Wiesbaden, Hessen-Nassau, Deutschland

Die jüdische Gemeinde in Wiesbaden

Postkarte der großen Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1869 eingeweiht Postkarte der großen Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1869 eingeweiht
Das Innere der großen Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1869 eingeweiht Das Innere der großen Synagoge auf dem Michelsberg, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1869 eingeweiht
Die orthodoxe Synagoge in der Friedrichstraße, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1897 eingeweiht Die orthodoxe Synagoge in der Friedrichstraße, Wiesbaden. Die Synagoge wurde 1897 eingeweiht
Wiesbaden. Die Stele trägt die Inschrift: „Der Welt Gewissen ist die Liebe” Wiesbaden. Die Stele trägt die Inschrift: „Der Welt Gewissen ist die Liebe”

In Wiesbaden, einem Badeort noch aus der Römerzeit, werden erstmals im 14. Jahrhundert Juden erwähnt. Im 16. Jahrhundert ließen sich einige jüdische Familien in einem aus drei benachbarten Straßen bestehenden Judenviertel nieder, das „Judengasse“ genannt wurde. Sie boten jüdischen Kurgästen Unterkunft, Bad und koscheres Essen. 1626 wurden alle sechs jüdischen Familien aus Wiesbaden verbannt. Im 17. und 18. Jahrhundert dienten die jüdischen Kurgäste als Haupt-Einkommensquelle der ortsansässigen Juden, die Badehäuser und eine Herberge betrieben, denn es war Juden – unter anderem – verboten, christliche Badehäuser zu besuchen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden vier weitere Badehäuser eröffnet, die man 1849 schloss, als die Trennung nach Religionen in den Bädern aufgehoben wurde.

Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Wiesbaden eine Synagoge, die 1732 in das Badehaus „Zum Rebhuhn“ in der Spiegelgasse verlegt wurde. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde in Wiesbaden ein jüdischer Friedhof errichtet, der mehrfach erweitert und renoviert wurde und auch Juden aus anderen Gemeinden diente. 1825 waren unter den 6887 Bürgern der Stadt 152 Juden. 1826 wurde eine neue Synagoge mit Platz für 200 Betende gebaut, und 1869 wurde eine prächtige neue Synagoge im maurischen Stil mit 358 Plätzen für Männer, 224 Plätzen für Frauen und einer Orgel eingeweiht. Im selben Jahr wurde auch das Gemeindehaus errichtet.

Im 19. Jahrhundert waren Juden im Handel tätig und taten sich in den freien Berufen hervor, hauptsächlich als Ärzte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt die Gemeinde als wohlhabend und etabliert. Ihre Mitglieder waren zum Teil Pensionäre, die gekommen waren, um ihren Lebensabend in Wiesbaden zu verbringen.

Abraham Geiger, einer der führenden Köpfe der Reformbewegung in Deutschland und einer der bedeutendsten unter den Forschern der „Wissenschaft des Judentums“, diente in den Jahren 1832-1838 als Gemeinderabbiner und führte Änderungen im Gottesdienst ein. 1837 berief er in Wiesbaden die erste Versammlung der Reformrabbiner in Deutschland ein. In den Jahren 1844-1884 amtierte Rabbiner Samuel Süßkind als Gemeinderabbiner. Infolge der von Rabbiner Süßkind eingeführten Reformen traten 1845 mehrere orthodoxe Familien aus und gründeten die „Altisraelitische Kultusgemeinde“. 1897 errichteten sie eine unabhängige Synagoge. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gründete die jüdische Gemeinde Wiesbaden einen Wohltätigkeitsverein und einen jüdischen Chor und veranstaltete Feiertagsfeierlichkeiten, Wohltätigkeitsabende sowie Theatervorstellungen und Konzerte. 1895 wurden in Wiesbaden 1719 Juden gezählt, 2,3 Prozent der Bevölkerung.

57 Juden aus der Wiesbadener Gemeinde fielen im Ersten Weltkrieg. Ihre Namen wurden auf einen Gedenkstein gemeißelt, den die Gemeinde auf dem jüdischen Friedhof des Ortes aufstellte. 1925 betrug die Anzahl der Juden in Wiesbaden 3088 – 3 Prozent der Stadtbevölkerung. Ein Drittel davon war aus Osteuropa gekommen, die Mehrheit hatte keine deutsche Staatsbürgerschaft. Die Wiesbadener Juden nahmen aktiven Anteil  am Wirtschafts- und Kulturleben der Stadt sowie am Sport. 1921 wurde ein Lehrhaus für jüdische Studien eingerichtet.  Zu seinen Gründern zählte Franz Rosenzweig, unter den Vortragenden war Martin Buber der prominenteste. Dem Lehrhaus stand Bezirks- und Gemeinderabbiner Paul Lazarus vor. Rabbiner Lazarus achtete darauf, dass sich die jüdische Jugend mit jüdischen Studien, einschließlich der hebräischen Sprache, beschäftigte. Die orthodoxe Gemeinde unter der Leitung von Julius Katz verfügte über eine Synagoge, einen Friedhof, eine Schule und eine Beerdigungsgesellschaft („Chewra kadischa“). Sie hatte ihren eigenen Frauenverein, und sie beschäftigte einen Schächter, einen Lehrer und einen Synagogendiener.
Anfang des 20. Jahrhunderts gründete Dr. Adolf Friedmann, ein Freund Herzls, eine zionistische Ortsgruppe in Wiesbaden. In den zwanziger Jahren herrschte eine rege Tätigkeit von Ortsgruppen des „Centralvereins“, des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“, der Reformbewegung, des Misrachi, der WIZO und der Agudat Jisrael.1924 versammelte sich in Wiesbaden der Kongress deutscher Zionisten, an der der Vorsitzende der  zionistischen Exekutive Dr. Chaim Weizmann teilnahm. Auf diesem Kongress waren auch verschiedene Jugendgruppen aktiv. Die größte unter ihnen war die Deutsch-Jüdische Jugendgemeinschaft, die dem „Centralverein“ nahestand. Darüber hinaus gab es Ortsgruppen von Tchelet lawan, HaKoach (gegr. 1926), Beitar (1931), Kameraden (1932), Bachad (Bund religiöser Pioniere) und Esra.

Während der Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre nahm die antisemitische Hetze in Wiesbaden zu. 1930 randalierten 300 Nazis im Bäderviertel und brachten ein Kaffeehaus unter ihre Kontrolle, mit der Behauptung, die Stadt habe ihnen für ihre Aktivitäten keinen Saal zur Verfügung gestellt. Die Polizei trieb sie mit Gewalt auseinander, und die Anführer wurden vor Gericht gestellt. Einige Monate später verprügelten Nazis den jüdischen Industriellen Alfred Graetz, der eine Gehirnerschütterung davontrug. 1931 wurde ein jüdischer Passant von Nazis angegriffen, und im selben Jahr wurde ein Wiesbadener Nazi, der Hakenkreuze auf den Zaun der Synagoge geschmiert hatte, vor Gericht gestellt und zu einer eineinhalbmonatigen Haftstrafe verurteilt.