Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Bleib stark und mutig![1]

Über das Jüdischsein im Jahr 2012


Romina Walloch

Von Romina Walloch




 

 

I

Regelmäßig fahre ich mit dem Auto in Berlin-Mitte an einer Kreuzung vorbei. Bei Wind und Wetter stehen dort zwei Polizisten, die vor einem unscheinbaren Gebäude Wache schieben. In diesem Gebäude befindet sich eine kleine Synagoge der Lauder-Bewegung. Weil der Tagungsort meines Weiterbildungsstudiengangs sich ganz in der Nähe davon befand, trug es sich eines Sommertages zu, dass ich mit meinen Kommilitonen auf der Terrasse eines Restaurants saß, von wo aus uns ein direkter Blick auf das Gebäude und die davor wachenden Polizisten gegeben war. Vergnügt hatten wir uns in aller Eintracht über den etwas skurrilen Dozenten vom Vormittag unterhalten, bis einer meiner Tischnachbarn nach einer kurzen Pause seinen Kopf in Richtung Synagoge neigte und genervt stöhnte: „Wie kann man Steuergeld in so sinnloser Weise verschwenden. Auf die Idee, mal lieber die Straßen zu sanieren, kommen sie nicht.“

II

Neulich war ich zusammen mit meinem Freund im Jüdischen Museum, um die Ausstellung des amerikanischen Malers R. B. Kitaj zu besuchen. Wir hatten uns zu einer Führung angemeldet. Nach der Begrüßung durch unseren Guide, eine etwas umständliche, aber nicht unsympathische junge Dame, ging es umgehend ans Eingemachte. Das galt zumindest für sie, denn Körpersprache sowie stark gerötete Wangen ließen vermuten, dass die Aussprache des darauf folgenden Satzes ihr sichtbares Unbehagen bereitete: „Kitaj war Jude. Lassen sie es uns gleich so offen sagen. Daran führt kein Weg vorbei.“ Meine erste Verwirrung (denn ich fragte mich, hatten wir uns hier nicht alle im Jüdischen Museum eingefunden, um die Werke eines explizit jüdischen Malers zu besichtigen?) wurde dann schnell, während der Betrachtung eines weiteren Bildes, durch eine zweite abgelöst. „Kitaj war zwar Jude, wie ich es anfangs gesagt habe, aber er war kein Zionist!“, eröffnete uns die Dame mit den immer noch roten Wangen in einer Art und Weise, als ob eine gegenteilige Feststellung einer Aufforderung an alle Besucherinnen und Besucher, die Ausstellung aus Protest augenblicklich zu verlassen, hätte gleich kommen können. Tatsächlich lief daraufhin durch das (vornehmlich deutsche, nicht-jüdische) Publikum ein Schauer der Erleichterung. Man konnte direkt spüren, wie eine Last, die das Publikum bis zu diesem Zeitpunkt am ungetrübten Genuss der Werke des jüdischen Künstlers R. B. Kitaj gehindert hatte, plötzlich abfiel. Die Stimmung war so gelöst, dass gleich einige engagierte Besucherinnen und Besucher beschlossen aus ihren Herzen keine Mördergruben mehr zu machen. Es gab mehrere völlig aus dem Zusammenhang gerissene Wortmeldungen, wie z.B. der wertvolle Hinweis darauf, dass die Juden den Begriff der „Minderheit“ schließlich nicht gepachtet hätten.

III

Im Willy-Brandt-Haus in Berlin konnte man vergangenen September zwei Wochen lang eine Ausstellung der israelischen Organisation „Breaking the Silence“ besuchen. Die Organisation wurde von israelischen Reservisten gegründet, die in diesem Rahmen offen von ihren Erfahrungen und traumatischen Erlebnissen in den besetzten Gebieten berichten. Es ist ihr durchaus nicht zuletzt patriotisch motiviertes Anliegen, über die Lebensbedingungen der Palästinenser, so wie sie sie als Soldaten miterlebt haben, zu informieren. Gleichzeitig streben sie danach, der Öffentlichkeit darzustellen, wie schwierig und belastend es ist, als Soldat in den besetzten Gebieten gewisse Funktionen erfüllen zu müssen. Dabei hinterfragen die Reservisten das Vorgehen der israelischen Armee sowie vor allem der Siedler, die sie beschützen müssen, sehr kritisch. Natürlich konnten im Anschluss an unsere Führung, geleitet von einem engagierten Reservisten, Fragen gestellt werden. Diese Möglichkeit wurde in Windeseile von einem jungen Mann ergriffen, der erfahren wollte, ob „die Siedler“, die dieses in seinen Augen menschenverachtende Verhalten gegenüber den Palästinensern an den Tag legen, denn irgendeinen Bezug zum Holocaust haben oder eventuell auch Verwandte durch den Massenmord verloren haben. Denn wenn ja, wie kann so etwas sein?

Es sind Momente, wie die oben geschilderten, die mich bis ins Mark erschüttern und mich kurzzeitig immer wieder auf fast brutale Weise aus meinem weitgehend angepassten Leben innerhalb der „Mehrheitsgesellschaft“ reißen. Und es sind Situationen, in denen es plötzlich irrelevant wird, wie „goyisch“ meine Lebensführung im religiösen Sinne auch sein mag, wie gerne ich Schinken-Käse-Toast esse, wie oft ich am Shabbat die Stereoanlage bis zum Anschlag aufgedreht habe und wie unbeschnitten die Vorhaut meines Freundes ist. Es gibt Gelegenheiten, in denen uns - und diesen Plural wähle ich bewusst, denn ich glaube, damit für sehr viele junge, liberale Juden der dritten Generation nach der Shoah sprechen zu dürfen - schlagartig bewusst wird, dass wir auch heute noch aufgrund unserer Identität und unserem Erbe wachsam sein müssen. Mich persönlich schützt in Situationen wie den beschriebenen nur das vielgepriesene, aber deswegen nicht weniger heilsame „Mund aufmachen“, um dort dagegen zu halten, wo andere es nicht tun, vor der Hyperventilation. Aber egal auch, wie offensiv oder zahm unsere Antworten auf das Dargebotene ausfallen, unsere Reaktionen in Zusammenhängen des latenten bis expliziten Antisemitismus und Antizionismus werden in affenartiger Geschwindigkeit stets einer Form unserer „jüdischen“ Überempfindlichkeit oder Lust an der paranoiden Neurosenpflege zugerechnet. Als junge Juden sind wir aber nicht nur Erscheinungen des explizitem Antisemitismus oder Antizionismus ausgesetzt. Wir sind konfrontiert mit der in Episode I geschilderten „Holocaust-Müdigkeit“ vieler junger Deutscher und Österreicher, die sich von uns nur dadurch unterscheiden, dass sie nichtjüdischen Familien entstammen. Zu oft haben sie das Wort „Holocaust“ gehört und nun finden sie, lange genug „gebüßt“ zu haben für die Taten ihrer Großeltern. Deswegen, so ihre Sichtweise, ist es an der Zeit, die Polizisten vor den Synagogen ab- und die Samthandschuhe im Umgang mit den Juden auszuziehen. Zusätzlich ziehen als Retter der „aufgeklärten Moral“ auch nun diejenigen ins Feld, die meinen, einer moralisch höher angesiedelten Sache zu dienen, wenn sie auch mal ein kritisches Wort gegen Juden oder ihre „religiöse Praktiken“ wie etwa die Beschneidung verlautbaren.

Lange mussten, so der absurde Gedankengang, die von der Last des Holocausterbes mehr als alle anderen unterdrückten Deutschen aus Angst vor der „Auschwitz-Keule“ schweigen. Jetzt aber - so scheint es - hat anscheinend die Stunde der „Pioniere der Wahrheit“ geschlagen, die sich als Erste wieder zu sagen trauen, was sich viele Deutsche über die Juden, Israel und den Zionismus denken. Was dabei herauskommt, davon singt uns Günter Grass ein (dilettantisches) Lied und tauft es Gedicht. Absurde Schlussfolgerung dieser grotesken Logik wäre aber doch tatsächlich, dass diejenigen, die sich als Tabubrecher gerieren, indem sie „sich trauen“, sich wieder des Antisemitismus zu bedienen, die moralischen Leuchttürme unserer Gesellschaft darstellen sollen.

Der ebenso häufig wiederkehrende implizite Vorwurf, dass die „Juden aus dem Holocaust nichts gelernt haben“, wohnt Äußerungen wie der des jungen Mannes in Episode III inne. Einerseits hat er Recht, wenn er das Verhalten vieler jüdischen Siedler in den besetzen Gebieten an den Pranger stellen will, andererseits disqualifiziert er sich durch seinen zynischen Ansatz, der danach trachtet, die Shoah mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern zu vergleichen. Überhaupt beherrscht der pathologische Vergleichszwang mit den Nazis die Debatte um Israel und seine Palästinenserpolitik fast so stark wie die perverse Scheinlogik, die Juden müssten doch am allermeisten von allen aus dem Holocaust über Menschlichkeit gelernt haben.

