Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Was geht mich diese Geschichte an?“

Den Holocaust im 21. Jahrhundert unterrichten

Von Deborah Hartmann


Durch die mediale Präsenz und die öffentliche Aufmerksamkeit, mit welcher dem Holocaust nicht nur in Deutschland begegnet wird, entsteht bei vielen Schülerinnen und Schülern der Eindruck, bereits alles Wesentliche über dieses Kapitel der deutschen Geschichte zu kennen. Auf diese Weise wird oft eine scheinbare Übersättigung konstatiert und auf die gesamte Geschichte der Verfolgung und Ermordung von Juden während des „Dritten Reiches“ bezogen, die allerdings in den meisten Fällen Folge einer wachsenden zeitlichen und oft auch biografischen Distanz heutiger Generationen zu dieser Vergangenheit ist, die Pädagoginnen und Pädagogen vor neue Herausforderungen stellt. Wie lässt sich diese Distanz überbrücken, wie lassen sich neue Zugänge zur Geschichte der Shoah eröffnen und auf welche Weise können dabei die Jugendlichen mit ihren verschiedenen und vielfältigen eigenen Lebenssituationen und Familiengeschichten involviert werden?
Ausgehend von diesen Fragen, hat die deutschsprachige Abteilung der International School for Holocaust Studies Yad Vashem eine Unterrichtseinheit konzipiert, die sich zwar an den erfolgreich erprobten pädagogischen Grundsätzen der Arbeit in Yad Vashem orientiert, diese aber stärker zugunsten einer multiperspektivischen und vor allem transnationalen Sicht auf die Geschichte der Shoah erweitert. Auf diese Weise sollen neue Aspekte und Facetten dieser Geschichte erzählt werden, die vielfältige Bezüge, aber auch produktiv zu machende Unterschiede zur Lebenssituation der Lernenden eröffnen. Im Zentrum steht dabei das erprobte Lernen mit biographischen Lebensgeschichten, die von den Protagonisten selbst erzählt werden. Allerdings ist es dabei die Aufgabe der Lernenden, diese – lediglich fragmentarisch vorliegenden Bruchstücke der Geschichten – zu einer Erzählung zusammenzufügen. Auf diese Weise werden die Jugendlichen angehalten, sich die Geschichte als Geschichten selbst zu erschließen.

Kern der Unterrichtseinheit sind sechs jüdische Lebensgeschichten, die sich in verschiedenen Ländern zugetragen haben und unterschiedliche Wege der Verfolgung, Flucht, des Verstecks oder der Deportation, der Inhaftierung in Lagern oder Rettung erzählen. Die Protagonisten der Geschichten zeichnen sich durch eine komplexe (d.h. aus mehreren Identitätsschichten zusammengesetzte) Persönlichkeit aus. Identitätskonflikte und Entscheidungen lassen sich auf diese Weise produktiv thematisieren. Die Protagonisten stammen ferner aus Kulturkreisen, die den heutigen Schülergenerationen im modernen Europa nicht per se fremd und schwer verständlich ist. Trotzdem werden die Geschehnisse in Ländern mit einbezogen, die bisher nur am Rande in die Beschäftigung mit der Geschichte der Shoah einbezogen wurden, so die Besetzung Tunesiens durch deutsche Truppen während des Zweiten Weltkrieges und die Verfolgung der dort lebenden Juden oder die Rettung von jüdischen Flüchtlingen im muslimisch geprägten Albanien. Alle Lebensgeschichten weisen daher transnationale Bewegungen auf, womit nicht ausschließlich die erzwungene Verschleppung durch die Verfolger gemeint ist.

Um die zeitliche Distanz zwischen der Gegenwart der Lernenden und der Lebenswelt der Protagonisten zu überbrücken, sind diese zum Zeitpunkt der Geschehnisse nicht allzu weit vom Alter der Lernenden entfernt, bleiben dabei gleichzeitig – dadurch, dass sie selbst als Erzähler ihrer Geschichten auftreten - als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmbar. Durch die Beschäftigung mit Lebensgeschichten dieser Art, erhalten die Lernenden zum einen das Angebot eines empathischen Geschichtszugangs, andererseits werden aber auch die Unterschiede und Differenzen zu ihren eigenen Erfahrungen deutlich erkennbar.

