Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Nachrichten aus den deutschsprachigen Ländern



Klaus Dönecke (Polizeikommissar Düsseldorf) und Hermann Spix (Lehrer und Autor), beide Mitglieder des Vereins Geschichte am Jürgensplatz, über Ihre Recherchen zum Reserve-Polizei-Bataillon 67

Klaus Dönecke und Hermann Spix im Staatsarchiv LublinKlaus Dönecke und Hermann Spix im Staatsarchiv Lublin

Polizeikommissar und Initiator der Yad Vashem Fortbildungen für Polizisten aus Düsseldorf Klaus Dönecke und der Lehrer und Autor Hermann Spix, beide Mitglieder des Vereins Geschichte am Jürgensplatz berichteten im Juni 2011 auf ihrem Internet Blog über ihre Polenreise und ihre Recherchen zum Reserve-Polizei-Bataillon 67. In dem folgenden Aufsatz beschreibt Hermann Spix anschaulich den Entstehungshintergrund des Projekts sowie den derzeitigen Stand der Recherchen.

Immer Freund und Helfer ?
Von Hermann Spix

Seit mehreren Jahren erforscht der im Polizeipräsidium Düsseldorf beheimatete Verein „Geschichte am Jürgensplatz e.V.“ die Geschichte der Polizei. Als erste Ergebnisse der Arbeit wurde 2007 die Dauerausstellung „Transparenz und Schatten“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zugleich gaben Carsten Dahms, Klaus Dönecke und Thomas Köhler den wissenschaftlichen Sammelband „Dienst am Volk ?“ heraus, der die Zeit zwischen 1919 und 1949 im Fokus hat.
Die Untersuchungen zur Düsseldorfer Polizeigeschichte brachten u.a. auch zutage, dass sich insgesamt 1230 Düsseldorfer Polizisten während des 2. Weltkrieges im „auswärtigen Einsatz“ befanden und zeigten wie sehr gerade die Schutzpolizei in die Shoah verstrickt gewesen ist. Rund 40 Beamte aus Essen gehörten dem Stammpersonal des Reserve-Polizei-Bataillons 67 an und dienten zwischen 1942 und 1944 im Generalgouvernement.
Von Christopher Brownings Arbeit über das Hamburger Polizei-Bataillon 101 einmal abgesehen, stellte sich die Literatur und Quellensituation über das Essener Bataillon zunächst als dürftig und wenig ergiebig dar. Dies war für meinen Kollegen Klaus Dönecke und mich Grund genug sich der Sache anzunehmen und mit unserer Recherche zu beginnen.

Inzwischen konnten wir Quellenmaterial erschließen, das in seiner Fülle und seiner Aussagekraft bisher kaum zur Verfügung gestanden hat. Die Rede ist nicht nur von den Akten der Staatsanwaltschaft Dortmund aus dem Verfahren gegen Bataillonsangehörige im Jahr 1964. Als außergewöhnlich erwies sich zudem ein in sich geschlossener Bestand von rund 250 Feldpostbriefen, die der Bataillonsangehörige Wachtmeister Kurt Dreyer zwischen 1940 und 1944 an seine Frau und seinen Sohn geschrieben hatte. An vielen Stellen der umfangreichen Korrespondenz beschreibt der Verfasser die Brutalität seiner Einsätze sowie die Deportationen und Erschießungen von zahlreichen Menschen. Die Sammlung konnte im Frühjahr dieses Jahres erworben werden.

Durch Recherchereisen nach Polen im Sommer und im Herbst 2011 stehen uns die bisher unveröffentlichten Lageberichte der Ordnungspolizei an den Befehlshaber der Ordnungspolizei in Krakau zur Verfügung. Auch kirchliche Aufzeichnungen aus der Nähe von Zasmosc konnten wir sichten sowie Gespräche mit ZeitzeugInnen dokumentieren.
Inzwischen haben wir herausgefunden, dass das Essener Bataillon südlich von Lublin im Bereich Zamosc eingesetzt worden ist. Im Kontext des „Generalplan Ost“ beteiligten sich dessen Mitglieder an der Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Dreyers Truppe war zudem als „Polizei- Abteilung zur besonderen Verfügung“ tief in die Vertreibung und Ermordung polnischer Bauern verstrickt.

