Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Hatikva – Die Hoffnung

Tel Mond, Mai 2013

Von Tswi Herschel


Tswi HerschelTswi Herschel

Ich wurde im Dezember 1942, während des zweiten Weltkrieges, in den Niederlanden geboren. Im Alter von vier Monaten wurde ich von meinen Eltern einem nicht-jüdischen Paar anvertraut, in der Hoffnung, dass ich der Vernichtung entgehe und gerettet werde. In diesen Jahren bin ich oft nur knapp dem Tod entronnen.
Nach dem Krieg, als jüdischer Junge von dreieinhalb Jahren, wurde ich meinen Pflegeeltern, die mich während des Holocaust gerettet hatten, von meiner biologischen Großmutter entrissen. Von diesem Moment an veränderte sich mein Leben. Meine Großmutter brach jeden Kontakt mit der Familie ab, die mich gerettet und bedingungslos ihr Leben für mich riskiert hatte.
Sie änderte meinen Namen und ich wurde gezwungen, eine andere, (für mich) „fremde“ Religion anzunehmen, während ich zeitgleich alles vergessen sollte, was ich über den Glauben meiner Pflegeeltern gelernt hatte.
Mit acht Jahren habe ich dann durch Zufall herausgefunden, dass ich ein Waisenkind war, und dass mein Geburtsname ein anderer war, als der den meine Großmutter mir gegeben hatte.
Dieser traumatische Beginn hat mein ganzes Leben geprägt. Und trotzdem war meine Haltung zum Leben, kein Opfer sein zu wollen. Von Kindheit an habe ich intuitiv eine positive Haltung zum Leben entwickelt, und diese Einstellung hat mir geholfen wie ein Individuum zu funktionieren und danach zu streben, erfolgreich im Leben zu sein. Es war nicht immer einfach, sich in der antisemitischen Gesellschaft der Nachkriegszeit als Jude zurechtzufinden und es gab kein Verständnis für ein Kriegswaisenkind.
Obwohl ich keiner bestimmten politischen Richtung nahe stand, war ich schon immer sehr an Politik interessiert. Die derzeitige politische Weltlage in Bezug auf Israel ist mit dem zweiten Weltkrieg verbunden, mit dem systematischen Genozid an den Juden, und ist ein Gradmesser für die Zukunft des jüdischen Volkes und des Staates Israel. Die heutige israelische Regierung hat ein freundschaftliches Verhältnis mit der deutschen, der österreichischen und der Schweizer Regierung. Dieses gute Verhältnis existiert trotz des Holocaust und trotz der Vergangenheit dieser Länder. Unglücklicherweise wird diese freundschaftliche Beziehung des öfteren aufgrund der kritischen Haltung verschiedener Regierungen gegenüber dem Friedensprozess im Nahen Osten gestört, weil es diesen an Verständnis für die Situation mangelt, in der sich der Staat Israel befindet. Diese Kritik hat hauptsächlich politische und/oder wirtschaftliche Interessen als Grund.
Darüber hinaus wird die Pressefreiheit missbraucht, indem die Medien regelmäßig und absichtlich Vorurteile und unerträgliche Statements über Israel publizieren, ohne sich die Mühe zu machen, diese auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.
Zu behaupten, Israel tue den Palästinensern das gleiche an, wie die Nazis den Juden angetan haben, ist eine judenfeindliche Behauptung in ihrer schlimmsten Ausprägung. Ein weiteres Beispiel ist die absurde Behauptung von einem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dass Israel ein „Apartheidstaat“ sei. Eine Proklamation wie diese ist eine offenkundige Leugnung der Realität und erzeugt Antisemitismus in seiner übelsten Form. Antisemitismus, das negative Bild und die einseitige Meinung über die Juden und Israel, basiert auf Ignoranz in Bezug auf das Judentum, fehlendem historischen Wissen und einer unzureichenden Aufklärung über den Zweiten Weltkrieg.
Die Finanzkrise der letzten Jahre bestärkt die neue „Judeophobie“, wozu die bewussten, bösartigen und voreingenommenen Verzerrungen linker Medien ebenso beigetragen haben.

