Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Goldenes Haar

Jerusalem, den 5. August 1998

Ehud Loeb


Auf dem Weg zu einer Verabredung in der Stadt, in den frühen Abendstunden, betrat ich ein Papierwarengeschäft, einen kleinen Laden, den ich sehr mag. Man findet dort eine zwar bescheidene Auswahl, aber alles ist von sehr guter Qualität. Die Ware ist preiswert und bestens aufgeräumt. Das Geschäft wird hauptsächlich von Schülern und Studenten aufgesucht, von Künstlern, die dort ihre Pinsel und Farben und alle Sorten des verschiedensten Papiers finden, und von Leuten, die durch das Viertel schlendern und etwas für ihre Kinder oder sich selbst oder für ihr Büro kaufen. Jede zweite Woche, vor meinen festen Verabredungen ganz in der Nähe, gehe ich in dieses Geschäft und entdecke immer etwas, das ich kaufe, so dass ich zu Hause einen ansehnlichen Vorrat an Schreibwaren besitze. Ich kaufe für mich, aber ebenso für meine Kinder und Enkel: diese wissen schon, dass man bei mir Alles finden kann: vom Stift über das Radiergummi und über den Block (egal welcher Grösse), bis hin zum Lineal, nicht zu vergessen die Heftklammern in allen Farben, kleine und grosse, die Kunststoffmappen aller Art, Umschläge (auch durchsichtige, die ich im Ausland kaufe) und alle nur vorstellbaren Sorten von Bürozubehör, die im allgemeinen nur Spezialisten brauchen. Alles bei mir ist sauber geordnet.

Mein Grossvater besass ein Geschäft dieser Art, dem eine kleine Druckerei angeschlossen war; er verkaufte dort auch Zigarren. Man kam von weit her, um sich bei ihm einzudecken. Als meine Mutter heiratete, wurde mein Vater – der Schwiegersohn meines Grossvaters – Teilhaber dieses gut gehenden Geschäftes. Ende der dreissiger Jahre musste es in fremde Hände übergeben werden: den Juden war es nun verboten, Handel zu treiben und ein Unternehmen zu besitzen. Und dort, in jener reizvollen Kleinstadt im Schwarzwald, dort im Südwesten Deutschlands, musste mein Vater Zwangsarbeit leisten: er wurde für den Strassenbau für das deutsche Heer eingesetzt.

Mein Grossvater starb kurze Zeit vor der Deportation; meine Grossmutter starb im Lager Gurs. Meine Eltern wurden in Auschwitz umgebracht.

Ich kannte die neue Verkäuferin im kleinen Papierwarengeschäft hier in Jerusalem nicht. Sie nahm die Sachen, die ich ausgesucht hatte, zählte sie, tippte die Preise in die Kasse und notierte den Preis, den ich zu zahlen hatte. Sie packte Alles schön ein und reichte mir den Beutel.

Ich beobachtete sie, ich konnte meinen Blick nicht von ihr lösen. Sie war ein junges, hübsches Mädchen, mit lachenden Augen. Ihre Stimme war sanft und warm. Ihre Haut war hell, ihre Wangen voll. Die Bewegung ihrer Hände war anmutig, würdevoll. Ich lächelte ihr zu, und sie erwiderte mit einem wohlwollenden Lächeln.

Ihr Haar war golden, eine ganz spezielle Farbe, eine Farbe, die man nur sehr selten sieht: dunkelgold, leuchtend goldenes Tizianrot. Es war die Haarfarbe meiner Mutter, ebenso die Haarfarbe ihrer Schwester, meiner Tante, meiner geliebten Tante Erna, die in einem Lager in der Nähe von Riga umgebracht wurde.

Ich weilte ein wenig im Papierwarengeschäft: ich bezahlte langsam. Mein Blick war auf die Augen und das Haar der Verkäuferin gerichtet. Ich verlor einen Augenblick lang jeden Begriff von Zeit und Raum: vor mir sah ich die Augen und das Haar meiner Mutter und meiner Tante, die vor mehr als fünfundfünfzig Jahren ermordet worden waren.

