Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Eine jüdische Randerscheinung – Der Poale-Zionismus in Deutschland

Von Momme Schwarz


In den Wirren der Novemberrevolution im Jahre 1918 meldete sich die zionistisch-sozialistische Arbeiterorganisation Poale Zion mit einem an das jüdische Proletariat adressierten Aufruf, die revolutionären Anstrengungen vorbehaltlos zu unterstützen, erstmalig in Deutschland zu Wort:

„Die sozialistische Arbeiterklasse – der bis jetzt gefesselte Hohepriester der Freiheit – hat seine Fesseln gesprengt und geht nun mit gesammelten Kräften heran, den neuen und erträumten Staat aufzubauen. (...) Es lebe die freie sozialistische Republik! Stark und siegreich soll die befreiende Sozialdemokratie hervorgehen! Genossen! Jüdische Arbeiter! Volksmassen und Intelligenz! (...) Die Stunde des aktiven Kampfes um euer Recht und eure Freiheit ist gekommen! Schließt euch der jüdischen sozialdemokratischen Poale Zion an, die in Deutschland ihre Fahne entfaltet hat.“[1]

Damit erschien die Fraktion der Poale Zionisten mit erheblicher Verspätung auf der Bildfläche deutscher Zionisten und Sozialdemokraten, hatten sich doch in Osteuropa, Russland und Österreich bereits um die Jahrhundertwende lose Zirkel jüdischer Arbeiter zusammengefunden, um die Idee einer jüdischen Heimstätte auf Grundlage sozialistischer Fundamente zu entwerfen. In Russland mündeten diese Zusammenschlüsse im Jahre 1907 schließlich in die Konstitution der ersten offiziellen Partei, Poalei Tziyon (Hebr. Arbeiter Zions), in deren Folge sich auch in Europa, Palästina und den Vereinigten Staaten die bestehenden Organisationen konsolidierten. Um die Idee des Poale-Zionismus auch auf internationaler Bühne zu popularisieren, vor allem aber um die gemeinsamen Kräfte über die Ländergrenzen hinaus bündeln zu können, schlossen sich noch im gleichen Jahr die verschiedenen Poale Zion-Parteien in Den Haag zum Allweltlichen Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverband Poale Zion (Hebr. Ichud Olami) zusammen. Vorrangiges Ziel des Verbands war es in den internationalen Organisationen sowohl der Zionisten – der Zionistischen Organisation – als auch der Sozialisten – der Kommunistischen bzw. Sozialistischen Internationale – als eigenständige Fraktion anerkannt zu werden.

Die Gründe für die vergleichsweise späte Ankunft in Deutschland waren vielschichtig, reflektierten jedoch zum einen die numerisch verschwindend geringe Anzahl an jüdischen Arbeitern und zum anderen die insgesamt schwierigen Ausgangsbedingungen des deutschen Zionismus, bei den wirtschaftlich vielfach arrivierten, gesellschaftlich und kulturell in ihrer Mehrheit assimilierten Juden zu reüssieren.[2] Denn unverkennbar begriff sich das Gros der deutschen Juden in erster Linie als loyale, mithin patriotische Staatsbürger. Diese Loyalität wurde in den Augen vieler Juden durch die zionistische Devise, sich nicht mehr nur als Religionsgemeinschaft, sondern auch bzw. in erster Linie als Volk zu begreifen, konterkariert. Vor diesem Hintergrund begegnete die Mehrheit der Juden dem Zionismus bis zum Ende des Ersten Weltkrieges mit Argwohn und Misstrauen,[3] fürchteten sie augenscheinlich, sich bei seiner offenen Unterstützung des Separatismus und des mangelnden Patriotismus verdächtig zu machen. Erst mit dem immer stärker öffentlich zu Tage tretenden Antisemitismus nach Ende des ersten Weltkrieges, sowie der durch die von Lord Balfour in Aussicht gestellten Realisierung des jüdischen Staatsprojektes gewann die zionistische Idee im Verlaufe der Weimarer Republik merklich an Zuspruch, obschon sie für die Mehrheit der deutschen Juden noch immer nicht von Relevanz war. Umso mehr galt dies für die sozialistische Variante des Zionismus in Gestalt der Poale Zion, die in den Jahren ihres Bestehens nicht mehr als 500 Mitglieder in Deutschland zählen sollte.

Die Zurückweisung aus dem bürgerlich-jüdischen Lager tangierte die Poale Zion zwar mitunter (wie etwa bei Gemeinde- oder anderen Gremienwahlen), gleichwohl suchte sie mit ihrer Programmatik in das jüdische Proletariat hineinzuwirken, welches bis dato kaum abseits anderer, nicht-jüdischer Zusammenhänge organisiert war. Vorrangig konzentrierten sich die Poale Zionisten darauf, die jüdische Arbeiterschaft für den zionistisch-sozialistischen Klassenkampf zu mobilisieren und als wahrnehmbare Sektion in den internationalen jüdischen Arbeiterkampf einzureihen. Als entscheidendes Instrument diente ihnen dabei die 1921 in Berlin gegründete Wochenzeitung Die Jüdische Arbeiterstimme, mittels derer sie ihrer Leserschaft einerseits die theoretischen Eckpfeiler und Ziele ihrer Programmatik nahebrachten, sowie andererseits ihre praktischen Umsetzungsbemühungen dokumentieren konnten. Zielführendes Motiv war dabei die Auffassung, wonach die einzig realistische und nachhaltige Perspektive der durch Krieg, Revolution und Arbeitslosigkeit allerorten deklassierten und marginalisierten jüdischen Bevölkerung und Arbeiterschaft, die einer eigenen sozialistisch organisierten Heimstätte in Palästina sei.
Insbesondere gegenüber den so genannten „Ostjuden“, die vor Krieg und antisemitischer Verfolgung nach Deutschland geflohen waren, wo sie – ohne offiziellen Aufenthaltsstatus behördlicher Willkür ausgesetzt – oftmals unter ärmlichsten und elendsten Bedingungen leben mussten, forderte die Poale Zion Solidarität und Verständnis seitens ihrer deutschen Genossen ein. Nachdrücklich erinnerte sie das deutsche Proletariat an den internationalen Charakter der Arbeiterschaft, an die Notwendigkeit der Solidarität und das Gebot der kollektiven, gruppen- und nationsübergreifenden Organisation gegen den gemeinsamen Feind – das Kapital. Letzteres attackierte sie vehement, ebenso wie die Strategie der deutschen Politik, das (ost-)jüdische Proletariat gegen den deutschen Arbeiter auszuspielen und so das antisemitische Ressentiment gegenüber den jüdischen Arbeitern anzufachen.[4]

Neben der Thematisierung der Geschehnisse in Deutschland richtete sich der Blick der Poale Zionisten stets auf Palästina. Die Entwicklungen vor Ort wurden durchaus (selbst-)kritisch verfolgt, und auch den verhaltenen Zweifeln, ob es in Palästina zu dem herbeigesehnten Neuanfang kommen werde, wurde Raum gegeben. Hoffnung setzte man in diesem wie auch in allen anderen Vorhaben vor allem auf die Organisation und Einbindung der jüdischen Jugendbewegungen. Ihre Gewinnung und Sozialisierung für die Ziele des sozialistischen Zionismus sollte für die Poale Zion oberste Priorität einnehmen, denn allein eine agile und entschlossene Jugend, so die Erwartung, sei in der Lage, dem Vorhaben die nötige Dynamik zu verleihen und so einen langfristigen Einsatz für die Erreichung der gemeinsamen Ziele zu gewährleisten.[5]

Von entscheidender Bedeutung – nicht nur für die deutschen Poale Zionisten – war die Anbindung an die (internationalen) sozialistischen Institutionen, allen voran die Sozialistische Internationale. Naturgemäß reagierten Sozialdemokraten und Sozialisten auf die Annäherungsversuche der Poale Zionisten mit schroffer Ablehnung, hielten sie deren Vision einer jüdischen Heimstätte in Palästina nicht nur für ein ordinäres, unbegründetes Partikularinteresse, sondern betrachteten die zionistischen Bemühungen ferner als ein bewusstes Unterlaufen des internationalen proletarischen Ansinnens, durch eine Weltrevolution nationalistische Kleinstaaterei zu überwinden. Dieser Vorwurf, in Deutschland und Österreich in Gestalt des führenden linken Sozialdemokraten Karl Kautsky vorgetragen, traf die Arbeiter-Zionisten natürlich ins Mark, hoffte man doch inständig, als loyaler und verlässlicher Partner in den internationalen Klassenkampf aufgenommen zu werden. Exemplarisch wies der Sekretär des poale zionistischen Weltverbandes, Berl Locker, im Jahre 1924 im Nachfolgeorgan der Jüdischen Arbeiterstimme, dem Neuen Weg, einige der gegen die Poale Zion erhobenen Vorwürfe zurück, indem er Kautsky eine anachronistische Sicht auf den proletarischen Zionismus vorwarf. Das Verhältnis von Sozialismus und Zionismus sei nicht mehr das von Gegensätzen und Widersprüchen geprägte Spannungsfeld. Es habe vor allem ob der unermüdlichen Arbeit der Poale Zion eine gewinnbringende Synthetisierung der beiden Ideen in Theorie und Praxis stattgefunden. Dieser mit Sozialisten und Sozialdemokraten vieler Länder ausgetragene Konflikt über die Frage, ob der Zionismus als eine emanzipatorische Kraft einen Platz in den internationalen Arbeitergremien erhalten sollte, begleitete die Poale Zion zeitlebens, provozierte zahllose interne Spaltungen und spiegelte die vielen kaum aufzulösenden Antagonismen der Zusammenführung von Zionismus und Sozialismus wider.

Die letzte Veröffentlichung der Poale Zion in Deutschland datiert vom Dezember des Jahres 1931. In zwei Ausgaben erschienen in Berlin unter der Ägide von Melech Neustadt die Mitteilungsblätter des Zentral-Komités der Jüdischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion. Vor dem Hintergrund der nun auch in den Wahlen offenkundig erstarkenden Nationalsozialisten attackierten sie die jüdischen Liberalen und die „jüdische Bourgeoisie“ des C.V., denen sie eine unkritische, teilweise anbiedernde Politik gegenüber der nationalen Bewegung vorwarfen.[6]
Mit dem Hereinbrechen des Nationalsozialismus im Januar 1933 war eine unabhängige Organisationsarbeit nicht länger oder nur schwerlich aufrechtzuerhalten. Zwar schloss sich die deutsche Poale Zion, dem Beschluss des Weltverbandes folgend, noch im Februar 1933 in Berlin mit dem Hapoel-Hazair (Hebr. Der junge Arbeiter) zur Zionistisch-Sozialistischen Vereinigung zusammen,[7] diese Fusion bewahrte sie jedoch nicht mehr vor den zunehmenden Repressalien und der systematischen Einschränkung ihres Handlungsspielraums durch die Nationalsozialisten. Laut einer Quelle aus dem Reichssicherheitshauptamt wurde die Zionistisch-Sozialistische Vereinigung im Jahre 1934 aufgelöst, womit zugleich das Ende der Poale Zion in Deutschland besiegelt wurde.
Während die europäischen Poale Zion Gruppen dem Schicksal der deutschen Fraktion gleich den Verheerungen des Holocaust zum Opfer fielen, überdauerte die Fraktion in Palästina den Zeitraum zwischen 1939 und 1945. Zwar verlor sie im Zuge unzähliger Zusammenschlüsse und Spaltungen der linkszionistischen Arbeiterparteien vor und nach der Staatsgründung Israels ihre Eigenständigkeit als Poale Zion, dessen ungeachtet spielte sie, nicht zuletzt ob solch prominenter Mitglieder wie David Ben Gurion und Jizchak Ben Zwi, in den Gründungen der größeren Arbeiterparteien stets eine tragende Rolle. Selbst die im Jahre 1968 gegründete und noch heute am stärksten in der Knesset vertretene sozialdemokratische Partei Awoda (Hebr. Arbeit), geht auf einen Zusammenschluss der ehemals von Teilen Poale Zion mitbegründeten Mifleget Poalei Eretz Yisrael kurz Mapai (Hebr. Partei der Arbeiter des Landes Israel) zurück. An den Rändern der politischen und kulturellen Arena Israels lassen sich somit verstreute, mithin kaum noch lesbare Spuren des Poale-Zionismus ausmachen.

Momme Schwarz hat an den Universitäten Bremen und Leipzig Kulturwissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert. Von März bis Juni 2008 war er als Praktikant an der ISHS tätig. Seine Magisterarbeit „Widersprüchliche Strategien jüdischer Emanzipation – Die Arbeiterorganisation Poale Zion im Spannungsfeld von Zionismus und Sozialismus 1907–1934“ wird in Kürze als Buch veröffentlicht.


[1] Vgl. „Proletarier aller Völker vereinigt euch. Jüdische Proletarier aller Länder vereinigt euch unter der Fahne der Poale Zion“, in: Jehuda Reinharz: Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882–1933, Tübingen 1981, S. 234 f.
[2] Vgl. Adolf Böhm: Die Zionistische Bewegung. Berlin 1920, Bd. 1, S. 88; Stephen M. Poppel: Zionism in Germany 1897-1933. Philadelphia 1977, S. 33.
[3] Richard Lichtheim spricht gar davon, dass in keinem anderen Land die Abneigung gegen die neue Bewegung so schroff und einmütig war wie in Deutschland. Vgl. Richard Lichtheim: Geschichte des deutschen Zionismus, Jerusalem
1954, S. 146.
[4] „Zum Geleit“, in: Jüdische Arbeiterstimme, 5.3.1921, S. 1.
[5] Ebd.
[6] Vgl. „Zeitnotizen“, in: Mitteilungsblätter des Zentral-Komités der Jüdischen Sozialdemokratischen Arbeiterorganisation Poale Zion. Berlin 1931, S. 2.
[7] „Zionistisch-Sozialistische Konferenz“, in: Jüdische Rundschau, Heft 13, 14.2.1933, S. 63.