Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Menschen und Menschenrechte im Raum Lublin“

Ein Projektkurs des Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasiums Münster


Von Kim Keen und Wolfhart Beck


Welche Schicksale erfuhren die Menschen in und um Lublin (Polen) während der NS-Besatzungszeit? Welche Menschen lebten dort? Wie verhielten sie sich? Woher kamen die Täter? Und wie ging es nach der Befreiung für die Überlebenden weiter? Diesen und vielen weiteren Fragen stellten sich 17 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 und 12 des Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasiums aus Münster, Bildungspartner von Yad Vashem, im Rahmen eines Projektkurses. Ein Schuljahr lang gingen sie in Deutschland und Polen auf Spurensuche, nun haben sie ihre Ergebnisse präsentiert.

Polnische und deutsche Schülerinnen und Schüler in der Altstadt von Lublin (Quelle:Privat)Polnische und deutsche Schülerinnen und Schüler in der Altstadt von Lublin (Quelle:Privat).

Die Idee zu diesem Schülerforschungsprojekt entstand während eines Netzwerk-Seminars des International Tracing Service (ITS) und Yad Vashems (ISHS). Die beim ITS in Bad Arolsen einsehbaren Dokumente boten sich als fundierter Ausgangspunkt für die Recherchen an, mit Lublin wurde die Partnerstadt Münsters als Untersuchungsgebiet gewählt. Während der deutschen Besatzungszeit 1939-1944 gehörte der Distrikt Lublin zum Generalgouvernement, er war ein Brennpunkt nationalsozialistischer Vernichtungs- und Siedlungspolitik. Hier lagen die Vernichtungslager Majdanek, Sobibór und Bełżec, hier kulminierte der Holocaust in der „Aktion Reinhardt“ wie in der „Aktion Erntefest“, hier wurden umfangreiche Siedlungs- und „Germanisierungs“-Vorhaben geplant. Die Fokussierung nicht nur auf einzelne Opfer- oder Tätergruppen, sondern auf einen Raum und die sich dort ereignenden Verbrechen ist spätestens seit Timothy Snyders Untersuchung „Bloodlands“ nicht ganz neu und erwies sich als sehr fruchtbar. Mit dem Projektkurs wurde ein für Nordrhein-Westfalen neues Unterrichtsformat gewählt, das ganz auf das forschend-entdeckende Lernen und die Projektarbeit ausgerichtet ist und zudem das fächerübergreifende Arbeiten ermöglicht. In diesem Fall verbanden sich historische, sozialwissenschaftliche und geographische Perspektiven.
Die Schülerinnen und Schüler entwickelten zu dem Oberthema „Menschen und Menschenrechte im Raum Lublin“ zunächst eigene Fragestellungen und wählten schließlich ihre speziellen Untersuchungsthemen. Die primär historischen Arbeiten befassten sich mit dem Schicksal jüdischer Kinder, der „Germanisierung“ polnischer Kinder, dem Einsatz der Polizeibataillone und deren Nachkriegsprozesse, den Vernichtungsmaßnahmen während der so genannten „Aktion Erntefest“, dem Konzentrationslager Majdanek, dem polnisch-jüdischen Verhältnis vor und nach der Befreiung und der NS-Siedlungspolitik. Ein Schüler wagte sich sogar an die Erklärungsansätze heran, warum „ganz normale Männer“ zu Mördern wurden, und entwickelte eine „Kritische Theorie über Ordnungspolizeibataillone“. Die eher sozialwissenschaftlich und geografisch ausgerichteten Themen befassten sich mit aktuellen Problemlagen der Region Lublin, wie z.B. mit der Bildungs-, Energie- und Wirtschaftspolitik.

Besuch der Gedenkstätte
 Majdanek (Quelle: Privat)Besuch der Gedenkstätte Majdanek (Quelle: Privat).

