Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Leben, Gedanken, Ansichten

Haifa, Mai 2013

Von Naftali Fürst


Naftali FürstNaftali Fürst

Am 11. April 1945 wurde ich zum zweiten Mal geboren. Ich war 12 Jahre alt. Es war der Tag der Befreiung des Lagers Buchenwald. Drei Jahre lang war ich in vier verschiedenen Konzentrationslagern eingesperrt gewesen.

Heute bin ich 80 Jahre alt. Ich lebe in Haifa, Israel. Ich bin der Vater von Ronit, die mit Ehud verheiratet ist, und der Großvater von vier geliebten Enkelkindern. Meine Lebensgefährtin Tova ist seit neun Jahren meine Partnerin, auch was die Erinnerung an die Shoah angeht. Ohne sie wäre mein Leben nicht so wie es ist.
Im Rückblick komme ich zu dem Ergebnis, dass mein Leben, meine Sicht auf die Welt und mein Verhalten von drei wesentlichen Elementen geprägt wurden: erstens von meinen Eltern, zweitens von der Shoah, und drittens von der Jugendbewegung HaShomer HaZair.

Meine Eltern Margit und Artur Fürst heirateten in der freien und demokratischen Tschechoslowakei. In meinen Augen waren sie ein perfektes Paar, die mir als Vorbild dienten im Bewahren von Werten und menschlichen Beziehungen und bei der Bewältigung der Schwierigkeiten, die das Leben für uns bereithält. Von ihnen habe ich die Liebe zur Familie und zu den Menschen, zwischenmenschliches Verhalten, Aufrichtigkeit, Mut und Bescheidenheit gelernt.

Die Shoah. Während der Shoah war ich Angst, Grausamkeit, Hunger, Kälte und Einsamkeit ausgesetzt. Ich lernte, wie Menschen sich unter Druck zueinander verhalten, was Krieg gegen das Leben ist, und was Überleben. Ich hatte das Glück, einen großen Bruder zu haben, Shmuel. Wir haben beide am eigenen Körper gelernt, was Brüder einander sein können. Wir waren uns einig, dass unser Zusammensein während des Krieges uns dabei geholfen hat, den Terror zu überleben, ja dass es der wesentliche Faktor war, durch den wir überlebt haben.
Meine Beziehung zum Leben, mein Verhältnis zu Menschen, und überhaupt mein ganzes Leben stehen unter dem Einfluss der Shoah – sie steckt in meiner Seele und in meinem Denken.

Nach dem Krieg ging ich zur Jugendbewegung HaShomerHaZair. Hier formte sich meine Weltsicht, die grundsätzlich sozialdemokratisch und anti-militant ist und Frieden wünscht. Beim Shomer nahm ich die Idee des Zionismus und das Leben in der Kommune in mich auf, ich sog sie mit Begeisterung auf, um die Ziele umzusetzen, zu denen wir erzogen wurden.
Im Februar 1949 verließ ich meine Familie in der Tschechoslowakei und wanderte gemeinsam mit Alten und Jungen nach Israel ein. Im Rahmen der "Alijat HaNoar"[1] wurden wir bis zum Jahr 1955 im Kibbutz Ma'anit aufgenommen. Im selben Jahr heiratete ich meine Freundin Ruti. Sie ist die Mutter meiner Tochter Ronit.
Ich wurde im Februar 1951 gemeinsam mit meinen Freunden zur Armee eingezogen, zur Einheit Nachal[2]. Ich habe meine Pflicht mit Auszeichnung erfüllt und wurde für die Offiziersausbildung vorgeschlagen, aber ich lehnte das ab wegen meiner pazifistischen Haltung und meines friedliebenden Charakters.

Im Kibbutz arbeiteten und lernten wir. Wir fühlten, dass wir beteiligt waren an den ersten Schritten nach der Gründung des Staates. Ich blieb bis 1955 Mitglied im Kibbutz Ma'anit.

Das war auch die Zeit, in der ich mich sportlich engagierte, vor allem im Volleyball. Ich spielte in verschiedenen Mannschaften innerhalb der Armee. Als ich bei Nachal spielte, gewannen wir den Meistertitel bei Zahal[3].

1955 verließ ich mit meiner Frau den Kibbutz. Ohne jeden Besitz und ohne jegliche finanzielle Mittel gingen wir nach Haifa. Das erste Dach, das wir über dem Kopf hatten, war eine Holzhütte im Aufnahmelager Tel Chanan[4], die uns vom Ehepaar Gur, meiner Schwägerin und ihrem Mann, überlassen worden war. Eine Hütte ohne Strom und mit gemeinsamer Toilette im Freien.

Die Jahre, in denen ich eigentlich als Kind hätte zur Schule gehen sollen, waren Kriegsjahre. Deswegen kam ich nie zu einer formalen Ausbildung, aber ich bin zufrieden, wie ich in meinem Leben vorwärtsgekommen bin. In den 57 Jahren, die ich gearbeitet habe, konnte ich verschiedene Berufe ausüben: als Fotograf, als Schreiner, und als Fahrlehrer. In den letzten 20 Jahren meiner Berufstätigkeit war ich der Besitzer eines Unternehmens, das Medikamente verkaufte. Im Jahr 2006, im Alter von 74, ging ich in Pension. Finanziell abgesichert, konnte ich es mir nun erlauben, einen neuen, ruhigeren Lebensabschnitt zu beginnen.

In den Jahren 2005/2006 vollzog sich ein bedeutender Wendepunkt in meinem Leben. Im April 2005 wurde ich nach Buchenwald zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 60. Jahrestags der Befreiung des Lagers eingeladen. Ich nahm die Einladung an und kehrte nach Deutschland zurück, 60 Jahre nachdem ich mir geschworen hatte, dass mein Fuß nie wieder deutsche Erde betreten und ich nie wieder deutsch sprechen würde. Dieser Besuch hatte große Wirkung auf mich. Ich wurde gewahr, wie gering die Zahl der Überlebenden war. Es tat mir weh, dass es nicht mehr möglich war, mit meinem Bruder Shmuel (sel. A.) hierher zurückzukehren. Ich beschloss, dass ich meine Erfahrungen mitteilen und an der Bewahrung der Erinnerung an die Shoah mitarbeiten muss.
Ich habe meinen Schwur gebrochen! Es kostete mich viele Anstrengungen, zurückzukehren und deutsch zu sprechen, meine Muttersprache, die ich 60 Jahre lang nicht gesprochen hatte. Ich schloss mich der Gruppe von Zeitzeugen in Yad Vashem, in der deutschsprachigen Abteilung an der International School for Holocaust Studies an. Ich wurde eingeladen, vor Gruppen von Lehrern, Erziehern, Juristen und Religionslehrern aus Deutschland, Österreich und der Slowakei zu sprechen. Ein Ergebnis meiner Arbeit in Yad Vashem war, dass ich einige echte Freunde aus diesen Ländern gewinnen konnte. Im Jahr 2007 kam ein Unterrichtsheft zur Shoah in deutscher Sprache heraus, dem meine Lebensgeschichte zugrunde gelegt ist. Die Idee dazu hatte mein Freund Joachim Wiesner aus Hart, Österreich. Er hat das Heft ediert.
Im Jahr 2008 brachte unsere gute Freundin Annette Hirzel aus Siegburg das Buch "Wie Kohlestücke in den Flammen des Schreckens" in Deutschland heraus. Darin wird die Lebensgeschichte der Familie Fürst erzählt, und Menschen, die mir nahestehen, haben Grußworte beigesteuert. Im letzten Jahr wurde die zweite Auflage veröffentlicht, in die einige meiner späteren Texte mit aufgenommen wurden.
Im Jahr 2011 wurde ich Mitglied im IKBD (Internationales Kommitee Buchenwald-Dora und Kommandos). Als Vertreter Israels wurde ich auch in den Beirat der Gedenkstätte Buchenwalds gewählt.
Am 67. Jahrestag der Befreiung Buchenwalds, im April 2012, kam der Dokumentarfilm "Kinderblock 66" in die Kinos. In ihm wird die Geschichte von vier ehemaligen Häftlingen erzählt, die nach 65 Jahren als Erwachsene nach Buchenwald zurückkehren. Ich bin eines dieser vier Kinder in diesem Film, die erwachsen und alt geworden sind und die Möglichkeit hatten, als Männer an den Ort zurückzukehren, wo sie in ihrer Kindheit beinahe bis zu ihrem Tod gelitten hatten.
Im Jahr 2012 konnten Tova und ich einen außergewöhnlichen Erfolg verbuchen. Nach langwierigen Anstrengungen gelang es uns, zu erreichen, dass Antonin Kalina, der Blockälteste vom Kinderblock 66 in Buchenwald, der an die tausend jüdische Kinder gerettet hatte, von Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" anerkannt wurde.

Gedenken an die Shoah.

Zu diesem Thema habe ich viel auf dem Herzen. Ich kann hier nur einen Teil meiner Gedanken vorbringen. Viele Staaten haben Museen und Gedenkstätten zur Erinnerung an die Shoah gegründet und lehren die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah. Meinem Gefühl nach sind Deutschland und, etwas später, auch Österreich unter den Ländern, die die Bedeutung dieses Themas verstanden haben und ihm viel Engagement und Ressourcen widmen. Unverständlich ist in meinen Augen, dass trotz der Lehre, die die Deutschen aus der Shoah gezogen haben, und den Bemühungen, die sie investieren, um die Shoah und ihre Bedeutung für heute zu verstehen, die Neonazis wieder aus ihren Löchern kommen und der Antisemitismus ansteigt und sich verbreitet. Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass heute jeder vierte Deutsche Antisemit ist?
68 Jahre sind seit meiner Befreiung vergangen. Wenn ich die Erinnerungskultur an die Shoah betrachte, komme ich zum Ergebnis, dass nach dem Verschwinden des letzten Überlebenden das Wissen über die Shoah zu einem weiteren Kapitel in der Geschichte werden wird, das immer weniger Leute interessiert.

Der gesamte Besitz der Ermordeten ist in die Hände von Menschen und Regierungen Europas gefallen, und später ist ein Teil davon auch an die Regierung Israels gegangen. Deutschland hat immense Summen als Entschädigung für seine Verbrechen an den Juden an die israelische Regierung gezahlt.
Den Museen und Gedenkstätten gebührt hoher Respekt. Sie sind wichtig, denn sie wurden zur Erinnerung an die Opfer der Shoah errichtet, die ums Leben gekommen sind. Aber es gibt auch Opfer der Shoah, die die Hölle überlebt haben, die nicht gänzlich verbrannt sind, und sie sind die glimmenden Kohlestücke, die von dem großen Brand übrig geblieben sind. Sie sind unter uns. All jene, die die Shoah erlebt haben, sie alle haben ihre Wunden davongetragen. Einige mehr, andere weniger. Alle sind krank, einige mehr, andere weniger, es gibt kinderlose Überlebende, es gibt solche mit schweren Behinderungen, es gibt Hungrige, die kein Geld für Medikamente und für Essen haben. Es gibt die, die niemanden haben, dem sie erzählen können, dass sie am Ende ihres Weges angelangt sind, und die keine Kraft mehr haben, ihr Leben weiter zu tragen.

Zum Abschluss möchte ich sagen, dass es keine kluge Sache ist, solch immense Summen in die Erinnerungsarbeit an die Shoah zu stecken. Es ist pädagogisch ein falsches Signal, es ist weder logisch noch moralisch richtig. Wäre es nicht möglich gewesen, weniger Resourcen in die Errichtung von prächtigen Museen und riesigen Gedenkstätten zu investieren? Wie ist das nachzuvollziehen, dass in klimatisierten Hallen Soldaten, Schüler und Touristen herumspazieren und gelehrte Erklärungen über Vernichtung, Hunger und Leiden bekommen, und gleichzeitig lebt eine alte Überlebende der Shoah in einem armseligen Zimmerchen ohne Klimaanlage, und ihr Kühlschrank ist leer? Wie kann das gerecht sein, dass sie, ausgeschlossen von sozialen Zuwendungen vom Staat, ihr Leben in Armut und Einsamkeit beenden muss? Es ist empörend, dass so viele Menschen jahrelang ihren Lebensunterhalt durch die Shoah verdienen, nur die Überlebenden selbst nicht.
Stattdessen wäre es angebracht, richtig und menschlich, wenn zuerst ernsthafte Zuwendungen mit offener Hand an die Überlebenden der Shoah verteilt würden, die am eigenem Fleisch und an ihrer eigenen Seele Terror, Trennung und Verlust, Schläge und Hunger, Kälte und Erniedrigung erfahren haben, und trotz aller unmöglichsten Bedingungen überlebt haben.
Die Regierungen Israels hatten und haben die schwerwiegende Verpflichtung, die Überlebenden zu versorgen und sich um sie zu kümmern, ohne kleinliche Vorbehalte gegenüber jedem Einzelnen, und ohne das diese endlose und demütigende Fragebogen ausfüllen müssen. Das Werk der Erinnerungsarbeit kann man auch bescheidener gestalten. Die finanziellen Resourcen, deren wahrer Umfang niemandem verraten wird, müssen den Überlebenden zugute kommen.
Gebt dem Andenken der Umgekommenen Respekt und Ehre, aber ohne die Überlebenden zu vernachlässigen. Der Satz „Jeder Mensch hat einen Namen“ gilt auch für sie, aber mit einem Unterschied - hinter jedem Namen lebt ein Mensch.

Auf der Internetseite www.furststory.com kann die Lebensgeschichte der Geschwister Fürst nachgelesen werden.
2008 wurden die Erinnerungen von Naftali Fürst veröffentlicht:
Naftali Fürst, Wie Kohlestücke in den Flammen des Schreckens. Eine Familie überlebt den Holocaust, Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2. Auflage, Neukirchen-Vluyn 2012.
Im April 2012 erschien der Film „Kinderblock 66 – Return to Buchenwald“, der die Geschichte von Naftali Fürst und drei weiteren jüdischen Überlebenden aus dem Block 66 im Konzentrationslager Buchenwald erzählt.


[1] Hebräische Bezeichnung für die Jugend-Immigration nach Israel.
[2] Nachal ist die Abkürzung von Noar Chaluzi Lochem (kämpfende Pionierjugend). Die Nachal wurde 1948 von David Ben-Gurion gegründet, mit dem Ziel militärische und zivile (insbesondere landwirtschaftliche) Aufgaben miteinander zu vereinen und war insbesondere an der Gründung und Entwicklung der Kibbutzim beteiligt.
[3] Hebräische Bezeichnung für die israelischen Streitkräfte.
[4] Diese Aufnahmelager (Ma´abarot genannt) wurden in den 1950er Jahren für jüdische Flüchtlinge und Einwanderer gegründet. 1963 wurde das letzte Aufnahmelager geschlossen.