Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Antisemitismus - Geschichte und Gegenwart


Liebe Leserinnen und Leser,
herzlich Willkommen zur dritten Ausgabe unseres deutschsprachigen Newsletters, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Antisemitismus beschäftigt. Es ist mittlerweile geschichtswissenschaftlicher Konsens geworden, dass der zentrale Antrieb zur Planung und Durchführung der Ermordung der europäischen Juden aus antisemitischen Einstellungen und Überzeugungen resultierte, die von der nationalsozialistischen Propaganda bedient und geschürt wurden. Trotzdem ist bis heute die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Antisemitismus, seiner Geschichte und seiner Gegenwart im Rahmen pädagogischer Ansätze wenig selbstverständlich. Dies hat seine berechtigten Gründe. Reduzierte man die Beschäftigung mit dem Holocaust auf den Antisemitismus und die Verzerrungen der nationalsozialistischen Ideologie, wäre es kaum möglich, die konkreten Schicksalswege in den Blick zu nehmen, auf denen Menschen willkürlich und ohne jeden rational nachvollziehbaren Grund ausgegrenzt und dem massenhaften Mord freigegeben wurden. Es wäre außerdem nicht möglich, über eine eigenständige und selbstbestimmte jüdische Identität zu reden, die sich vor, während und nach dem Holocaust im Spannungsfeld der Verfolgungsgeschichte, aber auch in bewusster Abgrenzung zu der antisemitischen Stigmatisierung entwickelte.

Und dennoch wird gerade in der pädagogischen Praxis in besonderer Weise die Leerstelle offensichtlich, die die oft ausgesparte Beschäftigung mit dem Antisemitismus hinterlässt. Denn weder lässt sich der Holocaust ausschließlich von der Perspektive seiner Opfer aus verstehen, die erst willkürlich als „Gegenrasse“ konstruiert wurden. Noch können die Beweggründe der Nationalsozialisten nachvollzogen werden und damit auch ihre unheimliche Aktualität begreiflich gemacht werden, wenn der Antisemitismus als Zentrum des nationalsozialistischen Welterklärungswahns ausgespart bleibt. Dabei stehen wir aber oft vor mannigfaltigen Problemen. Denn zum einen bricht die Geschichte des Antisemitismus nicht mit der Befreiung der Lager und der Niederlage des Dritten Reiches ab. Im Gegenteil: Es findet sich wohl kaum eine andere Vorurteilsstruktur, die in einer ähnlichen Weise wandlungs- und anpassungsfähig ist wie der Antisemitismus. Zu kurz greifen daher die meisten Ansätze, die den Antisemitismus als ein Vorurteil unter anderen zu erklären versuchen. Sie verfehlen den spezifischen Irrationalismus, seine wahnhafte Struktur, die Nähe zu Verschwörungsvorstellungen und seine Funktion zur Kompensation von Angst, Unsicherheit und Unbehagen vor den komplexen Anforderungen der modernen Welt. Diesen wahnhaften Reflex des Antisemitismus, seine Eigenschaft, die Komplexität der Welt auf scheinbar einfache Weise zu erklären, indem alle Übel, Verführungen und Bedrohungen in „den Juden“ personifiziert wurden, steigerte sich in präzedenzloser Weise während des Nationalsozialismus zum Massenmord an den Juden.

Aber der Antisemitismus stellt uns auch vor besondere Herausforderungen, weil er bis heute ein wirkungsmächtiges und sehr aktuelles Phänomen geblieben ist. Wir begegnen antisemitischen Einstellungen in nahezu allen Teilen unserer Gesellschaft und in den unterschiedlichsten Spektren, sind genauso mit antisemitischer Kritik an Israel konfrontiert wie mit einem ‚sekundären‘ Antisemitismus nach Auschwitz, welchen Begriffe wie „Auschwitzkeule“ und „Erinnerungszwang“ charakterisieren. Schließlich mischen sich auch in die aktuelle Kritik an Globalisierung und Finanzmärkten sehr alte antisemitische Bilder, die die Aktualität des Phänomens belegen. All diese Einstellungen haben eines gemeinsam. Sie sind stark vereinfachte Versuche, unsere komplexe gesellschaftliche und globale Wirklichkeit zu erklären, indem abstrakte Strukturen konkretisiert und personifiziert werden. Diese Einstellung gegenüber einer immer komplexer und unverständlicher erscheinenden Realität stellt eine genuine Herausforderung für die Pädagogik dar. Dabei geht es nicht nur darum, die Geschichte und aktuelle Formen des Antisemitismus offen zu legen, zu erklären und damit ein Bewusstsein für ihr Funktionieren und auch ihre Gefährlichkeit zu schaffen. Der Kampf gegen antisemitische Einstellungen betrifft viel mehr geradezu das Zentrum von Pädagogik schlechthin, nämlich die Lernenden dabei zu unterstützen, selbstbewusst und selbstständig mit komplexen Problemen und Herausforderungen umzugehen, Offenheit und Neugier statt Abgrenzung und Angst zu entwickeln und die Bereitschaft zu fördern, hinter dem ersten Eindruck (eines Menschen, eines Konfliktes, eines gesellschaftlichen Problems) dessen tiefere Bedeutungsschichten wahrzunehmen und allzu einfachen und populistischen Lösungen zu misstrauen.

