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Lichtschimmer

Lorenzo Perrone

Dr. Adélaïde Hautval
„... Ein italienischer Arbeiter brachte mir sechs Monate lang Tag für Tag ein Stück Brot und die Überreste seiner Essensration; er gab mir eine seiner Westen, die voller Flicken war; er schrieb für mich eine Postkarte nach Italien und brachte mir die Antwort. Für all dies erbat und bekam er keinen Lohn, denn er war ein guter, einfacher Mensch und glaubte nicht, dass man Gutes um eines Lohnes willen tut.
... Ich glaube, es ist wirklich Lorenzo zu verdanken, dass ich heute am Leben bin – nicht in erster Linie wegen seiner materiellen Hilfe, sondern weil er mich durch seine Gegenwart, durch seine natürliche und schlichte Art, gut zu sein, ständig daran erinnerte, dass es außerhalb der unseren noch immer eine gerechte Welt gab, Dinge und Menschen, die noch immer rein und intakt waren, nicht korrupt, nicht grausam, denen Hass und Terror fremd waren; etwas schwer zu Definierendes, eine ferne Möglichkeit des Guten, für die es sich jedoch zu überleben lohnte.
... Aber Lorenzo war ein Mensch; diese Menschlichkeit war rein und unberührt, er stand außerhalb dieser negativen Welt. Dank Lorenzo gelang es mir, nicht zu vergessen, dass ich selbst ein Mensch bin.“
Primo Levi, Ist das ein Mensch?, New York: The Orion Press, 1959.

Lorenzo Perrone,  geboren 1904 in Fossano (Provinz Cuneo), rettete dem berühmten Schriftsteller Primo Levi das Leben, als sie beide in Auschwitz waren. Levi, in Turin ansässig, arbeitete als Chemiker und war auf Farben und Lacke spezialisiert. 1943, sobald Italien von den Deutschen besetzt war, schloss er sich einer Partisanengruppe im heimatlichen Piemont an. Während der Razzia vom 13. Dezember 1943 wurde er von der Republikanischen Faschistischen Miliz festgenommen und bis zum 20. Januar 1944 in Aosta gefangen gehalten. Dann wurde er ins Lager Fossili überführt, von wo aus man ihn am 22. Februar 1944 nach Auschwitz deportierte.

Nach seiner Ankunft wurde er zur Zwangsarbeit in die Fabrik der I.G. Farben im Lager Buna-Monowitz geschickt. Als Chemiker bekam er Arbeit in der Fabrik für synthetisches Gummi. Als Levi einem Trupp zugewiesen wurde, der eine Mauer errichtete, traf er seinen Retter Perrone, einen Maurer. Er stammte aus der Region Piemont  und gehörte einer Gruppe gelernter Maurer an, die von der italienischen Firma Boetti als Fremdarbeiter in Polen beschäftigt wurden. Die Begegnung der beiden Italiener spielte sich eines Tages im Sommer 1944 ab, als Levi hörte, wie Perrone mit einem anderen Arbeiter in seinem heimatlichen Dialekt sprach.

Von diesem Tag an brachte Perrone Levi ein halbes Jahr lang jeden Tag zu essen, bis Ende Dezember 1944, als die Front sich näherte und er heimkehrte. Das zusätzliche Essen aus  Perrones Ration, das Levi bekommen hatte, rettete ihm das Leben, und er teilte es zusätzlich mit seinen Freunden. Perrone gab ihm auch eine mit vielen Flicken besetzte Weste, die er unter seiner Häftlingsuniform tragen sollte, um sich warm zu halten. Außerdem schickte er eine Postkarte an einen nichtjüdischen Freund Levis, durch den Levi seiner Mutter Esther und seiner Schwester Anna Maria mitteilte, dass er am Leben sei.  Levis Schwester und Mutter, die sich zu dieser Zeit in Italien versteckt hielten, gelang es durch eine Kette von Freunden, die mit Perrone endete, Levi ein Essenspaket zu schicken, das Schokolade, Kekse, Milchpuder und Kleidung enthielt.  Perrone, ein außergewöhnlicher Mensch, setzte sein Leben aufs Spiel, um Levi zu retten. Er war nicht bereit, für seinTun irgendeinen Lohn anzunehmen, sondern stimmte lediglich zu, Levi die Reparatur seiner zerrissenenen Schuhe in der Lagerwerkstatt organisieren zu lassen.

Die letzte Begegnung der beiden trug sich eine Nacht nach einem schweren Bombenangriff der Alliierten zu. Die Druckwelle hatte Perrones Trommelfell zum Platzen gebracht, und die durch die Explosion versprühte Erde hatte Sand und Schmutz in die Suppe gespritzt, die er Levi brachte. Als er ihm die Suppe gab, entschuldigte er sich dafür, dass sie voller Schmutz war, erzählte Levi aber nicht, was ihm zugestoßen war, weil er nicht wollte, dass sein Freund sich in seiner Schuld fühle. Perrone erinnerte Levi daran, dass es außerhalb von Auschwitz noch immer eine gerechte Welt und noch immer unverdorbene Menschen gab. Levi war der Ansicht, er habe Auschwitz nur dank Perrone überlebt. Nach der Befreiung blieb Levi mit Perrone in Verbindung und besuchte ihn in Fossano. Während Perrones letzter Krankheit war es Levi, der für seine Einweisung ins Krankenhaus sorgte. Perrone starb 1952 an Tuberkulose. Levi benannte seine beiden Kinder nach Lorenzo Perrone: seine Tochter (geb. 1948) nannte er Lisa Lorenza, seinen Sohn (geb. 1957) Renzo. Levi starb 1987. Lorenzo Perrone erscheint in Primo Levis autobiografischen Erzählungen: Ist das ein Mensch?, Die Atempause, Lilit und in den Geschichten „Die Ereignisse des Sommers“ und „Lorenzos Rückkehr“. In diesen Werken erzählte er von dem Maurer aus Fossano, dem er sein Überleben verdankte. Er nannte ihn einen „Heiligen“.

Am 7. Juni 1998 wurde Lorenzo Perrone von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ anerkannt.