Yad Vashem „Sag niemals, du gehst den allerletzten Weg...

Musik im Holocaust

Die Leiden des europäischen Judentums spiegelten sich in dessen Musik und Musikleben wider. Die Musik ermöglichte es den Juden, unter unmenschlichen Bedingungen ihre Menschlichkeit zum Ausdruck zu bringen, der Realität zu entkommen, ihr Verlangen nach Freiheit zu artikulieren, Trost und Hoffnung zu finden.

Zusätzlich zum privaten Musizieren, Singen und sogar Tanzen wurde in manchen Ghettos Musik öffentlich aufgeführt. In Łódź, Warschau und Krakau traten Straßensänger auf, die den Gefühlen der Ghettobewohner Ausdruck verliehen. Ein beliebter Straßenmusiker im Ghetto Łódź war Jankele Herschkowitz (1910-1970), dessen Lieder vielen Ghettobewohnern bekannt waren.

Professionelle musikalische Darbietungen wurden von den Behörden zensiert und kontrolliert, aber die Freiheit, zu singen und zu komponieren, konnte nicht vollkommen zensiert oder kontrolliert werden. So wurde Musik zum Symbol der Freiheit. In Warschau organisierte Adam Furmanski (1883-1943) kleine Orchester, die in Cafés und Volksküchen spielten. Ein Symphonieorchester musizierte im Ghetto, bis im April 1942 die Nazibehörden die Aufführung von Werken deutscher Komponisten untersagten. In Łódź beaufsichtigte Chaim Rumkowski, der Leiter des Judenrats, die musikalischen Aktivitäten. Das Gemeinschaftszentrum wurde für Musik- und Theateraufführungen eines Revuetheaters, eines Symphonieorchesters und des Gesangsvereins Zamir eingerichtet. Im Ghetto Krakau wurde Kammermusik und liturgische Musik aufgeführt. Das Ghetto Wilna hatte ein breites Programm musikalischer Aktivitäten, zu dem ein Symphonieorchester, mehrere Chöre und ein Konservatorium mit mehr als 100 Schülern gehörten. Ein Revuetheater präsentierte populäre Lieder über das Ghettoleben.

Viele Lieder wurden in den Ghettos gesungen, darunter alte (wobei manchmal bereits existierenden Melodien ein neuer Text unterlegt wurde) und neue. Eine der ersten Liedersammlungen wurde 1948 unter dem Titel Lider fun di getos un lagern („Lieder aus den Ghettos und Lagern“) veröffentlicht. Sie wurde von dem Wilnaer Dichter, Schriftsteller, Lehrer und Partisanen Schmerke Kaczerginski (1908-1954) zusammengestellt und herausgegeben. Die Sammlung enthält 236 Liedertexte in jiddischer Sprache sowie 100 Melodien. Viele Lieder aus der Zeit des Holocaust wurden jedoch nie schriftlich festgehalten und gingen für immer verloren.

Zu den am besten bekannten Liedern, die während des Holocaust komponiert und aufgeführt wurden, gehören vier aus dem Ghetto Wilna: „Zog nit keyn mol“ („Sag niemals“), auch unter seinem Nachkriegstitel „Partisaner himn“ („Partisanenhymne“) bekannt, das von Hirsch Glick (1922-1944) zu einer Melodie des russischen Komponisten Dmitri Pokrass geschrieben wurde; „Shtiler, Shtiler“ („Stiller, stiller“), Text von Kaczerginski, Melodie von dem elfjährigen Alexander Wolkowyski-Tamir (geb.1931); „Friling“ („Frühling“), Text von Kaczerginski, Melodie von Abraham Brodno (gest. 1943 oder 1944) und „Shotns“ („Schatten“), Text von Lejb Rosenthal (1916-1945), das zu einer populären Tango-Melodie gesungen wurde. Lieder aus dem Ghetto Wilna kommen in Jehoschua Sobols Schauspiel „Ghetto“ vor, das auf Musik und Theater im Ghetto Wilna basiert. Viele Theater- und Partisanenlieder aus dem Ghetto Wilna werden bei Zeremonien am Holocaustgedenktag aufgeführt, meist übersetzt ins Hebräische oder Englische. Alle der oben erwähnten Lieder sind in diese Ausstellung eingeschlossen.
Auch Partisanen, die aus Ghettos und Lagern entkamen, komponierten Lieder in einer Anzahl von Sprachen. Die meisten dieser Lieder waren dazu gedacht, gemeinschaftlich gesungen zu werden, nicht von einem professionellen Sänger vor Publikum. Manche der Partisanengruppen benutzten ein Begleitinstrument. Die bekanntesten Lieder stammen aus Wilna, dank Kaczerginskis Bemühungen sie zu sammeln, aufzunehmen, zu transkribieren und zu veröffentlichen.

Ein Lied, das sich während des Holocaust und später großer Popularität erfreute, war
„Es brent" („Es brennt“) aus der Feder des beliebten Liederschreibers Mordechai Gebirtig (1877-1942) aus Krakau. Es wurde 1938 unter dem Eindruck des Pogroms von Przytyk im Jahr 1936 geschrieben und später als prophetisches Lied über den bevorstehenden Holocaust betrachtet, das dazu aufruft, dem Feind mit Waffen entgegenzutreten und dem Geschehen nicht tatenlos zuzusehen.