Nach Abschluss der Recherchen planen wir, unsere Rechercheergebnisse detailreich und anschaulich zu veröffentlichen.




Aktuelle ICHEIC (The International Commission on Holocaust Era Insurance Claims) Förderungen für:

Grit Lettner von der Mittelschule Grimma in Sachsen hat für ihr Projekt “Die Menschen sind fort, doch ihre Spuren sind geblieben” Unterstützung erhalten. Das Projekt beinhaltet einen Materialkoffer, der neben Unterrichtsmaterialien der ISHS auch eine DVD enthält, auf der ein Beispiel kreativen Umgangs mit den in Yad Vashem entwickelten deutschsprachigen Materialien gezeigt wird.

Dr. Christian Kuchler (Universität Regensburg) führte mit seinen Studenten ein Pilotprojekt an der ISHS in Yad Vashem durch. Die angehenden Geschichtslehrerinnen und –lehrer eigneten sich in einem einwöchigen Seminar pädagogisch-didaktische Grundlagen zur Vermittlung des Holocaust an und recherchierten im Anschluss mehrere Tage im Archiv von Yad Vashem. Das Ergebnis dieses Projekts sind verschiedene Unterrichtsvorschläge, die die Studenten auf der Grundlage ihrer Recherchen in gemeinschaftlicher Arbeit erstellt haben. Die Beiträge erscheinen in Kürze in einem Sonderheft der renommierten Zeitschrift Praxis Geschichte und werden vom ICHEIC Fund bezuschusst.

Klaus Dönecke, Hauptkommissar der Polizeibehörde Düsseldorf und Autor, wurde in seinem Forschungsvorhaben über die Rolle des Polizeibataillons Essen im besetzten Polen zwischen 1942 und 1944 unterstützt. Über das Projekt, das gemeinsam mit Hermann Spix durchgeführt wird, finden Sie in diesem Newsletter einen Autorenbeitrag.
Herzlichen Glückwunsch vom Team des German Desk!

Buchveröffentlichung von Michael Düsing (Geschichtswerkstatt im "Bunten Haus" Freiberg): "`Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt`. Judenverfolgung in Freiberg 1933-1945"

"Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt", schrieb 1939 resigniert der Weinhändler Max Freud an den damaligen OB Dr. W. Hartenstein. Der Jude Max Freud sah nach der Vernichtung seiner wirtschaftlichen Existenz durch NS-Staat und Gestapo und nach den andauernden Denunziationen und Demütigungen durch Freiberger Bürger für sich keinen Ausweg mehr. Er schien zu ahnen, was ihm noch bevor stand. Max Freud starb 1942 im KZ Dachau. Seine Geschichte ist durch eine schmale Akte im Stadtarchiv Freiberg dokumentiert.

Der Freiberger Michael Düsing, der die Geschichtswerkstatt in seiner Heimatstadt leitet, recherchierte jahrelang akribisch in Archiven, in Kontakten zu Angehörigen und Zeitzeugen die Geschichte der Freiberger Juden. Nun legt er die erste umfassende Dokumentation der Judenverfolgung im sächsischen Freiberg, die erste gründliche Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in seiner Stadt überhaupt, vor. Sachlich und detailliert werden die Entrechtung, schließlich die Vertreibung und Ermordung jüdischer Bürger aus einer gutbürgerlichen Stadt, das Elend von 1.000 jüdischen Zwangsarbeiterinnen in der "Freia GmbH", einem Außenlager des KZ Flossenbürg, und die "Todesmärsche" von KZ-Häftlingen am Ende des II. Weltkrieges durch die Region Mittelsachsen geschildert.

Das Buch benennt am konkreten Beispiel der Bergstadt Freiberg, die 2012 stolz ihr 850jähriges Bestehen feiert, typische örtliche Mechanismen und Protagonisten der Judenverfolgung. Und es enthüllt die Legenden, die nach 1945 das Geschehen "vor Ort" verdrängen und verschweigen halfen.

