarchiv 102GO1

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Zerstörte jüdische Geschäfte nach dem Novemberpogrom in Kassel

Die Aufräumarbeiten mussten von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde selbst durchgeführt werden. Dabei wurden sie von Passanten und Schaulustigen beobachtet. Eine jüdische Gemeinde besteht in Kassel seit dem 13. Jahrhundert. 1808 bestimmte König Jérome Bonaparte, ein Bruder Napoleons, per Dekret, den Juden seien dieselben Rechte und Freiheiten einzuräumen wie den übrigen Untertanen. Die rechtliche Verbesserung der Juden führte zu einem starken Anwachsen der Gemeinde.

1933 lebten 2301 Juden in Kassel. Während des Novemberpogroms wurden nicht nur hunderte jüdischer Geschäfte demoliert und die Synagoge zerstört, sondern auch fast 300 jüdische Männer nach Buchenwald transportiert. Unter den Deportierten befand sich auch der Kasseler Landesrabbiner Robert Raphael Geis. Geis hatte bei Leo Baeck an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin studiert. Nach einigen Wochen Haft in Buchenwald verließ Geis Deutschland und gelangte nach Palästina. Nach der Reichspogromnacht verblieben nur 1500 Juden in Kassel. Die Deportationen begannen am 6.12.1941 mit einem Transport von 470 Juden nach Riga. Im Laufe des Jahres 1942 verließen weitere Deportationszüge Kassel in Richtung Majdanek und Theresienstadt.

Yad Vashem Fotoarchiv 3227/19

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Die brennende Synagoge während der Reichspogromnacht, Marburg 1938

Die Synagoge im byzantinischen Stil in der Universitätsstraße wurde 1897 eingeweiht und bot Platz für mehr als 400 Menschen. In der Nacht des 9. November wurde sie von Marburger SA-Männern in Brand gesteckt. Die robusten Mauern des Gebäudes, die das Feuer überstanden hatten, wurden am darauffolgenden Tag gesprengt. Die Abbruchskosten musste die jüdische Gemeinde tragen. Während des Pogroms wurden 37 jüdische Männer verhaftet und nach Buchenwald deportiert.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Marburg geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Ist bereits 1317 die erste Synagoge erwähnt, so waren die darauffolgenden Jahrhunderte von Pogromen und Vertreibungen gekennzeichnet. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl der jüdischen Einwohner konstant zu, so dass gegen Ende des Jahrhunderts ungefähr 500 Gemeindemitglieder gezählt wurden. In diesen Jahren lehrte an der Marburger Universität Hermann Cohen, Mitbegründer des Marburger Neukantianismus und einer der bedeutendsten jüdischen Philosophen des 19. Jahrhunderts.

Im Dezember 1941 wurden 23 Marburger Juden nach Kassel gebracht und von dort nach Riga deportiert. 54 weitere Juden wurden im Laufe des Jahres 1942 in zwei Transporten in andere Lager im Osten geschickt.

Yad Vashem Fotoarchiv 136A06

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Die brennende orthodoxe Synagoge am Börneplatz, November 1938

Die Synagoge wurde 1882 eingeweiht und blieb bis zu ihrer Zerstörung während des Novemberpogroms von 1938 das spirituelle Zentrum der orthodoxen Gemeinde.

Erstmals urkundlich belegt wurden Juden in Frankfurt im 11. Jahrhundert. Die ersten Jahrhunderte waren durch einen Wechsel von Pogromen und Privilegien gekennzeichnet. Im 15. Jahrhundert musste die jüdische Bevölkerung die Stadtmauern verlassen und sich in der sogenannten „Judengasse" ansiedeln. Dies war der Beginn der Einrichtung eines abgeschlossenen Ghettos. Trotz radikaler Einschränkungen entwickelte sich die Frankfurter Gemeinde vom 16. Jahrhundert an zu einer der bedeutensten in ganz Deutschland. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Ghettozwang aufgehoben. Zu den bekanntesten Frankfurter Juden gehörte beispielsweise der Bankier Mayer Amschel Rothschild. Auch der Vordenker des Reformjudentums, Abraham Geiger, sowie der Begründer der Neo-Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, wirkten in Frankfurt. 1920 gründete Franz Rosenzweig das Freie Jüdische Lehrhaus, zu dessen Dozenten Martin Buber, Eduard Strauss, Ernst Simon und Siegfried Kracauer zählten.

Yad Vashem Fotoarchiv 3705/17

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Zerstörte Synagoge in Frankfurt am Main, November 1938

Alle vier großen Synagogen in Frankfurt wurden in der Reichspogromnacht in Brand gesteckt. Abgesehen von denen der Westendsynagoge wurden die Überreste aller Synagogengebäude abgerissen. Im Laufe des Pogroms wurden Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Hause aufgesucht oder auf der Straße festgenommen und in die Festhalle gebracht, wo sie den ganzen Tag stehen mussten. Die Verhaftungswelle dauerte vier Tage an. Von den festgenommenen Juden wurden 2621 nach Buchenwald deportiert.