Die Recherchen begannen in Deutschland. Erste Anlaufstelle für die historischen Forschungen war der ITS in Bad Arolsen. Dank der hilfsbereiten Unterstützung der Forschungs- und Bildungsabteilung unter Dr. Susanne Urban und ihrem Team konnten die Schülerinnen und Schüler in den digitalisierten Beständen wie auch in der Bibliothek zu ihren jeweiligen Themen an eigenen Arbeitsplätzen recherchieren und Reproduktionen für die Weiterarbeit zu Hause bestellen. Das unmittelbare Eintauchen in die oftmals erschreckenden Dokumente, die Begegnung mit Einzelschicksalen wie mit der bürokratisch-kalten Sprache der Täter und Dienststellen verlangte von den Schülerinnen und Schülern nicht wenig. Der Erkenntnisgewinn war gleichwohl enorm. Die allgemeine Geschichte von Vernichtungskrieg und Holocaust wurde heruntergebrochen auf konkrete Orte, Personen und Schicksale. Neue, bisher eher unbekannte Dimensionen, wie etwa die Verbrechen an Kindern, wurden erkennbar. In Münster konnten mit Blick auf die Polizeibataillone, die im Distrikt Lublin eingesetzt waren, die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsakten aus der Nachkriegszeit im Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen eingesehen und ausgewertet werden. Mit dem Geschichtsort „Villa ten Hompel“, eingerichtet am ehemaligen Dienstsitz der Ordnungspolizei in Münster, stand zudem ein weiterer fachkundiger Kooperationspartner den Schülerinnen und Schülern zur Verfügung.
Derart vorbereitet konnten sie im Oktober 2012 für sechs Tage schließlich ihre Recherchen vor Ort, d.h. in Lublin weiterführen und vertiefen. Die Begegnung mit den historischen Orten ihrer Untersuchungen stellte natürlich eine besondere Erfahrung dar. Die bisher allein auf Quellen und Literatur basierende Auseinandersetzung fand nun ihre anschauliche Ergänzung an den historischen Stätten. Bei der Spurensuche in und um Lublin wurden die Münsteraner von Schülerinnen und Schülern der Stanisław-Staszic Schule unterstützt, die ihnen die Stadt zeigten, bei den Recherchen halfen und bei Sprachproblemen unersetzlich waren. Kooperationspartnerin vor Ort war Magdalena Kawa von der Stiftung Homo Faber Association Lublin, ohne die ein derart intensiver Aufenthalt kaum möglich und planbar gewesen wäre.
Gemeinsam besuchte die polnisch-deutsche Schülergruppe zunächst die Gedenkstätte Majdanek. Im Rahmen eines von den ehrenamtlichen Mitarbeitern durchgeführten Workshops tauschten deutsche und polnische Jugendliche ihre Perspektiven auf die NS-Geschichte und die begangenen Verbrechen aus, erkundeten das Außengelände des ehemaligen Konzentrationslagers und recherchierten im Archiv der Gedenkstätte. Am folgenden Tag wurde die Erinnerungskultur zur NS-Vergangenheit mit dem Besuch der Begegnungsstätte „Grodzka Gate“ in Lublin in den Fokus genommen. Dort erfuhren sowohl die deutschen als auch die polnischen Schülerinnen und Schüler vieles über das pulsierende jüdische Leben in Lublin vor der Besatzungszeit und diskutierten verschiedenen Ansätze, an dieses Leben und seine Menschen zu erinnern.
Die verbleibende Zeit nutzen die Schülerinnen und Schüler in bi-nationalen Gruppen für Recherchen zu ihren jeweiligen Schwerpunktthemen. Hierzu gehörten Besuche im Staatsarchiv Lublin oder der Synagoge in Zamość. Neben der Forschungsarbeit blieb den Jugendlichen genügend Zeit für den persönlichen Austausch, gemeinsames Essen in den Familien und miteinander verbrachte Abende. Insgesamt gelang durch die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte und die persönliche Begegnung ein interkultureller Austausch über historische Erfahrungen und Erinnerungen, wie auch über persönliche und politische Perspektiven in einem gemeinsamen Europa des 21. Jahrhunderts. Ermöglicht und gefördert wurde die Begegnung durch das Land NRW, die Städte Münster und Lublin sowie den Förderverein des Annette-von-Droste-Hülshoff Gymnasiums.
Wieder in Münster angekommen, hatten die Schülerinnen und Schüler ihre Forschungsergebnisse für ihre Abschlussarbeiten zusammenzutragen. Darüber hinaus sollten die Ergebnisse aber auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Villa ten Hompel bot dankenswerterweise ihre Räumlichkeiten für eine temporäre Ausstellung. Dafür hatten die Schülerinnen und Schüler ihre Beiträge jeweils auf einem Ausstellungsplakat zusammengefasst. Im Rahmen der Reihe „Junge Wissenschaft“ konnte der Kurs am 16. Januar 2013 die Ausstellung mit drei Kurzvorträgen vor einem breiten Publikum eröffnen

Kim Keen unterrichtet Geschichte und Erdkunde am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster und hat 2010/11 ein israelisch-polnisch-deutsches Schülerprojekt unter dem Titel "Together for a chance" durchgeführt. Von November 2011 bis Februar 2012 hat sie den Online-Kurs "Die Shoah im Unterricht. Lernen über Entscheidungen und Handlungsoptionen" der ISHS absolviert, sowie im März 2012 an einem Fortbildungsseminar in Yad Vashem teilgenommen.

Wolfhart Beck unterrichtet Geschichte und Philosophie am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster und arbeitet zudem als Archivpädagoge am Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen in Münster. 2007/08 hat er ein ukrainisch-deutsches Schülerprojekt durchgeführt. 2009 hat er an einem Fortbildungsseminar der ISHS in Jerusalem teilgenommen.