Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Wenn Mokkatassen sprechen. Mit Mausklick gegen Antisemitismus und Ausgrenzung

Ein Multimedia Lernprogramm von Imedana, Nürnberg

Von Dr. Noa Mkayton


Wenn Mokkatassen sprechen

Eine zierliche Mokkatasse ist das Einzige, was der Überlebenden Eva Rößner als Erinnerung an ihre Großeltern geblieben ist. Die Wohnung von Therese und Max Jakob wurde in der Progromnacht im November 1938 in einem Gewaltexzess verwüstet, die Großeltern selbst wurden später im Holocaust ermordet. Für die Enkelin stellt die Mokkatasse heute ein Erinnerungsobjekt dar, das nun dem Multimediaprogramm „Wenn Mokkatassen sprechen. Mit Mausklick gegen Antisemitismus und Ausgrenzung“ seinen Namen und seine lokalhistorische Anbindung verliehen hat.
Konzipiert und realisiert wurde das Lernprogramm von Imedana, einem Institut für Medien- und Projektarbeit, ansässig in Nürnberg, vor allem für die schulische bzw. außerschulische Arbeit mit bildungsbenachteiligten Jugendlichen ab dem 13. Lebensjahr, einer Zielgruppe, der die PC-basierte, interaktive Arbeitsweise sicher entgegenkommt.
Das zugrunde gelegte Konzept sieht eine Auseinandersetzung der SchülerInnen mit historischen und aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus sowie parallel dazu mit jüdischer Geschichte und Kultur vor, um zu vermeiden, dass Antisemitismus als „jüdisches“ Problem bzw. umgekehrt, dass jüdische Geschichte als eine Kette von Pogromen und Ausgrenzungshandlungen wahrgenommen wird. Die Autorinnen heben in ihrer Konzeptbeschreibung hervor, dass „Antisemitismus eigentlich nichts mit jüdischen Menschen zu tun hat. Nicht JüdInnen sind schuld am Judenhass, sondern die Mehrheitsgesellschaft braucht Juden als Projektionsfläche.“[1] Daher lag es für sie nahe, Juden, als handelnde, selbstbestimmte und souveräne Personen wahrnehmbar zu machen und damit dem Klischee vom „Juden als Opfer“ entgegenzusteuern. Mit der wohltuend ruhigen Aufmachung widerstehen die Autorinnen den Verlockungen multimedialer Möglichkeiten. Visuelle Effekte sowie Video- oder Audioelemente werden höchst bewusst, pädagogisch sinnvoll und niemals auf anbiedernde Weise eingesetzt. Obwohl sämtliche Texte kurz, prägnant und benutzerfreundlich gestaltet sind, werden Inhalte differenziert und in ihrer Komplexität dargestellt. Durch die Entscheidung zur Multimedia-CD wird zudem möglich, was durch Printmedien weitaus schwieriger zu erreichen sein wird: Die SchülerInnen haben durch die Hauptmenüseite, die zugleich der Ausgangpunkt zu den einzelnen Modulen ist, ständig einen diachronischen Blick auf verschiedene Aspekte des Themas Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart und sind damit in der Lage, sich dem äußerst komplexen Begriff Antisemitismus per Mausklick in ebenso differenzierender wie klärender Weise anzunähern.
So gelingt es beispielsweise in dem Modul „Das Bild“ auf beeindruckende Weise, verschiedene Ebenen des Aspekts der Visualität durchzunehmen: Die Funktionsweise und Intention von Propagandamaterial wird durch ein NS-Propagandalehrwerk über „Rassenkunde“ aufgezeigt und gleichzeitig durch eine sensible Rekonstruktion der tatsächlichen Geschichte der auf den Propagandafotos Dargestellten ergänzt. In einem zweiten Beispiel, dem Propagandafoto „Hitler und ein deutsches Mädchen“, das Hitler mit dem blonden Mädchen Bernile zeigt, können die Lernenden selbst die