Kontakt | Freunde von Yad Vashem | Online Shop

Yad Vashem Architektur des Mordes: Die Baupläne von Auschwitz-Birkenau
„Es gibt einen Ort auf der Welt, der wüste Wildnis ist, einen Ort, bevölkert von Massen von Schatten der Toten, wo die Lebenden tot sind, wo nur Tod, Hass und Schmerz existieren."
Giuliana Tedeschi

Der Lagerkomplex Auschwitz wurde zu einem zentralen Symbol für den Holocaust.  Gemäß wissenschaftlich fundierter Schätzungen von Forschern des Museums Auschwitz wurden an diesem Ort etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, darunter eine Million Juden. Der Lager-Komplex entstand nicht an einem Tag.   Seine Errichtung war eine großangelegte Bauaktion, die sich jahrelang hinzog und nie abgeschlossen wurde. Es waren an ihr mehrere Organisationen und Firmen beteiligt, sowie tausende von Arbeitern – Deutsche und Angehörige anderer Nationalitäten. Aus einem einzigen Lager mit 22 Gebäuden im Jahr 1940 entstand ein Komplex von 3 Hauptlagern und 40 Nebenlagern.

Im Rahmen der Planungsarbeit am Lagerkomplex fertigten die am Projekt beteiligten Planungsbüros und Firmen hunderte von technischen Zeichnungen der verschiedenen Baugelände und der auf ihnen zu errichtenden Gebäude an. Die Pläne entwarfen Bauzeichner der SS, Gefangene mit technischem Wissen, die von den Planungsbüros beschäftigt wurden, und zivile Bauzeichner. Diese Pläne dienten den Bauunternehmern zur Vorstellung des Projekts und bei der Durchführung der Bauarbeiten. Unter anderem wurden detaillierte Pläne der Gaskammern und der Krematorien ausgearbeitet.

Das erste Lager in Auschwitz errichteten die Deutschen im Frühling 1940. Das Grundstück des Lagers hatte in der Vergangenheit einer Kavalleriegarnison der österreichisch-ungarischen Armee in Oberschlesien gedient. Es war dies das erste Konzentrationslager, das in Polen errichtet wurde, und die ersten Häftlinge wurden im Juni desselben Jahres eingeliefert.

Im Laufe des Jahres 1941 fanden zwei Entwicklungen statt, die zu einer dramatischen Ausweitung der deutschen Aktivitäten in Auschwitz beitrugen:

Anfang 1941 beschloss der petrochemische Industriekonzern I.G. Farben, vor Ort eine riesige Fabrik zur Herstellung von Gummi und synthetischem Benzin aufzubauen. Die SS erklärte sich bereit, der Firma billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen, zunächst zum Bau der Fabrik und später als Arbeiter. Mit Fortschritt der Bauarbeiten an der Fabrik wurde neben ihr ein kleines Arbeitslager errichtet, das später „Auschwitz III“ genannt wurde.

Die zweite Entwicklung fand im Rahmen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion statt. Die Deutschen beschlossen, in Oberschlesien ein riesiges Gefangenenlager für die vielen sowjetischen Soldaten, die in ihre Gefangenschaft geraten waren, zu errichten. Man entschied sich, das Lager neben dem Hauptlager zu bauen, neben einer kleinen landwirtschaftlichen Gemeinde namens Brzezinka. Dieses Lager ist als „Auschwitz II“ oder auch unter seinem geläufigeren Namen, Birkenau, bekannt.

Der Bau von Birkenau begann im Oktober 1941.  Er wurde von der „Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei, Auschwitz, Oberschlesien“ geleitet, die am 1. Oktober 1941 gegründet worden war. An ihrer Spitze stand Sturmbannführer Karl Bischoff. Die Anfertigung der Baupläne lag in der Verantwortung des Planungsbüros, an dessen Spitze Hauptscharführer Wichmann stand. An der Erstellung der Pläne arbeiteten SS-Offiziere, die architektonisches oder bautechnisches Wissen hatten, sowie einige Gefangene, die über eine geeignete technische Ausbildung verfügten. Die Gefangene Herta Soswinski, die als Büroangestellte in der Bauleitung tätig war, erinnert sich:

„Die Aufgabe der Bauleitung war die umfassende Planung aller Bauarbeiten auf dem Gelände von Auschwitz, einschließlich Wohnbaracken, Krankenbauten, Krematorien, Gaskammern... Die Bauleitung war nicht nur für die Planung verantwortlich, sondern auch für die Durchführung der Arbeiten, die Zuteilung der Materialien und die Aufsicht über die Arbeiten. Die SS-Leute, die mit der Planung beschäftigt waren, waren im Bedarfsfall auf den Baustellen im Einsatz.“

