Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Abgeordnete jüdischer Herkunft und Antisemitismus im Weimarer Reichstag


Susanne Wein

Von Susanne Wein


„Ich bin nun mal kein religiös eingestellter Mensch. Religion hat in meinem Leben überhaupt wenig Rolle gespielt. Das Judenproblem war für mich stets ein politisches Problem, und vom politischen Standpunkt aus habe ich stets zu dieser Frage Stellung genommen.“[1]

Auf diese Weise beschrieb sich Julius Moses[2], langjähriges SPD-Reichstagsmitglied und Mitglied im Parteivorstand, in seinen 1938 fertiggestellten „Lebenserinnerungen“ mit denen er seinen „Kindern Rechenschaft“ abgeben wollte.[3] Zu diesem Zeitpunkt musste der knapp 70-jährige, der es abgelehnt hatte ins Ausland zu fliehen, bereits in einem sog. Judenhaus in der Levetzowstraße in Berlin leben, örtlich getrennt von seiner nichtjüdischen Lebensgefährtin und ihrem gemeinsamen Kind. Nach mehreren Monaten „Schutz“-Haft 1933 und zur prekären Untätigkeit verdammt, erlebte der prominente Politiker durch die menschenverachtenden Judenverordnungen eine Demütigung nach der anderen. Im Juli 1942 wurde Moses nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 24. September, ermordet durch Hunger, Krankheit und Entkräftung.[4]

Die Selbstdarstellung fasst Moses‘ politisches Wirken treffend zusammen, besonders wenn man den Ausdruck „politisches Judenproblem“ mit „Antisemitismus“ übersetzt.[5] Der spätere gesundheits- und sozialpolitische Sprecher der Reichstagsfraktion trat 1910/11 der SPD bei, weil er hier seine Anliegen am ehesten verwirklichen konnte. Im Reichstag war er mit dem knapp zwanzig Jahre jüngeren Kurt Löwenstein[6] einer der Wenigen, die wiederholt den Antisemitismus der Deutschvölkischen und Nationalsozialisten ansprachen und gegen gesellschaftliche judenfeindliche Vorurteile und Stigmatisierungen auftraten. Moses kritisierte darüber hinaus z.B. die schleichend zunehmende Salonfähigkeit von antisemitischem Rassedenken.

Von den etwas mehr als vierzig Abgeordneten jüdischer Herkunft[7], der insgesamt 1.795 Abgeordneten von 1919 bis 1933, definierten sich neben Moses nur 14 DDP-, USPD- und SPD-Abgeordnete in den Selbstdarstellungen der Reichstagshandbücher als „Jude“, „jüdisch“, „Jüdin“, „jüdischer Abstammung“ oder „mosaisch“.
Allerdings nahm die Öffentlichkeit Zuschreibungen vor, wonach besonders der Name eine vermeintlich jüdische Herkunft verrate. Wer stigmatisieren wollte, interessierte sich nicht dafür, ob der oder die Betroffene aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten war, sich als „Dissident“ oder „religionslos“ deklarierte, wie es bei den Abgeordneten der Kommunistischen Partei (KPD) und den meisten Sozialdemokraten (USPD/SPD) der Fall war, oder getauft war und dieses Bekenntnis angegeben hatte, wie viele Abgeordnete älterer Geburtsjahrgänge, meist der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Eines hatten diese heterogenen Personen, für die jüdisch-Sein häufig eine Fremdzuschreibung war, daher gemeinsam: Sie konnten sowohl im Reichstag als auch im Wahlkampf jederzeit als Juden sti-gmatisiert, verbal angegriffen und mit bestimmten Charaktereigenschaften belegt werden.

Obwohl die Geschäftsordnung die Kommunikation im Reichstag stark reglementierte, gab es bereits in den 1920er Jahren in den Plenardebatten häufig judenfeindliche Invektiven. Quantitativ nahmen antisemitische Äußerungen mit der Anzahl rechtsextremer Abgeordneter zu. Das heißt in der kurzen zweiten Wahlperiode (1924), als die von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) abgespaltene Deutschvölkische Freiheitspartei (DvFP) mit der damals zumeist verbotenen NSDAP eine Fraktion mit 32 Abgeordneten bildete und seit dem Wahlerfolg der NSDAP im September 1930. Die verbale Aggressivität der Angriffe war jedoch bereits 1921 und 1924 ähnlich intensiv wie später. Anhand des Antisemitismus im Reichstagsplenum lässt sich eine mehrstufige Kategorisierung der „Sprache der Judenfeindschaft“ vornehmen. Sie reicht von offener radikal-antisemitischer Propaganda über verschieden stark codierte Formen bis hin zu kulturell eingeschriebenen judenfeindlichen Redewendungen, die den Sprechenden nicht unbedingt bewusst waren. Solche latent antisemitischen Sprachformen konnten auch bei den politischen Mittelparteien und der Linken auftreten.

