Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Nachrichten aus den deutschsprachigen Ländern



Von Jerusalem nach Bad Arolsen

Eine neu gegründete Seminarreihe in Kooperation der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem mit dem ITS

Von Dr. Noa Mkayton, Dr. Matthias Schickel und Alexander Schöner (Lehrer am Katharinen-Gymnasium Ingolstadt)

In den letzten Oktobertagen des Jahre 2011 fand im ITS in Bad Arolsen das erste Graduiertenseminar Yad Vashems in Kooperation mit dem ITS statt. Zehn Kolleginnen und Kollegen, die zu den Absolventen eines Seminars der International School for Holocaust Studies in Yad Vashem zählen, wurden eingeladen, sich für drei Tage in den Räumen des ITS mit dessen umfassendem Aktenbestand auseinander zu setzen und im professionellen Austausch über den Einsatz historischer Quellen im Unterricht zu diskutieren. Die Teilnehmenden kamen aus verschiedensten Regionen Deutschlands, aus der Schweiz und aus Liechtenstein, womit eines der Primärziele des Seminars, nämlich eine bessere Vernetzung unserer Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer untereinander, umgesetzt wurde.
Das Archiv des ITS, erst seit Ende 2007 für Wissenschaftler, Pädagogen und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich, beschränkt sich auf Grund seiner Bestände nicht ausschließlich auf die Opfer und Überlebenden der Shoah. Es beherbergt große Aktenbestände zur Zwangsarbeit, zu den aus politischen und weltanschaulichen Gründen in Konzentrationslagern und anderen Haftstätten eingesperrten Menschen und verfügt des Weiteren über viele Millionen Akten zu Displaced Persons.
Wer die israelische Gedenkstätte Yad Vashem und die International School for Holocaust Studies kennt, weiß, dass dort aus unterschiedlichen (und nicht nur historischen) Gründen die jüdische Opfergruppe im Zentrum der Auseinandersetzungen steht. Das Konzept der Gedenkstätte sieht es vor, die Implikationen der Shoah, wie etwa die Sensibilisierung der nachfolgenden Generationen für Menschenrechte und den Schutz des Individuums, durch Lernen am historischen Beispiel zu erreichen. Pädagogische Konzepte beziehen sich daher auf den historischen Präzedenzfall der Shoah. Die Beschäftigung mit anderen Opfergruppen der NS-Verfolgung sowie dem Thema Genozid erscheint uns dennoch als ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen und fachdidaktischen Debatte.

Diese Perspektiverweiterung soll unseren Seminarabsolventen durch die Seminarreihe am ITS angeboten werden, da sowohl dessen historische Struktur des Archivs als auch seine pädagogische Gesamtausrichtung als idealer Ausgangspunkt erscheint. Unsere Graduierten auf diesen faszinierenden Lernort hinzuweisen und dessen pädagogische Nutzung anzuregen, war ein weiterer Beweggrund, der uns zu dieser Seminarreihe inspirierte.
Das erste Seminar, als Pilotprojekt angelegt, ließ klar erkennen, dass der Ansatz aufgeht. Die Fortsetzung und thematische Erweiterung eines Seminars in Yad Vashem am Lernort ITS scheint eine kreative Konstellation zu produzieren, die den Pädagoginnen und Pädagogen aus Deutschland ermöglicht, gemeinsam mit den Kollegen der beiden Institutionen zentrale Fragen zu diskutieren, wie zum Beispiel:
- Inwieweit lässt sich der pädagogische Ansatz von Yad Vashem auch auf andere Themenfelder anwenden?
- Welche Konzepte eignen sich für die Behandlung von Personengruppen, die nicht zu den Opfern gehören, sondern als Täter, Profiteure, Zuschauer, Mitläufer oder Helfer einzustufen sind?
Das Kooperationsprojekt zwischen der International School for Holocaust Studies/Yad Vashem und dem ITS soll, nach Abschluss der Evaluierung des Pilotprojekts, auf eine längerfristige Schiene gesetzt werden. Eine kleine Tutorengruppe, die sich aus Kollegen zusammensetzt, die sowohl in Yad Vashem als auch im ITS ein Seminar absolviert haben, wird sich bei künftigen Seminaren im ITS zur Betreuung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Verfügung stellen. Die so gewonnene Kontinuität wird, so hoffen die Veranstalter, die Teilnehmenden auch dazu ermuntern, eigene Unterrichtsideen und -projekte vorzustellen und auf den Internetseiten von Yad Vashem und ITS einem weiteren Kollegenkreis zugänglich zu machen.
Mit der Etablierung eines solchen Seminars eröffnet sich die Chance, aus dem bislang eher informellen und damit in erster Linie auch personengebundenen Austausch eine feste Struktur zwischen Yad Vashem, dem ITS und verschiedenen Schulen zu entwickeln. Davon profitieren alle Beteiligten – die Pädagogen haben feste Ansprechpartner, die die Vernetzung koordinieren, der ITS wird mit seinem überaus reichhaltigen Archiv als attraktiver Lernort für Schülerinnen und Schüler noch präsenter und der innovative pädagogische Ansatz von Yad Vashem findet Multiplikatoren, die sich – und hier schließt sich der Kreis – nicht als Einzelkämpfer fühlen müssen, sondern in einem koordinierten Austausch mit anderen stehen. Seitens des ITS besteht dabei auch die Möglichkeit der Institutionalisierung der Zusammenarbeit mit Schulen in Form einer Art „Bildungspartnerschaft“.
Dem oben skizzierten „pädagogischen Dreieck“ Yad Vashem – ITS – Schulen kommt auch angesichts der veränderten schulischen Bedingungen in mehrfacher Hinsicht eine große Bedeutung zu: Die Entwicklung hin zu schulischen Ganztagsangeboten und die Neuorientierung in den Lehrplänen bietet durchaus Chancen und Anknüpfungspunkte für einen innovativen Geschichtsunterricht. In diesem Sinne kann durch die geplante institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen dem ITS, der International School for Holocaust Studies und den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern ein kompetenzorientierter und innovativer Unterricht Wirklichkeit werden. Nicht nur, dass durch die Begegnung mit den Seminarteilnehmern Unterrichtsideen ausgetauscht und gemeinsame Projekte angestoßen werden – zielführend ist es auch, dass es im Rahmen des Seminars jeweils thematische Schwerpunkte gibt, die zur (Weiter-)Arbeit motivieren: So wurden diesmal beispielsweise unter anderem die Themenfelder „Deportationen“, die „Aktion Reinhard“, sowie die Themen „Lebensborn“, „Ordnung des Terrors: das KZ-System“ und „Todesmärsche“ anhand ausgewählter und einschlägiger Originalakten vorgestellt. Die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten selbstständig an den verschiedenen Themengebieten arbeiten und Unterrichtsmodelle entwickeln, die dann im Plenum präsentiert und diskutiert wurden. Dieser Austausch gerade auch zwischen Pädagogen der verschiedenen Länder und Schularten erwies sich als überaus fruchtbar und anregend, zumal durch die Teilnahme von Vertretern aus der Schweiz und aus Liechtenstein auch deren Blick auf die Shoah dargestellt wurde.
Nach einer ersten Zwischenevaluation des Seminars in Bad Arolsen lässt sich von pädagogischer Seite also ein durchwegs positives Fazit ziehen. Die Etablierung der Zusammenarbeit zwischen dem ITS, Yad Vashem und den Graduierten der ISHS ist eine gute Antwort auf die Frage, wie es nach einem Seminar in Israel weitergehen kann: Der pädagogische Ansatz Yad Vashems kann auf diese Weise durch den Austausch und die Vernetzung der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer noch besser in die Breite wirken. Zugleich wird das weitgehend noch wenig genutzte und an den Schulen auch wenig bekannte Archiv des ITS zu einer Schatzkammer für einen modernen, zukunftsorientierten und nachhaltigen, weil für die Schülerinnen und Schüler interessanten Unterricht.


ICHEIC Förderung von pädagogischen Projekten

Kollege Ulrich Bongertmann (Mecklenburg-Vorpommern) hat eine ICHEIC Förderung seines pädagogischen Projekts erhalten:
Herr Bongertmann koordinierte in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück das Projekt eines Geschichtskoffers zum KZ Ravensbrück und seinen Außenlagern in Mecklenburg-Vorpommern.
Aus der Handreichung:
„Die Idee zu diesem Geschichtskoffer entstand in der Projektgruppe „Kriegsgräber“ der Verbundenen Regionalen Schule und Gymnasium an der Rostocker Heide in Rövershagen. Die Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren setzen sich seit Jahren intensiv und kritisch vor allem mit der lokalen Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus auseinander.
Von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück und der Landesfachstelle für Gedenkstättenarbeit/Politische Memoriale e.V. MV wurde die Projektidee fachlich begleitet.
Der Geschichtskoffer beinhaltet eine Sammlung von unterschiedlichsten historischen Quellen und Materialien zur Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück (1939-1945) und seiner Außenlager (...).
Der Koffer, mit seinen vielfältigen anschaulichen Materialien zur Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück soll ein Angebot sein, Neugierde zum Thema zu wecken, Raum für Fragen zu öffnen und je nach Interesse und Fähigkeit der Rezipientinnen und Rezipientenzur eigenständigen Deutung und Beurteilung anregen. Die Inhalte des Koffers sind in ihrer Text- und Aufgabenstruktur vielfältig gehalten und durch verschiedene Module ergänzt, um unterschiedliche Lernvorausetzungen und Interessen zu berücksichtigen. Die haptischen Materialien verstärken den Prozess des historischen Lernens und ermöglichen einen gegenständlich vermittelten Zugang zur Vergangenheit.“
Näheres zu dem Koffer, mit dem sich der Besuch der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück auf ideale Weise begleiten bzw. vor- und nachbereiten lässt, kann über die Gedenkstätte erfragt werden.
Masal tov zum Abschluss dieses aufwändigen Projekts und viel Erfolg beim Einsatz der entstandenen Materialien!


Sonderheft von Praxis Geschichte: „Dokumente des Holocaust“ in Zusammenarbeit mit Yad Vashem

Als Ergebnis eines Fortbildungsseminars aus dem Jahr 2011 mit StudentiInnen und Studenten der Universität Regensburg an der International School for Holocaust Studies erschien ein Sonderheft der renommierten Fachzeitschrift Praxis Geschichte mit dem Titel „Dokumente des Holocaust“.
Die Initiative zu diesem langfristig angelegten und sorgfältig vorbereiteten Projekt ging von Prof. Dr. Christian Kuchler aus, einem Seminarteilnehmer, der in diesem Sommer einem Ruf an die Universtät Aachen folgen wird.
In der Sonderausgabe erschienen neben einführenden Beiträgen zur pädagogischen Arbeit von Yad Vashem und dem Gesamtprojekt auch verschiedene Artikel der Studenten selbst, die Archivmaterial aus Yad Vashem didaktisch aufarbeiteten.
Herzlichen Glückwunsch an Prof. Dr. Kuchler zu dem gelungenen Abschluss dieses richtungsweisenden Projektes!