Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Was geht mich diese Geschichte an?“

Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten


Liebe Leserinnen und Leser,

schon wenige Monate nach unserem letzten Newsletter, können Sie nun bereits eine weitere Ausgabe online lesen. Diese vierte Ausgabe des Jahres 2011 widmet sich den Herausforderungen und Fragen, die sich Pädagoginnen und Pädagogen heute, angesichts der Vermittlung der Shoah an junge Generationen, stellen. Wie können Jugendliche, die aufgrund der wachsenden zeitlichen Distanz das Gefühl haben, diese Geschichte habe mit ihnen und ihrem Leben nichts oder wenig zu tun, neue und eigene Zugänge zu dieser Vergangenheit finden?
Die vorliegende Ausgabe des Yad Vashem E-Newsletters kann auf diese und andere drängenden Fragen der Vermittlung des Holocaust im 21. Jahrhunderts keine endgültigen Antworten geben. Aber sie will zumindest aktuelle Herausforderungen aufnehmen und beleuchten.
Im Gespräch mit dem aktuellen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal, wird beispielsweise eine ungewöhnliche und für uns vielleicht neue Perspektive auf die Geschichte der Shoah und die Notwendigkeit der Erinnerung daran deutlich. Sansal, der sich viele Jahre intensiv mit dem Thema beschäftigt und die Geschichte der Shoah im Zusammenhang mit der Aktualität des Islamismus in seinem Roman „Das Dorf des Deutschen“ behandelt hat, spricht über die zentrale Bedeutung von Geschichtsbewusstsein und insbesondere der Anerkennung der Geschichte der Shoah für den Aufbruch in Algerien und anderen arabisch geprägten Ländern. Er sieht die Verantwortung für die Vergangenheit in einem weniger nationalgeschichtlich als vielmehr transnational und transkulturell geprägtem Licht.
Mein Bericht über eine neue Unterrichtseinheit, die derzeit von der deutschsprachigen Abteilung der ISHS hergestellt wird, knüpft an diese Überlegungen an. Zielgruppe sind Lernende, die aufgrund einer zeitlichen und familiengeschichtlichen Entfernung heute dem Thema Holocaust distanziert gegenüber stehen. Mit Hilfe von lebensgeschichtlichen Erinnerungen, die die Lernenden selbständig mit Dokumenten und Überresten der Vergangenheit in Beziehung setzen sollen, möchten wir neue didaktische und thematische Zugänge zur Geschichte der Shoah eröffnen.
Damit zusammen hängt auch die Frage, wie in Zukunft, nach dem Ableben derjenigen Zeugen, die die Verfolgung und Vernichtung überlebten und davon noch heute im persönlichen Gespräch berichten können, an die Shoah erinnert werden kann. Medien sind heute zentrale Vermittlungsinstanzen von Vergangenheit. Doch selten werden auch die Fähigkeiten vermittelt, um mit den medial aufbereiteten Geschichten adäquat umzugehen. Dorothee Wein berichtet in ihrem Artikel von der pädagogischen Arbeit mit lebensgeschichtlichen Videos, in denen Überlebende der Shoah und andere Zeugen von ihren Erfahrungen und Erinnerungen berichten. Tobias Ebbrecht diskutiert in seinem Beitrag „Zeugen der Shoah“ die besondere Verbindung von Zeugenschaft und Medien im Kontext der Aufzeichnung von Überlebendenerinnerungen und stellt in einem weiteren Artikel die von Yad Vashem produzierte DVD-Reihe „Witnesses and Education“ vor.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre dieser Ausgabe des Yad Vashem E-Newsletters und hoffe, dass der Newsletter Fragen anspricht, die für Sie relevant sind und Anregungen oder Ideen bietet, die für unser gemeinsames Engagement für die Zukunft der Erinnerung an die Shoah, auch im vor uns liegenden Jahr 2012, neue und weiterführende Perspektiven eröffnet.

Herzlich,
Deborah Hartmann

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen uns über Feedback und Anregungen.