„Der Schlag kam von innen" - Der Novemberpogrom
- Karte
- Karte 1938
- Einleitung
- Worms
- Regensburg
- München
- Baden-Baden
- Kassel
- Marburg
- Frankfurt am Main
- Berlin
- Wien
- Videozeugnisse
„Das deutsche Judentum war so tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt, dass der Schlag des Nationalsozialismus es von innen traf." (Prof. Walter Zwi Bacharach)
In der Nacht vom 9. zum 10. November gingen in ganz Deutschland mehr als 1400 Synagogen in Flammen auf. Tausende jüdische Geschäfte und Firmen wurden geplündert und zerstört. Während des Pogroms wurden, nach allgemeiner Meinung, 91 Juden ermordet. In den Tagen nach dem Pogrom wurden ungefähr 30,000 Juden von der deutschen Polizei verhaftet und in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald interniert. Hunderte von Insassen überlebten die Lager nicht. Diese Ausstellung erzählt die Geschichte ausgewählter jüdischer Gemeinden, die ein Teil der Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland waren über hunderte Jahre hinweg.
Einleitung
„Das deutsche Judentum war so tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt, dass der Schlag des Nationalsozialismus es von innen traf."
Prof. Walter Zwi Bacharach
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gingen in Deutschland mehr als 1.400 Synagogen in Flammen auf. Tausende von jüdischen Geschäften und Betrieben wurden ausgeraubt und zerstört. Der gängigen Zählung zufolge wurden im Laufe des Pogroms 91 Juden ermordet. In den darauffolgenden Tagen wurden etwa 30.000 jüdische Männer von der deutschen Polizei verhaftet und in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald gebracht. Hunderte von jüdischen Gefangenen kehrten nicht aus diesen Lagern zurück.
Der Pogrom, der von den nationalsozialistischen Machthabern als spontane Reaktion der aufgebrachten deutschen Bevölkerung auf den Tod Ernst vom Raths, des dritten Sekretärs der deutschen Botschaft in Paris, dargestellt wurde, der zwei Tage zuvor von dem jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan erschossen worden war, war in Wirklichkeit von verschiedenen Stellen der NSDAP mindestens seit Sommer 1938 geplant worden. Schon damals wurden systematisch Listen der Juden angelegt, die verhaftet werden sollten, und in den drei Konzentrationslagern wurden zusätzliche Baracken zu ihrer Unterbringung errichtet. Die Vorbereitungen zum Pogrom bildeten den Höhepunkt der Eskalation der anti-jüdischen Politik des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1938, eines Prozesses, der aus Sicht der Nationalsozialisten ein untrennbarer Bestandteil der Kriegsvorbereitungen war.
Das Feuer der Ausschreitungen wurde großteils von Joseph Goebbels entfacht, der hinter dem stand, was als „spontane Aktionen" von Partei-Organisationen an verschiedenen Orten deklariert wurde. Die Lenkung des Pogroms stellte für Goebbels, der mit „stillschweigender Zustimmung" Hitlers agierte, eine Gelegenheit dar, sich mit der Entscheidungsfindung in dieser Angelegenheit zu profilieren. Goebbels, der den Verlauf des Pogroms in seinen Tagebüchern beschrieb, bezog sich auf das, was er als die Notwendigkeit sah, den Zorn der Massen auf die Juden sich entladen zu lassen. Weitere Akteure der nationalsozialistischen Regierungsspitze – allen voran die SS sowie Hermann Göring, der als der Hauptverantwortliche für die Formulierung der antijüdischen Politik Deutschlands zu dieser Zeit gilt – waren sich dieser Vorgänge bewusst und nutzten sie zur Förderung ihrer Interessen aus. Wie Heydrich im Februar 1939 anmerkte, begründeten die Ereignisse des Novembers die Notwendigkeit, gegen die gesamte jüdische Bevölkerung vorzugehen. Tatsächlich führten sie dazu, dass die SS von diesem Zeitpunkt an unter der Schirmherrschaft Görings das Monopol auf die Behandlung der „Judenfrage" erhielt.