Michael Düsing
„Mein Weg, Herr Oberbürgermeister, ist schon bestimmt.“ Judenverfolgung in Freiberg 1933 – 1945 Art.Hour – Verlag und Kunstprojekte Dresden 2011
ISBN: 978-3-940475-18-3, 268 Seiten, 14,80 € (mit vielen Abbildungen und z.T. erstmals veröffentlichten historischen Fotos)
Erhältlich im örtlichen Buchhandel und bei amazon.de. Bestellungen und Anfragen über: CJD Geschichtswerkstatt im "Bunten Haus" Freiberg, Tschaikowskistraße 57A, 09599 Freiberg; Tel.: 03731 201338, e-mail: michael.duesing@cjd-chemnitz.de; Informationen zur Projektarbeit der Geschichtswerkstatt Freiberg unter: www.juden-in-mittelsachsen.de

Dr. Noa Mkayton stellt zwei neue Unterrichtsmaterialien aus den deutschsprachigen Ländern vor

„Die Judenschublade – Junge Juden in Deutschland“
Ein Dokumentarfilm mit Arbeitsmaterialien

Die Judenschublade – Junge Juden in Deutschland

Viele Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer aus Deutschland und Österreich heben immer wieder hervor, wie erhellend für sie der Aufenthalt in Israel gewesen sei, wo sie die Erfahrung eines täglichen und selbstverständlichen Umgangs mit Jüdinnen und Juden machen konnten. Dies sei, ihren Aussagen zufolge, zuhause kaum möglich, da sie schlicht „keine Juden kennen“ würden. In der Tat leben heute beispielsweise im 80-Millionen-Staat Deutschland gerade mal 200.000 (registrierte) jüdische Bürgerinnen und Bürger.
Noch immer läuft die Auseinandersetzung mit der jüdischen Minderheit weitgehend über die thematische Schiene des Holocaust, was sicher für beide Seiten, die jüdische und die nicht-jüdische, zu einer belasteten Kommunikation beiträgt.
Ausgehend von diesen Überlegungen wurde der Film „Die Judenschublade“ produziert, dessen Ziel es ist, junges jüdisches Leben heute in Deutschland auf eine Weise zu präsentieren, die einerseits Berührungsängste und Vorbelastungen zu umgehen versucht und andererseits vorgeprägte Stereotype, die nicht selten in antisemitischen und rassistischen Klischees ihren Ausdruck finden, aufbricht. Jetzt ist zu diesem Film eine pädagogische Handreichung erschienen, die in übersichtlicher und praxisnaher Form Materialien zur Bearbeitung dieses Films in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit ermöglicht.
„Schon mal vorweg: Es ist okay. Ich will nicht anders behandelt werden, ich will keine Extrawurst. Es ist nicht so wichtig, es ist okay. Ich bin Jüdin, aber [...] mein Vater trägt keinen Kaftan, und ich mache auch meine Freunde, die so alt sind wie ich, nicht für den Holocaust verantwortlich. Ich bin Jüdin, 24 Jahre alt, aber noch mehr bin ich eine Frau, ich bin Schriftstellerin, Studentin, ich bin einfach nur ein Mensch. [...] Man wird so oft in eine Schublade gesteckt, in die Judenschublade...“ (Gorelik, Mehring-Fuchs, Weber, S. 4)
Was die junge Schriftstellerin Lena Gorelik hier vermitteln möchte, ist zum einen die Einsicht, dass die Identität eines Menschen sich aus mehreren Schichten zusammensetzt und nicht auf „das Jüdische“ oder andere einzelne Elemente reduziert werden kann.
Andererseits aber, und damit wird die Grundlinie des Films sowie der Arbeitsmaterialien abgesteckt, wird dadurch der durchaus nicht unproblematische Versuch unternommen, Judentum in Deutschland auf einen Konsens der Normalität einzuschwören, der in seiner Essenz auf die Erwartungen und Wahrnehmungen der Mehrheitsgesellschaft abgestimmt ist: Die jüdischen Jugendlichen, die im Film zu Wort kommen, wollen nicht auffallen. Bereitwillig bedienen die meisten von ihnen die klischeehaft antizipierte Erwartung der nicht-jüdischen Jugendlichen, „okay“ zu sein, „ein Leben wie alle anderen“ zu führen, ihr Judentum als „nicht so wichtig“ zu definieren, Rapmusik und Parties möglichst viel Raum zu geben, den Holocaust selten bis nie anzusprechen, Israel und dem Zionismus gegenüber eine kritische Haltung einzunehmen, und sich weitgehend konfliktfrei in einer multikulturellen Gesellschaft zu bewegen, in der Politik und Geschichte einfach nicht angesprochen werden, um Reibungsflächen auszuschalten.
Das Autorenteam der neu erschienenen Handreichungen bemüht sich sichtbar, die Aussagen der Jugendlichen thematisch zu bündeln, um zu verhindern, dass sie in den unnötig schnellen cuts und der noch unnötigeren, nahezu unablässigen Rap- und Discomusik untergehen. Der Stoff wird klar in thematische Kapitel (z.B. Jüdisches Leben in Deutschland, Identität, Israel, Geschlechterrollen im Judentum etc.) sowie in jeweils drei Vertiefungsebenen eingeteilt. Dadurch wird den Lehrerinnen und Lehrern ein Zugriff auf das Material möglich, der den jeweiligen Vorkenntnissen und dem emotionalen und kognitiven Niveau der Lerngruppe entspricht.
Insgesamt bietet die Materialsammlung zum Film den Unterrichtenden eine Hilfestellung, um die längst überfällige Debatte über jüdisches Leben heute anzustoßen. Da diese Debatte ja idealerweise nicht nur übereinander, sondern auch miteinander geführt werden sollte, wäre es für die hier angesprochene nicht-jüdische Zielgruppe sicher motivierend gewesen, wenn auch ihresgleichen, also nicht-jüdische Jugendliche zur Sprache gekommen wären, um ihre Perspektive auf die Minderheit jüdischer Menschen und etwaige Befangenheiten zu thematisieren.
Die Materialsammlung einschließlich DVD mit Schullizenz ist in allen Buchhandlungen und Online erhältlich. Seminare zur Einführung in die Materialsammlung können Sie bei unserem ehemaligen pädagogischen Mitarbeiter und Kollegen Samson Altman-Schevitz, der das Konzept für die Materialsammlung mitentwickelt hat, unter jan-samson@mc-red.com buchen.

