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Lichtschimmer

Dr. Adélaïde Hautval

Dr. Adélaïde Hautval Dr. Hautval mit Seekadetten und Gymnasiasten aus Jerusalem, 1966 (Archiv Yad Vashem) Abzeichen mit der Aufschrift „Freundin der Juden“. Dr. Hautval wurde gezwungen, ein solches Abzeichen zu tragen, als man sie nach Auschwitz deportierte

Dr. Adélaïde Hautval war Psychiaterin und lebte in einer Gegend Südfrankreichs, die der Kontrolle des Vichy-Regimes unterstand. Im April 1942 erfuhr Dr. Hautval vom Tode ihrer Mutter, die im besetzten Paris gelebt hatte. Da sie der Beerdigung ihrer Mutter beiwohnen wollte, bat sie die deutschen Behörden, die Besatzungszone besuchen zu dürfen. Ihre Bitte wurde abschlägig beschieden, und sie entschloss sich, es zu riskieren, die Demarkationslinie zu überschreiten. Der Versuch scheiterte, Dr. Hautval wurde von der deutschen Polizei gefasst und ins Gefängnis von Bourges überführt. Im Juni 1942 tauchten erstmals jüdische Gefangene im Gefängnis auf, die das gelbe Abzeichen trugen. Dr. Hautval protestierte heftig gegen die Art und Weise, wie man sie behandelte und äußerte gegenüber den Wachleuten: „Die Juden sind Menschen wie alle anderen.“ Deren Antwort war, sie solle von nun an das Schicksal der Juden teilen. Unbeirrt heftete Dr. Hautval ein Stück gelben Papiers an ihre Kleidung, auf dem stand: „Freundin der Juden“.

Im Januar 1943, nach Internierung in Lagern in Pithiviers und Beaune-la-Rolande und in Gefängnissen in Romainville, Orléans und Compiègne wurde Dr. Hautval mit zweihundert weiteren weiblichen französischen Gefangenen ins Todeslager Birkenau deportiert. Frau Hautval, eine gläubige Protestantin, wurde mit fünfhundert weiblichen jüdischen Häftlingen zusammengelegt und erhielt den Spitznamen „Die Heilige“. Sie wandte ihr medizinisches Wissen an, indem sie jüdische Häftlinge behandelte, die an Typhus erkrankt waren, und isolierte sie in einem separaten Teil des Blocks, um Ansteckung zu verhindern. Dr. Hautval, die vom Lagerkommandanten als Ärztin angestellt wurde, unterließ es, kranke Häftlinge zu melden und bewahrte sie dadurch vor dem sicheren Tod. Sie behandelte jüdische Häftlinge mit grenzenloser Hingabe, und ihre sanften Hände und freundlichen Worte waren von unschätzbarem Wert für Juden in der Hölle von Auschwitz. Ihre Worte „Über uns allen hier schwebt das Todesurteil. Lasst uns handeln wie Menschen, solange wir am Leben sind“, prägten sich tief ins Gedächtnis der Häftlinge ein.

Schließlich wurde Dr. Hautval auf Block 10 des Lagers Auschwitz I verlegt, wo medizinische Experimente durchgeführt wurden. Dr. Eduard Wirths beteiligte sie an der Diagnose früher Stufen von Krebs bei Frauen. Dr. Hautval entdeckte bald, dass das Projekt mit unmenschlichen Experimenten an jüdischen Frauen verbunden war, die ohne Anästhesie durchgeführt wurden. Sie teilte Dr. Wirths mit, dass sie sich an seinen Experimenten nicht beteiligen würde und fügte hinzu, niemand habe das Recht, über das Leben eines anderen zu verfügen oder über sein Schicksal zu entscheiden. Als man sie dazu zwang, bei der chirurgischen Sterilisation einer jungen Frau aus Griechenland zu assistieren, teilte Dr. Hautval Dr. Wirths mit, sie werde niemals wieder einem Eingriff dieser Art beiwohnen. Als Wirths Dr. Hautval fragte: „Sehen Sie denn nicht, dass diese Menschen anders sind als Sie?“, entgegnete sie: „In diesem Lager sind viele Leute anders als ich – Sie zum Beispiel.“ Als sie sich weigerte, an Mengeles Zwillingsexperimenten teilzunehmen, wurde sie zurück nach Birkenau geschickt. Später deportierte man sie nach Ravensbrück, wo es ihr gelang, bis zur Befreiung zu überleben. Als sie nach Frankreich zurückkehrte, war ihre Gesundheit dauerhaft geschädigt.

1962 trat sie als eine der Hauptzeuginnen für den amerikanischen Schriftsteller Leon Uris in London auf. In seinem berühmten Buch Exodus beschreibt Uris die grausamen Experimente, die von dem polnisischen Arzt Wladislas Dering an Gefangenen in Auschwitz durchgeführt wurden. Dering, der nach dem Krieg nach London gezogen war, hatte Uris wegen Verleumdung verklagt. Auf Uris‘ Bitte kam Dr. Hautval nach London, um auszusagen. Der englische Richter bezeichnete sie als eine der beeindruckendsten und mutigsten Frauen, die jemals vor einem Gericht in Großbritannien ausgesagt hätten, eine Frau von starkem Charakter und außergewöhnlicher Persönlichkeit. Am 18. Mai 1985 wurde Dr. Adélaïde Hautval von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt.