Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Weißt du denn gar nichts?“

Aktuelle Kinderliteratur über den Holocaust


Von Dr. Gabriele von Glasenapp


Die in Deutschland erscheinende Kinderliteratur über den Holocaust, die Shoah, kann mittlerweile auf eine Geschichte von mehreren Jahrzehnten zurückblicken. Das ist nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, da mittlerweile eine vierte Generation von Kindern heranwächst, die die Möglichkeit besitzen, sich durch Sach- oder erzählende Texte über den Holocaust in kindgemäßer Weise zu informieren. Diese hier an den Anfang gestellte zeitliche Dimension ist aus mehreren Gründen von Bedeutung – zum einen, da bereits die Eltern, ja mitunter sogar die Generation der Großeltern, der heute in Deutschland lebenden Kinder bereits selbst als Kinder Kinderliteratur über den Holocaust gelesen haben (können), was eine wesentliche Voraussetzung dafür bildet, auch die eigenen Kinder entweder selbst an die Ereignisse heranzuführen bzw. die Schule in ihren entsprechenden Bemühungen zu unterstützen.
Die zeitliche Dimension ist aber auch deshalb von Bedeutung, da der Holocaust unaufhaltsam in eine immer fernere Zeit rückt, eine Zeit, die für die Kinder nicht nur außerhalb der eigenen Erfahrungen, sondern auch bereits jenseits der Erfahrung der Eltern- und Großelterngeneration liegt. Eine umso größere Bedeutung kommt Büchern – und hier auch kinderliterarischen Texten – als Medien des kulturellen Gedächtnisses zu.
Diese Erkenntnis gehört mittlerweile zum festen Bestand kulturellen Wissens – auch bei den Vermittlern, zu denen auch die Verlage zu rechnen sind, die für die Publikation der jeweiligen Werke verantwortlich sind. Diese Tatsache verdient nicht zuletzt deshalb Beachtung, da die großen Kinderbuchverlage in Deutschland auch weiterhin kinderliterarische Texte über den Holocaust publizieren, obwohl sich diese Werke, ungeachtet aller Resonanz, hinsichtlich ihrer Auflagen und ihres Umsatzes mit Textgattungen wie Kriminal-, Vampir- oder Fantasy-Erzählungen nicht messen können.
Weiterhin von Bedeutung für die Holocaust-Literatur ist die Tatsache, dass ein Großteil von ihnen aus Übersetzungen besteht. Die Bedeutung dessen kann gerade für die Holocaust-Literatur nicht hoch genug eingeschätzt werden, trägt sie doch entscheidend dazu bei, einer genuin deutschen und damit einseitigen (und möglicherweise verzerrten) Perspektive auf den Holocaust vorzubeugen.
Zu den zentralen Merkmalen kinderliterarischer Holocaust-Erzählungen zählen ihre kindlichen Akteure und deren Schicksale. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal kinderliterarischer Werke, aber eine Eigenschaft, von der aus nachvollziehbaren Gründen auch in aktuellen Texten nicht abgewichen wird. Drei dieser neueren kinderliterarischen Werke sollen hier – stellvertretend für das Gros der in den letzten Jahren erschienenen Erzählungen – präsentiert werden.
Es ist bezeichnend, dass es sich in allen drei Fällen um Übersetzungen handelt und das zweitens, ebenso typisch, hier mittlerweile Generationen von AutorInnen zu Wort kommen, die, wie ihre LeserInnen, bereits lange nach dem Krieg geboren sind. Die Erzählung von Karen Levine, „Hanas Koffer“, beginnt in der Jetzt-Zeit in einem real existierenden Holocaust-Museum – in Japan. Unter Anleitung ihrer Lehrerin rekonstruiert eine Gruppe junger SchülerInnen das Leben des Mädchens Hana Brady, die in Tschechien aufwächst, bis die jüdische Familie von den Nazis deportiert wird. Schritt für Schritt zeichnen die Schüler Hanas Leben nach, bis ihre Lehrerin schließlich selbst die Reise nach Tschechien antritt und dort die Gewissheit über Hanas Tod erhält. Aber sie kann ihren SchülerInnen eine weitere Nachricht übermitteln: Hanas Bruder hat den Holocaust überlebt und ist nach der Befreiung nach Kanada ausgewandert. Nachdem ein Kontakt hergestellt ist, lädt die japanische Gruppe Hanas Bruder nach Japan ein. Am Ende begegnen sie sich dann tatsächlich: Der überlebende Bruder aus Kanada und die Enkelgeneration in Japan, die beide darum bemüht sind, die Erinnerung an Hana Brady zu bewahren.
Mit der japanischen Schülergruppe werden dem Leser Identifikationsfiguren geboten, die seiner Generation angehören. Es sind vor allem diese Schüler, die die Handlung durch ihren Spürsinn, durch ihr unbedingtes Wissen-Wollen um das Schicksal von Hana vorantreiben. Sie stehen zugleich für eine Generation sowie eine Herkunft, die den Ereignissen des Holocaust ferner nicht sein könnten. Dennoch besitzen sie die Empathie, das Schicksal von Hana zu ihrer eigenen Angelegenheit zu machen, und in ihre Hand ist es gegeben, die Erinnerung an die, die gewesen sind, zu eruieren und wachzuhalten.

