Die Deportation der Juden aus Deutschland in den Osten

Die Deportation der Juden aus Deutschland in den Osten

Einführung

Im Oktober 1941, einige Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion, leiteten die natioalsozialistischen Behörden den Prozess der Deportation der Juden aus Deutschland, Österreich und dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren in den Osten ein. Die ersten Deportationszüge fuhren aus Prag, Wien und Berlin zum Ghetto Lodz. Die Deportation der Juden aus Deutschland, die manche als einen Wendepunkt in der Entwicklung der „Endlösung“ in Europa überhaupt betrachten, wurde von den Nazi-Behörden ab dem Sommer 1941 nach und nach umgesetzt.


Demografische Daten

Die Zahl der Juden in Deutschland (dem „Altreich“), die 1933 etwas mehr als eine halbe Million betrug („Glaubensjuden“), war bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs – hauptsächlich in Folge der Emigration -  auf 185.000 gesunken (zusätzlich zu nahezu 20.000 „Rassejuden“ und einigen zehntausend Nachkommen aus „Mischehen“). Außerdem verblieben zu diesem Zeitpunkt in Österreich weitere 60.000-65.000 Juden und beinahe 100.000 im Gebiet des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren. Etwa 30.000-35.000 von ihnen gelang es, noch vor Beginn der Deportationen im Sommer 1941 aus Deutschland zu fliehen.


„Ein Ghetto ohne Mauern“ – Das Leben der Juden in Deutschland während der ersten Kriegsjahre

Die Juden, die nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Deutschland verblieben waren, lebten unter zunehmend schwierigen Umständen. Ein immer größerer Anteil von ihnen wurde in „Judenhäusern“ konzentriert, wo sie auf engstem Raum und ohne Privatsphäre lebten. Extreme Beschränkungen der Bewegungsfreiheit wurden über sie verhängt, und sie wurden zu schwerer Zwangsarbeit verpflichtet. Zwar wurden die Juden Deutschlands und Österreichs nicht, wie viele Juden Polens, in geschlossenen Ghettos konzentriert,  doch sie wurden praktisch in ein „Ghetto ohne Mauern“  außerhalb des  Lebensbereichs der deutschen Gesellschaft gedrängt. Die gesellschaftliche Ausgrenzung erreichte ihren Höhepunkt im September 1941: einige Wochen vor Beginn der Deportationen wurde allen Juden ab sechs Jahren in Deutschland befohlen, auf ihrer Oberbekleidung ein gelbes Abzeichen zu tragen.


Von sporadischen zur systematischen Deportationen

Erste Deportationen von Juden aus Deutschland fanden schon in der Nacht vom 12. auf den 13. Februar 1940 (Deportation von 1200 Juden aus der Stadt Stettin in den Bezirk Lublin) und danach Anfang Oktober 1940 statt (Deportation von über 6000 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Südfrankreich), doch hier handelte es sich um lokale Schritte der mittleren Führungsriege. Der Deportationsprozess, der im Oktober 1941 begann, spielte sich auf nationaler Ebene ab. Er begann, nachdem am 31. Juli 1941 Hermann Göring Reinhard Heydrich damit beauftragt hatte, alle notwendigen Vorbereitungen zu einer „Gesamtlösung der Judenfrage“ im deutschen Einflussbereich in Europa zu treffen.

Der Prozess der Deportation der deutschen Juden verschärfte auf dramatische Weise Aspekte jüdischen Schicksals, wie sie sich in den vorangegangenen Jahren bereits angekündigt hatten.  Die Deportationen, wie sie sich in zeitgenössischen Fotos widerspiegeln, führten dazu, dass die Juden jede Privatsphäre einbüßten und die Kontrolle über ihr Leben gänzlich verloren. Auf den Fotos zeigt sich oft ein Mangel an Ordnung, ein Chaos, unter dem die Juden litten, die in ihrer Mehrzahl an ein bürgerliches städtisches Leben gewohnt waren. Vor der Deportation wurde den Juden befohlen, den deutschen Beamten die Schlüssel zu ihren Wohnungen und ihre Bankdaten zu übergeben. Dieser Schritt stellte den Höhepunkt der Arisierung– des Raubes jüdischen Besitzes – dar , die gegen Ende der dreißiger Jahre mit gesteigerter Intensität vorangetrieben wurde. Die Juden bekamen detaillierte Anweisungen bezüglich der persönlichen Gegenstände, die sie mit sich führen durften. Die deutschen Polizisten konfiszierten systematisch jeden kleinen Gegenstand, der als verboten galt, und führten genauestens Buch darüber.


