Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Kein Vorurteil wie jedes andere

Der Politikwissenschaftler Lars Rensmann über die Gefahren des Antisemitismus und pädagogische Möglichkeiten seiner Bekämpfung

Interview: Deborah Hartmann, Yad Vashem


Politikwissenschaftler Dr. Lars Rensmann

Lars Rensmann ist DAAD-Professor für Politikwissenschaft an der University of Michigan. Jüngst erschienen sind Politics and Resentment: Antisemitism and Counter-Cosmopolitanism in the European Union (Brill, 2011, hg. mit Julius H. Schoeps) und Gaming the World: How Sports Are Reshaping Global Politics and Culture (Princeton, 2010, mit Andrei S. Markovits)

In seiner letzten Publikation hat der Historiker Götz Aly versucht das Phänomen des Antisemitismus mit dem Neid der Deutschen gegenüber den Juden zu erklären. Worin liegen ihrer Meinung nach die Besonderheiten des Antisemitismus der Nationalsozialisten?

Dieser Erklärungsversuch ist ja an sich nicht neu. Ähnliche Deutungen ziehen sich durch die Nachkriegsgeschichte. Sicherlich mögen in bestimmten subjektiven Fällen Neidgefühle eine Rolle gespielt haben – und dies insbesondere in Form von Projektionen, von Macht, Lust und Reichtum, Dinge, die man uneingestanden selbst ausleben wollte und im Bild von Juden verkörpert sah, und die ja zum Arsenal des traditionellen wie des modernen Antisemitismus gehören. Ich halte aber jegliche monokausalen Deutungen für problematisch, die jeweils ihre zeithistorische Konjunktur haben. Das Besondere am NS-Antisemitismus ist sicherlich der hohe Grad an ideologischer Verblendung, seiner absoluten Abdichtung gegenüber der Realität und vor allem in der Bereitschaft der Nazis, ihr Programm, die „Volksgemeinschaft“ und die Welt von Juden „befreien“ zu wollen, konsequent umzusetzen. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten stellt eine spezifische verschwörungstheoretische Weltdeutung dar. Er ist durchzogen von eliminatorischen Phantasien, die zudem aufs engste mit einer universellen Heilslehre verbunden sind, d.h. völkisch-nationalistischen Ideen vom Volkskörper, der von „Parasiten“ befreit werden müsste; eine Mischung aus Verfolgungs- und Größenwahn. Allerdings ist der Nazi-Antisemitismus auch Bestandteil einer negativen Tradition des modernen Antisemitismus und des völkischen Nationalismus, die nicht auf die Nazi-Zeit und ihre Propaganda beschränkt ist.

Oft wird betont, der Antisemitismus sei eine Form des Vorurteils gegenüber Juden und wird daher auch schnell mit anderen Diskriminierungsformen in Verbindung gebracht. Reicht eine solche Definition aus Ihrer Sicht aus?

Nein, das reicht mit Sicherheit nicht aus. Zweifelsohne zeitigt Antisemitismus das, was ich als „generalisierbare“ Dimension bezeichne. Einerseits lässt sich Antisemitismus analog zu anderen Diskriminierungsvorstellungen und –praktiken gegenüber Minderheiten und ‘Anderen’ definieren. Es ist ein Vorurteilskomplex gegenüber der jüdischen Minderheit, der auch als antijüdischer Rassismus begriffen werden kann, dessen Ursprünge bis in die vorrömische und frühchristliche Zeit zurück reicht. Aber es handelt sich andererseits eben nicht nur um ein Vorurteil wie andere, sondern Antisemitismus fungiert fast immer auch als Verschwörungstheorie, die die unterschiedlichsten modernen politischen und sozialen Phänomene und Konflikte mit dem Wirken von Juden ‚erklären’ will. In antisemitischen Ressentiments werden Juden als spezifische Andere konstruiert; Antisemitismus war und ist ein Medium, um die komplexe moderne Welt zu „erklären“ und verschwörungstheoretisch Probleme der Gegenwart, einschließlich etwa Konflikte, die mit der Globalisierung verbunden sind, der winzigen Minderheit von Juden als „im Hintergrund“ wirkende Macht zuzuschreiben. Aus seinem spezifischen Charakter als einerseits amorphes, heterogenes, „bewegliches Vorurteil“ (es gibt kaum ein Stereotyp, das nicht schon mit Juden verbunden worden ist) und andererseits als griffige Welterklärung, die sich von allen anderen „Vorurteilen“ unterscheidet, zieht der Antisemitismus historisch und aktuell seine besondere Anziehungskraft.

In der schulischen Bildung wird der Antisemitismus oft nur im Kontext mit der Geschichte des Nationalsozialismus unterrichtet. Handelt es sich beim Antisemitismus also nur um ein historisches Phänomen oder auch um ein Problem der Gegenwart?