Das Lager wurde auf schlammigem, exponiertem Gelände errichtet.  Sein Bau fand in mehreren Phasen statt, und es war vorgesehen, in ihm schlussendlich um die 200,000 Kriegsgefangene unterzubringen. Der Großteil der Arbeiten zur Vorbereitung des Geländes und der Bauarbeiten wurde in der Anfangsphase von tausenden von sowjetischen Kriegsgefangenen unter deutscher Aufsicht durchgeführt.  Später kamen zu den sowjetischen viele polnische und jüdische Gefangene hinzu. Die Arbeitsbedingungen für die Gefangenen, die die Bauarbeiten ausführten, waren katastrophal, und im Winter war ihre Sterberate besonders hoch. Der polnische Gefangene Alfred Czesław Przybylski erinnert sich:

„Im Laufe der Grabungsarbeiten und des Baus der Fundamente arbeiteten die Gefangenen im Herbst, im Winter und bei eisigen Bedingungen im Wasser, das ihnen bis zur Gürtellinie reichte. Weibliche Gefangene des Frauenlagers Birkenau arbeiteten unter den selben Bedingungen. Ich bin ganz sicher, dass die Wahl des Baugeländes – auf feuchtem Untergrund, obwohl es möglich gewesen wäre, auf trockenem und für den Bau geeigneteren Untergrund zu bauen – die von Fachmännern getroffen wurde ... dazu bestimmt war, die Gefangenen, die mit dem Bau beschäftigt waren sowie die Gefangenen, die in diesen Gebäuden untergebracht wurden, zu vernichten.“

Im Gegensatz zu den Gebäuden des Hauptlagers, die aus Ziegeln gebaut wurden, bestand ein beträchtlicher Teil der Gebäude von Birkenau aus einheitlichen Holzbaracken, die aufgrund grober Mängel nicht als Unterkunft für Menschen geeignet waren.  Es gab in ihnen kein funktionierendes Abwassersystem, und sie verfügten über keinerlei Kälteisolierung. Ursprünglich war vorgesehen, in jeder von ihnen ungefähr 550 Gefangene unterzubringen, aber in Wirklichkeit wurden viel mehr Gefangene hineingepfercht. Die starke Überfüllung trug zu katastrophalen Hygienebedingungen in den Baracken bei, was zu einer hohen Sterberate unter den dort untergebrachten Gefangenen führte. Ein ehemaliger Gefangener beschreibt die Bedingungen in den Baracken von Birkenau folgendermaßen:

„An Regentagen wurde der komprimierte Erdboden der Baracken zu einem Morast, weil es keine Entwässerung gab. Diese Baracken waren ursprünglich als Unterkunft für 500 Menschen vorgesehen. Die Anordnung des Bauleiters Dejaco, ein Untergeschoss und ein drittes Geschoss von Pritschen zu bauen, erhöhte die Kapazität der Baracken auf 800-1000, und manchmal lagen auf einer Pritsche nicht vier Gefangene, sondern zehn bis zwölf...“

Im Winter waren die Lebensbedingungen besonders schwer, und als Folge erkrankten und starben viele Gefangene. Über die Verhältnisse im Winter und die schweren Gefühle der Gefangenen erzählt der bekannte Schriftsteller Roman Frister:

„Die Jahreszeiten wechselten gemäß der Logik der Natur und erinnerten uns alle an die Existenz unveränderlicher Gesetze: der Sommer starb, und der Herbst verendete, der Winter brach in unser Leben ein und schlug uns mit der Peitsche des Frosts. Im Gegensatz zur Fabrik, in der angenehme Wärme herrschte, wurden die Baracken im Lager niemals geheizt - die Öfen in ihnen dienten als Tischersatz. Nach den Abendappellen, die sich endlos hinzogen, oder genauer gesagt, bis die Deutschen genug davon hatten, gab es keinen Ort, an dem wir uns hätten aufwärmen können. Wir schliefen, ohne uns auszuziehen, manchmal sogar ohne die Schuhe abzulegen. Die Nächte brachten Leid mit sich, aber am schwersten war für mich der Moment des Erwachens. Er verlangte mir eine Entscheidung ab. Um fünf Uhr früh, wenn uns die Pfeife des Blockältesten weckte, musste ich entscheiden, jedesmal von neuem, ob ich kämpfen oder aufgeben würde.“

Zusätzlich zu den Lagern selbst baute die SS neben und zwischen den Lagern zahlreiche infrastrukturelle Einrichtungen. Eine Lageranlage von dieser Größe benötigte ein zentrales Heizsystem, ein Abwasser- und Wasserversorgungssystem, ein Straßennetz, verschiedene Lagerräume und Gebäude für das deutsche Personal sowie ein System zur Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gebrauchsgütern.

Kurze Zeit nach Beginn der Errichtung des Lagers Birkenau wurde beschlossen, seine Bestimmung zu ändern und es in ein Vernichtungslager umzuwandeln. Erste Versuche zur Tötung von Menschen durch Gas wurden im Herbst 1941 im Hauptlager durchgeführt, und infolge ihres Gelingens beschloss die SS, in Birkenau vier permanente Anlagen zur Vernichtung von Menschen durch Gas zu errichten.  Der Bau begann 1942 und wurde von der Firma Topf und Söhne unter Aufsicht der SS geleitet. Als provisorische Lösung bis zur Fertigstellung der permanenten Anlagen richteten die Deutschen neben dem Lager zwei improvisierte Gaskammern ein, indem sie bestehende Gebäude umfunktionierten.

