Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Ghettoaufstand und jüdischer Widerstand


Von Prof. Dr. h.c. Arno Lustiger


Der Aufstand im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, war eines der spektakulärsten Ereignisse des 2.Weltkrieges. Dieses Symbol des jüdischen Widerstandes dauerte länger als deutsche Blitzkriege gegen manche Staaten. Das Gedenken an den Aufstand ist von zahlreichen Mythen überlagert worden. Heute ist es an der Zeit, die zahlreichen Fehler, Unterlassungen und sogar historischen Unwahrheiten der Geschichtsschreibung über ihn zu korrigieren. Ein Beispiel: Der Orientalist Udo Steinbach aus Hamburg verglich im Januar [2003] israelische Soldaten mit SS-Schergen im Warschauer Ghetto.[1]
Am 28. Juli 1942 wurde die „Jüdische Kampf-Organisation“, Zydowska Organizacja Bojowa (ZOB), gegründet. Ihrem Kommandanten Mordechai Anielewicz gelang etwas scheinbar Unmögliches: Er überwand den traditionellen jüdischen Partikularismus und vereinigte die antizionistischen und zugleich antikommunistischen sozialistischen Bundisten mit Kommunisten und mehreren linkszionistischen Organisationen in einem Kampfbund. Dabei wurden aber die Mitglieder der rechtszionistischen Bewegung (Revisionisten), die von allen anderen als Faschisten beschimpft wurden, von jeglicher Zusammenarbeit ausgeschlossen. Unter dem Kommando von Mordechai Anielewicz, der ein Linkszionist war, wurden 22 nach politischen Organisationen gegliederte Kampfgruppen geschaffen. Die Linkszionisten (Dror, Haschomer Hazair, Poale Zion und Gordonia) bildeten zwölf Gruppen, sozialistische Bundisten vier Gruppen, Kommunisten vier Gruppen und Liberalzionisten (Hanoar Hazioni und Akiba) zwei Gruppen. Seit 1945 sind zahlreiche Bücher, Dokumentationen, Filme und Hörspiele über den Aufstand im Warschauer Ghetto veröffentlicht und ausgestrahlt worden. Romanschriftsteller wie John Hersey („Der Wall“), Leon Uris („Mila 18“) erzielten mit ihren Büchern Millionenauflagen. Viele Historiker haben schon vor Jahrzehnten alle Aspekte des Aufstandes beschrieben. In fast allen Veröffentlichungen wird eine einzige Widerstandsorganisation ausführlich und mit großer Akribie dargestellt: die Jüdische Kampf- Organisation ZOB.
Wer diese umfangreiche Literatur kennt, käme nicht auf den Gedanken, dass es noch eine weitere jüdische Kampforganisation im Warschauer Ghetto gegeben hat, den „Jüdischen Militärverband“, Zydowski Zwiazek Wojskowy (ZZW). Dessen Existenz ist bis heute so gut wie unbekannt. In Israel wird der Jüdische Militärverband von den Mitarbeitern der Institute und Archive, die sich mit dem Holocaust und vor allem mit dem Widerstand beschäftigen, wie das Ghetto-Kämpfer-Museum, Kibbutz Jad Mordechai und Giwat Chawiwa, nur am Rande behandelt. Das kommunistische Polen und das von der Arbeiterpartei geführte Israel hatten offenbar kein Interesse daran, den Anteil der ideologischen Gegner am Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland zu würdigen. Die meisten polnischen und jüdischen Historiker haben die Kämpfer des Jüdischen Militärverbandes jahrelang ignoriert. [...]