Sie sprechen da eines der großen Missverständnisse zum Antisemitismus an. Das wird verstärkt durch die Wahrnehmung des Problems in öffentlichen Debatten, in denen oftmals ungefragt vorausgesetzt wird, dass Antisemitismus und Hass auf Juden ein Phänomen der Vergangenheit darstellen, und heute durch andere akute Diskriminierungsphänomene ersetzt worden sei. Diese Wahrnehmung steht zu den empirischen Befunden, Tatsachen und Erhebungen zum Antisemitismus in Deutschland und Europa in erheblichem Widerspruch. Natürlich haben wir es z.B. in Deutschland und seiner modernen Demokratie nur am ganz extremen Rand noch mit dem rassistischen Weltanschauungsantisemitismus der Vergangenheit zu tun. Aber es gibt Antisemitismus als drängende gesellschaftliche Herausforderung der Gegenwart, die jüngst eher wieder noch größer geworden ist. Er artikuliert sich teils verstärkt in den letzten beiden Jahrzehnten in der Öffentlichkeit, und teils in neuen Formen und durch neue Akteure. Dass dies mitunter kaum wahrgenommen, heruntergespielt oder verharmlost wird, ist Teil des Problems. Antisemitismus wird aber eben auch dadurch ventiliert und schafft sich öffentlich Raum, dass man seine Existenz in Abrede stellt und man ihn als Schimäre begreift. Es ist seit längerem in Teilen der Öffentlichkeit populär geworden, angeblich unbegründete „Antisemitismusvorwürfe“ und „Antisemitismuskeulen“, nicht aber Antisemitismus selbst als Problem der heutigen Zeit zu benennen. Das gilt leider nicht nur in der Innenpolitik, sondern selbst bisweilen im Umgang mit radikalen Antisemiten wie Irans Präsident Ahmadinejad, die die Welt von „amerikanisch-zionistischen“ Verschwörungen dominiert sehen und den Holocaust leugnen.

Sie haben sich in Ihrer Forschung intensiv mit verschiedenen Diskursen und Ausdrucksformen des Antisemitismus beschäftigt. In welchem Kontext taucht Ihrer Meinung nach, der Antisemitismus heute im deutschsprachigen Raum auf?

In vielfältigen Kontexten. Es gibt den rechtsradikalen Weltanschauungsantisemitismus. Entgegen einer oft vertretenen Wahrnehmung sind heute Antisemitismus und Hass auf Israel zentrale Bestandteile rechtsradikaler und rechtspopulistischer Ideologie, von der NPD bis zur FPÖ. Dies steht nicht im Widerspruch dazu, dass auch muslimische Einwanderer abgelehnt werden, während man zugleich zum Teil Sympathien für antisemitischen Islamismus hegt. Ein Antisemitismus, der sich dem Hass auf „Zionisten“ verschrieben hat und antisemitische Ressentiments über die populäre Projektionsfläche Naher Osten mobilisiert, grassiert auch in erheblichen Teilen der radikalen Linken. Ferner wird Israel oftmals selbst in einer breiteren Öffentlichkeit mittels einer eigentümlichen Doppelmoral und im Namen einer hoch emotionalisierten „Israelkritik“ zum Pariah unter den Staaten erklärt. Und es ist natürlich ein Ausdruck einer latent antisemitischen Wahrnehmungsverzerrung, wenn man die Verbrechen der NS-Zeit mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern gleichsetzt, wie es bei signifikanten Teilen der Bevölkerung gängig ist. Auch werden Juden jüngst mithin für die Globalisierung und ihre Krisen verantwortlich gemacht — so mithin für die globale und die europäische Finanzkrise. Angeklagt werden dabei sowohl jüdischer Partikularismus und Nationalismus als auch jüdischer Kosmopolitismus. Das drückt sich u.a. in der ideologischen Vorstellung aus, Israel sei sowohl die Speerspitze von Nationalismus und Imperialismus, als auch von kapitalistischer Globalisierung. Nicht zu vergessen sind auch antisemitische Diskurse und Bedrohungen durch Islamisten. Natürlich gibt es auch in einer demokratisch und kosmopolitisch diversifizierten Gesellschaft, im kosmopolitischen Europa zahlreiche, auch neuere Diskriminierungen von Minderheiten, die bekämpft werden müssen. Dabei wurde der Antisemitismus aber nicht abgelöst oder ersetzt. Nicht eine andere Minderheit sind „die Juden von heute“—Juden sind die Juden von heute.

Die schwierige Situation im Nahen Osten hat immer häufiger vehemente Kritik an Israel zur Folge. Dabei wird meist betont, Kritik an Israel sei nicht antisemitisch. Ist das wirklich so oder haben wir es mit einer „neuen“ Form des Antisemitismus zu tun?

Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass Kritik an israelischer Politik nicht notgedrungen „antisemitisch“ ist. Es ist Teil demokratischer Auseinandersetzungen, Regierungen und ihr Handeln zu kritisieren. Aber das Gegenteil ist eben auch falsch: Wenn man Israel statt „die Juden“ angreift, ist man nicht automatisch frei von Antisemitismus. Schon die Rede von der „Israelkritik“ ist suspekt — gibt es auch eine „Frankreichkritik“ oder „Ägyptenkritik“? Dass man Israel hierzulande nicht kritisieren dürfe, ist jedenfalls eine Schimäre, die selbst antisemitisch unterfüttert ist und eine große jüdische politische Macht und Medienmacht unterstellt. Ob es sich beim Antisemitismus, der sich über Israelfeindschaft artikuliert, um einen „neuen“ handelt oder eine Variante des alten, ist eher zweitrangig. Fakt ist, dass es einen virulenten Antisemitismus gibt, der „die Zionisten“ als Chiffre benutzt und Terror gegen Juden als Terror gegen die israelische Zivilbevölkerung gerechtfertigt sieht und den militanten Antisemitismus eines Ahmadinejad oder der Hamas zu legitimieren bzw. verniedlichen sucht. Er äußert sich auch im vermeintlich politisch unschuldigen und vorgeblich „mutigen“ und „kritischen“ Diskurs über eine angeblich weltbeherrschende „Israel-Lobby.“

In Deutschland und Europa wird in jüngster Zeit häufig die besondere Bedeutung der Erinnerung an den Holocaust hervorgehoben. Der Antisemitismus als zentraler ideologischer Beweggrund für die Ermordung und Verfolgung der Juden wird dabei allerdings oft ausgespart. Worin liegen die Gründe dafür?

Die Gründe für eine immer noch gängige Marginalisierung des Antisemitismus als Beweggrund des Holocaust sind sicherlich vielfältig. Lange Zeit hat in Deutschland ein „funktionalistischer“ Ansatz die Nachkriegsdebatte dominiert, nicht zuletzt auch geprägt von einer bestimmten Riege der Historikerzunft. Zudem ist die Erinnerung an den Holocaust als antisemitisches, nicht zuletzt aus Überzeugung verübtes Verbrechen, in das man eben nicht einfach unschuldig durch die Umstände und durch Zwänge hineingeschliddert ist, für kollektive Identitätsvorstellungen ungleich bedrohlicher. Die Abwehr solcher Erinnerung an die schier unglaublichen Verbrechen der Nazi-Zeit motiviert ja bis heute das, was ich mit der Frankfurter Schule als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet habe: einen Antisemitismus, der in Juden qua ihrer Existenz die Erinnerung an die Verbrechen der Deutschen verkörpert sieht, und deshalb Juden kollektiv abwertet und Wege sucht, sie moralisch anzuklagen. Ich glaube aber, dass es in Bezug auf das Verständnis der Shoah und der Rolle des Antisemitismus seit einigen Jahren durchaus erhebliche Fortschritte gibt, sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch im öffentlichen Gespräch. Inwieweit das für die Erkenntnis aktueller Formen des Antisemitismus gilt, ist eine andere Frage.

Worauf sollte man als Pädagoge achten, wenn man das Thema Antisemitismus im Unterricht behandelt?

Auf viele Dinge. Das lässt sich kaum in ein paar Sätzen zusammenfassen. Aber mir scheint besonders wichtig, sich überhaupt dem Thema zuzuwenden. Dabei sollte freilich vermieden werden, Antisemitismus auf „rationale“ Gründe, wie Arbeitslosigkeit oder heute den Nahostkonflikt, zurückzuführen und ihn daraus abzuleiten. Der Antisemitismus hat selbst als Ideologie wenig von der inneren Kohärenz, die manche Forscher in ihm aufzufinden meinen; er wird vornehmlich durch psychosoziale Funktionen „zusammengehalten.“ Es ist insofern z.B. typisch für Antisemitismus, fern ab von jeder Plausibilität die Anschläge auf das World Trade Center als „jüdische Verschwörung“ und zugleich als berechtigten Angriff auf Juden zu sehen. Zudem sollten Pädagogen versuchen, die Besonderheit des Antisemitismus als eine moderne Weltdeutung sichtbar zu machen. Einerseits spiegeln sich in judenfeindlichen Stereotypen durchaus auch ganz generelle Gefahren, die mit kollektiven Diskriminierungen von Minderheiten verbunden sind, einschließlich ethnischer und religiöser Minderheiten, wie Muslime und Türken in Deutschland. Andererseits gilt es mittels des Instrumentariums pädagogischer Mittel aber auch zu verdeutlichen, was Antisemitismus unterscheidet und ihn besonders gefährlich macht, und dass moderne Judenfeindschaft eben nicht nur ein Vorurteil unter anderen ist. Insbesondere von Verschwörungstheorien zum Reservoir antisemitischer Bilder ist es oft nur ein kleiner Schritt. Antisemitismus bezieht seine besondere Virulenz aus der Vorstellung, Juden, „Israeliten“ (oder heute etwas chiffrierter „Zionisten“) beherrschten heimlich die Welt, lancierten Kriege und Weltkonflikte, unterdrückten „die Völker“ und personifizierten die negativen Seiten der globalen Moderne — etwa im Bild einer die Weltpolitik, die Medien und die Globalisierung beherrschenden, weltumspannenden „Israel-Lobby“ und „Holocaust-Industrie.“

Vielen Dank für das Gespräch.