Wirkungsweise dieses Bildmaterials erforschen, ohne dabei aber überrumpelt und ihrer kritischen Distanz beraubt zu werden. Sie finden heraus, dass Bernile nach den Nürnberger Gesetzen Vierteljüdin war, weshalb das Foto 1938 aus dem Verkehr gezogen wurde. Zu keinem Augenblick versäumen es die Autorinnen, Propagandabegriffe und –materialien klar als solche zu kennzeichnen und die hinter den verletzenden Bildern stehenden Menschen empathisch als eigenständige Personen zu beschreiben. Zwei Beispiele genügen, um den Lernenden das Instrumentarium für eine kritische und hinterfragende Bildbetrachtung an die Hand zu geben.
Auch in den anderen Modulen erscheinen die Autorinnen als Meisterinnen der Reduktion, ohne dabei auf Tiefgang zu verzichten. Das Modul „Holocaust“ zeigt anhand von vier Kinderschicksalen den transnationalen Charakter des Holocaust auf, zugleich werden die Kinder, die allesamt in Auschwitz ermordet wurden, mit kurzen Texten und einem Foto aus der Zeit vor ihrer Verfolgungsgeschichte als Söhne und Töchter einer Familie, als junge Persönlichkeiten in ihrer eigenen Welt gezeigt. Dies lädt die Lernenden ein, selbstständig eine von Empathie getragene Erinnerungsarbeit zu entwickeln und damit historisches Lernen mit Handlungskompetenz zu verbinden. Konsequenterweise wird in diesem Modul (wie übrigens auch in den anderen Texten, die sich auf historische Epochen beziehen, etwa auf das Mittelalter) Geschichte als Ergebnis menschlicher Verhaltensweisen und Entscheidungen vorgestellt. Die „Endlösung“ wird als von Menschen durchdachter, beschriebener und ausgeführter Plan begreifbar. Stets wird das Geschehene durch verschiedene Perspektiven geschildert, so z.B. durch die Erinnnerungen des Überlebenden Itzhak Schwersenz, der von einem Lokführer erzählt, der sich nach London absetzte und im BBC über die Verschleppungen europäischer JüdInnen in den Zügen der Deutschen Reichsbahn berichtete. Lediglich beim Abschluss dieses Moduls, in dem Trude Levi die Singularität des Holocaust mit einer frei an Zygmunt Bauman angelehnten Kritik der Moderne als Pervertierung moderner Industriegesellschaften erklärt, erschiene zumindest eine Ergänzung mit anderen Theorien wie etwa der Yehuda Bauers angebracht.
Auch ein Blick auf die Module, die jüdisches Leben heute von der Verzerrung durch antisemitische Klischees und Stereotype abzugrenzen versucht, fällt lohnend aus. Die vier vom Team der Autorinnen ausgewählten jüdischen SprecherInnen (die dankenswerterweise nicht durchgängig die Jugendkultur, sondern auch die ältere Generation vertreten) beziehen sich jede/r auf seine/ihre Weise auf „ihr“ Judentum, sie grenzen sich von der Mehrheitsgesellschaft ab, ohne sich auszugrenzen, und benennen klar die Dinge, die ihnen wichtig sind: Judentum als Kultur und/oder Religion, Politik, Familie, Musik, Freunde, Erinnerungsarbeit in Bezug auf den Holocaust etc. Dabei herrscht eben nicht die so oft bemühte Beschwörungsformel[2] vor, als Jude heute in Deutschland zu leben sei „voll normal“ (so der mit einem Fragezeichen versehene Titel des Moduls), sondern durchaus die Anerkennung des Umstands, dass es nicht immer einfach sei, jüdisches Leben in Deutschland zu praktizieren und dass die deutsch-jüdische Beziehung bis heute durch den Holocaust und dessen Folgen geprägt ist. Der Versuch, Judentum als Religion in einem kurzen Modul darzustellen, wird offensichtlich bewusst