Sofort nach Ende des Krieges in Polen organisierten sich in Warschau jüdische Offiziere und Soldaten der polnischen Armee im rechtszionistischen Jüdischen Militärverband ZZW. Der ZZW hatte im Gegensatz zur ZOB keine ideologischen Grundlagen, beschränkte seine Aktivitäten auf den bewaffneten Kampf und bereitete sich auf das „letzte Gefecht“ vor. Bei der Verteidigung Warschaus kämpfte 1939 Hauptmann Henryk Iwanski zusammen mit seinem jüdischen Regimentskameraden, dem aus großbürgerlichem Milieu stammenden Oberleutnant David Moryc Apfelbaum. Sie wurden Waffenkameraden und Freunde auf Leben und Tod. Hauptmann Iwanski befehligte das ultrageheime Sicherheitskorps Korpus Bezpieczenstwa (KB) der Armia Krajowa, Heimatarmee (AK). Er war Verwalter des St.- Stanislaus-Hospitals für Infektions-Krankheiten in Warschau, das die Deutschen wie die Pest mieden. Das Krankenhaus war die Schaltstelle des bewaffneten Widerstandes, der Waffenhilfe und der Rettungsaktionen für die Juden. Er konnte viele Juden aus dem Ghetto heraus schleusen und mit Hilfe des Klerus verstecken und retten. Iwanski fand christliche Pflegeeltern für jüdische Kinder, aber vor allem half er tatkräftig den Kämpfern des ZZW. Anfang 1943 zählte der ZZW bereits 400 bestens geschulte und bewaffnete Kämpfer, darunter viele Frauen, die in konspirativen Gruppen organisiert waren. Kommandant war David Apfelbaum. Ihm zur Seite standen Pawel Frenkiel und der bekannte jiddische Journalist Arie Rodal. Nicht nur die ZOB und der ZZW haben sich auf den Aufstand vorbereitet. Die Juden Warschaus bauten mehr als tausend unterirdische Bunker. Die meisten von ihnen waren in keinem politischen Verband organisiert und wurden deshalb pejorativ „Wilde“ genannt. Sie haben mit eigenen Mitteln den Widerstand organisiert, um mit ihren Familien-, Haus- und Bunkergemeinschaften zu überleben oder ehrenhaft zu sterben. Der organisierte Widerstand musste die Geldmittel für die Waffenkäufe, Munition, Lebensmittel und Baumaterialien zum Teil mit Zwang von reichen Juden eintreiben.
Um eine sichere Verbindung nach außen als wichtigste Voraussetzung für den Kampf und den Nachschub zu schaffen, baute der ZZW, als einziger Kampfverband, mehrere Tunnel, so in der Okopowa-, Gesia-, und Leszno-Straße. Ein Tunnel verband das Haus Nr. 4 in der Karmelicka-Straße im Ghetto zum Haus Nr. 5 vis-a-vis. Der größte und wichtigste Tunnel wurde vom Haus Muranowska-Straße 7 zum Haus Nr. 6 gebaut, das außerhalb des Ghettos war. Dieser 50 Meter lange Tunnel wurde unter dem Kommando des unermüdlichen Kämpfers Szlamek gegraben, der im Aufstand fiel. 60 junge Betaris schufteten Tag und Nacht im Tunnel. Große Mengen Zement und Eisen mussten konspirativ beschafft und eingebaut werden.
Der legendäre Kurier des polnischen Widerstandes, Jan Karski, kam im September 1942 durch diesen Tunnel zweimal ins Ghetto. Er wurde vom ZZW-Soldaten David Landau ins Ghetto gebracht und dann sicher nach draußen begleitet. Landaus Erinnerungen, er kämpfte im Aufstand mehrmals in der Uniform eines SS-Offiziers, erschienen postum erst 1996 in Australien. Einen Monat später kam Karski illegal über Berlin, Brüssel, Paris, Madrid und Gibraltar nach London, wo er der polnischen Exilregierung, sowie Churchill, Eden und später Roosevelt von den schrecklichen Gräueln der Massenmorde in Warschau berichtete. Der letztere war an dem Erzählten mäßig interessiert.
