Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Albert Memmi in der Unterrichtseinheit „Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten.“

Von Anna Stocker


Albert Memmi (Mit freundlicher Genehmigung des Arlea Verlags und des Fotografen Louis Monier) Albert Memmi (Mit freundlicher Genehmigung des Arlea Verlags und des Fotografen Louis Monier)

Im Folgenden sollen die Materialien zu Albert Memmi aus der Unterrichtseinheit „Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten.“ vorgestellt werden.
Die Unterrichtseinheit entstand unter anderem aufgrund der von vielen Lehrkräften gemachten Erfahrung, dass Schülerinnen und Schüler in Bezug auf den Holocaust häufig eine ablehnende Lernhaltung einnehmen oder die Meinung vertreten, sie wüssten schon alles. „Neben dem Gefühl der Übersättigung bringen die Lernenden manchmal auch offene Abwehr oder auch Relativierung bzw. Leugnung des Schreckens zum Ausdruck, der den europäischen Jüdinnen und Juden zugefügt wurde. Ein Grund dafür ist eine emotional aufgeladene Diskussion über Israel und die Situation der Palästinenser im Nahen Osten [...].“[1]

Für die Konzeption der Unterrichtseinheit war daher relevant, dass eine klare historische Verortung vorgenommen und nicht auf allgemeine Unrechts- und Gewalterfahrungen eingegangen wird, denn dies führe „oft zu einem Verzicht auf die Vermittlung der jeweiligen Spezifik dieser Gewalterfahrungen zugunsten einer allgemeinen Bezugnahme auf Menschenrechte und die Einübung von Toleranz [...].“ [2]

„Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten“„Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten“

In dem umfassenden Materialpool werden sechs verschiedene Geschichten erzählt, eine davon ist die von Albert Memmi.
Der methodische Ansatz der Einheit sieht vor, nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, bei den Lernenden selbst, zu beginnen. Es sollen die Lebensgeschichten der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt gestellt werden ohne diese aber mit den Erfahrungen der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus gleichzusetzen. „Vielmehr geht es darum, auf der Basis des Respekts, den die Lernenden innerhalb der Lerngruppe ihrer eigenen Geschichte gegenüber erfahren, die prinzipielle Gleichwertigkeit jeder einzelnen Lebensgeschichte zu verstehen, was die Voraussetzung dafür sein mag, sich im Folgenden mit Offenheit, Sensibilität und Empathie den Lebensgeschichten aus der Zeit des Holocaust zuwenden zu können.“ [3] Zur Vorbereitung der ersten Einheit sollen die Lernenden einen Gegenstand oder ein Foto mitbringen, das ihnen wichtig ist, und durch das sie von sich und ihrer Familie erzählen können.[4]
Als Übergang zur nächsten Einheit, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt, bekommen die Schülerinnen und Schüler zunächst ebenfalls sechs Fotografien von Objekten, die für die Geschichten der Personen symbolisch sind und zu diesen hinleiten sollen.
Bei der Geschichte von Albert Memmi ist es ein Foto des französischen Lycée Carnot in Tunis. Darauf sieht man eine Palme, Kinder und Autos. Dieses Foto verweist auf einige wichtige Punkte, die mit Albert Memmis Geschichte verbunden werden können. Zum einen, der Kontrast zwischen einem französischen Gymnasium und einer, den Maghreb symbolisierenden Palme. Zum anderen die für heutige Schülerinnen und Schüler altertümlich wirkenden Autos und dem Kind im Vordergrund, das auch zeitgemäß sein könnte. Durch Fragen zum Foto können bereits einige der Gegensätze zum heutigen Leben herausgearbeitet und zudem überlegt werden, inwiefern dieses Foto mit dem Leben von Albert Memmi im Zusammenhang steht.
Es folgen wie in einem Mosaik Bruchstücke an Informationen, Bildern, Dokumente, die von den Lernenden eigenständig zusammengefügt werden sollen, so dass sie ein Gesamtbild zum Leben von Albert Memmi ergeben, mit einem Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus. Albert Memmi ist am 15. Dezember 1920 in Tunis geboren und besuchte das Lycée, das auf dem Foto zu sehen war. Er beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Die Salzsäule“ seine Reaktion auf den Wunsch seiner Eltern, ihn in dieser französischen Schule einzuschulen:

„Im Gegensatz zu den anderen Kindern, denen die Schule als ein Spiel erscheint, ließ mich diese Neuigkeit in Schluchzen ausbrechen. [...] Wie soll ich denn den Lehrer verstehen? Ich kann ja nicht Französisch.“ [5]

Das französische Lycée Carnot in Tunis (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv)Das französische Lycée Carnot in Tunis (Quelle: Yad Vashem Fotoarchiv)




