Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Euer Euch liebender Papi.“

Ein Bericht von den Recherchen zur Geschichte des Essener Reserve-Polizeibataillons 67

Von Hermann Spix


Eingangsschild des Staatsarchivs in LublinEingangsschild des Staatsarchivs in Lublin

Seit seinem Aufenthalt im sogenannten Generalgouvernement im Juli 1941 verfolgte Heinrich Himmler die Absicht, im Zuge des Generalplans Ost den Distrikt Lublin, insbesondere den Raum Zamosc zu einem großen Siedlungsgebiet für Deutsche zu entwickeln. Um dieses Germanisierungsprojekt zu verwirklichen, wurde die jüdische Bevölkerung von Juli 1942 bis Ende 1943 deportiert und ermordet. Zwischen November 1942 und März 1943 erfolgte die Vertreibung von mehr als 60.000 polnischen Bauern aus 116 Dörfern, um auch dort Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Der Polizei war dabei die Rolle zugedacht, die Planungen in die Tat umzusetzen.
In einem seiner zahlreichen Feldpostbriefe schildert der Wachtmeister der Reserve Kurt Dreyer, der als Mitglied des Reserve-Polizeibataillons 67 aus Essen im Distrikt Lublin eingesetzt war, die Räumung eines Dorfes am 8. August 1942:

„...Dann wurden alle Dorfbewohner zusammengetrommelt und ihnen 2 Stunden Zeit zum Packen einiger Kleinigkeiten gegeben, sämtliche Personen zwischen 12 und 60 Jahren sollten ins Lubliner Gefängnis und sämtliche gebrechlichen alten Leute, sowie die 1050 Kinder sollten in Nachbardörfer verschickt werden...“

Die Reaktion der polnischen Landwirte auf die brutale Vertreibungspolitik blieb nicht aus. Viele entzogen sich der Willkür durch Flucht in die Wälder und schlossen sich den Partisanen an, die ihrerseits von Deutschen bewohnte Dörfer überfielen und Anschläge auf Bahnlinien, Telegrafenämter oder Rathäuser verübten. Die heftigen Reaktionen der einheimischen Bevölkerung schienen die Besatzer überrascht zu haben. Sie bekämpften die Widerständler als Banditen und jeder, der auch nur im leisesten Verdacht der Komplizenschaft stand, wurde durch die Polizei heftig verfolgt, festgenommen und erschossen. Dies berichtet auch Dreyer im November 1942 an seine Frau:

„...wurde die Scheune umstellt und beim Schein von Leuchtraketen wurde versucht, die Scheune aufzubrechen. Aber es ging nicht, weil sie von innen verriegelt war. Kurz entschlossen wurde sie in Brand gesteckt, bald darauf wurde ein paar Mal innen an der Scheunentüre gerüttelt und ich schoß ein Magazin aus dem Maschinengewehr drauf. Der Brand erleuchtete taghell die Nacht, und bis zum Zusammensturz der Scheune erfolgte kein Laut daraus. Dann wurde das Wohnhaus vorgenommen, der Bauer flüchtete nach Aufforderung mit seiner Familie aus dem Hause, dann wurde dasselbe wieder von innen verriegelt. Ein paar Handgranaten wurden in die Stubenfenster geworfen und dann das Haus in Brand gesteckt. Darauf fielen einige Schüsse aus dem Hause. Einen Versuch aus dem Hause herauszukommen machte niemand. Die ganze Familie des Bauern war taubstumm und man konnte deshalb aus ihnen nichts herausbekommen, sie wurden noch in derselben Nacht als Helfershelfer erschossen...“

Auf den Spuren des Essener Polizeibataillons 67

Brief von Kurt Dreyer an seine Familie im November 1942 Brief von Kurt Dreyer an seine Familie im November 1942

Als Klaus Dönecke und ich vor etwa zwei Jahren aufbrachen, um die Geschichte des Reserve-Polizeibataillons 67 aus Essen zu erforschen, war uns noch nicht klar, worauf wir uns eingelassen hatten. Wir haben bei unseren bisherigen Untersuchungen die ideologischen Vorgaben, Zuständigkeiten, Befehlsstrukturen, Einsatzbefehle, Lageberichte und Ereignismeldungen und die Qualität der Beziehungen zum Reichssicherheitshauptamt ermitteln können. Damit wurde zugleich die administrative Ebene der Polizei im sog. Generalgouvernement rekonstruiert. Auch die brutale Umsetzung der Entscheidungen vom grünen Tisch begegnete uns in vielen Dokumenten.

Inzwischen sind wir quasi zu Forschungsreisenden geworden, die die Spuren des Essener Polizeibataillons 67 in verschiedenen Ländern verfolgen. Auf unserem Weg in Archive in Deutschland, Holland, Österreich, Polen und Israel konnten wir sowohl private als auch offizielle Quellen recherchieren.
Obwohl wir inzwischen tausende von Seiten gelesen und wenn nötig auch kopiert oder in anderer Form in unsere Quellensammlung haben aufnehmen können, machen wir noch immer die Erfahrung, dass sich mit jedem Faden den wir ziehen, neue Zusammenhänge auftun.
So gelang es uns beispielsweise im Berliner Bundesarchiv personenbezogene Daten zum Stammpersonal des Bataillons zu ermitteln und dabei auch biographisches Material zu Kurt Dreyer, dem Autor von 250 Feldpostbriefen zu finden, die einen zentralen Quellenfundus unserer Forschung darstellen.
Noch in den letzten Tagen erreichten uns hunderte Seiten von Aktenkopien aus Moskau und Majdanek, die es uns ermöglichen, unser Thema umfassender darzustellen und damit aussagekräftiger zu machen.