Der ZZW verfügte dank der Kontakte mit Iwanski und seiner Organisation über eine ausgezeichnete Bewaffnung und militärische Infrastruktur. Der Ghetto-Historiker Dr. Emanuel Ringelblum stattete dem Hauptquartier des ZZW kurz vor Ausbruch des Aufstandes einen Besuch ab. Auch er kam über den Muranowska-Tunnel ins Ghetto und hat seine Beobachtungen wie folgt beschrieben: „Die Stabsoffiziere des ZZB, mit welchen ich mich unterhielt, trugen ihre Waffen offen in Holstern. In einem anderen Raum sah ich viele Waffen an Haken an der Wand hängen, MGs, Gewehre, Handgranaten, Pistolen vieler Kaliber, Munitions-Magazine, deutsche Wehrmachts-Uniformen, die während des Aufstandes gut genutzt wurden. Das Hauptquartier war so betriebsam, wie jede andere militärische Kommandostelle. Es wurden Befehle an Posten und Kampfgruppen ausgegeben, Berichte über Geldkonfiszierungen von vermögenden Ghettobewohnern erstattet. In meiner Anwesenheit wurden von einem ehemaligen polnischen Offizier Waffen für eine Viertel Million Zloty gekauft, bei einem Vorschuss von 50.000 Zloty. Es wurden zwei automatische Gewehre für 40.000 Zloty gekauft, dazu eine beachtliche Menge von Granaten und Kugeln.“ Der ZZW kaufte Waffen auf dem Schwarzmarkt und verließ sich nicht, wie die ZOB, auf die Hilfe der offiziellen polnischen Militärorgane der AK. Die Kurierinnen Zosia Rathajzer, Emilka Kosower, Ella Neuberg und weitere Frauen sorgten für die Verbindung nach außen. Die ZZW-Soldaten verübten eine Anzahl von Attentaten auf SS-Männer. Sie liquidierten auch die von der Gestapo und vom Kollaborateur Gancwajch geführte Organisation jüdischer Spitzel und Provokateure Zagiew. Diese wurden vom geheimen Feldgericht des ZZW unter Rechtsanwalt Szulman zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die ZOB und der ZZW arbeiteten zeitweilig zusammen, um dann auseinanderzugehen. Am Vorabend des Aufstandes gab es jedoch eine volle Koordination und Kooperation. Mordechai Anielewicz teilte dem ZZW bestimmte Viertel und Straßen zum Kampf und zur Verteidigung zu. Die Kampfgruppen des ZZW waren die am besten bewaffneten Einheiten des Aufstandes. Die Haupteinheit in der Muranowska-Straße allein verfügte über zwei schwere MGs, ein leichtes MG, acht Maschinenpistolen, 300 Granaten, und Tausende von Geschossen.
Die Rekonstruktion des Personalbestandes des ZZW ist sehr schwierig, weil von den etwa 400 Kämpferinnen und Kämpfern, denen sich während des Aufstandes weitere angeschlossen haben, etwa zehn am Leben blieben. Am 19. April um fünf Uhr früh führte SS-General Ferdinand v. Sammern-Frankenegg seine Truppe, SS-Leute, ukrainische und baltische Hilfswillige, polnische Polizisten und jüdische Ordner als menschliche Schutzschilder, mit Panzern, Artillerie und Flammenwerfern ins Ghetto. ZOB- und ZZW-Kämpfer empfingen sie mit MG-Feuer, Gewehrschüssen, Granaten und Molotowcocktails. Auch „wilde“ Kampfgruppen haben heroisch den Gegner angegriffen. Es gab viele Tote und Verletzte unter den Angreifern. Drei Stunden später traf Frankenegg seinen Nachfolger, den SS-General Jürgen Stroop. Von Panik ergriffen sagte er ihm: „Im Ghetto ist alles verloren, wir haben Tote und Verwundete.“ Er wollte Sturzkampf-Flugzeuge anfordern, aber Stroop gönnte der Luftwaffe die „Ehre“, die Juden Warschaus vernichtet zu haben, nicht. Er selbst befehligte von nun an die brutale Niederschlagung des Aufstandes. Himmler schickte am 21. April 1943 wegen des Fiaskos in Warschau um ein Uhr morgens das folgende Fernschreiben an die SS- Generäle Stroop und Krüger: „Die Durchkämmung des Ghettos in Warschau ist mit größerer Härte und Unnachsichtigkeit zu vollziehen. Je härter zugepackt wird, desto besser ist es. Gerade die Vorfälle zeigen, wie gefährlich diese Juden sind.“
Der große Häuserblock am Muranowski-Platz und an der Muranowska-Straße, wo die erbittertsten Kämpfe, auch nach dem Stroop-Bericht, stattfanden, wurde von vier ZZW- Kampfgruppen verteidigt. Der Kommandant David Apfelbaum kämpfte in der Mila 10. In einer Kampfgruppe kämpfte zusammen mit ihrem jüdischen Gefährten Mosche Kuperman auch die junge Polin Agnieszka Cybulska, die sich weigerte, ihren Freund zu verlassen und mit ihm zusammen im Ghetto fiel. Im Zentralghetto, wie auch im Bürstenmacher-Gebiet und in den Rüstungswerken operierten weitere Einheiten der ZZW.