Auf der anderen Seite gibt es auch viele junge Deutsche, die schlicht von Berührungsängsten mit Juden geplagt sind, an Kollektivschuld glauben oder einen anderen Komplex in Form von Philosemitismus in verschiedenen Graden der Ausprägung abarbeiten. Dabei steigt ihnen die Schamesröte ins Gesicht, wenn sie das Wort „Jude“ aussprechen, als würde es sich um einen unanständigen Begriff handeln. Auch diese Deutschen haben Erlösung nötig. Schlussstrich?

Die Deutschen wünschen sich einen Schlussstrich. Wir Juden allerdings auch. Dies mag uns leider keiner so recht glauben, weil wir ihn uns unter anderen Rahmenbedingungen wünschen.
Überraschenderweise fänden wir es angenehmer, uns nicht mit den mannigfaltigen Ausprägungen von Unsicherheiten gegenüber Juden sowie Formen des Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen. Nicht Israel in Schutz nehmen zu müssen (weil manchmal finden wir auch nicht alles gut!), wenn es medial wieder einmal als kriegshungriger Staat dargestellt (weil das aber niemals stimmt!) und durch den Dreck gezogen wird und nicht ständig mal mehr, mal weniger direkt zu Erklärungen und Stellungnahmen aufgerufen zu werden. Es gefällt uns nicht, bei verschiedenen Gelegenheiten daran erinnert zu werden, dass wir in Fragen, die das Judentum und Israel betreffen, oft nicht dem „moralischen“ Konsens entsprechen können. Wir tun das nicht, um uns in Szene zu setzen oder unsere „Besonderheit“, die wir übrigens als keine betrachten, heraus zu streichen. Viel bequemer und schöner wäre es doch, ein nettes Mittagessen mit den Kommilitonen, nicht durch eine Debatte, ob die Sicherheit der Juden vor Attentaten deutsche Steuergelder wert ist oder nicht, zu sprengen. Der Besucherin in der Kitaj-Ausstellung auf ihre Feststellung, „es gibt auch andere Minderheiten außer den Juden, die haben diesen Status nicht gepachtet“, nicht antworten zu müssen, dass wir nicht froh darüber sind, nur so wenige zu sein.

Dieses weite Spektrum umfasst vieles, aber bei weitem noch nicht alles, was es in meinen Augen bedeutet, im Jahr 2012 Jüdin zu sein. Es heißt, dass uns das unerträgliche Leid, das vielen unserer Großeltern widerfahren ist, erspart geblieben ist. Was besteht, ist eine Verpflichtung, die verlangt, das eigene moralische Handeln sowie das Handeln anderer zu hinterfragen, politisch zu sein und Stellung zu beziehen. Der Vorwurf, der uns häufig gemacht wird, lautet, wir würden uns nur um die eigenen Angelegenheiten kümmern, nach dem Prinzip „Is it good for the Jews?“. Guten Gewissens kann ich behaupten: Das Gegenteil ist der Fall. Wäre es aber nicht inkonsequent, untätig zu bleiben, wenn wir selbst mit Vorurteilen oder gar Hass konfrontiert werden? Dürfen wir uns denn darauf verlassen, dass andere für uns aufstehen, um uns zu erklären? Die Realität beweist leider oft genug, dass es ein Trugschluss wäre, darauf alleine zu vertrauen. Solange uns genau diese Wehrhaftigkeit, zu der wir im Jahr 2012 zum Glück auch fähig sind, zum Vorwurf gemacht wird, bleibt uns nichts anderes übrig, es ist sogar unsere Verpflichtung, in diesem Geiste weiter zu leben.


Romina Walloch stammt ursprünglich aus Wien und hat in Israel Politikwissenschaften mit den Schwerpunkten Nahostgeschichte sowie „Conflict Resolution“ studiert. Seit 2009 lebt sie in Berlin und arbeitet als Programmkoordinatorin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Derzeit schließt sie den berufsbegleitenden Masterstudiengang „Sozialmanagement“ an der Alice-Salomon-Hochschule ab.


[1] Übersetzung aus dem Hebräischen („Chasak we Ematz“), „Motto“ der zionistisch sozialistischen Jugendbewegung „Hashomer Hatzair“, uspr. Buch Joshua 1:6.