Die öffentliche Zerstörung von Synagogen an sich war keine Erfindung des Novembers 1938. Bereits in den Monaten vor dem Pogrom kam es vor, dass die Synagogen kleinerer Gemeinden an „arische" Besitzer übergeben wurden, die sie in manchen Fällen zu Scheunen und Ställen machten, während andere in Brand gesteckt wurden. In München, Nürnberg und Dortmund wurden bereits im Juni, August und September 1938 Synagogen gesprengt und zerstört. In diesen drei Städten versammelten sich deutsche Einwohner rings um die Synagogen und feierten öffentlich deren Zerstörung. Was neu und charakteristisch für die Reichspogromnacht war, war die Systematik, mit der innerhalb einer einzigen Nacht die Synagogen im gesamten Reichsgebiet in Brand gesteckt wurden, was symbolisch das Ende der jüdischen Präsenz im deutschen öffentlichen Raum verkündete. Der Angriff auf die Juden ermöglichte es den Randalierern, ihren aufgestauten Hass auf beinahe jede beliebige Art zu entladen. An verschiedenen Orten, wie zum Beispiel in Regensburg, wurde das Pogrom von öffentlichen Erniedrigungen oder sogenannten „Schandmärschen" begleitet. In München, wo die Ausschreitungen nach einer Hetzrede von Goebbels ausgebrochen waren, brachen die Randalierer in ein jüdisches Haus ein und ermordeten einen Juden in seinem Bett. In Köln gingen organisierte Gruppen von einer jüdischen Wohnung zur nächsten und warfen verschiedene Gegenstände, wie Bettzeug, Grammophone, Schreibmaschinen und sogar ein Klavier aus den Fenstern. In Baden-Baden zwangen die Randalierer einen ortsansässigen jüdischen Lehrer vom Lesepult der Synagoge Ausschnitte aus „Mein Kampf" zu lesen. Danach setzten sie die Synagoge in Brand.
Die zentrale Stellung der Reichspogromnacht in der Geschichtsschreibung und im kollektiven jüdischen und deutschen Gedächtnis rührt daher, dass sie einen Wendepunkt in der Geschichte der Juden in Deutschland sowie in der antisemitischen Politik des Regimes und in der Einstellung der deutschen Gesellschaft gegenüber den Ereignissen darstellt. Die Zerstörung der Synagogen in Städten wie Worms und Regensburg, in denen jüdisches religiöses Leben bereits im Mittelalter existiert hatte, signalisierte das Ende der jüdischen Präsenz im deutschen Raum. Diese Tendenz zeigte sich auch darin, dass die nationalsozialistischen Behörden in den Tagen nach dem Pogrom die Schließung zahlreicher jüdischer Organisationen und Publikationsorgane betrieben, die jahrzehntelang in Deutschland aktiv gewesen waren und auch in den ersten Jahren des Regimes ihre Tätigkeit aufrechterhalten hatten. Die Masseninhaftierung von 30,000 Juden in Konzentrationslagern kennzeichnete den Abschluss der Wende von der Politik der Isolation und Ausgrenzung der Juden, die die Nationalsozialisten seit 1933 betrieben hatten, hin zu einer brutaleren Politik der Vertreibung und erzwungenen Emigration. Im Januar 1939 nahm in Berlin die „Reichszentrale für jüdische Auswanderung" unter der Leitung von Adolf Eichmann ihre Tätigkeit auf und übertrug die Politik der erzwungenen Auswanderung, die seit dem Sommer 1938 in Wien ausgearbeitet worden war, auf die Gebiete des „Altreichs". Man muss einen weiteren Wendepunkt darin sehen, dass diese Aktionen sich in aller Öffentlichkeit, vor aller Augen abspielten: die deutsche Zivilbevölkerung wurde jetzt direkt mit der antijüdischen Politik des Naziregimes konfrontiert.
Hier können Sie aufgenommene Zeitzeugenberichte sehen, die die Geschehnisse der Novemberpogromnacht in verschiedenen Städten des Dritten Reiches schildern, sowie eine Orginalaufnahme über die Zerstörung der Synagoge in Bühl.
Um zum nächsten Video zu gelangen, drücken Sie bitte die „Weiter" Taste auf der Videoleiste.