Genau an diesem Punkt verbinden sich auch die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Holocaust und die Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus. Noch immer gibt es zu wenig erprobte und differenzierte Konzepte zur pädagogischen Arbeit über und gegen Antisemitismus, auch wenn gerade in diesem Feld in den vergangenen Jahren viel Neues entstanden und zahleiche Materialien entwickelt wurden. Diese werden auch dringend gebraucht, wie viele Reaktionen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Bildungsseminare in Jerusalem immer wieder zeigen.

Diese Ausgabe unseres Newsletters möchte einen Anstoß und ein Forum bilden, sich auch über den konkreten Horizont der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust hinaus, dem Thema Antisemitismus theoretisch, historisch, politisch und pädagogisch anzunähern und unterschiedliche Facetten und Ausprägungen in den Blick zu nehmen. Wir freuen uns daher über eine Vielzahl sehr unterschiedlicher und vielfältiger Beiträge. In einem Gespräch umreißt der Politikwissenschaftler und Antisemitismusexperte Dr. Lars Rensmann das komplexe Feld und führt in aktuelle Ausprägungen des Antisemitismus ein. Andreas Peham und Elke Rajal vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes berichten über ihre Erfahrungen bei der pädagogischen Arbeit zum Thema Antisemitismus und zeigen Möglichkeiten auf, die Komplexität dieses spezifischen Ressentiments mit Lernenden zu thematisieren und zu vermitteln. Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin stellt eine Ausstellung zum Antisemitismus in der DDR vor und berichtet über den Umgang mit Antisemitismus und Holocaust in der ostdeutschen Gesellschaft bis 1989. Schließlich beschäftigt sich Dr. Simcha Epstein von der Hebräischen Universität in Jerusalem mit dem Kampf der deutschen Juden gegen den Antisemitismus der Nationalsozialisten. Bis heute hält sich hartnäckig das Vorurteil, die deutschen Juden hätten sich gegen den Nationalsozialismus nicht gewährt, als noch die Möglichkeit dazu bestanden hätte. Epstein zeichnet fundiert und gestützt auf reichhaltige und noch für die pädagogische Arbeit produktiv zu machende Quellen den vielfältigen und engagierten Kampf gegen Antisemitismus in den zwanziger und dreißiger Jahren von jüdischen Organisationen und Einzelpersonen nach und verdeutlicht dabei auch, auf welch verlorenem Posten die jüdischen Aktivisten angesichts der Durchsetzungsmacht der nationalsozialistischen Bewegung und ihrer millionenfachen Zahl von Unterstützern aus der deutschen Bevölkerung standen.

Ergänzt werden diese unterschiedlichen Betrachtungen von Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus und seiner Bekämpfung durch die Vorstellung von neuen pädagogischen Materialien, Konzepten und Strategien zur pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Vorgestellt werden das Projekt „ Wenn Mokkatassen sprechen. Mit Mausklick gegen Antisemitismus und Ausgrenzung“ von IMEDANA, einem Institut für Medien- und Projektarbeit in Nürnberg und die Studie „Pädagogisches Handeln und Antisemitismus“ von Dr. Heike Radvan, die auch einen Eindruck über die Bedingungen anti-antisemitischer Arbeit mit Jugendlichen vermittelt. Wir hoffen, dass diese Zugänge, Einschätzungen und Materialvorstellungen sich für die konkrete pädagogische Arbeit als hilfreich erweisen und den Austausch über das Thema und den Umgang damit an Schulen, in Jugendclubs und Bildungseinrichtungen intensivieren. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre der Beiträge.

Wir freuen uns auch Ihnen mitteilen zu können, dass der deutschsprachige Newsletter der International School for Holocaust Studies Yad Vashem dank der großzügigen Unterstützung der ERSTE BANK aus Österreich auch im kommenden Jahr weiterbestehen wird. Wir freuen uns wie immer auf Reaktionen, Anregungen und Feedback.

Herzlich,
Deborah Hartmann

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen uns über Feedback und Anregungen.