Der Anti-Israelismus ist ein Euphemismus für den alten Antisemitismus. Dem Antisemitismus wurde so ein neues Gesicht gegeben, aber es bleibt doch noch immer Antisemtismus. Es gibt zum Beispiel Stimmen in Parlamenten, Universitäten und den Medien, die sagen, dass der Staat Israel einer legalen Grundlage entbehre und kein Recht habe zu existieren. Der Aufruf zahlreicher Universitäten und wissenschaftlicher Institutionen, Israel zu boykottieren widerspricht aber den universellen Prinzipien akademischen Austauschs und fördert Ausgrenzung und Diskriminierung.
Bisher kam der Antisemitismus zumeist von rechtsextremer Seite, die den Hass auf Juden propagierte, ohne jemals mit Juden in Kontakt gekommen zu sein. Heute stehen wir vor einem neuen Phänomen des Judenhasses, das sich aus dem Geist der Linken entwickelt hat. Zusammen mit den Medien missbrauchen sie die Demokratie, um Israel und die Juden zu verleumden. Die Manipulation von Fotos und Filmaufnahmen schadet dem israelischen Staat und verdeutlicht vorhandenen Antisemitismus.
Der Filmausschnitt über den jungen Palästinenser Mohamed Al Dura ist ein offenkundiges Beispiel für diese Art von Manipulation. Auch auf der politischen Ebene sind linke Parteien die Stichwortgeber der anti-israelischen Bewegung. Ihre Vorurteile und doppelten Standards richten sich direkt gegen den jüdischen Staat.
Im Mai 2013 wurde eine internationale Konferenz über den gegenwärtigen Antisemitismus in Jerusalem abgehalten. Eine solche Zusammenkunft ist notwendig geworden, weil wir heute einem Sturm von Judenhass gegenüber stehen, der von Individuen, Organisationen und Politikern genauso ausgeht wie von den Medien und dem Internet. Das ist unglaublich. Wer hätte geglaubt, dass es 68 Jahre nach der systematischen Vernichtung des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkrieges nötig sein würde, dass die israelische Regierung eine internationale Konferenz zu diesem Thema organisiert. Mehr als 500 Teilnehmer aus der ganzen Welt kamen nach Jerusalem, um darüber zu diskutieren und Maßnahmen zu ergreifen, gegen dieses Übel vorzugehen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das Auschwitz-Komitee den Auftrag „Nie wieder Auschwitz“ formuliert. Trotz der positiven Einstellung, die diesen Auftrag annahm, verkam er zu einem ungehörten Ruf, denn nichts hat sich auf der Welt verändert. Heute, fast sieben Jahrzehnte nach dem Inferno in Europa, schaut die Welt noch immer zu und wird nicht aktiv, wenn Diktatoren und Tyrannen unschuldige Menschen ermorden. Sogar die Vereinten Nationen sind, zum Teil auch aufgrund ihrer Zusammensetzung, machtlos, Maßnahmen zu ergreifen, um die Menschen vor solchen machthungrigen Herrschern zu beschützen, die noch nicht einmal vor dem Massenmord unschuldiger Männer, Frauen, Kinder und Alten zurückschrecken.
Institutionen wie Yad Vashem, das United States Holocaust Memorial Museum und andere Einrichtungen sind wichtig, um die historischen Fakten und persönlichen Erinnerungen an den Holocaust zu dokumentieren und die Öffentlichkeit über die Verbrechen aufzuklären, die in unserer jüngsten Geschichte passierten. Die Museen und ihre pädagogischen Programme sind unentbehrlich, um über den Holocaust zu lehren, damit der Massenmord an den Juden nicht in Vergessenheit gerät, geleugnet oder wiederholt wird. Der Unterricht über den Holocaust bleibt auch für zukünftige Generationen wichtig, um Diskriminierung zu bekämpfen und Toleranz zu fördern.

Als Pensionär, der ich heute bin und als jemand, der den Holocaust als Kind überlebt hat, habe ich in den letzten zehn Jahren Institutionen wie Yad Vashem mit Vorträgen und Berichten vor Gruppen aus unterschiedlichen Ländern unterstützt. Meine Vorträge basieren auf meiner persönlichen Erfahrung des Holocaust und werden durch historische Fakten und authentische Dokumente unterstützt, die sich in meinem Besitz befinden. Ich bin glücklich zu sehen, dass es viel Interesse unter nicht-jüdischen Besuchern gibt, mehr über den Holocaust zu erfahren und darum an einem der Seminare teilzunehmen, die in Yad Vashem durchgeführt werden. Das Ziel meiner Vorträge ist es, die Teilnehmer auf Diskriminierung aufmerksam zu machen und sie dazu zu bringen, über deren Konsequenzen nachzudenken. Das wird uns helfen, toleranter zu werden und Vorurteile im alltäglichen Leben abzubauen. Da ich einer der jüngsten Überlebenden des Holocaust bin, wird es nach meiner Generation keine Zeugen mehr geben. Darum unterstütze ich alle Organisationen und Institutionen, die es Überlebenden ermöglichen, ihre Geschichte zu erzählen und diese zu dokumentieren. Solche Institutionen sind unverzichtbar für die Erziehung gegen Diskriminierung, Intoleranz, Genozide, Diktaturen und die Einschränkung der Freiheit.