Während Ende der zwanziger Jahre fast 30,000 Juden in Frankfurt lebten, waren zu Kriegsausbruch nur noch knapp 14.000 in der Stadt ansässig. Die erste Deportation Frankfurter Juden in den Osten begann am frühen Morgen des 19. Oktober 1941. Mehr als 1125 Juden, nur mit dem Allernotwendigsten ausgerüstet, mussten durch die Stadt zur Großmarkthalle maschieren, die als Sammelstelle für die Deportationen fungierte, und wurden von dort nach Lodz deportiert. Es folgten Deportationen nach Riga, Minsk, Theresienstadt und Auschwitz. Als die Alliierten Frankfurt befreiten, lebten nur noch ca. 140 Juden in der Stadt.

Yad Vashem Fotoarchiv 3705/29

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Passanten inspizieren ein jüdisches Geschäft nach der Reichspogromnacht, Berlin 1938

Im Laufe des Pogroms wurden fast alle Synagogen abgebrannt, jüdische Schulen, Gemeindehäuser und Artzpraxen mutwillig beschädigt, jüdische Geschäfte gestürmt und verwüstet. Jüdische Institutionen wurden geschlossen, zum Teil auch in Brand gesteckt und ihr Besitz konfisziert. Dazu gehörten die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, das Rabbinerseminar, Archiv und Bibliothek der Gemeinde sowie das Archiv des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Nach November 1938 war es nur einer einzigen jüdischen Zeitung, dem neugegründeten „Jüdischen Nachrichtenblatt", erlaubt, zu veröffentlichen.

Yad Vashem Fotoarchiv 5648/29

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Ein jüdisches Geschäft in Berlin nach der Pogromnacht, 1938

Insgesamt wurden am 9./10.November 1938 7500 jüdische Geschäfte verwüstet und zerstört. Breite öffentliche Proteste oder Widerstand in der nichtjüdischen Bevökerung gegen die Pogrome blieben aus.

Die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Berlin findet sich im 13. Jahrhundert, jedoch litten sie unter Pogromen und wurden mehrfach vertrieben. Erst ab 1671 gab es kontinuierliches jüdisches Leben in Berlin, als mehreren jüdischen Familien, die aus Wien vertrieben worden waren, gestattet wurde, sich in der Stadt niederzulassen. Die erste Synagoge wurde 1714 in der Heidereuthergasse eingeweiht, und die Gemeinde wuchs kontinuierlich.

Berlin war das erste Zentrum der Haskala, der jüdischen Aufklärung, in Deutschland. Moses Mendelssohn, der als Wegbereiter der Haskala gilt, lebte in Berlin und war als Vorreiter der jüdischen Emanzipation eng mit David Friedländer, dem Gründer der Jüdischen Freischule, befreundet. Die Jüdische Freischule war die erste jüdische Lehrinstitution, die in deutscher Sprache unterrichtete. Die jüdische Bevölkerung nahm rasch zu, als Ende des 19. Jahrhunderts viele Juden aus Osteuropa nach Berlin kamen. Unter den Berliner Juden fanden sich bekannte Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler, Ärzte, aber auch einfache Arbeiter. Berlin war der Hauptsitz vieler jüdischer Organisationen, wie zum Beispiel des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens".

Yad Vashem Fotoarchiv 153eo03

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Innenraum der Synagoge Fasanenstraße in Berlin nach der Pogromnacht, November 1938

Die liberale Synagoge mit ca. 1700 Sitzplätzen war 1912 eingeweiht worden. Die Ursprünge des Liberalen Judentums liegen in erster Linie im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Berlin die liberale „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" gegründet, an der unter anderen Leo Baeck studierte und lehrte. 1933 lebten ca. 160.000 Juden in Berlin, ein Drittel aller Juden Deutschlands. Die Synagoge Fasanenstraße war gerade 26 Jahre in Betrieb, als sie in der Pogromnacht verwüstet und in Brand gesteckt wurde.

Yad Vashem Fotoarchiv 520/3

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Die Synagoge Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf

Die Synagoge wurde von dem Architekten Alexander Beer gebaut und im September 1930 eingeweiht. Mit 2300 Sitzplätzen war sie die größte Synagoge in Wilmersdorf, mit Orgel und ohne Frauenempore.

In der Pogromnacht wurde sie in Brand gesteckt, und 1939 erging der Befehl, die noch stehenden Mauern einzureißen.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten in Berlin nur noch etwa 75.000 Juden, d.h. etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung von 1933. Ein Teil schaffte es, rechtzeitig zu emigrieren, andere wählten den Freitod. 1941 lebten in Berlin noch etwa 66.000 Juden. Der erste Deportationszug verließ Berlin-Grunewald am 18.10.1941 nach Lodz („Litzmannstadt"). In insgesamt 61 Transporten wurden mehr als 35.000 Berliner Juden in den Osten deportiert. Weitere 123 „Alterstransporte" mit 15.122 Juden verließen Berlin in Richtung Theresienstadt.

Yad Vashem Fotoarchiv 215DO7

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Innenansicht des Wiener Stadttempels nach der Reichspogromnacht

Der Wiener Stadttempel wurde während des Pogroms am 9./10. November geplündert und verwüstet.

