Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Gedenkstätte Stille Helden

Von Dr. Beate Kosmala


Mit der Eröffnung dieser Gedenkstätte im Oktober 2008 in Berlin entstand mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erstmals ein Erinnerungsort, der sowohl jenen Juden gewidmet ist, die sich durch Flucht in den Untergrund der Deportation entzogen und versteckt zu überleben versuchten, als auch ihren nichtjüdischen Helfern in Deutschland, die unter den Bedingungen von NS-Diktatur und Krieg unter eigener Gefährdung Handlungsspielräume nutzten, um Leben zu retten.
Die Flucht in den Untergrund war am ehesten noch Juden in Berlin möglich, da in anderen deutschen Städten die Deportationen meist sehr zügig verliefen und bereits im Herbst 1942 nahezu abgeschlossen waren. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch Tausende jüdische Zwangsarbeiter aus den Rüstungsbetrieben mit ihren Familienangehörigen in der Reichshauptstadt. Erst seit dem Sommer 1942 wurde den meisten bewusst, dass die Deportationen einem Todesurteil gleichkamen. Im Herbst 1942 wuchs daher der Wille, den riskanten Sprung in die „Illegalität“ zu wagen. Viele entschlossen sich sogar erst im Februar 1943 dazu.
Wie in der Dauerausstellung gezeigt wird, gab es neben jenen Deutschen, die schon 1933 den verbrecherischen Charakter des Regimes wahrnahmen und durch ihre früheren Verbindungen (Kirchen, Sozialdemokraten, Kommunisten, Nationalkonservative) Hilfe organisieren konnten, viele andere Helfer, die völlig auf sich allein gestellt handelten. Die meisten sind auf den ersten Blick wohl das, was man als „gewöhnliche“ Deutsche bezeichnen kann. Sie ergriffen in einer bestimmten Situation die Initiative, indem sie jüdischen Bekannten, zuweilen aber auch Fremden ihre Hilfe anboten. Viele Hilfeleistungen kamen jedoch auch nur deshalb zustande, weil die zur Flucht entschlossenen Juden nichtjüdische Bekannte, ehemalige Patienten, Kunden, Kollegen oder Unbekannte direkt um Hilfe baten.

Entstehung der Gedenkstätte Stille Helden

Inge Deutschkron (* 1922), die mit ihrer Mutter von November 1942 bis Ende April 1945 an verschiedenen Orten in und rund um Berlin versteckt überlebt hatte, ließ ihre zahlreichen Helfer schon früh als „Unbesungene Helden“[1] (Berliner Senat) oder „Gerechte unter den Völkern“ (Yad Vashem) ehren. 1978 veröffentlichte sie unter dem Titel „Ich trug den gelben Stern“ einen packenden autobiografischen Bericht über die Jahre der Verfolgung, der zu einem wichtigen Zeitdokument über das Überleben deutscher Juden in der „Illegalität“ wurde. Der große Erfolg des darauf basierenden 1989 uraufgeführten Theaterstücks „Ab heute heißt du Sara“ des Grips-Theaters, brachte die Journalistin und Schriftstellerin aus Tel Aviv nach Berlin zurück. Dort fand sie im Bezirk Mitte die Räume der ehemaligen Bürsten- und Besenwerkstätte des Kleinfabrikanten Otto Weidt fast unverändert vor. Sie selbst war 1941 bei ihm als Zwangsarbeiterin im Büro beschäftigt gewesen und hatte seine Menschlichkeit und Fürsorge gegenüber seinen meist blinden jüdischen Arbeitern und anderen verfolgten Juden erlebt. Ihrem Einsatz ist es zu verdanken, dass 1997 am historischen Ort das „Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt“ entstand, das an diesen Mann und die von ihm geschützten Jüdinnen und Juden erinnert. Im selben Gebäudekomplex der Rosenthaler Straße 39 wurde 2008 auch die Gedenkstätte Stille Helden geschaffen, für die sich Inge Deutschkron ebenfalls unermüdlich eingesetzt hatte. Die inhaltliche und organisatorische Verantwortung liegt bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Ausstellungskonzeption und pädagogische Ansätze

Vitrinen in der Gedenkstätte „Stille Helden“, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)Vitrinen in der Gedenkstätte „Stille Helden“, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)

Eine grundsätzliche Entscheidung für die Präsentation der Dauerausstellung ist es, die Rettungsgeschichten sowohl aus der Perspektive der Verfolgten als auch der Helfer zu erzählen und nach den jeweils spezifischen Ausgangssituationen, Zwangslagen und Handlungsmöglichkeiten zu fragen. Die Hilfe soll in ihren vielfältigen Ausprägungen und unterschiedlichen Motivlagen wahrgenommen werden.
Auf einer Fläche von 220 Quadratmetern werden auf zwei Ebenen zahlreiche exemplarische Einzelschicksale von Helfenden und Verfolgten dargestellt, verbunden mit den wichtigsten Informationen zur historischen Einordnung, aber ohne optische Überfrachtung. Im Zentrum der ersten Ebene steht ein Medientisch mit elf großen Bildschirmen, an denen sich 20 bis 25 Besucher aufhalten können.
Anhand von Touchscreens können komplexe Rettungsgeschichten, die 18 verschiedenen Themen zugeordnet sind, erschlossen werden. Auf der zweiten Etage sind neun Vitrinen dem Schicksal jeweils einer Person bzw. einer Familie gewidmet. Hier werden bereits bekannte Geschichten wie die von Oskar und Emilie Schindler, aber auch Schicksale bisher unbekannter Menschen präsentiert. Es geht um geglückte, aber auch misslungene Rettungsversuche, wie im Falle von Alice Löwenthal, einer jüdischen Mutter, die mit ihren zwei kleinen Mädchen untergetaucht war. Nur sie selbst überlebte die Odyssee durch viele Quartiere. Die Kinder werden entdeckt und deportiert. Kurze Audiosequenzen, die auf einem an der Vitrine angebrachten Bildschirm illustriert werden, vermitteln eindringlich die jeweilige Geschichte, die in den Schaukästen durch Objekte, Dokumente und Fotos vertieft wird.
Einem Verfolgten, der gleichzeitig Helfer ist, widmet sich die Vitrine von Cioma Schönhaus, einem jungen Juden, der in seinem Berliner Versteck mit seinem grafischen Geschick zahlreiche Ausweise für untergetauchte Juden fälschte. Nach der Verhaftung seiner Helferin Helene Jacobs im August 1943 flüchtete er in letzter Minute aus deren Wohnung und erreichte mit dem Fahrrad zunächst einen hilfsbereiten Pfarrer in Stuttgart, später gelang ihm die Flucht in die Schweiz.
Ein dritter Raum mit acht Arbeitsplätzen an Bildschirmen bietet Möglichkeiten zu weiteren Recherchen in Daten, Biografien, Fotos und Dokumenten von mehreren hundert Helfern und Verfolgten, die laufend ergänzt werden.

Besucher der Gedenkstätte „Stille Helden“ am Medientisch, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)Besucher der Gedenkstätte „Stille Helden“ am Medientisch, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)

Die Bezeichnung „Stille Helden“ für diese Gedenkstätte war durch einschlägige Buchtitel und den öffentlichen Gebrauch schon vorgeprägt. Andererseits stieß sie – nicht zuletzt bei Helfern und ihren Angehörigen – auf Vorbehalte, da man eine unangemessene Heroisierung befürchtete.
Schon Kurt Grossmann hatte sich in den 1950er Jahren in seinem Buch „Unbesungene Helden“ mit „Heldentum“ auseinandergesetzt. Er wollte der deutschen Jugend vermitteln, dass es auch ein Heldentum jenseits vom „Schlachtengedröhne“ gebe. Helden seien jene, die „trotz der damit für sie verbundenen Gefahren gefährdeten Menschenbrüdern halfen“. Er wollte den „uneigennützigen Menschenfreunden“ unter den Helferinnen und Helfern „ein Denkmal des Dankes“ setzen.
Aber welche Kriterien sind anzulegen, um Selbstlosigkeit zu attestieren? Und ist nicht das Konzept des Helden durch die totalitären Erfahrungen des 20. Jahrhunderts grundlegend in Misskredit geraten? Andererseits charakterisiert der Begriff „Zivilcourage“, eher ein Element demokratischer Alltagspraxis, das Handeln der Helfer unter der NS-Diktatur nur unzureichend. Man könnte allenfalls von riskanter Zivilcourage unter extremen Bedingungen sprechen.

Besucher der Gedenkstätte „Stille Helden“ an der Recherchestation, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)Besucher der Gedenkstätte „Stille Helden“ an der Recherchestation, Berlin 2009 (Quelle: Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Foto: Thomas Bruns)

Von der Gedenkstätte wird oft erwartet, dass sie insbesondere jugendlichen Besuchern Identifikationsmöglichkeiten und Vorbilder bietet. Dies kann aber nur funktionieren, wenn die Protagonisten nicht auf ein Podest gehoben, sondern auch in ihren Unzulänglichkeiten wahrgenommen werden. Das Ziel der pädagogischen Arbeit ist es, durch die Beschäftigung mit den „stillen Helden“ differenzierte Bilder zu entwickeln. Eine gelungene Auseinandersetzung mit ihnen kann Jugendliche für Werte wie Gleichheit und Solidarität sensibilisieren. Sie kann dazu motivieren, ihr eigenes Verhalten im sozialen und politischen Alltag der Gegenwart zu überdenken, und zu Zivilcourage ermutigen. „Stille Helden“ fordern zur Diskussion heraus, auch in der Frage, weshalb gerade diese Form des Widerstands nach 1945 nicht zu einer breiten Akzeptanz innerhalb der deutschen Gesellschaft führte.
Diese Ausstellung, die zur Zeit Rettungsversuche durch Deutsche zeigt, soll in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem und europäischen Partnerinstitutionen später um die europäische Dimension ergänzt werden.


www.gedenkstaette-stille-helden.de

Kontakt:
Beate Kosmala [kosmala@gdw-berlin.de]
Barbara Schieb [schieb@gdw-berlin.de]

Dr. Beate Kosmala ist seit 2005 im Rahmen ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zusammen mit Barbara Schieb für die Gedenkstätte Stille Helden in Berlin verantwortlich. Sie war zudem 2000/2001 Fellow am International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem. Zahlreiche Publikationen zum polnisch-jüdischenVerhältnis und zum Thema Rettung und Versteck während des Nationalsozialismus sind von ihr erschienen. Unter anderem auch die pädagogische Handreichung: Beate Kosmala, Revital Ludewig-Kedmi: Verbotene Hilfe. Deutsche Retterinnen und Retter während des Holocaust, Zürich 2003.


[1] Diese Bezeichnung geht zurück auf das Buch von Kurt R. Grossmann, Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen, Berlin, Wien 1957 (Deutsche Erstauflage). Die Ehrungsinitiative des Berliner Senats begann 1958.