Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Kein Jude blieb ohne Schutz eines Albaners“

Von Deborah Hartmann


Werbefoto mit Gavra Mandil für das Fotostudio seines Vaters in Novi Sad. Der serbische Text unter dem Foto bedeutet: „Achtung – Ich mache Fotos“, 1939 (Quelle: USHMM)Werbefoto mit Gavra Mandil für das Fotostudio seines Vaters in Novi Sad. Der serbische Text unter dem Foto bedeutet: „Achtung – Ich mache Fotos“, 1939 (Quelle: USHMM)

Als sich Gavra Mandil im Juni 1987 an die Gedenkstätte Yad Vashem wandte, um den Albaner Refik Veseli und dessen Eltern Fatima und Vesel Veseli als „Gerechte unter den Völkern“ zu ehren, begründete er seinen Antrag unter anderem damit, dass er eine Geschichte dokumentieren möchte, die bislang kaum bekannt sei und für zukünftige Generationen aufbewahrt werden müsse.
Gavra Mandil wurde 1936 in Belgrad, dem damaligen Jugoslawien, geboren. Nach der Besetzung des serbischen Teils Jugoslawiens durch die deutsche Wehrmacht 1941, flohen seine Eltern mit ihm und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester mit Hilfe gefälschter Papiere in die Stadt Priština (Kosovo), die zu diesem Zeitpunkt unter italienischer Herrschaft stand. Nach dem Holocaust trat Gavra Mandil in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Berufsfotograf. Ausschlaggebend hierfür war vielleicht auch die lebensrettende Bedeutung der von seinem Vater gemachten Bildaufnahmen. So erzählte Gavra viele Jahre später: „Die Fotografie ist nicht bloß ein Beruf oder der familiäre Lebensunterhalt […] Ich verdanke mein Leben Schwarz-Weiß-Fotos.“[1]

Gavra und Irena Mandil posieren als Fotomodelle neben einem Weihnachtsbaum, 1. September 1940 (Quelle: USHMM)Gavra und Irena Mandil posieren als Fotomodelle neben einem Weihnachtsbaum, 1. September 1940 (Quelle: USHMM)

Als die Familie bei einer Ausweiskontrolle im Zuge ihrer Flucht von einem deutschen Offizier bezichtigt wurde, jüdisch zu sein, hatte Gavras Vater, Mosche Mandil, im entscheidenden Moment eine rettende Idee. Mit scheinbarer Selbstverständlichkeit zog er aus seiner Brieftasche ein Foto hervor, das er vor dem Krieg, kurz vor Weihnachten in seinem Fotostudio aufgenommen hatte. Das Bild zeigt Gavra und seine kleine Schwester, festlich gekleidet und lächelnd vor einem geschmückten Weihnachtsbaum. Moshe Mandil hatte dieses Foto zu Werbezwecken gemacht und in das Schaufenster seines Fotostudios gestellt. Den deutschen Offizier sollte das Foto allerdings überzeugen, dass es sich bei Gavra und seiner Familie um „echte“ Christen handelte.

Refik Veseli zusammen mit Gavra und Irena Mandil in Novi Sad, 1. Juli 1946 (Quelle: USHMM)Refik Veseli zusammen mit Gavra und Irena Mandil in Novi Sad, 1. Juli 1946 (Quelle: USHMM)