Die Aktion im Ghetto sollte drei bis vier Tage dauern. Der Aufstand im Warschauer Ghetto wurde nach Stroops Bericht am 16. Mai 1943 niedergeschlagen, aber in Wirklichkeit wurde noch bis Ende Mai gekämpft und sogar bis Mitte Juli sporadisch Widerstand geleistet.
Stroop ist es nicht gelungen, den Aufstand militärisch zu besiegen. Nur durch den Einsatz von Panzern und Artillerie, die Sprengung aller Häuser des Ghettos, immerhin ein Viertel Warschaus, Flutung der Kanalisation, Anwendung von Flammenwerfern und Gas konnten die Juden überwältigt werden.
Stroop nennt die Zahl von 56 065 „erfassten“ Juden, wovon 7 000 im Ghetto getötet wurden. Nach der Niederschlagung des Aufstandes wurden Tausende von Überlebenden in die Konzentrationslager Majdanek, Trawniki und Poniatowa übergeführt, wo sie in den dorthin verlagerten Rüstungsbetrieben arbeiteten. Im Rahmen der „Aktion Erntefest“ wurden alle Häftlinge am 3. November 1943 ermordet und ihre Leichen verbrannt. Viele Juden verbrannten, ertranken in der Kanalisation oder starben in den unterirdischen Bunkern bei der Sprengung der Häuser. Wenige tausend wurden dank der Hilfe der geheimen polnischen Organisation Zegota, die kollektiv von Yad Vashem geehrt wurde, gerettet. Viele Überlebende kämpften später im polnischen Aufstand von 1944.
Der AK-Offizier Kazimierz Moczarski saß als Regimegegner von 1944 bis 1956 in Warschau im Gefängnis. Fast sieben Monate lang war er Zellengenosse des zum Tode verurteilten Stroop. Die Gespräche mit ihm wurden in seinem Buch „Gespräche mit dem Henker“ wiedergegeben. Dieses Buch muss zusammen mit dem Stroop-Bericht und den Aussagen der Kämpfer synchron gelesen werden, denn es enthält viele wissentlich falsche Angaben. Den größten Eindruck auf Stroop und auf die polnischen Zuschauer der Kämpfe machten die jüdische blau-weiße und die polnische weiß-rote Fahne, die auf dem Dach des hohen Gebäuden in der Muranowska-Straße gehisst wurden, in welchem sich das Hauptquartier der ZZW befand. Moczarski widmet den Fahnen ein ganzes Kapitel, „Flaggen über dem Ghetto“. Stroop erzählte Moczarski: „Die Fahnen erinnerten Hunderttausende an die Sache Polens, inspirierten und stachelten sie an und einten die Bevölkerung des Generalgouvernements, insbesondere Juden und Polen... Alle hatten das begriffen, Himmler, Krüger, Hahn. Der Reichsführer schrie ins Telefon: Hör zu, Stroop! Die beiden Fahnen müssen um jeden Preis herunter!“ Den Preis bezahlte der SS-Offizier Dehmke; ein ZZW-Scharfschütze hatte die Handgranate, die er gerade schleudern wollte, getroffen. Vier Tage und Nächte haben diese Fahnen Bewunderung und Zorn entfacht.
