Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Leben nach dem Überleben


Als der Filmregisseur Erwin Leiser Anfang der 1980er Jahre einen Film über die Schicksale von Überlebenden nach dem Holocaust und deren Kindern konzipierte, entschied er sich dazu, diesem Film den Titel „Leben nach dem Überleben“ zu geben. Im Zentrum dieses Films und der in einem Buch publizierten Vorbereitung zu diesem Projekt, standen die Erinnerungen jener, die der Verfolgung entkamen und den Schrecken der Lager überlebten. Obwohl Leiser selbst als Jugendlicher nach dem Pogrom vom November 1938 aus Deutschland nach Schweden geflohen war und sich seit Ende der 50er Jahre intensiv mit dem Nationalsozialismus und besonders mit dem Schicksal der Juden beschäftigt hatte, betonte er: „Für einen Verschonten bleibt die Welt in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern unvorstellbar. Daran ändern auch die zahlreichen Interviews mit Überlebenden nichts.“ Trotzdem versuchte Leiser, sich und seinem Publikum diese Erfahrung der Lager, denen er selbst nur knapp entkommen war, nahe zu bringen. Weder die Naziquellen, noch die Filmaufnahmen, die die Alliierten nach der Befreiung hergestellt hatten, waren dafür adäquate Mittel. Und auch wenn Leiser betonte, dass auch die Erzählungen der Überlebenden lückenhaft bleiben mussten, und darauf hin wies, dass das Überleben gegenüber dem geplant vollstreckten Massenmord die Ausnahme blieb, ermöglichten doch die Gespräche mit den Zeugen der Shoah einen ganz wesentlichen Zugang zu dieser Vergangenheit.

In den 80er Jahren, als Leiser seinen Film realisierte, wurden diese Erinnerungen erstmals in Deutschland und Österreich auch von einem größeren Teil der Bevölkerung wahrgenommen. Zuvor waren es vor allem Gerichtsverhandlungen, Bücher und manchmal Filme und Fernsehdokumentationen, in denen Überlebende zu Wort kamen – abgesehen von jenen Intellektuellen der Nachkriegszeit, die aus der Erfahrung der Verfolgung heraus, zu den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den NS-Nachfolgestaaten Stellung bezogen. Oft war es nur der persönliche Verdienst dieser politisch engagierten Überlebenden, dass die Orte der Verbrechen erhalten blieben und die Verbrecher vor Gericht gestellt werden konnten. Für Hermann Langbein, politischer Häftling in Auschwitz und Überlebender des Lagers, waren die politische Intervention, die öffentliche Erinnerung, die juristische Ahndung und die pädagogische Weitergabe die zentralen Elemente seiner Arbeit. Andere, die wie Jean Améry Folter und Lager überlebten, bemühten sich, insbesondere der deutschen Jugend die Konsequenzen des Massenmords für die politische und gesellschaftliche Gegenwart vor Augen zu führen. Améry stieß dabei oft auf Ablehnung und Abwehr oder bemerkte einen Übereifer, der die Stimme des Zeugen zu übertönen versuchte. Auch erkannte er als einer der ersten die Tendenz, insbesondere in der Linken, die NS-Verbrechen zugunsten einer Kritik am Staat Israel in den Hintergrund zu drängen, einer Kritik, in der der alte Hass auf Juden in verkleideter Form, getarnt als 'Antizionismus', hervortrat. Améry wählte schließlich, wie auch andere jüdische Intellektuelle der Nachkriegszeit - erinnert sei an Paul Celan oder Peter Szondi - resigniert den Selbstmord. Als sich infolge der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ breitere Teile der deutschen Bevölkerung für die Erfahrungen der jüdischen Überlebenden zu interessieren begannen, konnten jene kritischen Intellektuellen ihre Geschichten nicht mehr erzählen.