Brief von Kurt Dreyer an seine Familie im November 1942 Brief von Kurt Dreyer an seine Familie im November 1942

Zugegeben: Masse heißt nicht Klasse. Aber in unserem Fall steht die Materialfülle in ursächlichem Zusammenhang mit der Entwicklung des Projektes. Uns war im Zuge unserer Recherche immer mehr aufgefallen, dass wir einer weit umfassenderen Geschichte als ausschließlich der des Bataillons auf der Spur waren. Die Polizisten begegneten uns in den Quellen nicht mehr als „Freunde und Helfer“, als welche sie lange gesehen wurden, sondern Vollstrecker der inhumanen, verbrecherischen Nazi-Ideologie. Somit waren die Essener Reservisten in größere Zusammenhänge eingebunden als wir es uns zu Beginn der Recherchen vorstellen konnten.

Vollstrecker der NS-Ideologie

So wissen wir heute, dass die Essener Einheit 1940 und 1941 in Holland eingesetzt war bevor sie im Frühjahr 1942 nach Osten in Marsch gesetzt wurde. Schon während ihres vierwöchigen Aufenthaltes in Wloclawec (dem damaligen Leslau im Warthegau) waren sie offenbar an Aktionen gegen Juden und Polen beteiligt.

„...ich war von Freitagabend bis Sonnabend wieder fort und habe sehr schweren Dienst gehabt. War ganz in der Nähe von Kutno (...) und das, was ich dort gemacht habe, werde ich Euch bei Gelegenheit berichten. Jedenfalls waren es keine angenehmen Sachen...“

Auch die Erschießung von Geiseln zählte zum Repertoire der Essener Einheit im sogenannten Banditenkampf. Am 1. August schrieb Dreyer aus Hrubieszow an seine Familie:

„...Inzwischen waren die übrigen Kameraden heute Morgen mit dem Lastwagen fortgefahren um 20 Geiseln zu holen. Haben dabei 8 Mann erschossen (weil sie nicht mehr auf den Wagen passten)...“

Ende Juni 1942 erreichte das Essener Bataillon dann sein künftiges Einsatzgebiet südlich von Lublin, die 2. Kompanie bezog ihre Stützpunkte in den Kreisen Krasnystraw und Hrubieszow.
Seit Frühjahr 1942 wurden im Vernichtungslager Belzec in Südost-Polen von SS-Schergen tagtäglich hunderte Menschen ermordet. Trotzdem erließ Himmler im Sommer des Jahres den Befehl bis zum 31. Dezember des Jahres alle Juden, die im Generalgouvernement lebten, systematisch zu ermorden. In diese als „Aktion-Reinhard“ bekannt gewordene Orgie des Tötens war auch das Essener Bataillon auf vielfältige Weise verstrickt.

Raciborowice, am 5. Juli 1942
„...Dann kommt wieder eine tiefe Senke mit undurchdringlichem Unterholz bewachsen, die SMG kämmen das Stück wieder ab, dann höre ich direkt vor mir, Geschreie und Weinen von Frauen und Kindern und dann wieder unheimliche Stille. Nur leises Stöhnen. Langsam gehe ich vor und sehe, dann plötzlich kurz vor mir, eine furchtbar primitive Laubhütte mit 6 Personen drin, 3 Kinder 2 Frauen und einem alten Mann. Auf meine Meldung bekomme ich den Auftrag die Hütte zu räumen, aber sie heben mir nur die Röcke hoch und zeigen, dass sie alle Bauch- und Beinschüsse bekommen haben. Es ist eine Judenfamilie, die deutsch spricht. (...) Kurzer Hand werden alle durch Genickschuss erledigt...“

Perspektiven der Täter

Bei aller Brutalität und Unmenschlichkeit, die in der Feldpost mit wachsender Distanziertheit und Routine beschrieben wird, fragt man unwillkürlich nach dem Hintergrund des Verfassers solcher Zeilen. Wir möchten mehr über seine Herkunft erfahren, das soziale Umfeld seiner Kindheit, seine schulische Laufbahn, über die Einflüsse, die bei ihm wirksam wurden, und so fragt man schließlich nach den Gründen, die ihn bereits als 24-jährigen 1927 zur NSDAP geführt haben: Mitgliedsnummer 57206. Wie hatte Kurt Dreyer zu dem werden können, der er später war ?
Seine Post in die Heimat schloss Kurt Dreyer meist mit dem Satz: Viele Grüße, Euer Euch liebender Papi.
Neben der bisher skizzierten Täterperspektive haben sich dabei auch weitere Aspekte ergeben. Neben den Dokumenten der Täter sind wir in vielen Fällen auch auf Erlebnisse und Erfahrungen der Opfer von ein und demselben Ereignis gestoßen.
Jene Verfahren, die in den 1960er Jahren wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet wurden, endeten mit Freisprüchen. Hätte die Justiz das Material zur Verfügung gehabt, das uns heute zugänglich ist und hätte die Bundesrepublik größeres Interesse an der Verfolgung von NS-Tätern gehabt, wären viele Täter wahrscheinlich nicht ungeschoren davon gekommen.

Hermann Spix ist Lehrer und Autor, sowie Mitglied des Vereins Geschichte am Jürgensplatz.