Ausgewählt wurden als Geschichten, die von den Lernenden bearbeitet werden können, die Lebensgeschichte von Sally Perel, der unter falscher Identität als Hitlerjunge die Shoah überlebte sowie die Geschichte von Gad Beck, der als junger homosexueller Jude aktiv illegalen Widerstand in Berlin organisierte und anderen Juden dabei half, unterzutauchen, um sich den Deportationen zu entziehen. Am Beispiel der Erinnerungen von Anita Lasker-Walfisch, wird die Geschichte des Frauenorchesters in Auschwitz-Birkenau erzählt, dem Mädchen und junge Frauen aus den verschiedensten Ländern angehörten. Ausgehend von der Lebensgeschichte von Hannelore Klein, berichtet eine weitere Geschichte vom Schicksal der Passagiere des Flüchtlingsschiffes St. Louis. Zwei weitere Geschichten erzählen von der Situation der Juden im besetzten Tunesien und der Rettung in Albanien. Um den oft folgenschweren Zusammenhang zwischen einzelnen Entscheidungen und dem weiteren Verlauf der Geschichte zu verdeutlichen, bieten die Lernmaterialien einen multiperspektivischen Blick auf die Ereignisse. Geschichte wird dadurch wahrnehmbar als ein Geflecht von Entscheidungen, die von Menschen getroffen wurden, von Opfern und Verfolgten ebenso wie von Verfolgern, Tätern, Zuschauern oder Rettern.

In den Materialien wird darauf verzichtet, die Biografien in ihrer retrospektiven Kohärenz und Abgeschlossenheit zu vermitteln. Darum werden die ausgewählten Lebensgeschichten durch fragmentierte Erinnerungen, Geschichten, Dokumente und Fotografien präsentiert. Es ist die Aufgabe der Schülerinnen und Schüler, diese Geschichts-Bestandteile auf ihre eigene Art einem Mosaik gleich zusammenzusetzen. Diese Art der selbsttätigen Geschichtserforschung soll dazu ermuntern, die Vergangenheit selbstständig zu erforschen und die Lebenserinnerungen als Teil einer größeren Geschichte wahrzunehmen, deren Bezüge, Auswirkungen und Rahmungen die Schülerinnen und Schüler selbständig mit Hilfe des vorliegenden Materials durchdringen und miteinander in Beziehung setzen können. Das Erzählen der auf diese Weise erarbeiteten Zusammenhänge, nimmt in der Methodik dieses Unterrichtssets eine zentrale Bedeutung ein. Im Nach- und Neuerzählen von Geschichten und Geschichte, wird die narrative Kompetenz der Lernenden gestärkt. Nur wer in der Lage ist, eine Geschichte selbständig zu erzählen und zu verstehen, kann auch die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen in eine bestimmte Ordnung bringen und damit eine eigene Identität entwickeln, die sich nicht ausschließlich aus Kollektividentitäten zusammensetzt und von Anderen (Vorbildern und Peergroups) abhängig ist.
Gleichzeitig lenkt diese Methode aber auch vorsichtig die Aufmerksamkeit auf den Konstruktionscharakter von Geschichte und Geschichtsschreibung, schafft ein Bewusstsein über Prozesse der Sinngebung und sensibilisiert dafür, mit Brüchen und Inkohärenzen umgehen zu lernen.

Den Zugang zu den Geschichten ermöglichen sogenannte Erinnerungsobjekte; Gegenstände, die wie ein Kristall die verschiedenen Facetten, Bruchstücke und Perspektiven der Geschichte bündeln und so ‚auf den Punkt’ bringen, gleichzeitig aber auch Fragen anstoßen, was für eine Geschichte sich hinter einem solchen symbolischen Objekt verbirgt, die wie der Eisberg unter der Wasseroberfläche zu einem großen Teil nicht sichtbar ist und erst freigelegt werden muss.

Damit sollen die Lernenden ganz allgemein auch für die Bedeutung von Geschichte und Erinnerung für unser gegenwärtiges Leben sensibilisiert werden. Es bietet sich an, in diesem Teil der Unterrichtseinheit, den Jugendlichen Raum für die eigenen Erinnerungen, Lebens- und Familiengeschichten zu geben.

Die Unterrichtseinheit ist für Schüler und Schülerinnen ab der 9. Jahrgangsstufe aller Schularten konzipiert. Es besteht die Möglichkeit, die Materialien durch eine Vorauswahl an das kognitive Niveau der Lernenden anzupassen. Derzeit befindet sich das Unterrichtsmaterial in der Produktionsphase.