Eine ganz andere Herangehensweise an den Holocaust hat der junge australische Autor Morris Gleitzman gewählt: In einer Trilogie, „Einmal“, „Dann“, „Jetzt“, erzählt er die Lebensgeschichte des jüdischen Jungen Felix vom Anfang der 1940er Jahre in Polen bis in die Jetztzeit. „Weißt du denn gar nichts“, ist vielleicht der einprägsamste und auch der sprechendste Satz, den das Mädchen Zelda zu ihrem Retter, dem jüdischen Jungen Felix, wieder und wieder sagt – und sie fragt zu Recht, denn Felix weiß tatsächlich wenig bis nichts über die Situation, in der er sich befindet – Anfang der 1940er Jahre in Polen. Die Eltern haben den Jungen in einem polnischen Kloster versteckt, aus dem er flieht, um sich auf die Suche nach ihnen zu begeben. Dabei muss der unwissende Felix (und mit ihm der Leser) erfahren, warum er wirklich versteckt worden ist und warum er in einer Welt der Verfolgung und Vernichtung lebt und nicht, wie es ihm die Eltern und Bücher erzählt haben, in einer Welt der schönen Geschichten. Am Ende sind es jedoch gerade diese Geschichten, die das Überleben von Felix und Zelda (für den Moment) ermöglichen.
Gleitzmans Roman ist damit zugleich ein Vertreter der so genannten Kindheitserzählungen über den Holocaust. In ihrem Zentrum steht ein noch kindlicher Akteur, der die Situation, in der er sich befindet, nicht zu verstehen vermag. Dieser Effekt des naiven Blicks auf das Grauen ist das Resultat eines in hohem Maße elliptischen Erzählens – es dominiert die Auslassung, die wiederum erreicht wird durch eine konsequent durchgehaltene interne Fokalisierung seitens der Erzähler. Handelt es sich dabei zudem um einen Ich-Erzähler, so wird der Effekt verstärkt durch ein immerwährendes Zusammenfallen von erzählendem und erlebendem Ich. Die auf diese Weise entstehenden Auslassungen und Lücken werden zwangsläufig von dem auf Kohärenz bedachten Leser gefüllt, denn er verfügt über das Wissen, das dem naiven Akteur fehlt. Das heißt, die eigentliche Geschichte wird nicht durch den Erzähler übermittelt, sondern sie entsteht durch den Akt der Lektüre – es ist der Leser, der diese Geschichte erst konstruiert.

„Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen Angehörige meines Volkes ermordet. (…) Ich nicht. Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren. Ich kenne mein Geburtsdatum nicht. Ich kenne meinen Geburtsnamen nicht. Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde. Ich weiß nicht, ob ich Geschwister hatte oder habe. Was ich weiß, ist, dass ich nur einige wenige Monate alt war, als ich vor dem Holocaust gerettet wurde.“ Mit diesen Worten beginnt „Erikas Geschichte“ von Ruth Vander Zee, ein Bilderbuch für jüngere Leser mit Illustrationen von Roberto Innocenti, der mit „Rosa Weiß“ bereits Ende der 1980er Jahre ein erstes, wegweisendes Bilderbuch zum Thema Holocaust veröffentlicht hat. Im Zentrum dieser Geschichte steht eine alte Frau, die ihre Geschichte erzählt – die Geschichte von Erika. Und ausschließlich diese Vergangenheit ist es auch, die von Innocenti ins Bild gerückt wird, die Vergangenheit, die Erika, wie auch die jungen Leser, nur vom Hörensagen kennen: Bilder von der Deportation, von Viehwagons und von einem Bündel, das aus dem Wagon geworfen wird – um zu überleben. Und Erika überlebt, und sie erzählt ihre Geschichte, die zugleich vom Tod der anderen kündet.
Auf sehr anschauliche und zugleich kindgemäße Weise wird hier von den Schrecken des Holocaust erzählt. Sie gewinnen Ausdruck in dem Schicksal einer Überlebenden, die zwar das Glück hat, überlebt zu haben, sich jedoch zugleich der Tatsache stellen muss, keine Erinnerungen zu haben. Damit gleicht sie in gewisser Weise ihren Lesern, die als Kinder ebenfalls alles nur vom Hörensagen kennen. So erzählt Erika eine Geschichte, die sie zwar erlebt hat, von der sie jedoch nichts mehr weiß. Gleichzeitig offeriert das Bilderbuch sowohl auf der Bild- wie der Textebene ein hohes Maß an Identifikationspotenzial, denn die Geschichte erzählt auch vom Überleben eines Kindes, das eine neue Familie findet und später selbst Kinder hat.
Die ausgewählten Beispiele stellen eindrucksvoll die anhaltende Präsenz, aber auch die ästhetische Qualität der in Deutschland erscheinenden Holocaust-Literatur für Kinder aller Altersstufen unter Beweis und zeigen, in welch hohem Maße der Kinderliteratur fast siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur die Eigenschaft, sondern auch die Aufgabe zugewiesen wird als ein zentrales Erinnerungsmedium zu fungieren. Betrachtet man die Vielzahl der in Deutschland erscheinenden kinderliterarischen Werke über den Holocaust, so kann mit Gewissheit davon ausgegangen werden, dass die Kinderliteratur dieser Aufgabe auch in den nächsten Jahrzehnten durchaus gerecht werden wird.

Gabriele von Glasenapp ist Professorin für deutsche Literatur und ihre Didaktik an der Universität zu Köln und Leiterin der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung (ALEKI). Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen: Allgemeine sowie jüdische Kinder- und Jugendliteratur: Theorie, Geschichte, Gattungen. Jüdische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.