Heute befinden wir uns an einem Punkt, an dem – und das seit mehr als einer Dekade – immer wieder betont wird, dass die Stimmen der Überlebenden verklingen, weil diese älter werden und sterben.
Pädagogische Einrichtungen und Stiftungen bemühen sich, die Erinnerung an die Shoah für die Zukunft zu erhalten, konzipieren Materialien, zeichnen Berichte auf und suchen nach Formen der Vermittlung in einer Zeit nach dem Ende persönlicher Zeugenschaft. Auch Yad Vashem hat begonnen, sich mit einem Filmprojekt, das sich in kontinuierlicher Fortsetzung befindet, auf diese Ära vorzubereiten. Die Filmreihe „Witnesses and Education“, aber auch pädagogische Materialien, wie die Unterrichtseinheit „Was geht mich die Geschichte an?“ beruhen vor allem auf Erinnerungen von Überlebenden und versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen.

Aber – und das kann man nicht oft genug betonen – die Zeugen der Shoah sind noch unter uns. Unermüdlich bemühen sich bis heute Überlebende, ihre Erinnerungen weiterzugeben, suchen den Kontakt zu Schülern und Lehrern – und dies nicht nur in Israel, sondern oft auch in den Ländern der ehemaligen Täter. In unseren Fortbildungsseminaren in Yad Vashem sind es noch immer vor allem diese persönlichen Begegnungen, das Gespräch mit den Überlebenden, das Zuhören, das Nachfragen, das Teilhaben an ihren Erinnerungen, das bei den Teilnehmenden den intensivsten Eindruck hinterlässt, vor allem an einem Erinnerungsort wie Yad Vashem, inmitten Jerusalems. In diesen Gesprächen sind die Überlebenden Subjekte ihrer eigenen Geschichte. Sie entscheiden, was und wie sie berichten, sie vermitteln ihre Haltung zur Vergangenheit, aber auch zur Gegenwart. Manchmal stoßen die Berichte der Überlebenden allerdings auch innerhalb der Fortbildungsseminare Yad Vashems auf eine Art von Unverständnis und selten sogar auf Abwehr, insbesondere wenn die Erwartungen der Zuhörer die eigentliche Begegnung mit den Überlebenden der Shoah überlagern und das eigene Rezeptionsverhalten nicht kritisch hinterfragt wird. Wir als zuhören tendieren oft dazu, Menschen, die die Shoah überlebt haben, auf ihre Funktion als Zeitzeugen zu reduzieren. Dies lässt sich insbesondere beobachten, wenn Überlebende sich zu aktuellen Themen äußern und ihrer politischen oder/und gesellschaftlichen Haltung Ausdruck verleihen. Vergessen wird dabei, dass man auch (oder gerade) als Überlebender der Shoah eine Meinung vertreten darf und sich in seinen Äußerungen nicht nur auf die Jahre der Verfolgung und Diskriminierung beschränken muss.
Darum haben wir uns entschlossen, die Positionen und Meinungen der Überlebenden, mit denen wir in Yad Vashem eng zusammen arbeiten und mit denen wir – wie auch manche Seminarteilnehmer – auch freundschaftlich verbunden sind, in den Mittelpunkt dieses Newsletters zu stellen. Die Autorinnen und Autoren waren bei der Gestaltung und thematischen Fokussierung ihrer Beiträge völlig frei. Angeregt haben wir lediglich, dass sie auch die Frage nach dem zukünftigen Umgang mit der Erinnerung an die Shoah berühren und ihren eigenen Eindruck von ihrer Tätigkeit als Zeugen schildern können. Wir freuen uns sehr, dass viele so positiv auf unseren Vorschlag reagiert und uns kürzere und längere Stellungnahmen zugeschickt haben. Wir veröffentlichen die ursprünglich teilweise in Hebräisch oder Englisch formulierten Texte in deutscher Übersetzung und mitunter leichter sprachlicher Überarbeitung. Uns ist aber wichtig, dass die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit der Positionen und Einschätzungen wie auch der Verfolgungsgeschichten und Nachkriegserfahrungen sichtbar werden.
Gerahmt werden die Texte von zwei Rezensionen aktueller Bücher, in denen ebenfalls Überlebenserfahrungen im Zentrum stehen. Der jüdische Historiker Joseph Wulf überlebte das Ghetto Krakau und das Todeslager Auschwitz, und versuchte nach dem Krieg als einer der ersten, die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit den NS-Verbrechen zu konfrontieren, was ihm oft Ignoranz und Abwehr entgegenbrachte. Stephan Grigat zeichnet Wulfs Aufklärungsversuche in seiner Besprechung von Klaus Kempters Biographie „Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland“ nach.
Als Historiker hat sich Otto Dov Kulka insbesondere mit der Erforschung der Täter und ihrer Beweggründe beschäftigt. Seine eigene Geschichte als Überlebender des Familienlagers in Auschwitz war in seinen geschichtswissenschaftlichen Veröffentlichungen bisher lediglich als Spur enthalten. In seinem Buch „Landschaften einer Metropole des Todes“ geht Kulka diesen Spuren nun nach, wie Tobias Ebbrecht-Hartmann in seiner Besprechung zeigt. Außerdem skizziert Bernd Körte-Braun in einem Artikel neue mediale Zugänge zu Überlebendenberichten und stellt damit die Frage nach dem „Erinnern in der Zukunft“. In einem Interview mit Professor Shmuel Feiner, dem Vorsitzenden des Leo Baeck Instituts in Jerusalem, werden schließlich die Bezüge zu jüdischer Erfahrung und jüdischem Denken vor und nach dem Holocaust thematisiert.