Die erste jüdische Gemeinde in Wien ist ab dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Im 13. und 14. Jahrhundert genossen die Juden Österreichs verhältnismäßig weitreichenden Schutz und Sicherheit, und in Wien etablierte sich eine wohlhabende jüdische Gemeinde. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts verschlechterte sich die Lage der Juden. Auf Befehl Herzog Albrechts V. wurde 1421 ein Dekret erlassen, das die planmäßige Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Österreich durch Zwangstaufe, Vertreibung und Hinrichtung durch Verbrennen anordnete. Erst mit der Aufklärung wurde von Joseph II. ein Toleranzedikt erlassen, das den Juden bürgerliche Rechte zusprach. Die Gründung einer jüdischen Gemeinde sollte allerdings bis ins 19. Jahrhundert verboten bleiben.

Yad Vashem Fotoarchiv FA66/2

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Innenansicht des Wiener Stadttempels nach der Reichspogromnacht

Mit dem Toleranzedikt Josephs II. entstand der Plan zur Errichtung einer Synagoge in der Innenstadt. Der Stadttempel wurde zur Hauptsynagoge in Wien und bot 700 Sitzplätze. Während in der Pogromnacht des 9./10. November 1938 die meisten Wiener Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt wurden, entging die Wiener Hauptsynagoge durch ihre enge Verbauung im Wohngebiet der Vernichtung. Der Innenraum wurde jedoch entweiht und verwüstet.

Yad Vashem Fotoarchiv FA66/4

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Zeremonienhalle des jüdischen Friedhofs in Wien, November 1938

Der Wiener Zentralfriedhof wurde 1874 eröffnet und zählt mit seinen Jugenstilbauten zu den besonderen Sehenswürdigkeiten Wiens. Als vom Wiener Gemeinderat der Beschluss zur Errichtung des Zentralfriedhofs gefasst wurde, war in diesem der interkonfessionelle Charakter des Friedhofs festgelegt, der einzelnen Glaubensgemeinschaften auf deren Wunsch eigene Abteilungen überlassen sollte. Der jüdischen Gemeinde wurde eine eigene Abteilung im Westen des Friedhofsgeländes zugesichert. Während des Novemberpogroms wurde die Zeremonienhalle in der alten Israelitischen Abteilung (1. Tor) gesprengt und die Halle in der neuen Israelitischen Abteilung (4. Tor) verwüstet.

Yad Vashem Fotoarchiv FA66/17

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Zeremonienhalle des jüdischen Friedhofs in Wien, November 1938

1879 wurde auf dem interkonfessionellen Zentralfriedhof im Westen der Anlage bei Tor 1 der jüdische Friedhof eingerichtet. Diese Abteilung war bereits 1916 völlig ausgelastet, weshalb am östlichen Ende des Friedhofsareals bei Tor 4 der „neue jüdische Friedhof" errichtet wurde.

Nachdem den Juden 1867 uneingeschränkte Ansiedlung und Religionsausübung gestattet wurden, wuchs die jüdische Gemeinde rasch. Im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielten Juden eine zentrale Rolle im geistigen und kulturellen Leben Wiens. Es finden sich Namen wie Arthur Schnitzler, Richard Beer-Hoffmann, Stefan Zweig, Gustav Mahler und Siegmund Freud, um nur einige zu nennen. Im Jahr 1923 zählte die jüdische Gemeinde 201.513 Mitglieder und stellte damit etwas mehr als 10% der Gesamtbevölkerung Wiens dar.

Yad Vashem Fotoarchiv FA66/22

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Brennende Synagoge während der Reichspogromnacht in Wien

Die Hietzinger Synagoge, auch Neue-Welt-Synagoge genannt, wurde 1931 eingeweiht. In den zwanziger Jahren wurde für den Bau ein internationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Den ersten Platz belegte der aus Österreich stammende Architekt Arthur Gruenberger. Die Synagoge wurde im November 1938 zerstört.

Die Pogromnacht traf die österreichischen Juden jedoch nicht so unerwartet wie die deutschen: Seit dem Anschluss im März 1938 war die jüdische Bevölkerung Wiens Schikanen und Angriffen ausgesetzt gewesen, hatten gewaltsame Übergriffe auf ihre Institutionen und Gebäude stattgefunden. Diese erreichten mit dem Novemberpogrom ihren Höhepunkt: einige tausend Juden wurden verhaftet und vor allem nach Dachau deportiert. Im Oktober 1939 verließen zwei Transporte mit insgesamt mehr als 1500 Juden Wien in Richtung Nisko. Gut 5000 Juden wurden im Februar und März 1941 auf fünf Transporten in das Generalgouvernement gebracht.

Yad Vashem Fotoarchiv FA66/33

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Hier können Sie aufgenommene Zeitzeugenberichte sehen, die die Geschehnisse der Novemberpogromnacht in verschiedenen Städten des Dritten Reiches schildern, sowie eine Orginalaufnahme über die Zerstörung der Synagoge in Bühl.



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