Ohnmacht  – Die jüdische Bevölkerung im Angesicht der Deportation

In den Jahren, die der Deportation der Juden vorausgingen, durchlief die jüdische Bevölkerung einen beschleunigten Alterungsprozess, in erster Linie in Folge der Auswanderung von Kindern und Jugendlichen. So war unter den Deportierten die ältere Bevölkerung besonders stark vertreten, überwiegend Frauen. In den meisten Fällen kooperierten die Juden bei den Anweisungen zur Vorbereitung auf die Deportation . Diese Anweisungen wurden meist durch die lokale jüdische Führung an sie übermittelt. Es scheint, als sei der deutlichste Ausdruck des Protests und der Ohnmacht der deutschen Juden in diesem Stadium die Entscheidung zum Selbstmord gewesen – eine Tendenz, die Ende der dreißiger Jahre begonnen hatte und ihren Höhepunkt während der Deportationen erreichte.


„Vor aller Augen“ – Die deutsche Zivilbevölkerung und die Deportationen

Während die Häuser der Juden wie auch die meisten Zwangsarbeitsstätten vor der deutschen Bevölkerung verschlossen blieben,  spielte sich die Sammlung der zu Deportierenden  in den deutschen Städten in aller Öffentlichkeit ab, und die deutsche Bevölkerung musste zwangsläufig zum Zeugen des Geschehens werden. Nicht selten legten die Juden auf dem Wege zu den Zügen längere Strecken auf den Straßen der Stadt zu Fuß zurück, ihre Deportation war also ein öffentlicher Vorgang. Ein breites Spektrum deutscher ziviler und polizeilicher Stellen war auf verschiedene Weise an der Umsetzung der Deportationen beteiligt.


Das Schicksal der Deportierten im Osten

Die deportierten Juden, die in Güterzügen unter katastrophalen Bedingungen in den Osten verschleppt worden waren, erreichten verschiedenen Zielorte und erfuhren, zumindest kurzfristig, unterschiedliche Schicksale. Die meisten der Deportierten, die ins Ghetto Lodz in Polen kamen (über 20.000) und anfangs den eingesessenen Ghettobewohnern, was Ernährung und Wohlstand  anging, überlegen waren, fielen wegen ihrer Anpassungsschwierigkeiten binnen kurzer Zeit auf die unterste Stufe des gesellschaftlichen Spektrums im Ghetto. Viele von ihnen wurden bereits im Mai 1942 im Vernichtungslager Chelmno ermordet. In gewissem Maße anders war das Schicksal der etwa 20.000 Juden, die aus deutschen Städten – unter anderem aus Bielefeld – ins Ghetto Riga deportiert wurden. Eine Minderheit wurde gleich nach ihrer Ankunft in der Gegend im benachbarten Wald von Rumbula ermordet. Die meisten jedoch kamen in ein separates „deutsches“ Ghetto, das für sie eingerichtet worden war, lebten dort eine Zeitlang autonom und pflegten äußerst geringen Umgang mit den lettischen Juden, die in einem benachbarten Ghetto untergebracht waren. Schließlich wurde die überwältigende Mehrheit ermordet. Auch ins Ghetto Minsk, wo eine Zeitlang das sogenannte „Hamburger Ghetto“ bestand, wurden deutsche Juden deportiert,  in geringerer Zahl auch ins Ghetto Warschau. In anderen Fällen erreichten die Züge beinahe sofort die Mordstätten : dies war z.B. der Fall bei den Transporten, die nach Izbica bei Lublin in Polen fuhren - unter anderem aus dem Bezirk Wiesbaden – von wo aus sie zur Ermordung nach Sobibor gebracht wurden.  In Theresienstadt, einem weiteren Deportationsziel, in das Juden aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren und ab Juni 1942 auch ältere Juden, Kinder aus „Mischehen“, Träger von Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg und andere Juden aus dem Altreich  gebracht wurden, wurde ein Anschein vergleichsweise bequemen Lebens aufrechterhalten, doch schließlich wurde die Mehrheit der Juden von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet.