Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Vera Dotan mit ihren Enkelkindern  Ofek Dotan-Cohen und Miki Dotan-Cohen, Quelle: Yedioth Achronot/Foto: Abigail UziVera Dotan mit ihren Enkelkindern Ofek Dotan-Cohen (2 Jahre) und Miki Dotan-Cohen (6 Monate), Quelle: Yedioth Achronot/Foto: Abigail Uzi

Vera wurde in Ungarn geboren und überlebte die Lager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück. Sie ist die Witwe von Miki, auch er war Holocaustüberlebender. Sie lebt in Netanja und arbeitet seit 20 Jahren als Voluntärin mit Yad Vashem und mit Gedenkstätten in Deutschland zusammen. Sie ist die Mutter von Gabi und Roni, Großmutter von fünf Enkelkindern, von denen eines, Ohad Dotan, beim Bergsteigen in Neuseeland ums Leben kam, und Urgroßmutter von Ofek und Miki, der nach seinem Urgroßvater benannt wurde.

Meine lieben Urenkel!

Die Tatsache, dass ich heute hier bin, ist ein Wunder. Mama und ich sind die Einzigen aus der ganzen Familie, die überlebt haben. Wie? Jedesmal ist wieder irgendein Wunder passiert, und irgendwie haben wir uns immer gegenseitig gerettet – bei den Selektionen von Mengele und während dieser ganzen fürchterlichen Zeit, die wir durchgemacht haben. Meinen Vater Sigmund Gellert haben die Deutschen ganz am Anfang verbrannt. Mein Bruder Gabi, Gabriel, ist zwei Wochen vor der Befreiung umgekommen. Ende April 1945, als das Lager Ravensbrück evakuiert wurde und die Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt wurden, haben Mama und ich zusammen mit noch sechs anderen Frauen das Durcheinander ausgenutzt, um in eine nahegelegene Scheune zu flüchten. Nachts sind wir von dort aus weiter in einen Graben geflohen, und dort stießen wir auf drei SS-Männer. Wir waren sicher, dass das jetzt unser Ende ist, aber sie beschlossen, uns am Leben zu lassen und uns als menschliche Schutzschilde vor sich herzutreiben, als Schutz vor dem sowjetischen Feuer, und so waren wir wieder einmal gerettet.
Für mich hat der Holocaust nicht aufgehört an dem Tag, an dem wir erfahren haben, dass wir befreit sind und der Krieg vorbei ist. Der Holocaust wird mein ganzes Leben mit mir sein, bis ich sterbe, und nur weil ich von einer so wunderbaren Familie umgeben bin, bin ich in der Lage, diese Last Tag für Tag weiterzutragen.
Vor langer Zeit habe ich begonnen, ein privates Archiv anzulegen, mit Zeitungsausschnitten, Artikeln, Bildern und Informationen über die Shoah. Ich bin sicher, dass ihr, meine Nachkommen, diese Sammlung aufbewahren und nicht auf den Müll werfen werdet. Auf keinen Fall darf die Shoah vergessen werden.
Ich hoffe, dass auch ihr die Werte, die ich an meine Kinder und Enkel vermittelt habe, verinnerlichen werdet – für euere Nachkommen. Ich meine den obersten aller Werte, nämlich ein gerader und guter Mensch zu sein, ein Mensch, der Anderen hilft. Arbeitet immer fleißig und seid ehrlich, und vor allem, macht niemals den Fehler, Aschkenasim und Sfaradim, Religiöse und Säkulare, Äthiopier und gebürtige Israelis voneinander zu trennen. Alle sind gute Juden. Ich, die ich in der Diaspora mit dem Satz „Du bist Jüdin!“ aufgewachsen bin, erlaube euch nicht, Unterschiede zwischen den Menschen zu machen. In jedem Volk und in jeder ethnischen Gruppe gibt es solche und solche Menschen, gute und schlechte.
Ich erinnere mich, wie wir 1949, auf dem Schiff in Richtung Israel, die ganze Nacht über gewartet haben, bis wir die Küste von Israel sehen konnten. Und wie aufgeregt wir waren, als wir ankamen. Hier, ein jüdischer Baum, jüdische Erde. Schon richtig – der Staat, den wir heute haben, ist nicht genau der von dem wir geträumt haben. Aber wir haben keinen anderen Ort, an dem wir leben können, und deswegen müsst ihr bewahren, was wir haben, denn unter den anderen Völkern könnt ihr nicht leben. Glaubt mir, liebe Großenkel, ich habe genug durchgemacht, um euch diesen Satz mit auf den Weg zu geben.

Mit freundlicher Genehmigung von Yedioth Achronot, April 2012

2010 hat Vera Dotan gemeinsam mit ihrem Mann Miki Dotan ihre Biografie veröffentlicht, die auch ins Deutsche übersetzt wurde: Vera und Miki Dotan, Aufstieg aus der Hölle, Eigenverlag 2010.