ekklektizistisch in Angriff genommen, indem sechs ausgewählte Begriffe zur jüdischen Religion anschaulich und ansprechend erklärt werden – hier fordert die Knappheit des Rahmens jedoch stellenweise ihren Tribut. Wenn in Abgrenzung zum liberalen Judentum die Orthodoxie angeführt wird, so wird diese unverständlicherweise durch ein Foto von betenden charedischen (ultraorthodoxen) Juden an der Klagemauer unterlegt. Hier wäre es sicher sinnvoll gewesen, auf die in Israel den mainstream religiösen Lebens bildende moderne Orthodoxie hinzuweisen, die ja auch in Deutschland vertreten ist, und auf die keineswegs zutrifft, dass, wie es im Text über orthodoxes Judentum heißt, Frauen „den Männern unterstellt“ seien. Ein Foto, das eine modern-orthodoxe Familie in Israel abbildet, wäre leicht zu finden gewesen und hätte die Realität religiösen Lebens sicher treffender und schülernäher abgebildet als die in schwarz gekleideten, stereotypisch aufgenommenen Juden an der Klagemauer. Schließlich bietet das Modul „Formen“ eine Sammlung gegenwärtiger Erscheinungsformen von Antisemitismus an und löst damit den Anspruch dieses Projekts ein, gegenwartsbezogene Aufklärungsarbeit zu leisten. Hier werden Begriffe wie Verschwörungstheorien, Sündenbocktheorien und Vorurteile zunächst historisch bzw. lexikalisch erklärt und mit aktuellen Beispielen belegt. Durch das ständige Einbeziehen von SchülerInnen, die in den Prozess der Materialentwicklung involviert waren, werden mögliche Handlungsformen aufgezeigt, um vom bloßen Benennen und Erkennen antisemitischer Einstellungen auf eine praktische Handlungsebene zu gelangen, die zwischenmenschliches Verhalten ebenso einschließt wie gesellschaftspolitisches Engagement.
Bei einer so brillanten pädagogischen Aufbereitung so vieler und so komplexer Sachverhalte bleibt es zu bedauern, dass eine der virulentesten und verbreitetsten Formen antisemitischer Argumentation vom Team der Autorinnen ausgespart wurde: Gemeint ist der gesamte Komplex Israel und Nahost-Konflikt. Gerade aufgrund der Komplexität dieses Themas wäre es dringend wünschenswert, den Lernenden auch hier historisches Basiswissen zur Gründung des Staates Israel und zur Entstehung des Nahost-Konflikts zu vermitteln und aufzuzeigen, wo die (schließlich klar beschreibbaren) Grenzen zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels und antisemitischer Projektion verlaufen. Dieses Thema auszusparen, bedeutet, ein wesentliches Element aktuellen Antisemitismus im Unklaren zu belassen und damit ein Stück weit zu tabuisieren – schade: den Benutzern dieses Multimediapakets entgeht damit die enorme Kompetenz und der Ideenreichtum eines Teams, das sich auch an dieses Thema heranwagen sollte.

Die Multimedia-Info-CD lässt sich zusammen mit pädagogischen Handreichungen über IMEDANA e.V. beziehen unter: info@imedana.de. Einblick in die Materialien über die Website


[1] Michaela Baetz, Nadja Bennewitz, Heike Herzog, Stefanie Weigel: Wenn Mokkatassen sprechen. Mit Mausklick gegen Antisemitismus und Augrenzung, Nürnberg 2010, in: Pädagogische Handreichung, S. 5
[2] Vgl. dazu den Film „Die Judenschublade – Junge Juden in Deutschland“ bzw. das jetzt neu dazu erschienene gleichnamige Unterrichtsmaterial, das ebenso in diesem Newsletter besprochen wird: Lena Gorelik, Margarethe Mehring-Fuchs, Larissa Weber: „Die Judenschublade – Junge Juden in Deutschland“, Mühlheim an der Ruhr 2011