Im Juni 1942 wurde die Familie schließlich zusammen mit einer Gruppe anderer Juden nach Albanien deportiert, wo sie bis zur Kapitulation Italiens im September 1943 unter halbwegs erträglichen Bedingungen überleben konnten. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht änderte sich die Situation allerdings schlagartig. Just in diesem Moment wurde die albanisch-muslimische Bevölkerung aktiv und setzte ihr Leben dafür ein, die jüdischen Albaner sowie die aus mehreren Ländern Europas nach Albanien geflohenen Juden zu retten. Obwohl die deutschen Besatzer die albanische Bevölkerung dazu aufforderten, ihnen Listen mit den Namen der sich in Albanien aufhaltenden Juden auszuhändigen, weigerte sich ein Großteil der Bevölkerung in einem außergewöhnlichen Akt des Widerstandes, dieser Anweisung Folge zu leisten und versorgte die jüdischen Familien mit gefälschten Papieren und bot ihnen Unterschlupf. „In dieser schwierigen Zeit offenbarten sich die albanischen Menschen in ihrer ganzen Ehre und Größe. Es gab nicht eine jüdische Familie, der es nicht gelang, in der albanischen Bevölkerung Zuflucht zu finden, entweder unter armen Dorfbewohnern oder bei Besitzern von Häusern und Wohnungen. Kein Jude blieb ohne Schutz eines Albaners“[2], bezeugt Gavra Mandil, der mitsamt seiner Familie von der albanisch-muslimischen Familie Veseli in einem kleinen Dorf namens Krujë versteckt wurde. Kennengerlernt hatte Refik Veseli die Familie Mandil in einem Fotostudio in Tiranë, in dem Mosche Mandil untergetaucht war und als Fotograf arbeitete. Refik lernte von Mosche das Handwerk des Fotografen und zwischen den beiden entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Als die Lage sich zuspitzte und die Nationalsozialisten mitsamt ihren Helfern Razzien und Hausdurchsuchungen durchführten, schlug Refik vor, die Familie Mandil ins Haus seiner Eltern nach Krujë zu bringen. Aufopferungsvoll und vollkommen uneigennützig wurden die Mandils von der siebenköpfigen Familie über neun Monate in den Bergen Albaniens versteckt. Nach dem Ende des Krieges gingen die Mandils zurück nach Novi Sad und eröffneten dort ein Fotostudio. Refik begleitete sie und erlernte von Mosche Mandil über zwei Jahre die Kunst der Fotografie. Als sich die Mandils dazu entschlossen, nach Israel auszuwandern, trennten sich die Wege der beiden Familien, ohne dass ihr Kontakt zueinander abbrach. Als die ersten Albaner wurden Refik Veseli und seine Eltern 1987 in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt. Drita Veseli, die spätere Frau Refiks, versuchte das Motiv ihres Mannes und von dessen Familie zu erklären: „Unser Haus ist in erster Linie Gottes Haus, in zweiter Linie das Haus unserer Gäste, und erst an dritter Stelle das Haus unserer Familie. Der Koran lehrt uns, dass alle Menschen – Juden, Christen und Muslime – unter dem einen Gott stehen.“[3] Auch die Schwester Refiks berief sich in ihren persönlichen Lebenserinnerungen auf die traditionelle albanische Gastfreundschaft und die Pflicht, Menschen in Not helfen zu müssen. Für viele der Helfer und Retter aus Albanien scheint zudem der moralische Grundsatz Besa, eine Art Ehrenkodex, Grundlage für ihre Entscheidung zu helfen gewesen zu sein. Dieser besagt, dass man in Zeiten der Not Verantwortung für das Leben des Anderen übernehmen müsse, und dass das Haus eines jeden Albaners sowohl Gott als auch dem Gast gehöre. Während in dem winzigen Land vor dem Krieg etwa 200 Juden (bei einer Gesamtbevölkerung von 803.000 Einwohnern) lebten, stieg ihre Zahl auf 600 bis 1.800 Juden in Folge der Flucht aus anderen Ländern an. Im Gegensatz zu den anderen europäischen Ländern wurden in Albanien während des Holocaust fast alle dort lebenden Juden gerettet. Der Umstand, dass in Albanien eine starke Partisanenbewegung agierte und das Land zudem infrastrukturell wenig erschlossen war, wirkte sich hilfreich für die erfolgreiche Rettung der jüdischen Bevölkerung aus. So war Albanien schließlich das einzige unter den von NS-Deutschland besetzten Ländern, in dem die Anzahl der jüdischen Bevölkerung während des Krieges sogar zunahm. Am Ende der Besatzung im Jahr 1944 lebten in Albanien rund 2.000 Juden.

Refik und seine Eltern waren die ersten Albaner die von Yad Vashem ausgezeichnet wurden. Bis heute wurden insgesamt 69 Albaner als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Die Geschichte der Familien Mandil und Veseli ist auch Teil einer gerade fertiggestellten neuen Unterrichtseinheit der deutschsprachigen Abteilung der ISHS, die bereits in einem früheren Newsletter vorgestellt worden ist. Das Unterrichtsmaterial bezieht sich sowohl auf das Überlebenszeugnis Gavra Mandils als auch auf erhaltene Briefe und Interviewausschnitte der Familie Veseli und versucht somit multiperspektivisch die Rettung der Familie Mandil in ihrem historischen Gesamtkontext darzustellen. Zudem findet sich eine Fülle gut erhaltenen Fotomaterials aus der Zeit vor, während und nach der Verfolgung. Versucht wurde auch auf aktuelle Bezüge einzugehen und auf die Rezeption dieser Rettungsgeschichte im gegenwärtigen Albanien. Im Frühjahr 2005 sah sich der Sohn Refik Veselis gezwungen mit seiner Familie Albanien zu verlassen und in den Vereinigten Staaten von Amerika um politisches Asyl anzusuchen. Nachdem dieser sich in der Öffentlichkeit positiv über das Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung Albaniens und zur geglückten Rettung der Familie äußerte, wurde er mit Drohungen islamistischer Extremisten konfrontiert, die ihm keine andere Wahl ließen, als seine Heimat zu verlassen.

Die Geschichte der muslimischen Retter aus Albanien ist auch Gegenstand einer von Yad Vashem erstellten Wanderausstellung mit dem Titel „Besa“, die über den Freundeskreis Yad Vashem in Deutschland bezogen werden kann. Informationen hierzu sind auch über unser Team vom German Desk zu erhalten.


[1] Zit. nach: http://www.haaretz.com/weekend/week-s-end/an-enginefor-homegrown-creativity-1.391263 (Zugriff am 19.12.2011) (Übersetzung aus dem Englischen).
[2] Yad Vashem, Archiv der Abt. „Gerechte unter den Völkern“, M.31/3768 (Übersetzung aus dem Englischen).
[3] Zit. nach: Besa: A code of Honor. Muslim Albanians who Rescued Jews During the Holocaust, Jerusalem: Yad Vashem 2007, S. 36 (Übersetzung aus dem Englischen).