Die vier Vernichtungsanlagen wurden 1943 in Betrieb genommen. Sie umfassten einen unterirdischen Entkleidungsraum, eine unterirdische Gaskammer und ein oberirdisches Krematoriumsgebäude zur Verbrennung der Leichen der Ermordeten. Diese Anlagen machten die Ermordung der Juden in hohem Maß effizient. Der SS-Mann Pery Broad beschreibt einen Fall von Ermordung durch Gas, dessen Zeuge er war:

„Einige bemerken, dass die Verschlussdeckel von den sechs Löchern an der Decke abgenommen werden. Sie stoßen einen lauten Schrei des Grauens aus, als in dem Ausschnitt ein Kopf mit einer Gasmaske erscheint. Die „Desinfektoren“ sind am Werk [...] Mit einem Ringeisen und einem Hammer öffnen sie ein paar ungefährlich aussehende Blechbüchsen. Die Aufschrift lautet: „Zyklon, zur Schädlingsbekämpfung. Achtung Gift! Nur von geschultem Personal zu öffnen!“ [...] Schnell nach dem Öffnen wird der Inhalt der Büchsen in die Löcher gefüllt. Der Verschluss wird jedesmal schnell auf die Öffnung gedeckt. [...] Nach etwa zwei Minuten ebben die Schreie ab und gehen in ein summendes Stöhnen über. Die meisten sind schon ohne Bewusstsein. Nach weiteren zwei Minuten senkt Grabner [einer der SS-Männer] die Uhr. Alles ist vorbei.“

Der Vernichtungsprozess erreichte seinen Höhepunkt im Frühling und im Sommer 1944 mit der Deportation von etwa 430 000 ungarischen Juden ins Lager, deren Großteil ermordet wurde.

In diesem Zeitraum war die Belastung der Vernichtungsanlagen so groß, dass die Deutschen die improvisierten Gaskammern, die sie 1942 verwendet hatten, wieder in Betrieb nahmen.

Parallel zu seiner Umwandlung in ein Mordzentrum wuchs auch die wirtschaftliche Bedeutung des Lagerkomplexes Auschwitz. Die riesige I.G. Farben-Fabrik wurde zwar niemals fertiggestellt, aber im Laufe der Jahre arbeiteten tausende von Gefangenen an ihrem Bau. Außer ihr wurden in Auschwitz Fabriken für verschiedene andere Produkte errichtet. Weitere Fabriken und Werkstätten wurden in der Umgebung der Lager gebaut, deren Gefangene dorthin zur Arbeit geschickt wurden.  Darüber hinaus diente Auschwitz als Zentrum für die Sammlung und Verteilung von Zwangsarbeitern für die gesamte deutsche Industrie. Die größte Zuteilung von Gefangenen aus Auschwitz war die Überweisung von etwa 100,000 Gefangenen an die deutsche Luftfahrtsindustrie im Frühling 1944. 

Konkrete Informationen über Auschwitz, die ziemlich genaue Pläne seiner Hauptlager und der Vernichtungsanlagen enthielten, gelangten erst im Sommer 1944 in Form des Vrba-Wetzler-Berichts in den Westen. Rudolph Vrba und Alfred Wetzler waren zwei slowakisch-jüdische Gefangene, die im April 1944 aus Auschwitz flohen.   Sie fertigten einen umfassenden Bericht über das Geschehen in Auschwitz an und brachten ihn über den Untergrund in den Westen. Die in dem Bericht enthaltenen Pläne überraschen bis heute durch ihre Genauigkeit.

Die Bauarbeiten am Lagerkomplex Auschwitz gingen bis November 1944 weiter. In dieser Phase ordnete Himmler an, die Vernichtung der Juden vor Ort einzustellen, und die Deutschen begannen damit, die Vernichtungsanlagen abzubauen, um die Spuren ihres Verbrechens zu beseitigen.  Später demontierten sie weitere Teile von Birkenau, doch als die Rote Armee das Lager am 27. Januar 1945 erreichte, war es noch nahezu vollständig.

Kurze Zeit vor Ankunft der Sowjets verbrannten die Deutschen das Lagerarchiv, übersahen aber das Archiv der Bauleitung, das sich in einem anderen Gebäude befand. Infolgedessen fanden die Sowjets einen beträchtlichen Teil der technischen Dokumente, einschließlich eines großen Teils der Baupläne. Nach Ende des Kalten Krieges wurden diese Dokumente der Forschung und der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Von keinem anderen Vernichtungslager ist so umfangreiches Aktenmaterial, einschließlich detaillierter Dokumente über die Vernichtungsanlagen, erhalten. Die Baupläne von Auschwitz sind somit ein außergewöhnliches Dokument für die Art und Weise, in der eine große Bauaktion als zentrales Mittel der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik diente. Sie werden für alle Zeiten im Archiv von Yad Vashem aufbewahrt werden.