Am 27. April 1943 gerieten die Kampfgruppen des ZZW-Kommandanten Apfelbaum in eine gefährliche Situation, weil während der schweren, achttägigen Kämpfe die Munition ausging. Aus diesem Grunde unternahm Iwanski mit 18 AK-Freiwilligen einen Entlastungsangriff auf die Ghettomauer. Apfelbaum wurde schwer verwundet und Iwanski wollte ihn aus dem Ghetto heraustragen, aber der Kommandant weigerte sich, das Ghetto zu verlassen, und starb kurz darauf. Bei diesem Angriff fielen auch Iwanskis Bruder Waclaw und sein Sohn Roman; später verlor er auch seinen zweiten Sohn Zbigniew. Iwanski selbst wurde am Bein verwundet. Er kämpfte im polnischen Aufstand von 1944, seine Frau Wiktoria litt jahrelang an Tuberkulose; sie steckte sich bei der Rettung einer Jüdin an.
Weitere Angriffe auf die Ghetto-Mauer und Rettungsaktionen wurden von den AK- Offizieren Józef Pszenny, Wladyslaw Zajdler und von Volksgarde-Offizieren Franciszek Bartoszek und Henryk Sternhel, einem jüdischen Arzt der Internationalen Brigaden in Spanien, kommandiert. Henryk Rolirad, der als AK-Offizier Aktionen für Juden leitete, emigrierte mit der von ihm geretteten Maria Hochberg nach Israel. Er wurde zum Ehrenbürger von Tel Aviv ernannt. Im April 1963, zum 20. Jahrestag des Aufstandes im Ghetto, wurde Iwanski mit dem höchsten polnischen Tapferkeits-Orden „Virtuti Militari“ ausgezeichnet. Ihm wurde im Oktober 1964 von Yad Vashem der Ehrentitel „Gerechter der Völker“ verliehen.
Am 19. April 1944, dem ersten Jahrestag des Aufstandes, wurden auf Befehl des Oberbefehlshaber der polnischen Armee General Michal Rola-Zymierski 50 jüdische Ghettokämpfer und Partisanen, alle postum, mit den höchsten Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Die meisten von ihnen waren linkszionistische, bundistische und kommunistische Kämpfer und Parteifunktionäre. Anielewicz figuriert als Nummer Eins auf der Liste. Er ist die zentrale Figur des Reliefs am Ghetto-Denkmal in Warschau und auf dessen Replik in Yad Vashem in Jerusalem. Es ist auch der Ort des historischen Kniefalls von Willy Brandt im Dezember 1970. Anielewiczs Bild ziert Briefmarken von Polen, Israel und von anderen Ländern. Marek Edelman erhielt 1993 den höchsten polnischen „Weiß-Adler- Orden“. Kein Soldat der ZZW hat je eine polnische Ehrung erhalten.