Lena Gorelik, Margarethe Mehring-Fuchs, Larissa Weber
„Die Judenschublade – Junge Juden in Deutschland“
Ein Dokumentarfilm mit Arbeitsmaterialien
Verlag an der Ruhr 2011
120 Seiten, 34,90 € [D] | 35,90 € [A] | 54,80 CHF

Nicht in die Schultüte gelegt. Schicksale jüdischer Kinder 1933 – 1942 in Berlin.
Menschenrechtsbildung durch historisches Lernen

Mit seiner jüngsten Publikation legt das Anne-Frank-Zentrum in Berlin ein überzeugendes Konzept für die Erstbegegnung mit dem Thema Holocaust im Grundschulsektor vor. Die Materialsammlung „Nicht in die Schultüte gelegt. Schicksale jüdischer Kinder 1933 – 1942 in Berlin“ bietet in einer ansprechend gestalteten Losekarten-Sammlung vielfältiges historisches Material, durch das jüdisches Kinderleben, lokalhistorisch angebunden an die Stadt Berlin, in seinen Dimensionen vor, während und nach dem Holocaust erfahrbar wird. Durch sensibel ausgearbeitete und ideenreiche Arbeitsvorschläge und Denkanstöße gelingt es, die Relevanz der Vergangenheit für das Leben der SchülerInnen heute aufzudecken, so dass tatsächlich entstehen kann, was der fachdidaktische Untertitel verspricht: „Menschenrechtsbildung durch historisches Lernen“.

Veronika Nahm, Carolyn Naumann, Detlef Pech, Friederike Wille
Nicht in die Schultüte gelegt. Schicksale jüdischer Kinder 1933 – 1942 in Berlin. Menschenrechtsbildung durch historisches Lernen Berlin 2010
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