Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Du bist anders? Eine interaktive Online-Ausstellung für Jugendliche

Von Inge Brouwer und Sarah Hagmann


Dass die Welt eine reiche Quelle an Informationen ist, ist ein Konzept, das heutige Schülerinnen und Schüler bereits verinnerlicht haben. Anders als die Generationen vor ihnen wachsen Kinder und Jugendliche mit einem scheinbar unbegrenzten Zugang zu Informationen auf: dem Internet. Diese Idee greift die Online-Ausstellung „Du bist anders?“ der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin auf.[1] Die im Herbst 2012 gestartete Seite hat es sich zum Ziel gesetzt, Biographien von europäischen Jugendlichen im Alter von 15 bis 21 Jahren vorzustellen, die im Nationalsozialismus ausgegrenzt und verfolgt wurden. Antworten auf so wichtige Fragen, wie „was waren das für Jugendliche?", „was war ihnen wichtig?“, „was geschah mit ihnen, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen?“ und „konnten sie sich selbst behaupten?“, werden den Nutzern jedoch nicht einfach nur vorgegeben. Vielmehr verfolgt die Seite den Anspruch, dass die Jugendlichen selbst Antworten auf diese und eigene Fragen finden.

Die Online-Ausstellung, die sich vor allem an gleichaltrige Jugendliche richtet, untergliedert sich in drei Ebenen: Biographien, historischer Kontext sowie eigene Interaktionsmöglichkeiten. Diese Ebenen ziehen sich durch die Seite hindurch und sind zugleich immer auch miteinander verbunden. Ausgangspunkt der Seite bildet eine „Galaxie“ von bunten sich bewegenden Quadraten, die jeweils für eine oder einen der 30 Jugendlichen stehen. Durch Klicken auf eines der Quadrate gelangt man auf die Seite der einzelnen Portraits. Sie sind immer in fünf Abschnitte, sogenannte „Spots“, unterteilt, die zusätzlich durch Quellenmaterial zu den Jugendlichen – Briefe, Tagebucheinträge, Fotos, Dokumente – ergänzt werden. Die Portraits sind außerdem auf einer Europakarte und in einer Zeitleiste wiederzufinden. Der vierte Zugang zu ihnen wird durch sich immer wieder neu zusammensetzende Cluster von Themen hergestellt. Sie enthalten Punkte wie „Freunde“ oder „Klamotten“, aber auch „Lageralltag“, „Aktion T4“ oder „NS-Justiz“. Historische Hintergrundinformationen, beispielsweise in Form von kleinen Boxen, ergänzen die Biographien. Wenn dann noch Fragen offen geblieben sind, können die UserInnen diese den Seitenverantwortlichen stellen. Fragen und Antworten werden später für alle online geteilt. Es ist sogar möglich, sich mit einem eigenen Profil anzumelden, um dann seine Gedanken, Videos, Audiodateien oder Fotos für alle hochzuladen sowie Texte und Quellen für eigene Referate zu verwenden.

Die Seite „www.dubistanders.de“ verfolgt den Ansatz, Biographien von Jugendlichen vorzustellen, die beispielsweise jüdisch, kommunistisch, homosexuell oder Sinto waren, zugleich aber verschiedenste Vorstellungen vom Leben und unterschiedliche Wünsche und Träume hatten. Von den Nationalsozialisten wurden sie ihrer einzelnen Identitäten beraubt und auf ein Anderssein reduziert. Die Online-Ausstellung überzeugt daher durch ihren differenzierten, individuellen Blick auf diese Jugendlichen, denn sie arbeitet gerade nicht mit den festen Kategorien der Täter. Besonders die Galaxie symbolisiert auf kreative Weise die Universalität menschlicher Individualität – eine Universalität, die Gleichheit unter den Menschen impliziert. Der Titel „Du bist anders?“ spielt mit diesem Gedanken und bezieht ferner die Lebensrealität heutiger Jugendlicher mit ein.

Eine der Biographien, die die heutigen Jugendlichen ansprechen soll, ist die von Zofia Pociłowska, die sich für andere Kulturen und Sprachen interessierte. Nach dem deutschen Angriff auf Polen schloss sie sich im Untergrund der polnischen Widerstandsbewegung ZWZ an. Im März 1941 wurde sie von der Gestapo gefangen genommen und ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Auch dort war sie entschlossen, weiterhin gegen die Nationalsozialisten vorzugehen und so sammelte sie mit Mitgefangenen Beweise über den medizinischen Missbrauch an den inhaftierten Frauen. Die heimlich geführte Liste mit den Namen der betroffenen Frauen sowie weitere persönliche Quellen können sich die UserInnen auf der Seite ansehen. Ein anderes Beispiel für den Umgang von Jugendlichen mit den Nationalsozialisten ist die Geschichte von Herschel Grynszpan, dessen Schul- und Arbeitsleben sich nicht so gestaltete, wie er es sich erhofft hatte. Als sowohl er in Frankreich als auch seine Familie im deutsch-polnischen Grenzgebiet nicht erwünscht waren, wusste er in seiner verzweifelten Lage keinen anderen Ausweg, als am 7. November 1938 in Paris ein Attentat auf den deutschen Beamten Ernst vom Rath zu verüben. Das nationalsozialistische Regime nutzte die Tat schließlich für ihre Propaganda, um damit die Novemberpogrome vom 9. November 1938 zu rechtfertigen. Diese und die anderen Biographien zeigen den heutigen Jugendlichen das Denken und Fühlen der vorgestellten Personen sowie die verschiedenen Gründe und Konsequenzen ihres Handelns. Dabei entfalten sich ihre Geschichten jedoch immer erst beim Lesen der fünf Spots.

Dem pädagogischen Team der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist es gelungen, eine Seite zu gestalten, die in ihrer Funktionsweise dem Arbeiten gegenwärtiger Jugendlicher entgegenkommt und somit sehr zeitgemäß ist. Die ansprechende Ästhetik, der persönliche Sprachstil und der logische Aufbau tragen dazu bei, Jugendliche neugierig zu machen, sodass sie sich auf ihre eigene „Archivreise“ begeben. Auf intelligente Weise werden Ereignisgeschichte und Biographien miteinander verschränkt, was Empathie weckt und eine persönliche Ebene der Erinnerung schafft. Bleibt zu hoffen, dass zukünftig auch noch einige Biographien von Jugendlichen aus Westeuropa zu dieser allseits gewinnbringenden Seite hinzukommen – momentan werden besonders Mittel- und Osteuropa betont – um so die Geschichten der Jugendlichen in ihrer ganzen europäischen Bandbreite zeigen zu können.

Inge Brouwer studiert im Masterstudiengang „Heritage Studies” an der Universität Amsterdam. Sie hat einen Bachelorabschluss im Fach „Hebrew Language and Culture” sowie in Kommunikationswissenschaften.
Sarah Hagmann studiert Mittlere und Neuere Geschichte, Spanisch sowie Politische Wissenschaft auf Staatsexamen an der Universität Heidelberg.
Beide absolvieren derzeit ein Praktikum am German Desk der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem.


[1] Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas: „Du bist anders?”, online unter: http://www.dubistanders.de