Marek Edelman ist in der ganzen Welt durch Hunderte von Interviews und mehrere Bücher bekannt, beispielsweise von Hanna Krall. Er ist ein hochgeachteter unabhängiger, kritischer Geist und ein vom Jaruzelski-Regime verfolgtes Mitglied der Solidarnosc. 1985 interviewte Anka Grupinska neun Teilnehmer am Aufstand im Ghetto Warschau, unter ihnen auch Edelman. Ihr Buch „Im Kreis - Gespräche mit jüdischen Kämpfern“ erschien 1993 auch in Deutschland. In einer erweiterten, 2000 in Warschau erschienenen Fassung, wurde der Text von damals nochmals abgedruckt und ein neues Interview veröffentlicht. Die ersten vier Seiten des Textes sind den Antworten Edelmans zu Fragen der Autorin über den ZZW gewidmet, dessen Kämpfer er als Faschisten bezeichnet: „der ZZW war eine Bande von Lastenträgern, Schmugglern und Dieben. Sie haben sich in diesem Haus eingeschlossen, haben ein bisschen herum geschossen und sind am selben Tage geflüchtet. Es ist möglich, dass sie eine Fahne heraushingen, möglicherweise zwei. (...) Wir wollten diesen ganzen barachlo (ein Slangwort für Dreck) nicht in die ZOB aufnehmen, denn das wäre schrecklich gewesen. (...) Wir haben keine Tunnel zur anderen Seite gebaut, und die hatten mehrere. Einer führte zur Muranowska. Die wollten nur raus aus dem Ghetto“.
In Stroops Bericht vom 8. Mai lesen wir: „Es gelang, den stellv. Leiter der jüdischen militärischen Organisation ZZW und seinen sog. Stabschef zu fangen und zu liquidieren.“ Nach Stroops Verhaftung, 1945 in Wiesbaden, verfasste er ein in Sütterlinschrift gefertigtes Protokoll. In diesem Dokument berichtet er über ZZW-Kämpfer: „Sie waren in einer sogenannten Haluzzen-Bewegung, die, glaube ich, Betar genannt wurde, zusammengefasst.“ Die Begriffe „Betar“ und „ZZW“, die in fast keinem Buch der Historiker des Aufstandes vorkommen, waren also Stroop bekannt; er wusste genau, gegen wen seine Leute kämpften. Er wurde im September 1951 in Warschau gehängt.
In meinem Buch „Zum Kampf auf Leben und Tod“ habe ich auf 15 Seiten versucht, den Heroismus der ZZW-Kämpfer dem Vergessen zu entreißen. Im Buch schildert der ZZW- Soldat Ryszard Walewski den Vorabend des Aufstandes am 18. April, als er am Muranowski- Platz Wachdienst leistete. Da sagte ihm Leon Rodal, einer der Kommandanten des ZZW: „Wir werden alle fallen, manche mit der Waffe in der Hand, andere als vergebliche Opfer. Aber es ist wichtig, dass das Gedenken um uns nicht verloren geht, dass die ganze Welt wissen soll, wie hoffnungslos, schwer und blutig dieser Kampf war.“
Am 23. April 1943 schrieb der Kommandant der ZOB, Anielewicz, in einem Brief: „Mein Traum hat sich erfüllt. Es war mir vergönnt, den jüdischen Widerstand im Ghetto in seiner ganzen Größe und seinem Glanz zu sehen.“ Es ist zu hoffen, dass einige Strahlen dieses Glanzes auch die bisher unbekannt gebliebenen Helden des ZZW erreichen werden.

Der bei einer Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 6. April 2003 in Berlin gehaltene Vortrag wurde erstmals abgedruckt in: April 1943 / Kwiecien 1943 (Hrsg. v. gruppe offene rechnungen / Berliner Bündnis gegen IG Farben), Berlin: Verbrecher Verlag 2004.

Der Historiker Arno Lustiger, 1924 in Bedzin geboren, ist Autor zahlreicher Studien zum jüdischen Widerstand, u.a. Zum Kampf auf Leben und Tod. Das Buch vom Widerstand der Juden 1933–1945. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1994. Seine letzte Veröffentlichung vor seinem Tod im Jahr 2012 beschäftigte sich mit der Rettung von Juden während des Zweiten Weltkrieges. Es erschien unter dem Titel: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit. Wallstein, Göttingen 2011.


[1] Vgl. dazu den offenen Brief "Stellungnahme von Prof. Udo Steinbach: Kritik am Hamburger Orient-Institut und seinem Leiter" sowie dessen Stellungnahme, in: http://www.hagalil.com/archiv/2004/08/steinbach.htm