Den Anfeindungen gegen die Weimarer Republik durch das monarchistisch/anti-republikanische Lager waren judenfeindliche Deutungsmuster häufig inhärent, weil sich rückwärts gewandte, reaktionäre mit antidemokratisch-revolutionären nationalsozialistischen Ideologien mischten. In der Tradition, Juden für alles Schlechte verantwortlich zu machen und zu stigmatisieren (wie bei der Kampagne zur „Judenzählung im Heer“ während des Krieges im Jahr 1916), wurden z.B. in den Wahlkämpfen 1919 und 1920 Revolutionäre als „jüdische Bolschewisten“ angegriffen sowie eine angebliche jüdische Vorherrschaft in Öffentlichkeit (Presse) und Politik konstruiert. Spätestens mit Unterzeichnung des Versailler Vertrages und der Annahme der Weimarer Verfassung, die auf den Entwurf „des Juden“ Hugo Preuß zurückging, war die Grundstigmatisierung der Republik in weiten Teilen des antidemokratischen Lagers perfekt: „die Juden-Republik“.

Formen antisemitischer Diffamierungen im Reichstag

Am Beispiel der in den Anfangsjahren stark zum Problem aufgebauschten Zuwanderung von Ostjuden lässt sich zeigen wie die DNVP, ein Sammelbecken aller nationalen bis nationalistischen Kreise, auch im Reichstag nicht nur mit ihrer fremdenfeindlich-antisemitischen Agenda bei den bürgerlichen Parteien Unterstützung fand, sondern auch eine gezielte Vermischung vornahm, um mehr oder weniger alle Juden in Deutschland zu eingewanderten „Ostjuden“ zu machen. Die seit dem Krieg Immigrierten sollten unter Einbehaltung ihres hier erwirtschafteten Vermögens ausgewiesen werden. Als Verteidiger ostjüdischer Belange taten sich am deutlichsten die Unabhängigen Sozialdemokraten hervor. Als Kurt Rosenfeld (USPD)[8] im Reichstag an die latente Pogromstimmung in Polen und Russland erinnerte, warf ihm der evangelische Theologe Reinhold Mumm (DNVP) unter lebhafter Zustimmung seiner Fraktion „eine Stammesängstlichkeit, die überall drüben Pogrome sieht“ vor.[9]

Im September 1920 initiierte Mumm eine Reichstagsanfrage zur Unterstützung der letztlich erfolgreichen öffentlichen Kampagne gegen die Einsetzung von Kurt Löwenstein (USPD) zum Oberstadtschulrat von Berlin; obwohl promovierter Pädagoge, sei er „nicht fachmännisch vorgebildet“.[10] Zum Hintergrund muss man wissen, dass sich sofort nachdem der SPD/USPD-regierte Magistrat von Groß-Berlin den reformorientierten Löwenstein in dieses Amt wählen wollte, ein breites bürgerliches Spektrum aus DNVP, christlichen Elternbünden, aber auch DVP- und DDP-Mitgliedern sowie Völkischen zur Abwehr formiert hatte, denn: „Er ist Atheist und dadurch, wie auch durch sein jüdische Abstammung […] vollkommen ungeeignet“.[11] Flankiert von einer antisemitischen Berichterstattung in der Deutschen Allgemeinen Zeitung,[12] wurde eine Veranstaltung, auf der Löwenstein sein Programm darlegen sollte, gesprengt.[13]

Im Reichstag war zu diesem Zeitpunkt eine offen judenfeindliche Ausdrucksweise gegen Mitglieder des Hauses, abgesehen von indirekten rasseantisemitischen Diffamierungen gegen das Kabinett Wirth I mit Walther Rathenau als Wiederaufbauminister, noch nicht im Bereich des Sagbaren. Auch als Löwenstein im Juli 1922 vom späteren Württembergischen Staatspräsidenten Wilhelm Bazille (DNVP) mit „Sie, lieber Freund aus dem Alten Testament“[14] angesprochen wurde, rief Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) den Redner wegen dieser Anrede zur Ordnung und ein Zwischenrufer der Linken nannte es: „Antisemitische Hetze!“.

Der Dammbruch in der Zweiten Wahlperiode (Mai bis August 1924)