Wir hoffen, dass diese Ausgabe des deutschsprachigen Newsletters Zugänge zu den Erinnerungen der Zeugen der Shoah ermöglicht, die diese als Subjekte ihrer Geschichte ernst nehmen. Zeigen möchten wir die Vielfalt der Erinnerungen und auch der damit zusammenhängenden Positionen und Meinungen. Nicht vergessen werden sollte aber auch, was Erwin Leiser betont hat: einen unmittelbaren Zugang zu dieser Vergangenheit, ein vollständiges und endgültiges Verstehen und damit auch abschließendes Bearbeiten dieser Geschichte, kann zumindest für uns auch nicht durch die Berichte der Überlebenden erreicht werden. Vielmehr geht es um eine fortwährende Herausforderung, zuzuhören und verstehen zu lernen. Wie Otto Dov Kulka betont, hat jeder Überlebende seine eigene Tür zu seiner Vergangenheit. Wir können nicht erwarten, dass wir uns einfach so und ungezwungen in diesen Erinnerungsräumen umschauen können. Vielmehr erfordert ein Blick durch diese Türen auch die Bereitschaft, die eigene Position zu hinterfragen, die Zeugen wahr und ernst zu nehmen und die Grenzen unseres Verstehens zu akzeptieren.
Diese Grenzen implizieren auch, was oft in der Beschäftigung mit Überlebendenberichten vergessen wird: dass nämlich der Großteil der Opfer nie erzählen konnte. Millionen Schicksale blieben unerzählt, weil die Menschen in den Todesfabriken und bei Massenerschießungen ermordet wurden und ihre Erinnerungen für immer zerstört sind. Abertausende der ohnehin nur wenigen Überlebenden waren nach ihrem Überleben nie in der Lage, ihre Geschichten und die ihrer Familien zu erzählen. Sie verstummten oder zogen sich zurück. Ihre Erfahrungen waren daher weder teilbar noch mitteilbar. Und auch diejenigen, die sich trotz der Verletzungen und des Verlustes dazu entschieden, zu erzählen, können nicht alles von dem wiedergeben, was ihnen widerfahren ist. Viele von ihnen waren erst spät im Leben in der Lage, ihre Geschichten zu erzählen. Dass diese lückenhaft bleiben, ist kein Manko und tut ihrer Wahrhaftigkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil zeigt sich in dieser Lückenhaftigkeit das Fortdauern der Vergangenheit in unserer Gegenwart und verdeutlicht die Aufgabe und den Anspruch, die Geschichte der Shoah nicht zu vergessen und die Erinnerung durch aktive Auseinandersetzung und selbstkritischer Beschäftigung gegenwärtig zu halten.

Wir hoffen, dass dieser Newsletter zu diesem Anliegen beitragen kann und wünschen allen eine interessante und anregende Lektüre. Noch einmal bedanken wir uns bei unseren Autorinnen und Autoren, bei den Überlebenden, für ihre Bereitschaft zu berichten und zu erzählen und uns mit ihren Texten an ihren Positionen, Gedanken und Überlegungen zur Gegenwart und Zukunft der Erinnerung teilhaben zu lassen.

Ihre
Deborah Hartmann