Auch in Konzentrationslagern wurden Lieder komponiert und aufgeführt. Während Lieder in der Regel nicht von einem Ghetto zum anderen weitergegeben wurden, wurden in den Lagern Lieder aus verschiedenen Ghettos geteilt.

In Theresienstadt, wo zahlreiche jüdische Musiker, Komponisten und Künstler aus West- und Mitteleuropa interniert waren, wurden viele Werke geschrieben und aufgeführt. Viktor Ullmann (1898-1944) komponierte dort zwei Klaviersonaten, drei Lieder  für Bariton und Klavier, ein Trio für Violine, Viola und Violoncello sowie weitere Lieder und Arrangements jiddischer Lieder. Die Aufführung seines letzten Stücks, der Oper „Der Kaiser von Atlantis“, wurde im letzten Augenblick abgesagt und Ullmann nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet. Andere in Theresienstadt internierte Komponisten waren zum Beispiel Gideon Klein (1919-1945) und Ilse Weber (1903-1944). Zu den denkwürdigsten Aufführungen gehörte die der Kinderoper „Brundibár“ (in tschechischer Sprache) von Hans Krása (1899-1944), die auch in dem in Theresienstadt gedrehten Nazi-Propagandafilm vorkommt.

In manchen Lagern und Mordstätten setzten die Deutschen Orchester aus Gefangenen zusammen und zwangen sie, bei der Ankunft neuer Gefangener im Lager, auf dem Marsch zur Arbeit und auf dem Weg in die Gaskammern zu spielen. Die Orchester mussten auch zum Vergnügen der deutschen Lagerbelegschaft spielen. Zu einem gewissen Zeitpunkt gab es in Auschwitz sechs Orchester, deren größtes, in Auschwitz I, aus 50 Musikern bestand. Ein Frauenorchester in Auschwitz-Birkenau bestand aus 36 Mitgliedern und 8 Arrangeurinnen unter der musikalischen Leitung der Sängerin Fania Fénelon. Auch in Treblinka, Majdanek, Bełżec und Sobibór gab es Orchester.

Die Dokumentation und Veröffentlichung von Musik aus der Zeit des Holocaust begann kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Zusätzlich zu Kaczerginskis Sammlung wurden von Jehuda Eisman (Bukarest 1945) und Sami Feder (Bergen-Belsen 1946) erste Anthologien zusammengestellt. Im Rahmen der Tätigkeit der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in München fertigte Kaczerginski auch Aufnahmen von Überlebenden in DP-Lagern an. Die Dokumentation und die Aufnahmen wurden an Yad Vashem weitergegeben (etwa 60 Lieder). Ein Teil von ihnen wird in dieser Ausstellung vorgestellt.

Komponisten und Dichter, die überlebten, schrieben als Reaktion auf den Holocaust und im Gedenken an die Opfer neue Lieder. Henekh Kon zum Beispiel vertonte in seiner Sammlung Kdoyshim („Märtyrer“, 1947) Gedichte ermordeter jiddischer Dichter.

Bei Holocaust-Gedenkveranstaltungen ist das Lied „Zog nit keyn mol“ (Sag niemals) zu einer Art Hymne geworden.

Oft werden auch andere Lieder über den Holocaust und Themen wie Überleben, Freiheit, Glaube und Hoffnung bei Zeremonien dieser Art dargeboten. Auch umfangreichere Werke sind komponiert worden, wie zum Beispiel Arnold Schoenbergs „Ein Überlebender aus Warschau“ (1947), Krzysztof Pendereckis „Dies Irae“, Dmitri Schostakowitschs Symphonie Nr. 13 „Babi Jar“ und Charles Davidsons „I Never Saw Another Butterfly“ („Ich sah nie wieder einen Schmetterling“). Bis heute werden in den Bereichen der jüdischen Musik, der Unterhaltungsmusik und der Ernsten Musik Werke über den Holocaust komponiert, vorwiegend in Israel und in den Vereinigten Staaten.

Bibliographie:
Sami Feder (Hg.), Katset- un geto-lider (Bergen-Belsen 1946)
Fania Fénelon, Playing for time, Judith Landry (Übers.), (New York 1997)
Gila Flam, Singing for Survival: Songs of the Ghetto Lodz, 1940-1945 (Urbana, Ill. 1992)
Shirli Gilbert, Music in the Holocaust (Oxford 2005)
Schmerke Kaczerginski (Hg.), Lider fun di getos un lagern (New York 1948)
Joža Karas, Music in Terezín, 1941-1945 (New York 1985)

Gila Flam

The online exhibition was made possible through the generous support of:

Conference on Jewish Material Claims Against Germany

The Conference on Jewish Material Claims Against Germany works to secure compensation and restitution for survivors of the Holocaust.

Since 1951, the Claims Conference - working in partnership with the State of Israel - has negotiated for and distributed payments from Germany, Austria, other governments, and certain industry; recovered unclaimed German Jewish property; and funded programs to assist the neediest Jewish victims of Nazism.