Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Täter, Mitäufer, Zuschauer. Pädagogische Ansätze und Materialien


Liebe Leserinnen und Leser,

Ich freue mich, Ihnen heute eine neue Ausgabe unseres deutschsprachigen E-Newsletters präsentieren zu können, der sich dieses Mal schwerpunktmäßig mit der Einbeziehung der Täterperspektive in den pädagogischen Umgang mit dem Holocaust beschäftigt. Immer öfter wurde in den vergangenen Jahren von Pädagoginnen und Pädagogen aus Deutschland und Österreich der Hinweis an die MitarbeiterInnen der International School for Holocaust Studies herangetragen, dass die pädagogischen Materialen und Konzepte aus Yad Vashem zwar einen guten Zugang zu den Erfahrungen und der Perspektive der jüdischen Opfer während der Shoah ermöglichen, dabei jedoch die Motivation und Überlegungen zum Handeln der Täter und Bystander oft weitgehend ausgespart bleiben. Selbstverständlich aber ist es gerade in Deutschland und Österreich besonders wichtig, im Kontext der Beschäftigung mit dem Holocaust auch eine Konfrontation mit dem Denken und Handeln der Täter zu initiieren, wobei natürlich auch dieser recht allgemein gehaltene Begriff weiter zu konkretisieren wäre. Darum hat der Historiker Raul Hilberg neben den Gruppen der Opfer und der Täter auch die der Zuschauer in den Blick genommen.
Obwohl die Gedenkstätte Yad Vashem und damit auch die pädagogischen Konzepte der International School for Holocaust Studies die Schicksale und Wahrnehmungen der jüdischen Opfer der Shoah in den Mittelpunkt der Beschäftigung und des Gedenkens stellen, ist doch in den vergangenen Jahren die Aufmerksamkeit für das Handeln der Täter immer weiter gestiegen. Dies soll jedoch nicht heißen, dass andere Gruppen, die von den Nazis brutal verfolgt, erniedrigt und ermordet wurden, weniger Beachtung erfahren sollen. Das spiegelte sich bereits in der Neukonzeption der Dauerausstellung im neu errichteten Museumsgebäude wieder. Nicht nur die Opfer bekamen durch die Beleuchtung von Einzelschicksalen und individuellen Leidensgeschichten ein Gesicht. Auch die Täter wurden sichtbar und traten vermehrt hinter den Organisationsstrukturen und der Bürokratie der Vernichtung hervor. Dies zeigt sich beispielsweise bei den sogenannten Täterkästen, die den BesucherInnen einen Blick in die Herkunft und Biographie von einzelnen Tätern ermöglichen. Es wird ebenfalls deutlich in einem gewandelten Umgang mit fotografischen Dokumenten, mit denen das Handeln von Tätern illustriert wird. Auch in der pädagogischen Arbeit hat sich diese Perspektiverweiterung niedergeschlagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Handreichung zum Thema Deportationen, die den Bericht eines Polizisten, der bei der Deportation von Juden aus dem Großraum Düsseldorf nach Riga eingesetzt wurde, mit den Erinnerungen einer überlebenden Jüdin kontrastiert, die diesen Transport durchleiden musste. Auch die Unterrichtseinheit „Bilder des Holocaust“ erweiterte den Blick und stellte die Perspektiven von Opfern, Tätern und Zuschauern anhand von Fotografien und Textzeugnissen nebeneinander. Auf diese Weise sollen auch die Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten plastisch vor Augen geführt werden, die trotz der Errichtung eines totalitären Staates und einer hierarchisch strukturierten und nahezu vollständig uniformierten Gesellschaft bestanden. Haben wir es auf der Seite der Opfer mit einer zunehmenden „Choiceless Choice“ zu tun, deren eingeschränkte Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten uns aber viel über die konkreten Auswirkungen der antisemitischen Gesetze und Verfolgungsmaßnahmen mitteilen, finden wir auf der Seite der Täter eine Vielzahl von verschiedenen Positionierungen, die in einem engem Austausch und in Wechselbeziehung zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld stehen. Sie reichen vom Wegsehen über das Zuschauen bis zum Mitmachen, sie reichen von Begeisterung bis zur Resignation, von Empörung bis zum Schweigen, vom Widerstand bis zur aktiven Beteiligung, vom Helfen bis zur Indifferenz und dem Rückzug ins Private. Pädagogische Zugänge sollten diese Schattierungen und Ambivalenzen thematisieren, ohne darin die grundlegenden Differenzen zwischen der Position der Opfer und derjenigen der Täter, Mitläufer, Zuschauer und Helfer aufzulösen. Darum müssen diese individuellen Positionierungen auch immer im Wechselspiel mit den historischen Entwicklungen untersucht werden. Dazu zählt auch die ideologische Formierung der deutschen Gesellschaft. Der Antisemitismus war ein zentrales Bindeglied, das sich in unterschiedlichen Formen innerhalb der deutschen Bevölkerung durchsetzte und sich in entsprechendem Handeln ausdrückte.
Die International School for Holocaust Studies hat sich nun selbst zur Aufgabe gesetzt, in der Neuausrichtung ihrer pädagogischen Konzeptionen den Umgang mit der Täterperspektive stärker zu verankern und die hier skizzierten Positionen im Verhältnis zur bewährten Beschäftigung mit jüdischen Erfahrungen vor, während und nach der Shoah zu thematisieren. Die stete Erweiterung der Schule und die vielfältigen Gruppen, die diese aus den verschiedensten Ländern der Welt besuchen, bieten dazu einen willkommenen Anlass.
Am 30. Januar 2012 konnte unter Beisein aller SponsorInnen der Neubau des Schulgebäudes auf dem Berg der Erinnerung feierlich eröffnet werden. Im Kontext dieser Feierlichkeiten sprachen Johannes Beermann und Carsten Hochmuth mit dem Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma, der als Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung auch die Wehrmachtsausstellung betreut hat, die erstmals einer breiteren Öffentlichkeit das Handeln der deutschen Armee während des Zweiten Weltkrieges vor Augen führte. In unserem Interview spricht Reemtsma, der den Neubau der Schule mit einer großzügigen Spende unterstütz hat, über sein Engagement für die Auseinandersetzung mit der Shoah, den Umgang mit dem Bösen und die Rahmenbedingungen pädagogischer Arbeit. Hermann Spix berichtet in seinem Text über die Recherchen zur Geschichte eines Polizeibataillons aus Essen, das während des Zweiten Weltkrieges in der Region um Lublin eingesetzt war. Grundlage des Forschungsberichts sind vor allem Auszüge aus Feldpostbriefen, die eine individuelle und weniger durch die offiziellen Dokumente gefilterte Sicht auf das Geschehen sichtbar machen. Die Sichtbarkeit der Verbrechen an den Juden thematisiert auch Tobias Ebbrecht in seinem Beitrag über filmische Aufnahmen von Deportationen. Anhand von nicht-offiziellen Filmaufnahmen aus Stuttgart und Dresden beschreibt er die Spezifik der Täter- und Zuschauerperspektiven und analysiert den dokumentarischen Charakter des Materials. Auch Andreas Weinhold wendet sich in seinem Beitrag Bildquellen zu, die aus der Täterperspektive erstellt worden. Er demonstriert pädagogische Zugänge und Methoden, um mit diesem Material im Unterricht zu arbeiten. Zu diesem Aspekt stellen wir auch eine neue pädagogische Handreichung vor, die Ansätze der historischen Bild- und Quellenanalyse vorstellt. Daneben finden Sie wie immer weitere Rezensionen sowie Nachrichten aus Yad Vashem und den deutschsprachigen Ländern.

Ich wünsche Ihnen eine interessante und anregende Lektüre des E-Newsletters und freue mich über Anregungen, Hinweise und Kritik.

Ihre
Deborah Hartmann

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen uns über Feedback und Anregungen.