Im Verlauf der Geburt unserer ältesten Tochter sagte der Arzt meiner Frau, dass er noch nicht wissen könne, ob sie einen Sohn oder eine Tochter auf die Welt bringe, dass er aber einen rotblonden Kopf sehe. Meine älteste Tochter hat das wunderbare, besondere Haar meiner Mutter geerbt. Als wir spazieren gingen, drehten sich die Leute um und betrachteten mit Bewunderung den rotgoldenen Schopf des kleinen Mädelchen. Auch einer unserer beiden Söhne hat diese Haarfarbe. Die erste Tochter unserer Ältesten hat das gleiche goldene Haar. Wie meine Mutter. Wie meine Tante Erna.

Ich denke oft an meine Tante Erna. Ich liebte sie sehr. Sie wohnte mit uns, bis sie heiratete und in eine andere Stadt zog: das war kurz vor der Deportation. Sie war nicht mit uns in Gurs; sie wurde zusammen mit ihrem Mann und ihrem Kind in ein anderes Lager deportiert und dort umgebracht. Ich weiss nicht, ob sie ermordet wurde, als sie noch das Kind in sich trug, oder als es schon geboren war. Ich weiss nicht, wie das Kind starb, ob es tot geboren oder ob es ermordet worden ist. Mein Cousin oder meine Cousine … Ich stelle mir Tante Erna in meinen Gedanken vor, wie sie versucht, ihr Kind zu schützen. Vielleicht hat sie es selbst getötet, um zu verhüten, dass es leide. Ich fühle ihren unsagbaren, unbeschreiblichen Schmerz. Ich kann nicht schlafen, wenn ich an sie denke.

Vielleicht hat der kleine Junge oder das kleine Mädchen die Shoah überlebt. Vielleicht werde ich ihn oder sie eines Tages treffen, hier in Israel, in einem Kibbutz oder in einer Stadt, oder irgendwo im Ausland. Er weiss nicht, sie weiss nicht, dass ich hier bin, dass ich überlebt habe, dass er oder sie einen Cousin hat.

Ich habe Frauen gesehen, ich habe junge Mädchen gesehen, auch Soldatinnen in Uniform und mit Gewehr, mit rotblondem Haar: es war dunkelgold, ein leuchtend goldenes Tizianrot. Ich konnte meinen Blick nicht von ihnen wenden. Dieser Anblick brachte mich von diesem rotblonden Haar zurück zu den Jahren meiner Kindheit, als ich vier, fünf, sechs, sieben Jahre alt war – das Alter, als ich von meiner Mutter getrennt wurde, um sie niemals wieder zu sehen. Meine Augen sind angezogen von diesem goldenen, rotblonden Haar, es fesselt meinen Blick, es bringt Erinnerungen meiner frühesten Kindheit auf, es löst eine unbeschreibliche Sehnsucht aus, es verzaubert mich.

Ich konnte mich nicht von diesem Papierwarengeschäft lösen. Die Verkäuferin bediente inzwischen einen anderen Kunden. Sie beobachtete mich mit einem freundlichen, verwunderten Lächeln. Ich verliess den Laden eilig. Ich musste mich einige Minuten in einem benachbarten Café hinsetzen. Mit Tränen in den Augen sah ich das goldene Haar meiner Mutter wieder, das rotblonde Haar, das in der erbärmlichen, düsteren Baracke im Lager Gurs strahlte; ich sah ihre helle Haut, ihr trauriges Lächeln.

Ich rannte zu meiner Verabredung.

Meine Enkelin mit dem goldenen Haar weiss nicht, warum ich nicht fähig bin, ihren Kopf mit dem rotblonden Haar zu streicheln. Manchmal beobachte ich sie von weitem. Mein Blick weicht nicht von ihrem Haar. Manchmal spricht sie mich an, und ich antworte ihr nicht. Wenn sie grösser wird, werde ich ihr von ihrer Urgrossmutter erzählen und dem Erbe, das sie von ihr erhalten hat.

Ich weiss nicht, ob ich in dieses Schreibwarengeschäft zurückkehren kann. Mein Herz schlägt. Ich bin verwirrt: vielleicht ist diese freundliche, hübsche Verkäuferin mit dem goldenen Haar die Enkelin meiner geliebten Tante Erna. Sie ist ihr so ähnlich.

Zu diesem Text wurden auf Vorschlag des Autors Anmerkungen von Dr. Noa Mkayton verfasst. Um zu den Anmerkungen zu gelangen, klicken Sie bitte hier.