Memmi, der in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist, sprach zu Hause mit seinen Eltern ein tunesisches Jüdisch-Arabisch, was dazu führte, dass er im Laufe seiner Schullaufbahn Französisch lernen musste, um dem Unterricht folgen zu können.
Die Schwierigkeit, als Jude aus einer armen Familie in ein französisches Lycée in Tunesien zu gehen und überhaupt als Jude in einem muslimischen Land aufzuwachsen, war ein Teil seines Identitätskonfliktes, den er folgendermaßen beschreibt:

„Ich bin Tunesier, aber Jude, in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht also ein Ausgestoßener, da ich die Landessprache mit einem eigenen Akzent spreche, der in der Betonung nur schlecht dem Gefühlston der Mohammedaner angepasst ist; Jude zwar, der aber mit der jüdischen Religion und dem Ghetto gebrochen hat, der die jüdische Religion nicht kennt, zugleich aber das nicht mehr gläubige jüdische Bürgertum haßt.“ [6]

Die Materialien über Albert Memmi, die in der Materialbox zu finden sind, konzentrieren sich vor allem auf die Zeitspanne, in der Tunesien von der Wehrmacht besetzt worden war. Am Beispiel von Albert Memmi erfährt man, dass es sich beim Holocaust nicht nur um eine europäische Geschichte handelt, sondern auch die Situationen von Jüdinnen und Juden in Nordafrika tangierte.
Schon bevor die Wehrmacht im November 1942 in Tunesien einmarschierte, sollten dort die antisemitischen Gesetze, die im Vichy-Frankreich erlassen worden waren, eingeführt werden. Dies wurde zunächst durch den französischen Gouverneur Jean-Pierre Esteva verhindert.[7] Albert Memmi beschreibt jedoch, dass in Tunesien schon vor dem Einmarsch der Wehrmacht Spannungen zwischen der jüdischen und muslimischen Bevölkerung herrschten.[8]

„Manchmal ging ich mit Bissor ins Kino, dem einzigen Mitschüler vom Gymnasium, dessen Lebensweise mir erträglich war. [...] Wir besuchten den Kursaal, den unsere Mitschüler nie betreten hatten und den sie für eine Spelunke hielten, und sicher hatten sie nicht ganz unrecht. Für die Dreiuhrvorstellung mussten wir von ein Uhr an Schlange stehen. Wir wurden angerempelt und beschimpft, wir schlugen uns mit Kindern unseres Alters und wurden von den größeren und den Erwachsenen verprügelt. [...] An diesem Tag jedoch verzögerte sich die Vorstellung immer mehr, und unsere Quälgeister erfanden ein Spiel, das über die gewöhnlichen Sticheleien hinausging. Sie kamen auf die Idee, Streichhölzer anzuzünden und sie quer über die Reihen auf uns zu werfen. Daß wir jetzt wirklich Angst hatten, versetzte sie in Begeisterung, und sie schrieen vor Wonne bei dem Wurfgeschoß. Und wenn wir ihm auszuweichen versuchten, indem wir uns bückten, dann riefen sie uns 'Kiki! Kiki!' zu, was die gängige Bezeichnung aller Juden war. [...] 'Du siehst sie mögen uns nicht', sagte Bissor verzweifelt und mit Überzeugung. Sie: Das waren die jungen Sizilianer, der arabische Polizist, der französische Besitzer der Zeitung, unsere Mitschüler, im Grunde die ganze Stadt.“ [9]

Im November 1942 besetzte die Wehrmacht Tunesien, bis die Alliierten am 7. Mai 1943 Tunis zurückeroberte. In dieser kurzen Zeit wurden antisemitische Gesetze eingeführt und Juden und Jüdinnen mussten unter schweren Bedingungen in vierzig verschiedenen Arbeitslagern Zwangsarbeit leisten. Auch Albert Memmi war in einem Arbeitslager und beschreibt dies folgendermaßen:

„Das Lager tauchte an der Mündung eines Wadis in einem Talkessel auf, einem riesigen weißen, von rötlichen Böschungen umschloßenen Loch. [...]
Eine lange Schlange von Männern vor einer Küche, ein Koch, der die Essgeschirre mit einer automatischen Bewegung füllte. Zelte aus groben Planen rings an den Felswänden. [...] Staubbedeckt, schweigend, unbeweglich auf der ausgedörrten Erde ähnelten sie hungrigen Heuschrecken. [...] Plötzlich stürzten, ohne daß eine Auseinandersetzung vorangegangen war, zwei Männer aus der Reihe aufeinander los und rollten über den Boden, wobei sie sich, behindert durch ihre zerlumpte Kleidung, auf gut Glück mit den Fäusten bearbeiteten. Sie wurden gewaltsam und ohne besondere Eile von den anderen getrennt. Die Soldaten sahen aus der Ferne zu. [...] Ich überraschte mich dabei, wie ich mir das Versprechen gab, dass ich mich niemals wegen einer Suppe prügeln würde.“
[10]

1945 ging Albert Memmi nach Frankreich und studierte in Paris Philosophie.
Er hat an verschiedenen Universitäten Philosophie gelehrt und ist heute ein bekannter Schriftsteller.