Allerdings änderte sich dies während der zweiten Wahlperiode. Ungehindert vom Reichstagspräsidenten Max Wallraf (DNVP) häuften sich antisemitische Äußerungen der Rechtsextremen (sowohl in Verschwörungsszenarien der von der „jüdischen Hochfinanz“ beherrschten „Wallstreet“ im Zusammenhang mit den Reparationsdebatten um den Dawesplan als auch in persönlichen Beleidigungen gegen angebliche „Erfüllungspolitiker“). Im August 1924 kam es zu den ersten, protokollarisch festgehaltenen, Zwischenrufen: „Jude!“ gegen Mitglieder des Hauses. Unter anderem wurde Kurt Rosenfeld auf diese Weise von rechts diffamiert, als er kritisierte, dass sich die Fraktionen der Deutschvölkischen und der Kommunisten in der Obstruktion der Reichstagsdebatten gegenseitig zu Hilfe kommen würden. Rosenfeld entgegnete: „Dem Juden Katz, dem Kommunisten, haben Sie keine Zwischenrufe gemacht. Der war Ihnen willkommen, aber gegen den Juden Rosenfeld, den Sozialdemokraten, glauben Sie sich wenden zu sollen.“[15] Diesen Eindruck, dass die Rechten fast wahllos ihre politischen Gegner (ausgenommen die KPD) antisemitisch beschimpften, konnten republikanisch gesinnte Zeitgenossen ob der Debatten im Reichstag erhalten. Dennoch stellte der Judenhass der Deutschvölkischen und Nationalsozialisten eine tiefer liegende obsessive Ideologie dar, die KPD-Abgeordnete jüdischer Herkunft ab 1933 doppelt bedrohen konnte. Bereits 1924 ließ die nationalsozialistische Reichstagsfraktion an ihren Überzeugungen keinen Zweifel, wie die Broschüre Charakterköpfe des Deutschen Reichstags verdeutlicht: Mit Karikaturen und subtilen Texten waren darin 28 vermeintlich jüdische Mitglieder des Reichstags aus den Parteien SPD, KPD und DDP durcheinander dargestellt. Iwan Katz (KPD)[16] bildeten sie mit deutlich abstehenden Ohren und einer übergroßen Nase ab. Darunter hieß es: „Genannt: ‚Iwan der Schreckliche‘. Schriftleiter der meist verbotenen ‚Niedersächsischen Arbeiterzeitung‘ in Hannover, der echte ‚Arbeiter‘-führer. [...] Wie man sieht: religionslos.“[17]

Den Rechtsextremen galt besonders die Deutsche Demokratische Partei (DDP)[18] als Inbegriff der System- und Republikverteidigung und voller „Juden“. So rief ein Abgeordneter der Deutschvölkischen, als Erich Koch-Weser (DDP) den Namen seiner Partei erwähnte, in verballhorntem Jiddisch: „Die Daitsche“.[19] Koch-Weser war evangelisch getauft und christlich erzogen worden, seine Mutter kam aus einer jüdischen Familie. Dennoch stigmatisierte ihn Albrecht von Graefe (DvFP) im Januar 1925 unter „[g]roße[r] Heiterkeit“ in Bezug auf einen Artikel des Berliner Tageblattes mit: Das Tageblatt, „das doch Herrn Koch sehr nahe steht, nicht nur politisch, sondern auch genealogisch“ – dies spielte auf den Herausgeber Theodor Wolff und die verbreitete Vorstellung an, diese Zeitung stehe an der Spitze der imaginierten „Judenpresse“.

Obgleich in der dritten und vierten Wahlperiode (Januar 1925 bis Juli 1930) deutlich weniger nationalsozialistische Abgeordnete vertreten waren, konnten diese ihre judenfeindliche Dauerpropaganda hörbar gestalten und stifteten DNVP-Abgeordnete an. So reagierte Otto Schmidt (DNVP) auf einen nicht protokollierten Zwischenruf von Julius Moses: „Herr Moses, wenn Sie es nicht verstehen – hebräisch kann ich leider nicht!“.[20] Als der bekannte Journalist und DDP-Abgeordnete Georg Bernhard[21] im Juni 1929 ans Rednerpult trat, zog ein Teil der NSDAP-Abgeordneten unter dem Ruf aus: „wir wollen ihn allein mauscheln lassen“.[22] Subtilere Invektiven, die oft mit einem antisemitischen Antiintellektuellenstereotyp einher gingen, waren z.B. der Vorwurf, dialektisch zu sprechen und die Anzweifelung, „Juden“ in der politischen Linken könnten Arbeiter oder gute „Arbeiterführer“ sein.[23]

Seit dem Dammbruch von 1924 verwendete die nationalsozialistische Fraktion öfter diffamierend die Bezeichnung „Jude“ und behauptete sarkastisch, die Gerichte verurteilten es, wenn man einen Juden einen Juden nenne. Ruhig definierte daraufhin Ludwig Haas[24], es handele sich nicht um eine Beschimpfung, solange „nicht irgendeine verächtliche Nebenbemerkung damit verbunden“ sei.[25] Auch Reichstagspräsident Löbe rief einmal im Dezember 1927 Wilhelm Frick (NSDAP) wegen dem Ausdruck „der Jude Hilferding[26] “mit folgenden Worten zur Ordnung: „Es gehörte bisher nicht zu den Gepflogenheiten des Hauses, auf die Religion der Abgeordneten oder ihr Bekenntnis Bezug zu nehmen. Ich möchte bitten, daß es dabei bleibt.“[27]

Daran gehalten wurde sich nicht. Im Juni 1929 sehnte sich Ernst Graf zu Reventlow (NSDAP) das Ende der Republik unter „judaistischer Leitung“ herbei. Im Namen seiner Partei forderte er die „Kenntlichmachung des Juden in Deutschland [...] so. z.B., damit Sie mich ganz richtig verstehen: der Jude Finanzminister Hilferding, (Zuruf links: Unerhört!) – Sie finden das unerhört –, der Jude Ministerialrat Badt, der Jude Reichstagsabgeordneter Bernhard usw.“[28] Selbst die Androhung der Todesstrafe gegen einen Abgeordneten jüdischer Herkunft ereignete sich bereits in der vierten Wahlperiode. Der langjährige SPD-Fraktionschef im Preußischen Landtag Ernst Heilmann[29] war eine besondere Hassfigur der NSDAP. Als er nicht über die antisemitisch ausgetragene politische Korruptionsaffäre um den Geschäftsmann Julius Barmat stolperte, unterstellten die Nazis kurzerhand, Heilmann habe als Zeuge einen Meineid geleistet. Heilmann war seit 1928 auch M.d.R. und dort häufig beleidigenden Zwischenrufen ausgesetzt. Vom Rednerpult aus meinte Wilhelm Frick beim Thema Justizreform, für die Heilmann sich in Preußen eingesetzt hatte: „Wir Nationalsozialisten werden Herrn Heilmann dabei tatkräftig unterstützen, indem wir im kommenden Dritten Reich auf Grund des Gesetzes gegen Volksverrat und Korruption durch einen Deutschen Gerichtshof Herrn Heilmann als ersten in völlig legaler Weise aufhängen lassen werden. (Bravo bei den Nationalsozialisten)“.[30]

Seit 1929 errang die NSDAP allmählich einen enormen Zuwachs, der, wie allein die Reichstagsbeispiele zeigen, keineswegs auf einer Zurückhaltung ihres Antisemitismus beruhte; eher das Gegenteil scheint wahrscheinlicher. Die katastrophale Niederlage für das pro-republikanische Lager bei den Reichstagswahlen im September 1930 mit 107 NSDAP-Abgeordneten, musste sich neben anderen Faktoren auf das Kommunikationsklima im Reichstag auswirken. Die routinierte SPD-Abgeordnete Tony Sender[31] beschrieb ihre erste Rede kurz nach Eröffnung der Wahlperiode in ihren 1939 in New York erschienenen Erinnerungen: „I was warned by some colleagues not to risk provoking the strong Nazi group so soon. A woman, a non-Arian, and a Social Democrat, I had to be prepared to encounter howling and derision. ‚All the more reason to speak’, I retorted; ‚we cannot submit to Nazi standards.’ I had scarcely begun to talk when a hail of interruptions – shout, catcalls, laughter – came from the Nazis.”[32] Wegen der starken Geräuschkulisse verstanden die Protokollanten kaum, was gerufen wurde – notiert haben sie jedoch den Zwischenruf: „sind Sie auch in der Fabrik beschäftigt?“ Präsident Löbe musste zur Glocke greifen und mahnen: „Meine Herren, ich bitte, doch die Rednerin nicht zu überschreien.“[33] Nun war es so weit gekommen, dass sich im Reichstag Szenen abspielen konnten, wie sie Kurt Löwenstein bei der verhinderten öffentlichen Veranstaltung im September 1920 erlebt hatte. Im Dezember 1930 skandalisierte Fritz Löwenthal (KPD)[34] – er war bereits früh in seiner Rede mit dem Zwischenruf: „Jude!, Jude“[35] bedacht worden –, dass die NSDAP einen verurteilten Fememörder im Parteivorstand hatte und kritisierte „den Führer“. Daraufhin war die NSDAP-Fraktion kaum mehr zu halten: Löwenthal wurde laut Protokoll ausschließlich antisemitisch attackiert. Mit: „Sie mit Ihrer krummen Nase! Unverschämter Judenjunge!“, „Judenjunge raus! Schluß! Schluß!“ und Ähnlichem schrien sie Löwenthal regelrecht nieder. Der Präsident erteilte, nachdem er sich Gehör verschafft hatte, an Teile der NSDAP-Fraktion ein- bzw. zweimalige Ordnungsrufe und schloss im Verlauf der Sitzung mehrere Abgeordnete aus. Diese geschäftsordnungsmäßige Sanktionierungspraxis stellte jedoch kein Hindernis mehr für die Torpedierung der parlamentarischen Kommunikation durch die große NSDAP-Fraktion dar, die diesen Nieder-gang der Umgangsformen in erster Linie mit antisemitischem Sprachhandeln inszeniert hatte.

Fazit

Antisemitische Äußerungen in den Plenardebatten des Weimarer Reichstags wurden, zusammenfassend gesagt, fast nur dann kritisiert, wenn es sich um direkte verbale Angriffe auf Minister oder Mitglieder des Hauses handelte. Allerdings reagierten (nichtjüdische) Abgeordnete insgesamt nicht häufig darauf und ihre Zurückweisungen nahmen im Verlauf der Weimarer Dekade deutlich ab. Der langjährige Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) tat gegen persönliche Diffamierungen zumeist was in seiner Macht stand. Am häufigsten skandalisierten Sozialdemokraten den Antisemitismus in Zwischenrufen und kurzen Hinweisen in ihren Redebeiträgen, oft verwendeten sie dabei Ironie und das Mittel, rechte Redner auszulachen. Eine allgemeine Sensibilisierung für den Judenhass bzw. sein Ausgreifen auf die Gesellschaft war nur in den Wochen nach der Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922 zu spüren. Neben der USPD/SPD wiesen mehrere DDP-Abgeordnete antisemitische Aussagen im Reichstagsplenum immer wieder ausdrücklich zurück. Äußerst selten schlossen sich dem Abgeordnete der Zentrumspartei und der Bayerischen Volkspartei an. Manche Zwischenrufe bzw. sehr wenige Anmerkungen von KPD-Abgeordneten verdeutlichten, dass auch sie den Antisemitismus der Rechtsextremen wahrnahmen und ablehnten.

Durch die wechselseitige strukturelle Verflechtung zwischen innen und außen kann der Weimarer Reichstag, in dem viele offene Systemgegner saßen, als gesellschaftlicher Mikrokosmos betrachtet werden. Die wellenförmig auftretenden antisemitisch konnotierten Ereignisse, wie z.B. im Kontext der „ostjüdischen“ Frage, der Kriegsschuld- und Reparationsdebatten oder bei politischen Korruptionsskandalen, bewirkten eher unbemerkt und überlagert von den anderen Schwierigkeiten mit denen „die überforderte Republik“ (Ursula Büttner) konfrontiert war, eine abstumpfende Normalität des Antisemitismus bereits in den 1920er Jahren. Dass die Hass-Propaganda gegen die „Juden-Republik“ wortwörtlich beides gleichermaßen zu überwinden suchte, erkannten die wenigsten (nichtjüdischen) Nazigegner. In der Öffentlichkeit waren jüdische Organisationen, in erster Linie der Centralverein deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, in ihrer „Abwehrarbeit“ auf sich gestellt.

Auch im Reichstag mussten die betroffenen Abgeordneten jüdischer Herkunft zumeist selbst auf die gegen sie gerichteten antisemitischen Beleidigungen reagieren. Wenn sie es aus verschiedenen Gründen nicht taten, blieben die Attacken häufig unkommentiert. Schließlich ist festzustellen, dass ausschließlich Abgeordnete jüdischer Herkunft initiativ, d.h. ohne vorherigen Anlass, den Judenhass und die Verhetzung durch Reaktionäre und Rechte thematisierten. Dabei stand für Republikaner wie Julius Moses der Schutz bzw. der Erhalt einer wehrhaften Republik wohl nicht zuletzt als Bollwerk gegen eine ungehemmte Judenfeindschaft an oberster Stelle.[36]


Susanne Wein, Historikerin, Berlin. Ihre in diesem Jahr beendete und an der FU Berlin verteidigte Dissertation trägt den Titel: „Antisemitismus in der politischen Kultur der Weimarer Republik. Eine Untersuchung anhand der Debatten im Reichstag“. In Kürze wird ihre Studie: „Bremer Arbeiterbewegung und Antisemitismus 1924–1928“ veröffentlicht. Die Forschungsschwerpunkte von Susanne Wein sind die (Vor-) Geschichte des Nationalsozialismus, der Antisemitismus vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Jüdische Geschichte, Presseforschung und die Geschichte des deutschen wie europäischen Parlamentarismus und Nationalismus.


[1] „Erinnerungen“, im Nachlass von Julius Moses, zit. nach Dieter Fricke: Jüdisches Leben in Berlin und Tel Aviv 1933 bis 1939. Der Briefwechsel des ehemaligen Reichstagsabgeordneten Dr. Julius Moses. Hamburg 1997, S. 43; Kurt Nemitz: Bundesratufer. Erinnerungen. Oldenburg 2006, S. 65. Kurt Nemitz ist der Sohn von Julius Moses und Elfriede Nemitz (die Tochter der SPD-Politikerin Anna Nemitz). Er ist Nachlassverwalter und als Zeitzeuge (Jg. 1925) die wichtigste Quelle auch persönlicher Erinnerungen an Julius Moses.
[2] Dr. med. Julius Moses (1868–1942) M.d.R.: 1920–Mai 1924, Dezember 1924–1932 (USPD, ab 1922 SPD); „Jude“ (eigene Angabe hier und im Folgenden zit. nach den Reichstagshandbüchern). Moses stammte aus einer traditionell jüdischen Familie in Posen und kam für eine gute Schulbildung mit 12 Jahren zu seinem Onkel nach Greifswald, wo er auch studierte. Seit 1902 lebte und arbeitete Moses als niedergelassener Arzt in Berlin. Zu weiteren Stationen seines Lebens s.u.
[3] Siehe Nemitz 2006, S. 67–72, hier S. 67.
[4] Zum Verfolgungsschicksal aller hier erwähnten Abgeordneten, siehe Martin Schumacher (Hg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945. Düsseldorf 1994 (3. erhebl. erw. und überarb. Auflage).
[5] Seit 1900 beschäftigte sich Moses zehn Jahre lang stark mit der „jüdischen Frage“ bzw. dem deutsch-jüdischen Selbstverständnis und gab mehrere Bücher sowie ab 1902 die Wochenzeitung Generalanzeiger für die gesamten Interessen des Judentums heraus; vgl. Kurt Nemitz: Julius Moses publizistisches und politisches Engagement in der deutsch-jüdischen Presse nach 1900 und in der Gesundheitspolitik der Weimarer Zeit, in: Susanne Marten-Finnis/Michael Nagel (Hg.): Die PRESSA. Internationale Presseausstellung Köln 1928 und der jüdischer Beitrag zum modernen Journalismus. 2 Bände. Bremen 2012, S. 489–508.
[6] Dr. phil. Kurt Löwenstein (1885–1939) M.d.R.: 1920–Mai 1924, Dezember 1924–1933 (USPD, ab 1922 SPD); „Dissident“. Löwenstein kam aus einer ärmlichen jüdischen Familie in Bleckede an der Elbe. Mithilfe eines Stipendiums konnte er eine höhere Schule besuchen und studieren. Zwei Jahre absolvierte Löwenstein ein orthodoxes Rabbinerseminar, wurde dann jedoch Mitglied der Freireligiösen Gemeinde, Pädagoge und engagierte sich im linken Bund für Schulreform. Während des Krieges beim Roten Kreuz tätig. Seit 1918 bei der USPD, prägte er deren Bildungsprogramm. Er entwickelte die Idee der sozialistischen Kinderrepubliken. Löwenstein konnte mit seiner Familie 1933 nach Frankreich fliehen, wo er 1939 einem Herzinfarkt erlag.
[7] Aufgrund der Stigmatisierungen und der Verfolgungssituation nach 1933 wurde für Deputierte mit jüdischem Familienhintergrund der verallgemeinernde Ausdruck „Abgeordnete jüdischer Herkunft“ gewählt; vgl. zur Definition z.B. Ernest Hamburger/Peter Pulzer: Jews as Voters in the Weimar Republic, in: Leo Baeck Institute Year Book XXX (1985), S. 3–66.
[8] Dr. jur. Kurt Rosenfeld (1877–1943), M.d.R.: 1920–1930, „konfessionslos“. Rosenfeld war der Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers aus Marienwerder, trat ca. 1899 in die SPD ein und aus der Religionsgemeinschaft aus. Er war 1914 Rosa Luxemburgs Anwalt. 1914–1918 diente er als Soldat und engagierte sich gleich darauf im Vorstand der USPD. Der Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands floh nach dem Reichstagsbrand am 27/28. Februar 1933 außer Landes und konnte mit seiner Frau in die USA emigrieren.
[9] Stenographische Berichte des Reichstags (RT-Protokolle), Band 344, 17. Sitzung am 3.8.1920, S. 632B.
[10] Anlagen zu den RT-Protokollen, Band 364, Drucksache Nr. 568 vom 30. September 1920.
[11] Neuköllner Tageblatt vom 23.9.1920, zit. nach Werner Korthaase: Neuköllner Schulpolitik im Dienste der Arbeiterschaft – Dr. Kurt Löwenstein als Kommunalpolitiker, in: Gerd Radde/Bezirksamt Neukölln (Hg.): Schulreform. Kontinuitäten und Brüche. Das Versuchsfeld Berlin-Neukölln. Opladen 1993, S. 130–145.
[12] Löwenstein wurde z.B. in einem Leserbrief unterstellt, er „jüdelt oder [spreche] gar jiddisch“ und sei eine „jüdische Herausforderung“, in: Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), Nr. 430 vom 15.9.1920 „Goj Löwenstein“.
[13] Löwenstein berichtete, die Radaumacher hätten Abzeichen getragen: „nämlich das Hakenkreuz und […] schwarz-rot-weiße Fähnchen oder was es sonst noch an solchen Albernheiten gibt“, in: RT-Protokolle, Band 348, 85. Sitzung am 15.3.1921, S. 3016C.
[14] RT-Protokolle, Band 356, 254. Sitzung am 18.7.1922. S. 8692B.
[15] Ein KPD-Abgeordneter, der „Schamlose Behauptung!“ gerufen hatte, wurde im Gegensatz zum rechten Zwischenrufer vom amtierenden Präsidenten Johannes Bell (Zentrum) gerügt, RT-Protokolle, Band 381, 27. Sitzung am 29.8.1924, S. 1115A. In derselben Sitzung war bereits der nichtjüdische Demokrat Alfred Brodauf als „Jude“ beschimpft worden (vgl. ebd., S. 958–959, 972C, 1080D). Dass Brodauf den mehrfachen Unterstellungen, er sei Jude, nicht widersprach, werte ich als Solidarisierung mit den stigmatisierten jüdischen Deutschen.
[16] Iwan Katz (1889–1956), M.d.R.: 1924–1928 (für die KPD, seit 1926 parteilos), „religionslos“. Katz kam aus einer wohl nicht religiösen jüdischen Familie in Hannover; Studium u.a. der Volkswirtschaft und der Stadtplanung. Seit 1906 „in der Arbeiterbewegung tätig“; Kriegsteilnehmer und Leutnant. 1921–1924 im preußischen Landtag für die KPD. Katz, seit 1928 nicht mehr politisch aktiv, wurde 1933 und danach mehrfach verhaftet, konnte 1941 aus einem Berliner Lager fliehen. 1944 im Zusammenhang mit der Aktion „Gitter“ erneut festgenommen und ins KZ Auschwitz deportiert, bei Kriegsende ist er aus dem KZ Mauthausen befreit worden. Katz ging nach Ostberlin, kam aber 1948 mit der SED in Konflikt und lebte seit 1954 in der Schweiz.
[17] In: Arbeitszentrale für völkische Aufklärung/Presseleitung der Nationalsozialistischen Freiheitspartei (Hg.): Charakterköpfe des Deutschen Reichstags. Zeichnungen von Totila [d.i. Hans Diebow]. Berlin 1924 (ohne Paginierung, Auflagenhöhe unbekannt).
[18] Dr. jur. Erich Koch-Weser (1875–1944) M.d.R.: 1920–1930, war bereits seit 1901 als Bürgermeister in der Politik tätig, 1919–1921 Innenminister, 1928/29 Justizminister; „evangelisch“. Koch stammte aus Bremerhaven, die jüdische Herkunft der Mutter spielte im Selbstverständnis der Familie keine Rolle. Seit 1918 DDP-Mitglied, 1924–1928 Fraktionsvorsitzender. Er befürwortete die Fusion mit dem Jungdeutschen Orden zur Deutschen Staatspartei und zog sich nach dem Wahldebakel 1930 aus der Politik zurück. 1933 emigrierte Koch-Weser, nachdem ihm als „Halbjude“ die Anwaltslizenz entzogen worden war, nach Brasilien.
[19] RT-Protokolle, Band 381, 25. Sitzung am 27.8.1924, S. 971C.
[20] RT-Protokolle, Band 384, 23. Sitzung am 13.2.1925, S. 584B.
[21] Georg Bernhard (1875–1944) M.d.R.: 1928–1930; „mosaisch“. Bernhard kam aus einer jüdischen Familie in Berlin. Nach einer Banklehre wurde er Wirtschaftsredakteur u.a. im Ullstein Verlag. Seit 1913 Chefredakteur des liberalen Blattes Vossischen Zeitung. Mitglied im Reichswirtschaftsrat und Dozent an der Handelshochschule. Seit 1924 DDP-Mitglied. Bernhard emigrierte 1933 nach Frankreich, noch bevor seine Schriften auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung am 10. Mai brannten. Bernhard gründete das Pariser Tageblatt. 1940 wurde er mit seiner Frau im südfranzösischen Lager Bassens interniert, konnte aber entkommen und gelangte mit Hilfe von Varian Frys Fluchtorganisation 1941 in die USA, wo er es nicht mehr schaffte Fuß zu fassen.
[22] RT-Protokolle, Band 425, 78. Sitzung am 6.6.1929, S. 2116B.
[23] Den Politikern Löwenstein, Rathenau und Bernhard wurde jeweils von DNVP-Abgeordneten vorgeworfen, „Dialektik“ zu gebrauchen: RT-Protokolle, Band 348, 85. Sitzung am 15.3.1921, S. 3014–3016; RT-Protokolle, Band 349, 112. Sitzung am 4.6.1921, S. 3798–3799; RT-Protokolle, Band 425, 78. Sitzung am 6.6.1929, S. 2110C; Erich Koch-Weser dichtete die DvFP einen „talmudistischen Geist“ an (RT-Protokolle, Band 381, 25. Sitzung am 27.8.1924, S. 976D); Partei-Bonzen zu sein, wurde mehreren Abgeordneten jüdischer Herkunft unterstellt, s.o. Iwan Katz und s.u. Tony Sender.
[24] Dr. jur. Ludwig Haas (1875–1930), seit 1912 M.d.R. für die Fortschrittliche Volkspartei, 1919–1930 für die DDP und im Parteivorstand; „jüdisch“. Haas stammte aus einer jüdischen Familie aus Freiburg, Kriegsteilnehmer 1914–1918 und Kompanieführer. Er war ein bekanntes Mitglied im Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten.
[25] RT-Protokolle, Band 381, 14. Sitzung am 28.6.1924, S. 430A. Der nichtjüdische Sozialdemokrat Karl Hildenbrand sprang Haas bei: „Wenn deutsche Gerichte jetzt häufig in die Lage kommen, Verhandlungen zu führen, die den Anschein erwecken, als ob es sich um Schutz der Juden handle, so hat das seinen Grund darin, daß der Antisemitismus dessen sich Deutschland vor der ganzen Welt schämen muß, und die ihn ausnützenden Parteien, wie die Deutschvölkische Freiheitspartei, sich nicht schämen, Mitbürger, die sich für die Interessen des deutschen Vaterlandes und der deutschen Volkes bemühen, nur deshalb öffentlich beschimpfen, weil sie Juden sind.“ (ebd., S. 432A).
[26] Dr. med. Rudolf Hilferding (1877–1941), M.d.R.: 1924–1933 für die SPD, zweimal Reichsfinanzminister; „konfessionslos“. Hilferding wuchs in einer jüdischen Familie in Wien auf. Seit 1907 für die SPD im Berliner Vorwärts tätig und führender Parteitheoretiker. Er floh 1933 nach Frankreich, wo er vom Vichy-Regime an die Deutschen ausgeliefert wurde. Hilferding beging in Gestapo-Haft in Paris vermutlich Selbstmord.
[27] RT-Protokolle, Band 394, 352. Sitzung am 6.12.1927, S. 11865D.
[28] RT-Protokolle, Band 425, 96. Sitzung am 26.6.1929, S. 2979B. Einige Zwischenrufe von der Linken machten sich in ihrer üblichen Kampfesweise über die Rede lustig, der amtierende Präsident Siegfried von Kardorff (DVP) griff aber nicht ein. Dagegen ergriff der nichtjüdische Abgeordnete Wilhelm Külz (DDP) nur deshalb das Wort, um die Aussagen Reventlows deutlich zurückzuweisen (vgl. ebd. S. 2979D), ein äußerst seltener Vorgang.
[29] Ernst Heilmann (1881–1940), M.d.R.: 1928–1933; „religionslos“. In einer nicht religiös geprägten jüdischen Familie in Berlin groß geworden, studierte Heilmann Rechtswissenschaften, erhielt jedoch wegen seiner SPD-Mitgliedschaft 1903 keinen Referendariatsplatz. Seither journalistisch für die Partei tätig. Kriegsteilnehmer. Seit 1919 Stadtverordneter und Landtagsmitglied. Heilmann wurde im Juni 1933 verhaftet, gefoltert und in verschiedene KZ verschleppt, bis er am 3. April 1940 im KZ Buchenwald ermordet wurde.
[30] RT-Protokolle, Band 425, 85. Sitzung am 13.6.1929, S. 2424A. An dieser Stelle kam von Reichstagspräsident Löbe keine Rüge. Die Nichtreaktion des Hauses auf die erste direkte Mordandrohung gegen ein Mitglied des Hauses wirkt auf uns heute besonders hart. Allerdings muss das Dilemma der Weimarer Antifaschisten bedacht werden: Skandalisierten sie den Judenhass, boten sie den Rednern ein Forum, in dem sie ihren „rasenden Irrsinn des Antisemitismus“, (so der nichtjüdische KPD-Abgeordnete Wilhelm Koenen, in: RT-Protokolle, Band 381, 14. Sitzung am 28.6.1924, S. 431B) noch weiter ausbreiten konnten.
[31] Angestellte und Redakteurin Tony Sender (1885–1964), M.d.R.: 1920–1933 (USPD, ab 1922 SPD); „Dissidentin“. Sender stammte aus einem gutbürgerlichen orthodox-jüdischen Elternhaus in Biebrich (bei Wiesbaden). Sehr früh brach sie mit dem vorgezeichneten Weg, machte eine kaufmännische Ausbildung und verdiente ihren Lebensunterhalt selbst. 1910 Eintritt in die SPD, seit Kriegsbeginn pflegte Sender internationale pazifistische Kontakte. In Frankfurt am Main war sie während des Krieges und der Revolutionszeit neben Robert Dißmann die wichtigste Figur der USPD, 1919 wurde sie als einzige weibliche Deputierte ins Frankfurter Stadtparlament gewählt. Die Bedingungen für Arbeiterinnen und Arbeiter, Gewerkschafts- und besonders Wirtschaftsfragen waren im Reichstag ihre Spezialgebiete. Die Diffamierungen, die sie in anonymen Briefen und von der politischen Rechten erfuhr, waren oft sexualisiert-antisemitischer Art, wie: sie sei die „Sozialistische Attraktion im Reichstag“ (in: Broschüre Charakterköpfe s.o., Anm. 17). Ab 1932 wurde Sender in Pamphleten der DNVP und der NSDAP gar als Prostituierte beschimpft. Anfang März 1933 floh Tony Sender außer Landes und konnte in die USA auswandern, 1943 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Toni Sender: The Autobiography of a German Rebel. New York 1939, S. 294–297; Jürgen Steen/Historisches Museum Frankfurt (Hg.): Tony Sender 1888–1964. Rebellin, Demokratin, Weltbürgerin. Frankfurt a.M. 1992, S. 42f.
[32] Sender 1939: 278 (wie Anm. 31).
[33] RT-Protokoll, Band 444, 4. Sitzung am 17.10.1930, S. 103A.
[34] Dr. jur. Fritz Löwenthal (1888–1956); M.d.R. 1930–1932; „konfessionslos“. Löwenthal wuchs in einer jüdischen Familie in München auf, studierte Psychologie, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft. 1917 wurde er zum Militärdienst eingezogen. 1913–1923 SPD-Mitglied, 1927 Eintritt in die KPD, Vorsitzender der Internationalen Juristenvereinigung und in der Roten Hilfe Deutschland engagiert. Löwenthal floh 1933 zunächst nach Frankreich, dann in die Sowjetunion, wo er u.a. als „Politlehrer“ in deutschen Kriegsgefangenenlagern tätig war. Er kehrte 1946 aus der Emigration zurück und ging 1947 nach Westdeutschland. Für die SPD war er Mitglied des Parlamentarischen Rates 1948/49. Erhard Lange: Friedrich Löwenthal (SPD) im Parlamentarischen Rat (2008), in: http://www.bpb.de/wissen/12ADMK (zuletzt geprüft am 3.8.2012).
[35] Dies und die folgenden Zitate, siehe RT-Protokolle, Band 444, 12. Sitzung am 10.12.1930, S. 504–507.
[36] Siehe für diesen Zusammenhang Moses eindrückliche Reichstagsrede zum Thema Republikschutz kurz nach dem Mord an Walther Rathenau, RT-Protokolle, Band 356, 245. Sitzung am 6.7.1922, S. 8325–8332.