In der Materialmappe zu Albert Memmi finden sich auch Unterlagen zu Personen, die im Zusammenhang mit der Besetzung Tunesiens und dadurch im Leben Albert Memmis eine Rolle spielen.
So befindet sich unter den Materialien zum Beispiel eine Personenkarte zu Walter Rauff, der mit einem Einsatzkommando nach Nordafrika abgeordnet wurde, um in Tunis eine deutsche Stellung zu errichten.[11] Ebenfalls gibt es Auszüge aus dem Tagebuch von Paul Ghez, der während der Besatzungszeit für die Jüdische Gemeinde arbeitete und das Komitee leitete, das sich um die jüdischen Zwangsarbeiter kümmerte.
Aus diesen interessanten Dokumenten erfährt man unter anderem über die Dilemmata, mit denen die Jüdische Gemeinde zu kämpfen hatte:

„23. Dezember 1942
Ich habe in meinem Gewissen häufig die schmerzhafte Frage hin und her bewegt, auf welche Weise ich meine Aufgabe bewältigen konnte. Ich habe mich voll Angst gefragt, ob es wohl richtig war, mich für eine solche Aufgabe herzugeben, ob es nicht besser gewesen wäre, sich den Sturm entfesseln zu lassen, anstatt vor den ‘Boches’ (umgangssprachlicher Ausdruck für Deutsche Anm. d. Ü) in die Knie zu gehen. Aber angesichts des Resultats steht meine Überzeugung fest. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.”
[12]

Mit solchen zusätzlichen Dokumenten soll eine multiperspektivische Betrachtungsweise möglich und das Bewusstsein für das Schicksal der einzelnen Protagonisten geschult werden, das mit den Handlungen, Unterlassungen und Entscheidungen Anderer zusammenhängt. So soll die Shoah als vielschichtige, transnationale und multiperspektivische Geschichte deutlich werden.
Am Ende der gesamten Einheit soll ein Bogen zum Anfang geschlagen werden, indem eine Wandausstellung von den Lernenden gestaltet wird. Zudem soll der Bezug zu den Schülerinnen und Schülern selbst durch ein stummes Schreibgespräch hergestellt werden mit Fragen wie: „Worüber ich mehr wissen möchte“, „Was ich nicht verstanden habe“, „Was mir neu bewusst geworden ist“ und „Wo ich Spuren der Geschichten sehe/suchen möchte“.[13]


[1] Lehrerhandreichung. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 6.
[2] Lehrerhandreichung. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 7.
[3] Lehrerhandreichung. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 10.
[4] Lehrerhandreichung. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 11.
[5] Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Geschichtsalbum Albert Memmi. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe, zit. n.: Albert Memmi: Die Salzsäule. Leipzig 1978, S.35.
[6] Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Geschichtsalbum Albert Memmi. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe, zit. n.: Albert Memmi: Die Salzsäule. Leipzig 1978, S.308.
[7] Laskier, Michael: North African Jewry in the Twentieth Century. The Jews of Morocco, Tunesia and Algeria. New York/London 1994. Mehr dazu unter: http://www.yadvashem.org/odotpdf/Microsoft%20Word%20-%205892.pdf
[8] Dorsaf Nehdi: Die Spannungen der jüdisch-muslimischen Beziehung in Tunesien während des 20. Jahrhunderts und ihr Zusammenhang mit der massiven Auswanderung der Juden aus diesem Land. Doktorarbeit eingereicht an der Freien Universität Berlin, S.197. Zu finden im Internet:"http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000007879/Doktorarbeit_Dorsaf_Nehdi.pdf;jsessionid=C06044FE76E93685497F984DBA4FF2E3?hosts. (06.06.2013).
[9] Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Geschichtsalbum Albert Memmi. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe, zit. n.: Albert Memmi, Die Salzsäule, Leipzig 1978, S. 94-98.
[10] Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Geschichtsalbum Albert Memmi. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe, zit. n.: Albert Memmi, Die Salzsäule, Leipzig 1978, S. 260-261.
[11] Zum Nachschlagen. Begriffe und Personen. Albert Memmi. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 13.
[12] Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Geschichtsalbum Albert Memmi. Jerusalem 2012, ohne Seitenangabe, zit. n.: Paul Ghez: Six mois sous la botte. Paris 2009, S. 98 (Übersetzung aus dem Französischen).
[13] Lehrerhandreichung. In: Tobias Ebbrecht / Deborah Hartmann / Noa Mkayton: Was geht mich die Geschichte an? Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten. Jerusalem 2012, S. 34.